Heute steht mir ein aufregender Tag bevor, auf den ich schon sehr gespannt bin. Nach dem Frühstück mache ich mich voller Energie auf den Weg. Nach 10 Minuten erreiche ich mein Ziel, denn es liegt ebenso wie mein Hotel in Tusayan etwas außerhalb des Nationalparks. 

 

 
 Im Hauptterminal erfahre ich, dass ich zu einem anderen Flugfeld muss, das ich nicht zu Fuß erreichen kann. Ein Shuttleservice ist gleich zur Stelle. Ich bin früh genug dran, also alles entspannt. Bis eine völlig aufgelöste sechsköpfige japanische Reisegruppe ebenfalls in meinen Shuttle stürzt. Sie sind viel zu spät dran, denn sie haben sich verfahren. In fünf Minuten sollen sie starten. Das wird knapp. In einem Höllenritt gibt der Fahrer alles. Aber zu spät. Nun müssen sie warten, denn hier ist alles auf einen überpünktlichen Ablauf angelegt. 

Nur mit meiner Kamera bewaffnet – Gepäck kann nicht mitgenommen werden – checke ich ein. „Sind Sie Mary Johnson?“, fragt mich das junge Mädel am Counter. Nö, bin ich nicht. Unter der Buchungsnummer, die ich vorlege, ist aber eine solche vermerkt. Hm, habe ich die Nummer gestern beim telefonischen Buchen falsch verstanden? Ich schaue noch mal auf meinen Spickzettel und gleiche die Nummer ab. Nun, die nette Dame am Schalter konnte nur meine Sauklaue nicht lesen … Jetzt klappt der Laden!

Nachdem das geklärt ist, muss ich auf die Waage. Für den Flug wird genau austariert, wer wo sitzt und wer zusammen fliegt. Die Kiste soll ja schließlich nicht in Schieflage geraten. Überpünktlich geht es los. Ausgestattet mit einer Schwimmweste – vielleicht ergibt sich ja ein unfreiwilliges Bad im Colorado River – entern wir das Flugfeld. Und hier ist „mein“ Flieger!
 

 
Insgesamt passen sieben Personen in so einen Hubschrauber rein. Vorne beim Piloten (bzw. in unserem Fall bei der Pilotin) sitzen zwei Leute und hinten vier. Ich habe Glück und bekomme einen Fensterplatz. Elki ist bereit zum Abflug!

 
Es geht los. Die ersten paar Meter ruckelt sich der Flieger zurecht. Der Wind spielt ein wenig mit uns, aber je weiter man nach oben kommt, umso ruhiger wird es. Auf dem Weg zum Canyon sieht es erst mal so aus:

 
Die Spannung steigt, denn wir nähern uns dem Canyonrand.

  
Und dann verschlägt es mir die Sprache. Der Canyon ist ja schon atemberaubend, wenn man ihn oben vom Rim aus betrachtet. Was das Teil aber aus der Luft zu bieten hat, toppt alles. Vor lauter Staunen mit heruntergeklappter Kinnlade vergesse ich fast, meine Kamera zu zücken. Aber keine Sorge, das kriege ich noch rechtzeitig in den Griff. Der Himmel ist heute gnädig und schenkt uns ein paar Streifen. Sieht auf Fotos und auch in echt dann noch schöner aus als vor unifarbenem Blau, gell, Stefan? Und nun nehmt das:

 Der 30-Minuten-Flug im Helikopter geht viel zu schnell vorbei. Beim Aussteigen biete ich der Pilotin (übrigens die erste Person in den USA, die meinen Namen richtig ausspricht) an, zur Verfügung zu stehen, falls sie mal einen willigen Co-Piloten-Azubi braucht. Und schon schwebe ich glückselig der Wartehalle entgegen. Was für ein Erlebnis!

Drinnen in der Halle ist die Hölle los. Ich muss dort noch auf meinen Shuttle zurück zum Hauptterminal warten, so dass ich den Grund dafür erfahre. Kurz nach meinem Abflug ist das Computersystem abgestürzt. Nix geht mehr, weder am Boden noch in der Luft. Die drei Briten mit ambitioniertem Fotoequipment, die neben mir sitzen und auf ihren Abflug warten, sind in akutem Krisenmodus. Wenn es für sie nicht innerhalb der nächsten halben Stunde los geht, war es das für sie. Die nächsten Programmpunkte warten, es ist alles eng getaktet. Dann nach einer Weile die Erlösung: es geht weiter. Allerdings mit deutlichen Verzögerungen. Die Hütte ist jetzt berstend voll. Habe ich ja noch mal Glück gehabt. 

Endlich kommt mein Shuttle. Beim Rausgehen höre ich noch, wie ein älterer Herr laut in den Raum ruft: „Hilfe! Will jemand meinen Platz?“ Hehe, da hat wohl einer Panik gekriegt :-).

Für den Rest des Tages schwebe ich auf Wolke Sieben. Beschwingt lasse ich mich vom Bus in den Nationalpark bringen. Um das Visitor Center herum, wo ich in die Orange Line umsteige, geben sich gerade eine Menge Elks die Ehre.  Wie Stefan neulich in einem Kommentar schon richtig angemerkt hat, handelt es sich hierbei NICHT um Elche (die heißen in Nordamerika Moose und haben Schaufeln statt ein Geweih), sondern um Wapiti-Hirsche. Sie sind beeindruckend und größer als ich dachte. Mit meinen 1,76 Metern Größe würde ich jedenfalls ziemlich mickrig daneben aussehen. Hier ein hübsches Exemplar, aus dem Bus fotografiert:


  

Der Busfahrer erzählt in dem Zusammenhang eine Geschichte, die mich ziemlich aufregt. In diesem Sommer hat sich ein Tourist sehr nahe an eine Hirschkuh herangewagt. Wie ihr gestern gelernt habt, wird ja überall angeraten, mindestens 30 Meter Abstand zu den Elks zu halten. Nun, manche sind halt unbelehrbar. Jedenfalls ist das Muttertier aggressiv geworden,  weil es den Nachwuchs dabei hatte, den es zu beschützen gilt. Da sich der Typ dadurch in akuter Lebensgefahr befand, musste ein Ranger eingreifen, d.h., er hat die Hirschkuh erschossen. Nur weil so ein Idiot sich falsch verhält …

Mein Ziel naht: der Einstieg zum South Kaibab Trail. Da dieser Weg weniger frequentiert wird als der Bright Angel Trail weiter westlich, und er außerdem noch schönere Ausblicke bieten soll, habe ich mich für ihn entschieden. 

Jedes Jahr müssen hunderte Wanderer aus dem Canyon gerettet werden. Es gibt jährlich auch zahlreiche Todesfälle. Das liegt nicht daran, dass es generell zu gefährlich ist, hier zu wandern. Auch sind die Wege breit genug und – zumindest im trockenen Zustand – gut begehbar. Die meisten Wanderer scheitern an sich selbst: zu wenig gegessen, zu wenig Wasser dabei, keine Kopfbedeckung, Sonnenstich, Kreislaufkollaps wegen zu wenigen Pausen oder zu schnellem Tempo, abgerutscht wegen falschem Schuhwerk (auch Flipflops wurden schon gesichtet…), die eigene Kondition und körperliche Belastbarkeit überschätzt, den Weg unterschätzt etc. Wer meint, den Kaibab an einem Tag runter und wieder rauf laufen zu können, hat schlichtweg einen an der Waffel. Es sind zwar „nur“ zehn Kilometer vom Rim bis runter an den Colorado River, aber dazwischen liegen 1.500 Höhenmeter, was für den Rückweg ein echter Brocken ist. Auf entsprechend drastische Weise wird deshalb gewarnt, zum Beispiel so:


 

Rückweg ist ein gutes Stichwort für meine Planung. Ausgestattet mit genügend Wasser und angemessener Kleidung mache ich mich auf den Weg nach unten mit der festen Absicht, nach einer vorher festgelegten Zeit umzukehren und den Aufstieg in Angriff zu nehmen. Und auf dem Weg wird mir ganz schnell klar, was daran so schwierig ist. Je weiter man nach unten kommt, umso grandioser werden Weg und Aussicht. Der Canyon lockt wie die Lorely ins Verderben :-). Und so sieht es aus auf dem Weg nach unten:

 
Nicht jeder ist übrigens in traditioneller Wanderkleidung unterwegs. Neben den erwähnten Flipflops bekomme ich auch diesen aparten Anblick geboten:

 
 

Bisweilen gibt es auch Gegenverkehr, der stets Vorfahrt hat.
 

 
 Die Wegbeschaffenheit ist übrigens ganz angenehm. Mal abgesehen von den Strapazen beim Aufstieg in praller Sonne …


 
Was soll ich sagen? Die Wanderung ist großartig! Und so schwer es mir auch fällt: ich halte mich an meinen Plan, nach genau einer Stunde umzudrehen und den Rückweg anzutreten. Der dauert dann auch fast doppelt so lang. Ob das auch für den Trailrunner gilt, der beim Runterwandern flott an mir vorbei flitzt, weiß ich nicht.

Wieder oben angelangt, lasse ich mich vom Bus noch kurz zum nächstgelegenen Aussichtspunkt, dem Yaki Point, bringen, bevor es, wiederum per Bus, zurück Richtung „Zentrum“ geht. Zum „Auslaufen“ wandere ich noch rund 5 Kilometer auf dem asphaltierten, ebenerdigen Rim Trail zwischen Yavapai Point und Bright Angel Lodge entlang, der ebenfalls wunderschöne Ausblicke bietet.
 

 
Auch mein grüner Begleiter, der heute morgen beim Flug gekniffen hat, ist zufrieden mit dem, was er zu sehen bekommt.

 
Zum Ausklang des Nachmittags gönne ich mir im besten Haus am Platz, dem „El Tovar“ Hotel, auf der Terrasse mit Canyonblick ein Stückchen Küchen und eine Tasse Tee.

Die beiden, die vor meiner Nase sitzen, haben indes anderes bevorzugt.

 
Ein unfassbar schöner Tag geht zuende. Entsprechend umfangreich ist mein heutiger Bericht ausgefallen. Nun, habt ihr wenigstens mal eine Weile zu tun :-).

 

19 Gedanken zu “Tag 20 – Grand Canyon: Elk is in the air 

  1. Och, das las dich doch gaaanz flott. Beeindruckende Landschaft, tolle Fotos. Ein Schaukelstuhlerlebnis für die Rentnerzeit. Klasse! In den Serien im TV gibt es zum Schluß immer einen teaser was morgen kommt … Und? Sing nicht: „Lass dich überraschen!“ 🙄

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    1. Es gab Musik und mehrsprachige Infos auf die Ohren. Mit der Pilotin konnte man nur kommunizieren, indem man ihr auf die Schulter klopfte. Alternativ hätte man ihr natürlich gleich auch den Mageninhalt überhelfen können. Dann hätte sie direkt mitgekriegt, dass jemand unbedingt ihren Flieger beschmutzen will. Tüten wurden nämlich keine verteilt. Aber sie hatte Glück mit uns. Nix passiert!

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  2. Booa ey, das ist ja sooo schön, da bin ich ja ein wenig neidisch 👹,ein superschönes Erlebnis mit tollen Bildern.Danke Elke.Im nächsten Leben Heli Pilot am Grand Canyon 😬.Ob man diese Schönheit jeden Tag zu schätzen weiß?Ich geb jetzt mal ne Prognose, das war bestimmt eins der highlights der Reise, aber mal lesen was noch kommt. LG an happy ELK 😘

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    1. Danke! Und ja, du liegst richtig mit deiner Prognose: das war definitiv ein Highlight der Reise. Ich habe mich auch schon gefragt, ob man diese Schönheit noch schätzen kann, wenn man sie ständig vor der Nase hat, oder ob sich das „abnutzt“. Keine Ahnung. In diesem Fall aber nur schwer vorstellbar!

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  3. Wieder tolle Fotos von einer beeindruckenden Landschaft. So ein Trail wäre ja was für mich, haha. Mitnichten! Ich wäre dann eine der Todesfälle.😏 Ebenso wäre es mir im Heli ergangen.

    Das mit der Hirschkuh regt mich auf. So einer müsste mir dann in die Hände fallen.

    Die Esel…müssen die etwa den steilen Weg mit den Balken hochlaufen? Ätzend, dass man das den Tieren antut!

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    1. Danke! Ja, der Flug wäre genau dein Ding gewesen. Nicht 😀. Den Rim Trail würdest du sicher mögen. Keine Steigungen, und man kann jederzeit aufhören mit dem Wandern. Die Mulis transportieren alles Mögliche den Canyon rauf und ganz runter. Der Weg ist nicht durchgängig mit Balken durchsetzt, nur in manchen Teilabschnitten. Schau mal z.B. das Foto mit dem Schotten im gleichen Beitrag. Der Weg ist überwiegend so.

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  4. Beneide dich auch….ich habe jetzt durch deinen wunderbaren Naturbilder alles wieder vors Auge. Jetzt könnte ich mich irgendwo kneifen, dass wir den Heli-Ausflug nicht gemacht haben. Austausch im Herbst nach deiner Rückkehr ist vorprogrammiert. Übrigens ist so ein Hirsch beim Reinfahren in den NP vor unser Auto gelaufen, zum Glück fuhren wir ganz langsam. Es hatte schon sein Geweih abgestoßen, sah ganz komisch aus mit einem kurzen Schwanz, so groß wie ein Esel, aber doch kein Esel…..also richtig ein Wappiti. Die Esel im Canyon dienen als Transportmiittel für die Lebensmittel in den Lodges ganz unten am Colorado River und natürlich für Fussfaule…..aber da gehörst du nicht zu….wie heißt das so schön auf französisch: 1 km a pied, ca use, ca use, 2 km a pied, ca use les souliers. Hoffentlich tragen dich deine Schuhe weiterhin wohlgesonnen auf deiner Weiterreise in den Westen.

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    1. Ui, da haben ja alle Beteiligten Glück gehabt, dass nix passiert ist. Der Hirsch und ihr! Der französische Spruch ist echt schön! Und ja, meine Schuhe sollten auch auf dem Rest des Weges nicht schlapp machen. Sind jetzt gut eingelaufen 😀.

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  5. Was für ein Anblick! Tolle Bilder! Mit Deinen in Berlin gelassenen Nordic-Walking-Sticks wärst Du aber auch locker bis runter und wieder hoch gekommen, oder?
    Ich erwische mich immer wieder bei der Frage, wo denn das ganze ausgewaschene Material wohl über die Jahrmillionen hintransportiert wurde, denn im Canyon fehlt es ja offensichtlich.
    Deinen Junx von gegenüber hat das Bier anscheinend nicht geschmeckt, oder war es Deine Anwesenheit mit Torte und Kuchen?

    Viel Spaß weiterhin….

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    1. Danke 😀! Ja, die Stöcke hätten vor allem das Runterlaufen erleichtert, mir aber nicht die fehlende Kondition ersetzt … Nun, das ausgewaschene Material hat sich ja über einen extrem langen Zeitraum verdünnisiert. Und auf dem Weg zum Golf von Mexico hat der Colorado ja noch etliche Kilometer vor sich, um hier und da was abzulagern. Das Bier meiner Tischnachbarn kam relativ frisch an. Sooo schnell konnten die das gar nicht runterkippen! Die sahen mir jedenfalls nicht danach aus, dass sie meinen Tee bevorzugt hätten 😂.

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  6. Weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: Deine Fotos oder Deine Fitness. Ein Hammer-Programm, das Du da durchziehst mit atemberaubend schönen Impressionen. Echt, Elke, sehr großartig, dass wir hier auf diese außergewöhnliche Weise an Deiner Reise partizipieren können.

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    1. Oh, danke! Gerne teile ich mit euch meine Erlebnisse. Stimmt, ich mache ziemlich viel Programm, ist halt eher ein Aktivurlaub. Aber in Stress gerate ich dabei nicht. An manchen Tagen fahre ich das Level schon etwas runter. Dauer-Speed geht natürlich nicht 😀.

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  7. Hi Elke,
    jetzt wird’s aber mal wieder Zeit ein paar bewundernde Worte zu finden. Um den Heli-Flug beneide ich Dich sehr und Matthias kam schon in’s Schwärmen: Ja, vor ca. 20 Jahren war ich unten an der Muli-Station und habe mir als Beweis in meinen Pass, einen Stempel den ich dort fand, gedrückt. Bei der Einreise in Deutschland haben die sehr verwunderlich geguckt als sie den Abdruck von der Phantom Ranch in meinem Pass vorfanden. Da kann ich nicht mithalten :-))..weiterhin viel Spass und Energie liebe Elke!!

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    1. Danke! Ja, der Heli-Flug war wirklich großartig. Kann ich nur empfehlen. Hehe, die Story mit dem Stempel im Pass ist witzig! Dass du noch nicht mithalten kannst, lässt sich doch prima ändern. Nix wie her mit euch! Ihr beiden habt ja die Fitness, bis ganz nach unten und wieder hoch zu kraxeln.

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