14. Juni 2022

Heute muss ich früh raus. Ein Reisetag steht an! Der kostenlose Mall Ride Bus bringt mich zur Union Station. Außer mir sind um diese frühe Uhrzeit noch fünf Obdachlose im Bus, alle in jeweils unterschiedlichen Stadien der Verwahrlosung und Verwirrung. Doch zum Glück lassen mich alle in Ruhe. Und so lande ich unbehelligt am Bahnhof.

Mein Gepäck ist schnell aufgegeben. Als nächstes riskiere ich einen Blick auf die Anzeigetafel. Wie gut, dass ich gen Westen fahre! Denn der Zug in Richtung Chicago hat fast 15 Stunden Verspätung. Ja, ihr lieben Leserinnen und Leser, da bleibt euch die Spucke weg, oder? Spätestens jetzt solltet ihr den heiligen Vorsatz fassen, nie mehr über unsere Deutsche Bahn zu schimpfen, nur weil sie euch hier und da mal Verspätungen in vergleichsweise banalen Ausmaßen zumutet.

Glück gehabt!

Mir bleibt noch genügend Zeit bis zum Boarding und zur sensationell pünktlichen Abfahrt. Und so steht einem Frühstück in einem der umliegenden Cafés nichts mehr im Wege. Anschließend vertreibe ich mir die Zeit damit, andere verwirrte Amtrak-Reisende zu betreuen. Schließlich kenne ich mich ja hier schon aus 😁. Und dann reihe ich mich brav in die Schlange ein, die sich langsam vor dem noch gesperrten Bahnsteig bildet.

Schlange stehen

45 Minuten vor der Abfahrt startet das Boarding. In den normalen Großraumwagen kann man vorab keine Sitzplätze reservieren. Nur beim Buchen von Schlafwagenabteilen wird direkt ein fester Platz festgelegt. Für die heutige Fahrt weist mir der Schaffner am Bahnsteig einen Gangplatz zu. Da hilft auch keine Bitte um einen Fensterplatz. Das ist das Schicksal, das Einzelreisende nun mal ereilen kann. Bei einem wie heute ausgebuchten Zug erfüllt man da schon mal im wahrsten Sinne des Wortes die Rolle des Lückenbüßers.

Die Verteilung der Passagiere erfolgt nach einem für Außenstehende nur schwer durchschaubaren System. Es werden unterschiedlich farbige Zettel verteilt. Es kommt unter anderem darauf an, wo man hin will und vor allem, wie viele Personen zusammen reisen. Auf den Zetteln steht jeweils ein aus drei Großbuchstaben bestehendes Kürzel. Das ist der jeweilige Zielort, z.B. GJT für Grand Junction (siehe nachfolgendes Foto). Dazu wird dann der Sitzplatz gekritzelt. Diesen Zettel muss man dann oberhalb seines Sitzes in eine Art Klemmleiste stecken. Es ist mir ein Rätsel, dass das immer passt und gutgeht! Aber Hauptsache, der Schaffner blickt durch.

Handarbeit

Die Großraumwagen der Langstreckenzüge sind immer zweistöckig. Im unteren Bereich sind lediglich wenige Sitzplätze. Hier werden in der Regel nur diejenigen Passagiere untergebracht, die es aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen nur schwer oder gar nicht in den oberen Stock schaffen. Der größere Teil der Fläche des unteren Stockwerkes ist mit Gepäckfächern und Toiletten belegt.

Im oberen Stock sieht es dann aus wie in einem klassischen Großraumwagen. Als ich dort ankomme, ist der mir zugewiesene Platz mit diversem Zeug belegt. Und so setze ich mich erst einmal ans Fenster und harre der Dinge, die da kommen. Wenig später erscheint der ältere Herr, dem das Zeug gehört. Da George die Sitzreihe bisher für sich alleine hatte, hat er sich eben ausgebreitet. Wie sich herausstellt, sitzt er lieber am Gang und überlässt mir gerne den Fensterplatz. Bingo! Als dann kurz vor der Abfahrt auch noch die bis dato vor Dreck strotzenden Fenster von außen geputzt werden, werde ich angesichts dieser unerwarteten Glückssträhne fast misstrauisch!

Die Langstreckenzüge von AMTRAK mögen altertümlich und langsam anmuten, doch sie bieten einen hohen Sitzkomfort. Die Sitze sind breit und bequem, man kann selbst so lange Beine wie meine komplett ausstrecken und es gibt ein hochklappbares Fußbänkchen. Die Rückenlehne kannste fast bis zu einer Liegeposition zurückklappen, ohne dass du der hinter dir sitzenden Person zu sehr auf die Pelle rückst. Bring dir noch ein Kissen mit, und schon haste ein veritables Bettchen!

Im Schlummerland

Und dann geht es endlich los! Mir ist ganz feierlich zumute, als der Zug aus dem Bahnhof rollt. Wollt ihr mitfeiern? Nur zu!

Ich bin schon sehr gespannt und auch etwas aufgeregt, denn der heutige Fahrtabschnitt bis zu meinem nächsten Stopp in Glenwood Springs soll einer der schönsten der ganzen Strecke sein. Ja, wo fährt die Elke denn heute entlang? Go west! Wie auch auf den folgenden Zugfahrten.

Ich bleibe eine Weile auf meinem Platz sitzen, bevor ich in den Panoramawagen, die sogenannte Sightseer Lounge, wechsele. Dort ist noch ein Plätzchen ganz vorne für mich frei. Ich genieße die tollen Aussichten zu beiden Seiten und habe mehr Gespräche und Kontakt, als mir lieb ist. Doch das fällt eindeutig in die Kategorie Luxusproblem.

Gute Aussichten

Ich nehme es vorweg: dies wird eine ereignisreiche Zugfahrt mit vielen netten Begegnungen und grandiosen, sehr abwechslungsreichen Landschaften. Die fast sechsstündige Fahrt bietet mir unfassbar schöne An- und Ausblicke, die ich so schnell nicht vergessen werde. Ich werfe sie hier im Beitrag nach und nach in den Ring.

Hügelig

Steinmännchen
Gewässert
Wattebausch

Und während andere ihre Kinder oder Hunde als Kontaktbeschleuniger einsetzen, erfüllt in meinem Fall ein erst kürzlich dank Stefan erworbenes Kamera-Utensil diesen Zweck. Darf ich vorstellen? Mein „Wabbler“, der offiziell auf den Namen Gegenlichtblende hört. Er hilft mir hier, die allgegenwärtigen Reflexionen der Fensterscheiben zu unterbinden.

Er mutiert heute zum Star der Lounge. Ich werde ständig bewundernd auf ihn angesprochen. Ein Mitreisender pilgert sogar vom anderen Ende der Lounge zu mir, um sich über meine „Wunderwaffe“ zu informieren. Und sie wirkt!

Der Einschnitt
Unendliche Weiten
Mäandertaler
Blick von hinten nach vorne

Aber auch jenseits von fototechnischen Themen kann ich mich nicht über zu wenige Kontaktmöglichkeiten beklagen. Ich erspare euch die Details, möchte aber dennoch eine Begegnung herausheben, die mir alles andere als selbstverständlich erscheint. Im Laufe der Fahrt setzt sich eine junge Mennonitin zu mir. Mit ihrem langen, schwarzen Kleid, an dem Sicherheitsnadeln die verpönten Knöpfe und Reissverschlüsse ersetzen, ihrer weißen Haube und dem Haarnetz über dem Dutt ist sie unschwer als solche zu erkennen.

Bisher hatte ich stets den Eindruck, dass die Mennoniten, die meist in größeren Gruppen reisen, lieber unter sich bleiben und keinen Kontakt zu anderen suchen. Doch diese junge Frau – ich schätze sie auf Mitte Zwanzig – zeigt sich offen für ein Gespräch. Sie ist sehr glücklich über diese Zugfahrt – die erste ihres Lebens! – und völlig überwältigt beim Anblick der Rockies, die uns heute in voller Pracht präsentiert werden.

Im Laufe des Gesprächs bitte ich sie, etwas auf Pennsylvania Dutch zu sagen. Sie tut mir den Gefallen. Und ich bin ganz glücklich darüber, dass ich alles davon verstehe. Sie benutzt ein Handy, was mich etwas verwundert. Doch ich will ihr nicht zu nahe treten und verkneife mir ein genaues Nachfragen. Was sie mir jedoch von sich aus erzählt, ist, dass bei ihnen niemand selbst ein Auto fährt. Was sie aber nicht davon abhält, sich einen Wagen samt Fahrer zu mieten, um ihre Mobilität zu sichern. So pragmatisch sind sie dann doch!

Irgendwann mache ich den Platz für andere frei und kehre zurück zu George. Er wird, nachdem er nun ausgeschlafen hat, immer gesprächiger. Der schon etwas betagtere Mathematiker ist mit einer Mathelehrerin verheiratet und hat drei Söhne. Er ist schon lange pensioniert, arbeitet aber noch als Unterstützungslehrer an einer High School – wenn er nicht gerade singt. Ich habe George und seinen Chor im Nachhinein gegoogelt. Und was ich da herausgefunden habe, ist alles andere als gewöhnlich.

Der singende George

Draußen hören die Attraktionen auch nicht auf. Mittlerweile hat die Landschaft ordentlich in den Farb- und Formentopf gegriffen. Und der Colorado River ist immer mit dabei. Schaut euch das an! Kein Wunder, dass ich bisher noch keine einzige Seite meines achtlos im Rucksack schlummernden Buches gelesen habe.

Landzunge
Anders …
… und noch mal anders

Ich zeige euch im Folgenden ergänzend zu den Fotos noch ein paar selbst aufgenommene Kurzvideos, die euch hoffentlich einen Eindruck von dieser Zugfahrt und der sich ständig verändernden Landschaft vermitteln können.

Am Nachmittag Ankunft in Glenwood Springs/Colorado mit nur 30 Minuten Verspätung. Draußen erwarten mich angenehme 24 Grad und Sonne. Hier steigen recht viele Fahrgäste zusammen mit mir aus. Tschüss, du wunderbarer California Zephyr! In ein paar Tagen sehen wir uns wieder.

Rein ins Hotel, raus ins aparte, überschaubare Städtchen. Ich drehe nur eine kurze Runde durch den Ort und über den Farmers Market und sichere dann erst einmal die Versorgungslage im nächsten Supermarkt.

Nach meiner Rückkehr ins Hotel komme ich nicht umhin, mich um meinen Haushalt zu kümmern. Dieser beschränkt sich hier zum Glück auf das Befüllen von Waschmaschine und Trockner in der Guest Laundry des Hotels. Ich erledige meine hausfraulichen Pflichten In friedlicher Eintracht mit einer Mennonitin, die natürlich ganz andere Mengen zu bewältigen hat. Am Abend sitze ich in mich gekehrt draußen vor meinem Zimmer und lasse das heute Erlebte gedanklich Revue passieren. What a day!

16 Gedanken zu “Von Denver nach Glenwood Springs

    1. Ja, die Landschaften und auch die Panoramawaggons haben was 😎. Diese Art von Gegenlichtblende kannte ich bis kurz vor der Reise auch nicht. Zum Glück hat Stefan dieses geniale Teil für mich entdeckt. Es funktioniert super! Alle Landschaftsaufnahmen dieses Beitrags habe ich aus dem rundum verglasten Panoramawagen heraus durch die Scheiben fotografiert. Ohne dieses Teil wären je nach Lichteinfall auf den meisten Fotos Reflexionen zu sehen gewesen. So aber: keine Spur davon! Ich habe diesen Aufsatz auch schon in Chicago benutzt, als ich aus dem Willis Tower heraus die Stadt von oben durch Fensterscheiben hindurch fotografierte. Da hat er mir auch schon gute Dienste geleistet.

      Gefällt 1 Person

  1. Hallo Elke, welch ein Erlebnis diese Zugfahrt. Davon können wir nur träumen in einem Panorama-Abteil zu reisen oder im Comfort-Sessel zu genießen. Ich fahre in Deutschland nur mit dem Zug und bin eigentlich zufrieden, aber solch ein Sessel ist schon der Hit im Gegensatz zu den Sitzen im ICE! Lg Sabine 🐝😊

    Gefällt 1 Person

  2. Eines der schönsten Dinge auf Reisen sind die Gespräche und Begegnungen, eine wahre Bereicherung. Und der Zug mit den Panoramafenstern und den zur Landschaft hin gedrehten Sitzen ist einfach unschlagbar. Auf den Wobbler bin ich ganz neidisch: wo bekommt man so ein Ding her? 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, die Begegnungen und Gespräche mit bis dahin Unbekannten möchte ich auf Reisen nicht missen. Und in den USA ist es meiner Erfahrung nach besonders einfach und unkompliziert, mit anderen ins meist interessante Gespräch zu kommen. Die Sightseer Lounge in den Langstreckenzügen ist wirklich der Hammer. Mit ein Grund, weswegen ich so eine glühende Verehrerin dieser Strecken bin! Meinen „Wabbler“ bekommst du zum Beispiel hier:

      https://www.ultimatelenshood.com/

      Eine lohnenswerte Investition! Und nicht mal teuer. Kann ich dir wärmstens empfehlen. Und da man ihn gut „zusammenknüllen“ kann und er ein absolutes Leichtgewicht ist, ist er auch ein perfekter Reisebegleiter. Mit null Störgeräusch 😂😇😅 (Insider, nur für uns beide).

      Gefällt 1 Person

  3. Wow, was für eine „Reise-Hit-Parade“…. handschriftliches Platzkarten-Memory, George (and his lovely Mr. Singing Club 🤣), eine dem Modernen zugetane Mennonitin und dann diese irren Wabbler-Pictures. Wie gut, dass Amtrak ganze 6,5 h für die knappen 200 km (oder waren es Meilen?) brauchte. Viel Zeit für Schönes und Skurriles 😅
    Ein paar Motive erinnerten mich an meine Zugfahrt nach Zagreb und Split, über Alpen, Velebit und die dinarischen Hügelketten. Da erwartete man nicht Banditen (wie Tman meinte), aber jeden Moment Winnetou, Old Shatterhand und den legendären Ralf Wolter 😁
    Grandioser road (oder vielmehr: track) movie 👍

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, an dem Tag wurde mir echt viel geboten 🥳. Von Denver bis Glenwood sind es via Straße (was anderes zeigt mir Google Maps nicht an mit Entfernungsangaben) rund 160 Meilen, also etwa 250 Kilometer. Da sich der Zug einmal die Rockies hoch und wieder hinunter schraubt und dabei auch den einen oder anderen Tunnel bemühen muss, dauert es halt. Zum Glück!

      Wenn dich ein paar meiner Fotos an deine Fahrt nach Kroatien erinnert, dann sollte ich diese Strecke wohl auch mal mit dem Zug in Angriff nehmen! Ob mit oder ohne Winnetou und Konsorten.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s