Der Morgen ist wie die vergangene Nacht völlig windstill. Die Abläufe am Morgen gehen jetzt routinierter von der Hand. Und so nehme ich mir nach getaner Arbeit Zeit, den wunderbaren Anblick von Ruhe und Im-Moment-Sein zu betrachten, der sich jeden Morgen vor unseren Augen abspielt. Ich habe ihn für euch auf dem heutigen Titelfoto festgehalten.

Überhaupt ist es höchste Zeit, dass ich euch unsere beiden einheimischen Begleiter vorstelle, denen wir eine wunderbare Zeit hier verdanken. Darf ich vorstellen?

Da ist zum einen Amur, Anfang 30, auf dem Foto rechts zu sehen. Er ist der Inhaber der Agentur, die unsere Reise von omanischer Seite aus als Partner von Jérôme durchführt. Er kommt aus einer Farmerfamilie aus den Bergen im Norden. Er hat fünf Schwestern und drei Brüder. Die Eltern sind Analphabeten, haben aber bei ihren Kindern großen Wert darauf gelegt, allen die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen. Und so lernen wir Amur als einen hochgebildeten, weltoffenen und toleranten Menschen kennen, mit dem man sich dank seiner sehr guten Englischkenntnisse unkompliziert unterhalten kann.

Sein Job im Tourismus erlaubt es ihm, in den Sommermonaten, wenn aus Temperaturgründen keine Reisesaison im Oman ist, selbst auf Reisen zu gehen. Und so treibt er sich von Mai bis September bevorzugt in Europa herum. Er interessiert sich sehr für den Philosophen Dante Alighieri, was ihn dazu veranlasste, mal so eben nebenbei in Italien Italienisch zu lernen. Auch Deutschland hat er schon mehrfach bereist. Er hat Orte besucht, bei denen ich bisher passen muss, z.B. Bad Langensalza. Dort hat er im Nationalpark Hainich als Praktikant bei einem Forstprojekt mitgearbeitet. Auch Regensburg, wo zwei meiner Mitreisenden herkommen, kennt er bestens.

Zum anderen begleitet uns Ali, ebenfalls Anfang 30. Er stammt aus einer Beduinenfamilie und ist in der Wüste (Wahiba Sands im Osten des Omans) aufgewachsen. Seine große Liebe sind seine 60 Kamele, von denen er uns mit leuchtenden Augen Fotos zeigt. Manche davon bestreiten Rennen, andere werden zum Verzehr verkauft, einige aber gehen auf Schönheitswettbewerbe.

Gerade rechtzeitig zu Beginn unserer Tour ist er aus Katar zurückgekehrt, wo er ein Kamel-Festival besuchte. Ein Glück für uns! Denn Ali erfreut uns nicht nur mit seinen herausragenden Kochkünsten, sondern auch mit seinem herzerfrischenden Humor. Er spricht nur wenig Englisch. Aber Humor geht auch ohne Worte.

Auch Amur besitzt ein paar Kamele, die zusammen mit Alis Tieren untergebracht sind. Beide zusammen sind ein tolles Team und miteinander freundschaftlich verbunden.

So, nun wisst ihr, dass ich hier in den besten Händen bin! Los geht’s. Heute haben wir eine kürzere und weniger anstrengende Strecke vor uns. Zu meiner Freude spendiert uns der Himmel zum ersten Mal eine Runde Wölkchen auf dem ansonsten durchgehend blauen Himmel. Und entgegen meines gestrigen Vorsatzes, unterwegs nur mit dem iPhone zu fotografieren, gebe ich dann heute doch der Kamera den Vorzug. Heute passt es irgendwie.

Und so trotten wir meditativ vor uns hin und genießen die Wüste. Ganz still liegt sie da in ihrer unfassbaren Schönheit. Jede Welle, jeder Grat, jede Dünenformation ein Kunstwerk. Die perfekte Reduktion.

Unterwegs fasse ich den Entschluss, ab jetzt einen neuen Gott anzubeten: das Wasser. Seine Kostbarkeit war mir in der Theorie schon immer klar. Doch hier und jetzt bekomme ich es am eigenen Leib zu spüren.

Frühes Ankommen im neuen Camp. Amur demütigt uns optisch mit seiner frischen, strahlend weißen und perfekt gebügelten Dishdasha, die offensichtlich professionell gefaltet aus der Reinigung direkt in den Koffer wanderte ohne ästhetische Verluste. Da können meine im Rucksack malträtierten Wanderklamotten nicht einmal ansatzweise mithalten.

Siesta. Der Nachmittag wird brütend heiß. In Ermangelung jeglicher Netze müssen wir uns auf unsere Schätzkünste verlassen und tippen auf 36 Grad. Und eins sage ich euch: ich könnte mich glatt daran gewöhnen, jeden Tag stundenlang im Schatten herumzusitzen und herumzuliegen, in die Landschaft zu starren, dem Brummen der Fliegen zuzuhören, Kekse, Obst und Halva zu essen und Tee zu trinken 👍. Zwischendurch versuche ich mich im Carom, überlasse es wegen Talentlosigkeit letztendlich aber dann doch wieder den Jungs.

Kurze Fotorunde nach einer großzügig verlängerten Siesta. Nehmt das! Von diesem Sandkasten kann man doch wahrlich nicht genug kriegen.

Den Sonnenuntergang bewundere ich heute von weiter oben auf einer Düne.

Nach Einbruch der Dunkelheit wird wie immer das Abendessen serviert. Zum gefüllten Hähnchen, das seit einer Weile in der Feuerhölle gart, gibt es Auberginenmus und Reis mit Gemüse.

Es ist uns noch vergönnt, anschließend gemütlich und unbehelligt am Lagerfeuer zu sitzen. Die Nacht wird umso ungemütlicher, denn ein heftiger Sandsturm haut uns seine Kraft und eine ordentliche Portion Sand um die Ohren bzw. um die Zelte. An Schlaf ist nur bedingt zu denken. Ich werde im Zelt auch intensiv sandgestrahlt. Ist bestimmt gut für die Haut. Natur-Peeling gewissermaßen. Müssen wir morgen eben wieder Mittagsschläfchen halten, um das Defizit zu beseitigen. Stay tuned!

14 Gedanken zu “Tag 7: Rub Al-Khali – Das stille Glück

  1. Wie plant der Veranstalter eigentlich die Route? Wird das Camp einfach irgendwo wahllos errichtet? Es gibt ja keine Schilder oder ähnliches. Woher wisst ihr beim Wandern denn immer, wohin ihr laufen müsst, um zu den Autos zu gelangen? Kompass?🧭
    Die blühende Pflanze ist ja toll. Was der Sand so alles hergibt, verrückt!
    Eure beiden Omani’s scheinen tolle Menschen zu sein. Schön, dass ihr so ein Glück hattet.
    PS: Bad Langensalza hat ein tolles Thermalbad.😉

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    1. Die grobe Route ist vorher ausgelotet worden bzgl. Streckenlänge, Himmelsrichtung und geplantem Endpunkt der Tour. Der Standort des jeweils nächsten Camps ist grob vorher klar. Aber im Detail entscheiden das die beiden Fahrer der Autos. Sie checken vor Ort die Wetter- und vor allem die Windlage. Wenn es am geplanten Standort zu windig ist, suchen sie was in der Nähe, was vom Gelände her zelttauglich, in dem Moment nicht zu windig und für die Fahrzeuge erreichbar ist. Kurz vor Ende der Tour checkt Jerome per Walkie-Talkie mit den Jungs, wo wir hin müssen. Jerome hat einen Kompass dabei, aber ich habe ihn ehrlich gesagt nie dabei „erwischt“, dass er ihn benutzte 😅. Er hat über die vielen Jahre das Lesen der Dünenfelder gelernt. Die grobe Himmelsrichtung verrät der Sonnenstand. Aber es ist vor allem wohl tatsächlich so, dass er den richtigen Weg sieht. Klingt unglaublich, ist aber wohl so. Die Beduinen und Nomaden schaffen es ja auch, sich ohne Kompass zu orientieren. Nur für uns Anfänger sieht jede Düne mehr oder weniger aus wie die andere 😅. Auf seiner letzten Tour hat Jerome in einer Düne den Schädel einer Gazelle entdeckt und Amur davon erzählt. Der war dann ganz scharf darauf, es zu haben. Also hat sich Jerome bei unserer Tour auf die Suche in dem besagten Dünenfeld danach umgesehen. Und er hat den Schädel tatsächlich wieder gefunden! @ Pflanze: der Hammer, wa? @ Bad Langensalza: Dann muss ich – Running Gag – dann wohl auch mal hin 😂😂😂!

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  2. Danke, für den Einblick in eine andere Welt. Das ist doch wirklich das Schönste am Reisen. Kamelfotos zu betrachten und über Schönheitswettbewerbe derselbigen zu diskutieren. Gleichzeitig werden die Omanis auch einen Blick auf unsere westliche Kultur bekommen. Hauptsächlich auf Menschen in ungewaschener Funktionskleidung 😊…Macht Spaß, ein wenig dabei zusein 😍

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    1. Ja, die Kamele und die Schönheitswettbewerbe: was es nicht alles gibt 😅! Genau, der Eindruck, den wir von der westlichen Kultur vermitteln, ist vermutlich teils fragwürdig 😎. Schön, dass du mit an Bord bist hier!

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