Bordeaux wird bisweilen das Paris des Südens genannt. Der Vergleich hinkt, wie ich finde. Die sechstgrößte Stadt Frankreichs ist mit ihren rund 260.000 Einwohnern und 50 Quadratkilometern Fläche nicht nur deutlich kleiner als die Hauptstadt, sondern auch kompakter, ruhiger und gemütlicher. Nichtsdestotrotz ist die charmante Universitätsstadt das politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Zentrum des französischen Südwestens.

Die in großen Teilen autofreie bzw. verkehrsberuhigte Altstadt ist seit 2007 UNESCO-Welterbe. Bereits in den 1960er Jahren wurden etwa 5.000 klassizistische Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Die international vor allem durch die sie umgebende Weinregion bekannte Stadt liegt nur 45 Kilometer von der Atlantikküste entfernt und hat sich in den vergangenen Jahren zum ultimativen Hotspot in Sachen Design, Kunst und Kultur gemausert. Die rund 2.000 Sonnenstunden, mit denen Bordeaux jährlich verwöhnt wird, tragen ihren Teil zur hohen Lebensqualität dieser Stadt bei. Das Leben spielt sich draußen ab!

Für mich geht dieser Tag jedoch erst einmal drinnen los. Dank Covid-19 ist der Frühstückssaal geschlossen. Statt dessen steht morgens eine Futtertüte vor der Zimmertür. Mein winziger Schreibtisch – ihr habt ihn bereits im Beitrag zu Tag 1 kennengelernt – dient nun auch als Esstisch.

Tütenfutter

Nur wenige Schritte vom Hotel entfernt liegt die kreisrunde Place des Grands Hommes. Der Name ist Programm. Denn wahrhaft große Männer gaben den sternförmig vom Platz abgehenden Straßen ihre Namen, unter ihnen Montesquieu und Voltaire. Bereits vor mehr als 200 Jahren gab es an dieser Stelle einen Markt. Heute ist er gewissermaßen eingehaust, und zwar auf sehr ansehnliche Art und Weise, umringt von schicken Bars, Restaurants und Cafés.

Gläsern

An der Tram-Haltestelle nahe der Place de la Comédie muss ich nicht lange überlegen, ob ich mir ein Wochenticket für den ÖPNV kaufe oder nicht. Für überschaubare 14 EUR stehen vier Tram- und unzählige Buslinien sieben Tage lang zur unbegrenzten Verfügung. Das lohnt sich auch für eine Langstrecken-Fußgängerin wie mich. Ich betrachte ausgiebig den prächtigen und großzügig angelegten Platz …

Platz da!
Scheibchenweise

… und lasse mich weiter in Richtung Fluss treiben. Die Garonne, ich schrieb es schon im gestrigen Beitrag, zieht sich wie ein dicker brauner Faden durch die Stadt. Ihr entkommt man nicht. Warum auch? Die Promenade ist einfach zu verlockend.

Gegenverkehr

Wovon ich weder heute noch in den folgenden Tagen lassen kann: der Miroir d’Eau. Dieses spektakuläre Kunstwerk direkt gegenüber der Place de la Bourse bietet mit seiner maximal zwei Zentimeter tiefen und zumeist spiegelblanken Wasseroberfläche auf einer riesigen Granitplatte geradezu geniale An- und Ausblicke. Seit 2006 erfreut der mit 3.450 Quadratmetern weltweit größte reflektierende Pool sowohl die Einheimischen als auch die Besucher aller Altersklassen. Ab zehn Uhr morgens geht der Spaß mit zu- und abfließendem Wasser los und endet erst in den späteren Abendstunden.

Das doppelte Lottchen

Weiter geht’s über den für Privatfahrzeuge gesperrten Pont de Pierre („Brücke aus Stein“) hinüber zum rechten Ufer der Garonne. Stolze 487 Meter misst das imposante Bauwerk mit seinen 17 steinernen Bögen, das ich nun überquere und mich somit von der Altstadt weg bewege.

Bausch und Bogen

Vom anderen Ufer bieten sich grandiose Ausblicke auf die am linken Flussufer gelegene Altstadt. Einer davon hat es heute aufs Titelbild geschafft.

Rund und spitz

Das Viertel, in dem ich am anderen Ende des Pont de Pierre lande, nennt sich La Bastide. Das Arbeiter- und Industrieviertel hat einiges an optischen und inhaltlichen Kontrasten zu bieten …

Farbklotz
Alles Käse!

… und wandelt sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Das bringt den babyblauen Löwen, der es sich hier seit fünfzehn Jahren gemütlich macht, jedoch nicht aus der Ruhe an diesem sonst eher quirligen ÖPNV-Knotenpunkt und Jogger- und Radler-Highway an der Place Stalingrad. Das aktive Gewusel amüsiert mich!

Gut gebrüllt, Löwe!

Eigentlich wollte ich nur mal kurz einen Blick auf die andere Seite des Flusses werfen und mich dann wieder der umfangreichen Altstadt widmen. Doch wenn ich schon mal hier bin, schaue ich mich eben gleich ein wenig genauer um. Pläne sind ja gelegentlich auch dazu da, über den Haufen geworfen zu werden.

Ich schlendere am Ufer entlang und passiere bald den Eingang zum Jardin Botanique. Der überschaubare, aber schöne und idyllische Garten lohnt einen Besuch, …

Errötet
Fass ohne Boden

… ist jedoch schnell durchquert. Nun wird es baustellig. Doch es ist absehbar, dass hier alles andere als eine schlechte Wohn- und Arbeitslage im Industriegebiet entsteht.

Modern Times
Kurvenstar

Nach einem kleinen Abstecher zur pittoresken Ste-Marie de la Bastide …

Oh Maria!

… bin ich reif fürs Mittagessen. Im Restaurant des Hotels Eklo lasse ich mir eine leckere Bowl kredenzen und stürze mich anschließend wieder ins Getümmel des Bezirks. Etwas außerhalb werde ich auf dieses architektonische Schmuckstück aufmerksam:

Archiviert

Viele andere Gebäude sind indes noch „in der Mache“. Durch die vielen Baustellen verschwinden die zahlreichen „wilden“ Graffiti zunehmend hinter Bauzäunen. Doch zwei Dinge trösten mich rasch darüber hinweg. Erstens lassen die angefangenen Bauten erkennen, dass hier eine durchaus ungewöhnliche und originelle moderne Architektur entsteht bzw. schon entstanden ist.

(T)Raumschiff?
Edle Technik
Volles Rohr!

Und zweitens hält hier in diesem vom modernen Umbruch geprägten Bezirk ein derart grandioser Gral der Kunst die Stellung, der mir den Atem verschlägt. Dort verliere ich sämtliches Gefühl für Zeit und Raum, staune hier und fotografiere da. Und so beschließe ich, diesen Ort heute noch vor euch geheim zu halten, um ihm morgen eine umso größere eigene Bühne in Form eines Sonderbeitrags zu geben. Freunde der Kunst, seid in freudiger Erwartung!

Heute gibt die Sonne alles: lauschige 29 Grad im Schatten, heiße 34 Grad in der Sonne. Der Nachmittag schreitet unerbittlich voran. Mit Bus und Tram mache ich mich auf den Rückweg und gelange via Pont de Pierre zurück in die Altstadt.

Hinter der Porte de Bourgogne wird sowohl das Publikum als auch das kulinarische Angebot gefühlt arabischer, etwas weiter stadteinwärts wieder „französischer“. Beides gefällt mir sehr. Ich lasse mich mehr oder weniger ziellos treiben und genieße, was sich meinen aufmerksamen Augen bietet.

Fassadenschönheit
Oh mein Gott(eshaus)!
Läuten hören

Die fette Glocke hoch oben in der Porte de la Grosse Cloche (früher Teil der alten Stadtmauer) läutete einst die Weinlese ein und ist ein wahrer Augenschmaus. Ich folge einem heißen Tipp aus meinem Reiseführer und schleiche mich auf das oberste Parkdeck eines nahe gelegenen Parkhauses, um das imposante Gebäude noch aus einer höher gelegenen Perspektive zu betrachten. Das hat auch den schönen Nebeneffekt, dass ich der Stadt buchstäblich aufs Dach steigen kann.

Doch mein Glück währt nicht allzu lange. Der aufmerksame Herr vom Sicherheitsdienst des Hauses heftet sich an meine Fersen. Durchschaut er doch blitzschnell meine unlauteren Absichten, die mit dem Abstellen eines PKW absolut nichts zu tun haben! Und da ich kein Parkticket vorweisen kann, bittet er mich, das Parkdeck zu verlassen. Der resolute Herr ist jedoch so freundlich, meiner Bitte nach einem letzten Foto stattzugeben.

Seitenblicke

Ich flaniere weiter durch die stimmungsvolle Altstadt …

Spitzbögen
Szenen einer Stadt
Hereinspaziert!

… und lasse mich, wieder am Flussufer angekommen, zu einem frühen Abendessen nieder. Ich entscheide mich für eine Galette mit Ziegenkäse, Honig und Walnüssen. Eine gute Wahl!

Im Dreieck

Der anschließende Verdauungsspaziergang führt mich entlang der Uferpromenade bis zur Esplanade des Quinconces. Ihr erinnert euch vielleicht an das Riesenrad auf einsamer, weiter Flur aus dem Beitrag zu Tag 1. Nun, der riesige Platz hat sehr unterschiedliche Facetten auf seinen unglaublichen 126.000 Quadratmetern zu bieten. Werft den Place de la Concorde aus Paris, den Trafalgar Square aus London und den Platz des Himmlischen Friedens aus Peking in einen Topf – und schon habt ihr die Fläche des Quinconces! Auf der gegenüberliegenden Seite des Riesenrades sieht es jedenfalls so aus:

Wasserspiele

Home sweet home! Ein Stündchen lang lege ich im Hotelzimmer meine qualmenden Füße hoch. Doch abends zieht es mich wieder hinaus. Quer durch die Altstadtgässchen, …

Goldig

… vorbei an edlen Einkaufspassagen …

Nah …
… und näher

… und dem Brunnen an der Place de la Bourse …

Kühlendes Nass

… gelange ich zum Objekt meiner Begierde. Auch am hereinbrechenden Abend lockt der Miroir mit unwiderstehlichen Motiven!

Spielerisch
Graziös
Blumig
Bequeme Lage
Gemischtes Doppel

Dass es sich an seinen und auch an den Ufern der Garonne gut aushalten lässt, sehe offenbar nicht nur ich so.

Sitz!

Und während andere gechillt auf den Stufen hocken, wärmen sich Ambitioniertere für eine beeindruckende Breakdance Performance auf.

Zum Einbruch der Dunkelheit setzt etwas überraschend feiner Nieselregen ein. Schnell ein letztes Foto von der Abendstimmung …

Himmlisch

… und flott auf den Weg zurück ins Hotel. Der heutige Tag war ordentlich actionlastig!

Der von der Hitze des Tages gewärmte Asphalt dampft ab. Ich auch, und zwar ins Bett 😅!

13 Gedanken zu “Tag 2: Bordeaux – Seitenwechsel

    1. Ja, die Stadt ist wirklich total schön. Den Mika hättest du in der Tat sicher kaum von dem Pool trennen können! Er hätte mit seinem Schwert auch sicher eine gute Spiegelfigur abgegeben 😅. Flieg doch einfach in den nächsten Herbstferien mit ihm hin 😎. Der Sonderbeitrag zur Kunst folgt im Laufe der Woche. Versprochen!

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  1. ich weiß nicht warum aber das „doppelte Lottchen“ hat es mir angetan ! Ein für mich super Foto ! Nicht vergessen natürlich auch die Kinder die mit dem Wasser ihren Spaß hatten. Denke da könnte man stundenlang verweilen und Fotos machen !!!!

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