Meine erste Auslandsreise, seit ein Virus die Welt aus den Angeln hebt! Obwohl es „nur“ nach Frankreich geht, bin ich ein wenig aufgeregt, mehr aber noch in freudiger Erwartung.

Und so kann ich es kaum erwarten, mein Köfferchen an diesem Montag Ende August zur nächsten U-Bahn-Station zu rollen und zum Flughafen zu fahren. In Schönefeld ist es an diesem fortgeschrittenen Vormittag recht leer. In Rekordzeit sind Gepäckabgabe und Sicherheitskontrolle erledigt.

Der Flieger startet pünktlich. Die Maschine von EasyJet ist gut ausgelastet, aber ich habe die komplette 3er-Reihe ganz hinten für mich alleine. Auch in der Reihe davor sitzt nur eine Person. Und so nutze ich die Gelegenheit, alle Lüftungsdüsen um mich herum voll aufzudrehen. Maximaler Luftaustausch kann in Zeiten von Covid-19 bekanntlich nicht schaden. Das ist doch mal eine komfortable Ausgangslage, auf deren „Schreck“ hin ich gleich nach dem Start erst einmal ein Stündchen Mittagsschlaf einlege 😂.

Insgesamt verläuft der Flug deutlich besser als die diversen Zugfahrten, die ich im Laufe des Sommers mit der Deutschen Bahn erlebt habe. Als der Flieger nach zwei Stunden etwas zu früh in Bordeaux landet, befolgen alle Passagiere diszipliniert die Ansage, nicht gleich nach der Landung alle gleichzeitig, sondern Reihe für Reihe aufzustehen, das Gepäck aus den Fächern zu holen und dann auszusteigen. Es gab auch nicht einen einzigen Masken-Querulanten, der wegen eines Stücks Stoff im Gesicht Grundsatzdiskussionen mit dem Personal hat führen wollen. Covid-19-Flugpremiere geglückt!

Auch am Flughafen in Bordeaux ist sehr wenig los. Und so sitze ich schon bald im Bus mit der Nummer 1, der mich für überschaubare 1,70 EUR in die Innenstadt kutschiert.

Ich wohne strategisch günstig mitten in der Altstadt, genauer gesagt im „Goldenen Dreieck“ (Triangle d’Or in der Landessprache), das in diesem Fall nichts mit Drogenanbau zu tun hat. Vielmehr versteht man hier in Bordeaux darunter die gehobene, schicke Einkaufsgegend mit den Plätzen Tourny, Comédie und Gambetta als dessen Eckpunkte.

Wie sich herausstellt, liegt mein temporäres Domizil, das Hotel Konti, direkt gegenüber eines alten Kinos. Was für eine Augenweide!

Großes Kino!

Das Hotel liegt zentral und dennoch ruhig. Die Zimmer in dem unauffälligen Altbau sind klein, aber schick und modern eingerichtet. Wegen Covid-19 gibt es keinen „automatischen“ Zimmerservice. Doch man kann ihn bei Bedarf ordern bzw. an der Rezeption Bescheid sagen, wenn man etwas braucht.

Betten, die die Welt bedeuten
Nasszelle
Büroecke

Wenig später starte ich zu einem ersten Rundgang durch die Altstadt. Ich war 1986 schon einmal für zwei, drei Tage hier, kann mich aber nicht mehr wirklich an die Stadt erinnern. Damals war ich im Alter von zarten 20 Jahren auf einer vierwöchigen Rundreise durch Frankreich, nachdem ich zuvor ein Jahr als Au-Pair in Paris verbracht hatte. Und so bin ich schon sehr gespannt, was mich in Bordeaux erwartet.

Ich flaniere gemächlich durch charmante Gässchen, über lauschige Plätze, vorbei an schönen Gebäuden …

Sakrale Schönheit
Verlorenes Brot

… und lasse mich zwischendurch draußen auf der Terrasse eines Restaurants zu einem späten Mittag- oder besser frühen Abendessen nieder.

Unweigerlich führt mich mein Weg zur flüssigen Lebensader der Stadt. Hier fließt die Garonne, die sich in einem weiten Bogen durch Bordeaux zieht. Der hier schon recht breite Strom vereinigt sich ein paar Kilometer flussabwärts mit der Dordogne und bildet zusammen mit dieser den über 70 Kilometer langen Mündungstrichter namens Gironde. Es ist der größte Europas.

Bis ins Stadtgebiet hinein sind die Kräfte der Gezeiten zu beobachten. Bei Flut drückt das Meerwasser den Fluss zurück und hebt den Pegel um bis zu fünf Meter. Durch die Strömungen entstehen Strudel und unruhiges Oberflächenwasser. Im Extremfall bewegt sich eine regelrechte Welle etliche Kilometer flussaufwärts. Die Bordelais (so nennen sich die Bewohner der Stadt) haben einen wohlklingenden Namen für dieses Phänomen parat: Mascaret, zu gut deutsch „Springflut“. Wenn das passiert, sieht es fast so aus, als fließe die Garonne in die falsche Richtung! Und da hier Salz- auf Süßwasser trifft, entsteht als Farbe des Flusses ein suppiges Braun.

Die Garonne hat sowohl die Geschichte als auch die Geschicke von Bordeaux maßgeblich beeinflusst. Der Fluss war lange Zeit Nahrungsquelle und verhalf der Stadt damit zum Reichtum. Heute ist er wieder oder besser gesagt immer noch das Herz der Stadt. Nach umfangreichen Stadtumbauten – ich komme in einem der folgenden Berichte genauer darauf zurück – kann man heute kilometerweit am Ufer entlang spazieren, joggen oder Rad fahren. Um Kollisionen oder ähnliche Konflikte auf der sehr beliebten und entsprechend belebten Strecke zu vermeiden, sind die Reviere eindeutig abgesteckt.

Doch der mächtige Fluss hat 2006 ernstzunehmende Konkurrenz bekommen. Der Miroir d’eau („Wasserspiegel“) ist ein ewiger Quell der Freude. Ihn stelle ich euch ebenfalls in einem der kommenden Berichte näher vor. Fotografisch wird er sich wie ein roter Faden durch die Blogbeiträge zu Bordeaux ziehen. Das folgende Foto sowie das heutige Titelbild lassen erahnen, was auf euch zukommt 😎.

Wasserspiele

Sicher ist euch auf dem obigen Foto aufgefallen, dass die drei Hauptdarstellerinnen alle Masken tragen. Zu dieser Zeit Ende August herrscht in Bordeaux in den beiden Haupteinkaufsgassen der Altstadt, Porte Dijeaux und Sainte Catherine, Maskenpflicht. Ansonsten ist es wie bei uns: in öffentlichen Verkehrsmitteln und in allen geschlossenen, öffentlich zugänglichen Räumen muss das Stück Stoff über Mund und Nase gezogen werden. Auffallend häufig jedoch tragen die Leute auch außerhalb dieser Bereiche Maske, auch ohne Verpflichtung.

Bei angenehmen 25 Grad genieße ich die frühabendliche Atmosphäre in der Stadt, unternehme noch einen kleinen Schlenker zu einem der größten Plätze Europas, der auf den wohlklingenden Namen Esplanade des Quinconces hört. Wer des Französischen nicht mächtig ist und gerne wissen möchte, wie der Name klingt, höre bitte hier rein!

Früher stand hier ein Schloss. Heute dient der Platz je nach Jahreszeit und Wochentag als Markt, Parkplatz, Ausstellungsgelände oder als Heimat für den Zirkus und die Kirmes. Ach ja, den Titel als größter Knotenpunkt des öffentlichen Nahverkehrs der Stadt hat er sich auch gleich unter den Nagel gerissen. Für ihn gilt das Gleiche wie für den Wasserspiegel: er taucht in meinen Berichten immer mal wieder auf.

Lass rollen!

So, fürs Erste soll es reichen. Ich bin müde und muss ins Hotelbettchen. Morgen ist auch noch ein Tag!

12 Gedanken zu “Tag 1: Berlin – Bordeaux

  1. sehr schön und ich musste schmunzeln als ich das Foto „Büroecke“ gesehen haben. Die ist schon sehr klein ausgefallen !!!
    Frankreich war so nie mein Land was mich interessiert hat. War einmal an der Mittelmeerküste glaub in Cap de Agde hieß der Ort und dann einmal in Straßburg. Das war es dann schon !!!
    Warum eigentlich ? Ich weiß es nicht, Franzosen waren nie meine Welt ! Hatte früher mal beruflich viel mit denen zu tun und es entstand nie eine Symphatie ! Man war immer auf Distanz !
    Egal, ein schönes Reiseland ist es mit Sicherheit !

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, die Büroecke war winzig! Aber ich war zum Glück ja nicht zum Arbeiten da 😅. Allerdings musste ich an dem winzigen Tisch auch mein Frühstück einnehmen, denn wegen Covid-19 gab es nur was aufs Zimmer. Mehr dazu im nächsten Beitrag. Was deine Meinung zu Frankreich betrifft: die Geschmäcker sind verschieden. Und das ist auch gut so! Sonst würden sich ja alle auf einem Fleck tummeln 😎. Ein schönes Reiseland ist es aber auf jeden Fall. Ich habe darüber hinaus auch eine besondere Beziehung zu dem Land. Als Saarländerin war Französisch ja meine erste Fremdsprache. Und nach der Schule habe ich ein Jahr als Au-Pair in Paris verbracht. Von daher würde ich fast sagen, dass es meine zweite Heimat ist.

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