Nach einer erbärmlich kurzen Nacht wecken mich heute morgen meine halb eingefrorenen Füße. Unter der Zimmertür des Motels ist ein kleiner Schlitz nach draußen zum Patio zu sehen, der großzügig Luft rein lässt. Da ich normalerweise, was Temperaturen betrifft, nicht so empfindlich bin, schaue ich mal auf meine Wetter-App. 3 Grad. Ok, alles klar … 

Nach dem Frühstück checke ich aus und laufe den Weg über die Route 66 rüber zum Bahnhof der Grand Canyon Railway. Die gehört nicht zu Amtrak, sondern ist ein eigener Verein. Der nette Herr, der mich gestern Nacht großzügigerweise zum Hotel gefahren hat, hatte dann doch etwas übertrieben, als er meinte, mein Hotel sei nicht in Laufweite, sondern rund 2 Meilen (3,2 km) entfernt. Nun, nach zwei Blocks nach links und zwei nach rechts bin ich da, zu Fuß mit Gepäck in 7 Minuten. Aber ich will nicht meckern. Ich war gestern Nacht heilfroh über den Service!

Am Bahnhof angekommen, jage ich erst einmal ein paar szenetypische Fotomotive.

Dann tausche ich meine Reservierung gegen ein richtiges Ticket mit Platzkarte und deponiere mein Gepäck zünftig zum Verladen.


So langsam wird es Zeit, mir einen guten Platz für das Vorprogramm zur Zugfahrt zu sichern: die legendäre Western-Show! Der alte Sack ist hellauf begeistert und wippt im Takt zu den Songs von Jonny Cash und June Carter, die das gesamte Bahnhofsgelände beschallen. Das Spektakel dauert etwa 10 Minuten und bringt ordentlich Laune in die Meute.


 
Nun das Boarding. Eine zünftig gekleidete Dame empfängt uns und weist den Weg. 


 
Hier seht ihr das schicke Oberdeck, das ich gebucht habe.


 
Und da ich getreu dem Motto „Früher Vogel fängt den Wurm“ rechtzeitig am Bahnhof war, habe ich den spektakulären Fensterplatz 1 A ergattert.


 
Die Bar mit den harten Sachen wird gleich nach Fahrtantritt eröffnet. Allerdings ohne mich.


 
Ich labe mich lieber an den kleinen Happen, die sonst noch so kredenzt werden.


 
Diese beiden herzlichen Gestalten sind Servicekräfte, Infogeber und Entertainer in einem. Und das alles machen sie wirklich gut. Auch wenn für meinen Geschmack der Entertainment-Anteil etwas kleiner sein könnte :-). 


 
Doch es kommt noch besser: Auftritt „Ramblin’Rose“ mit ihrem Akkordeon! Von „When the Saints go marching in“ über „New York, New York“ bis hin zu den Hits von John Denver ist alles dabei. 

 
 
Aber all das hält mich natürlich nicht davon ab, mir auf der etwas mehr als zweistündigen Fahrt die schöne Landschaft von meinem Panoramaplatz aus anzuschauen. Ein paar Präriehunde und winkende Passanten in freier Wildbahn sind auch zu sehen. Die Fahrt ist echt klasse und kurzweilig. Und schwups sind wir schon im Grand Canyon Village. Während mein Gepäck auf sich warten lässt, verschaffe ich mir schon mal einen ersten Überblick über die nähere Umgebung des Bahnhofs. Hier seht ihr als Beispiel das Hopi Haus, das direkt gegenüber des berühmten El Tovar Hotels liegt. Und den Bahnhof selbst natürlich auch.

 
 
Vor ziemlich genau 30 Jahren war ich schon einmal im Grand Canyon. Er ist also nicht neu für mich. Aber dieses Mal stehe ich wieder genauso überwältigt vor dieser unfassbaren Naturschönheit wie damals. Die Fotos geben nicht annähernd wieder, wie es ist, direkt davor zu stehen, in diese krasse Tiefe zu schauen und die ständig wechselnden Schatten- und Lichtspiele zu beobachten.


 
Der kostenlose Shuttlebus der Purple Line bringt mich ins etwa 10 km entfernte Örtchen Tusayan (gesprochen: Tussi’on mit kurzem O wie Olga), wo ich mein Hab und Gut abwerfe, und entsprechend erleichtert gleich wieder – mit kurzem Zwischenstopp beim Visitor Center – zum Hauptdarsteller zurückkehre. Das geht flott. Der Bus verkehrt im 20-Minuten-Takt und braucht für die Strecke knapp eine Viertelstunde. 

Es ist ein wunderbar sonniger Tag mit angenehmen 18 Grad und trockener Luft. Zu dieser Jahreszeit wird es schon recht früh dunkel. Die Dämmerung ist kurz, und gegen 18:30 Uhr ist es dann dunkel. Mit der Dämmerung kühlt es dann schnell auch empfindlich ab. Auch hier auf dem South Rim, der Hochebene um den Canyon herum, sind wir eben auf mehr als 2.000 Metern über dem Meeresspiegel.

Auch – oder gerade – am späten Nachmittag sind eine Menge Leute unterwegs, um das Farbenspiel und den Sonnenuntergang zu genießen. Wobei jeder darunter offenbar was anderes versteht. Manche sind die ganze Zeit beschäftigt mit Plappern und Selfie-Mania. Ich hingegen stehe wieder überwältigt und ewig lange an den Aussichtspunkten und staune still beim Anblick dieses grandiosen Naturwunders. Nun, jedem das Seine, wa?


 

Zurück zum Hotel mit der Purple Line. Die kennt ihr jetzt ja schon. Dort fällt mir ein Schild auf, das mir prima in die argumentativen Karten spielt. Es kommen aus der Leserschaft im Blog bzw. auf Facebook ja immer wieder Bemerkungen darüber, dass auf meinen Fotos so gut wie nie Leute zu sehen sind. Hier erfahrt ihr den Grund dafür:


 
Wisst ihr Bescheid, ne?

26 Gedanken zu “Tag 19 – Von Williams zum Grand Canyon

    1. Ja, sieht gar nicht glücklich aus. Muss sich wahrscheinlich auch von Zug zu Zug ramblen und mit unaufmerksamen, plappernden Touris abgeben. Da hätten wir vielleicht auch nicht immer das Sonntagsgesicht drauf?! Die arme 🌹

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  1. Ja, wieder ein schöner Bericht mit schönen aussagekräftigen Bildern. So macht das Lesen Spaß. Diese mal waren doch genug Leute auf deinen Fotos. Was in Amiland ja durchaus kein Problem ist. In Deutschland kann man ja fast schon verklagt werden, wenn man nur den Finger auf dem Auslöser hat und sich ein Mensch zufällig in der Nähe der Linse aufhält. Schräges Volk die Deutschen: „Recht am eigenen Bild …“. Süss die lächelnde Schaffnerin. Beeindruckend auch das Farbenspiel des Canyons. Leider können auf Fotos die wirklichen Dimensionen, die Tiefe der Erdspalten nicht transportiert werden. Das Wetter sieht dort etwas diesig aus? Oder bringt der Filter das nur nicht richtig raus? Schick auch das Elk-Schild, obwohl ich sagen muss, dass der Elk sich in den letzten Jahren wirklich brav gemacht hat und die Leute keine Angst haben müssen, dass er beist oder mit dem Geweih piekst. Aber wenn er weiter die Gerüchte nicht dementiert, bleibt mehr Luft zum Atmen und freier Raum zum Bewegen. 😄 Keep up the good work.

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      1. Nein, nein. Sorry, dass ich korrigieren muss, Die Bezeichnung „elk“ in USA bezeichnet den Rothirsch und den Wapitihirsch. Und die könnten schon pieksen. Der Elch heißt im Norden Amerikas „moose“. Wieda wat jelernt. Sorry für das „beckmessern“. 🙂

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  2. Die Musikbespaßung ist fast wie auf Cuba. Kennen die auch andere Lieder?? Und sind sie anschließend mit nem Klingelbeutel rumgegangen oder war das All-Inclusive?
    Das Du vorn bei der Kaffeekanne Platz nimmst, war klar. „Und was is mit Tee?“ 🙂

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    1. Liedertechnisch haben die Barden hier alles Mögliche drauf, aber hauptsächlich inländisches Zeug. Die Show war inklusive. Kein Klingelbeutel. Ausnahmsweise. Tee gab es natürlich auch. Stand ebenfalls direkt vor meiner Nase :-)!

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  3. Ich könnte mir vorstellen,dass mit hungrigen Elks auch nicht zu spaßen ist. Darum immer schön fürs Essen sorgen. Tman füttert bestimmt gut.😊Schönen Bilder von der großartigen Landschaft.Da kommt man sich bestimmt ganz klein und demütig vor.Und ja, ohne den Rummel von anderen Touris wärs bestimmt netter.Aber solange es Transportmittel gibt, werden dort die Menschen anreisen.Ideal wäre mit dem Pferd unterwegs zu sein,dem Sonnenuntergang entgegen und am Lagerfeuer übernachten.Aber dafür sind wir nicht mehr gemacht.Es gibt aber noch ein paar Freaks, die dort Canyontouren machen, ich kann mich jedenfalls an die Warnschilder erinnern, dass es jedes Jahr soundsoviel Tote geben soll. Dann lieber sicher am Rand bleiben.

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    1. Das stimmt: mit hungrigen Elks ist absolut nicht zu spaßen. Frag den Zoowärter! Schön, dass dir meine Fotos gefallen. Ja, ich spüre tatsächlich Demut, wenn ich vor so viel gewaltiger Schönheit stehe. Canyontouren kann man nach wie vor machen, und zwar in unterschiedlichster Ausführung. Komme ich in meinem nächsten Bericht noch drauf zurück. Es gibt jedes Jahr etliche Tote dabei. Der allergrößte Teil davon selbst verschuldet wegen Fahrlässigkeiten: Fähigkeiten und Kondition überschätzt, Wegstrecke unterschätzt, zu wenig Wasser dabei, unsinnige Versuche, die Tour bis runter zum Colorado River und wieder hoch aufs Rim an einem Tag zu schaffen, falsches Schuhwerk und damit abgerutscht, unsachgemäß an den Hängen rumgeklettert und und und. Manche sind einfach unbelehrbar.

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  4. Bin auch wieder an Bord…..Danke „Elk“ für Deine tollen Berichte und Fotos. War im Sommer auch 3 Tage, 2 Nächte im Grand Canyon Village im Bright Angel Lodge. Die Canyons sind wirklich wahre Weltwunder, an einem Abend einen farbenreichen Sonnenuntergang und am nächsten Abend ein Gewitter mit Sturzregen von der Terrasse des Tovars (Mary Colter!) erlebt, Letzteres anscheinend ein seltenes Naturspektakel. Denke dran, wenn Du den Trail nach unten gehst, der Aufstieg ist das Schwierigste. Bei diesem zurückhaltenden Frühstück Im Canyon Zug wirst Du Gott sei Dank nicht wie die Dame mit der schwarzen Hose in Santa Fe gestylt nach Deutschland zurückkommen. Weiterhin gute Reise auf Deine „Go West“-Zugreise. Viele Grüße aus dem nassreichen herbstlichen Berlin auch an Deinen „Sack“.

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    1. Schön, dass du wieder dabei bist, Chantal! Wegen Bericht und Fotos: aber immer gerne :-). Über den Grand Canyon müssen wir uns dann mal näher unterhalten, wenn wir uns im Herbst hoffentlich wieder sehen. Da haste wettertechnisch ja echt Kontrastprogramm gehabt. Kann sehr schnell gehen hier! Bzgl. Tovar: da habe ich mir heute auf der Terrasse ein Stückchen Kuchen und eine Tasse Tee gegönnt. Allerdings ohne Gewitter! Das Frühstück im Zug war übrigens mein zweites :-). Aber keine Sorge, die Hosen passen noch!

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