6. Juni 2022

Meine gestrigen Überlegungen, ob ich heute morgen durchs Viertel streune oder einen kleinen Spaziergang am Ufer des Lake Michigan mache, erweisen sich heute als hinfällig. Es regnet Bindfäden. Ununterbrochen.

Nach dem Frühstück genehmige ich mir einen Abschiedskaffee in meinem Stammcafé um die Ecke. Im Gallery Café wird nicht nur der Kaffee traditionell zubereitet, sondern man denkt auch an die hungrigen Begleiter auf vier Pfoten.

Alte Traditionen
Leckerli!

Auf dem Rückweg bereue ich, dass ich die Kamera in meinem Domizil zurückgelassen habe. Denn keine Geringere als Vivian Maier nimmt mich an der nächsten Hauswand fotografisch ins Visier. Dann muss eben das Mobilfon ran.

Vivian M.

Den Rest des Vormittags vertrödele ich in meinem gemütlichen Hotelzimmer. Gegen Mittag breche ich mit Sack und Pack in Richtung Bahnhof auf. Das Wetter gönnt mir auf dem Weg zum U-Bahnhof doch tatsächlich eine Regenpause! Dort angekommen, muss ich ein wenig länger warten. Denn die nächste U-Bahn fällt aus. Das erlebe ich hier nicht zum ersten Mal. Hinweisschilder informieren darüber, dass wegen COVID zu viele Fahrer ausfallen und deshalb das Angebot teilweise ausgedünnt werden muss. Aber ich kann das gelassen hinnehmen, denn ich bin zeitig genug dran.

Ankunft in der Union Station. Ich bin nicht zum ersten Mal hier, wie ihr hier und da nachlesen könnt. Aber dennoch befällt mich auch jetzt wieder diese bewundernde Ehrfurcht beim Anblick dieser grandiosen Eingangshalle. Schade, dass der Zugverkehr in diesem Land so ein sträflich vernachlässigtes Dasein führt.

Hallig

Kaum habe ich die Halle betreten, habe ich auch schon das eine oder andere Déjà Vu, vor allem beim Soziokulturellen. Da sitzt, steht und läuft es, das in seiner Mischung leicht schräg-verschrobene Amtrak-Langstreckenpublikum. Neben Familien und Normalos sämtlicher Altersklassen findet man zahlreiche Mennoniten, einige ältere Leute mit Frisuren, Klamotten und Equipment aus längst vergangen geglaubten Zeiten und diverse schräge Vögel.

News now

Schnell wird mir klar: während sich der Rest der Welt in immer rasanter werdendem Tempo verändert, bleibt bei Amtrak fast alles, wie es ist und schon immer war. Die Abläufe, das Equipment, die Unzulänglichkeiten, die Fahrgäste, die Stimmung, die Mitarbeiter, die legendären Verspätungen und sonstige Skurrilitäten – herrlich! Ich fühle mich wie auf einer Zeitreise, die mich im Nullkommanichts gedanklich zurück zu meinen Zugreisen von 2004 und 2016 katapultiert. Ich freue mich riesig, nun bald wieder an Bord gehen zu können.

Heute trete ich die erste und zugleich längste Fahrt dieser Reise an. Für die rund 1.500 Kilometer bis zu meinem ersten Zwischenstopp wird der „California Zephyr“ rund 17 Stunden brauchen – sofern er pünktlich ist. Ihr wisst nicht, wovon ich rede oder habt den Kontext verpasst bzw. vergessen? Dann lest schnell und heimlich noch mal im Prolog nach.

Der Zug fährt einmal täglich, startet um 14 Uhr in Chicago und erreicht Denver am nächsten Morgen um 7 Uhr. Da die Fahrt über Nacht geht, habe ich mir für diesen Streckenabschnitt eine Schlafkabine, hier Roomette genannt, gegönnt. Im Schlafwagen gibt es aber auch noch größere Abteile zu buchen.

Ein paar Worte zu Amtrak und dem Zugfahren in den USA. Das ist das US-amerikanische Pendant zu unserer Deutschen Bahn, und doch nicht wirklich mit dieser zu vergleichen. Amtrak wickelt den Personenverkehr auf der Schiene ab. Den Güterverkehr übernehmen andere Anbieter. Einen guten Überblick über das komplette Streckennetz von Amtrak findet ihr hier.

Zugfahren ist in einem riesigen Land wie den USA eine eher exotische Angelegenheit. Hier nimmt man den Flieger oder das Auto. In den Ballungsräumen gibt es natürlich ein recht dichtes Angebot und Streckennetz für Pendler. Dafür gibt es moderne Züge für das schnelle Reisen von A nach B.

Doch die klassischen Langstrecken wie z. B. die des „California Zephyr“, die ich dieses Mal bereise, sind von einer völlig anderen Welt. Die Züge sind einerseits alt, nostalgisch, langsam und schadensanfällig. Auf der anderen Seite aber sind sie super komfortabel, bieten breite, bequeme Sitze, enorme Beinfreiheit und als Krönung des Ganzen die verglasten Aussichtswagen. Doch dazu mehr auf einer meiner nächsten Fahrten.

Das Gepäck ist schnell eingecheckt. Ja, ihr habt richtig gelesen. Es geht hier zu wie auf dem Flughafen, nur überschaubarer. Ich könnte und dürfte meinen großen Koffer natürlich auch mit in meine winzige Kabine nehmen oder in einer der ausreichend vorhandenen Gepäckablagen im Untergeschoss des Zuges deponieren. Doch wozu der Stress, wenn es auch komfortabler geht? Dieser Service verursacht zudem auch keine Extrakosten.

Nicht überall allerdings geht es so schick zu wie bei der Gepäckausgabe in Chicago. Standard ist eher, dass ein Mitarbeiter mit einer Karre auf dem Bahnsteig vorfährt und dann die ausgeladenen Gepäckstücke an die Besitzer ausgibt.

Befördert

Der Umstand, dass ich einen Platz im Schlafwagen gebucht habe, bringt mich in den Genuss der Amtrak Lounge für Business- und Sleeper-Kunden. Dort kredenzt man der wartenden Schar in plüschig-altmodischem Ambiente hochkalorischen Süßkram, ein paar Getränke, etwas in die Jahre gekommene Sitzgelegenheiten und unübersehbare Bildschirme.

Eine halbe Stunde vor Abfahrt werden wir Privilegierten aus der Lounge abgeholt und im Gänsemarsch zum Gleis geführt. Nicht, dass die werten Gäste auf den letzten Metern noch die Orientierung verlieren und schon vor der Abfahrt die ersten Verluste zu verbuchen sind!

Immerhin verschafft mir das Laufen im sehr gemächlichen Tross das Vergnügen, einen ersten Blick auf das einschlägige Gepäck der Mitreisenden zu werfen und ihre Kreativität zu bewundern. Wozu braucht man so neumodisches Zeug wie einen Rollkoffer, wenn es auch der Gürtel des Bademantels tut 😅.

Falsche Strecke!
Rollkoffer war gestern

Am richtigen Gleis angekommen, geht es ebenso geordnet weiter. Die Tickets werden gecheckt, die Fahrgäste zu ihren jeweiligen Wagen geschickt. Ihr wollt Außenaufnahmen des Zuges sehen? Geduld! Fotos davon liefere ich später. Denn hier in der Union Station in Chicago ist es im Bereich der Gleise so stockdunkel, dass man schlecht fotografieren und noch schlechter was erkennen kann auf den Fotos. Das Fotografieren ist auch wegen des mangelnden Abstands zum riesigen Zug eher suboptimal.

Und dann bin ich drin! Ich beziehe meine kleine Roomette. Wagenbetreuer Robert begrüßt mich freundlich und gibt ein paar Erläuterungen ab. Sein breiter Südstaaten-Slang ist etwas anstrengend, doch das Wichtigste habe ich hoffentlich verstanden. Riskiert gerne einen Blick in mein kleines Reich!

Die beiden gegenüberliegenden Sitze werden abends zu einem Bett zusammengeschoben. Es gibt richtiges Bettzeug, Handtücher, eine kleine Ablagefläche und sogar einen schmalen „Kleiderschrank“. WC und Duschen sind auf dem Flur und werden gemeinschaftlich genutzt. In der Buchung eines Platzes im Schlafwagen sind sämtliche Mahlzeiten inklusive. Man kann sie entweder im Speisewagen zu sich nehmen oder sie sich in sein persönliches Reich liefern lassen.

Klein, aber mein
Platzwunder

Auf die Minute pünktlich geht es los. Natürlich weiß ich, dass das, je weiter die Strecke fortschreitet, immer weniger selbstverständlich sein wird. Doch hier und jetzt ist spielt das für mich keine Rolle. Das Abenteuer Zugfahrt mag beginnen! Und nun habt ihr die Ehre, mich auf den ersten Metern dieser epischen Reise virtuell begleiten zu dürfen. Los geht’s!

Es ist kein Geheimnis, dass der Abschnitt zwischen Chicago und Denver nicht zu den Highlights der Strecke gehört. Spannend wird es erst ab Denver in Richtung Westen. Dann wird es aber richtig spektakulär, wie ihr noch sehen werdet. Doch es war für mich eine Frage der Ehre, die komplette Strecke des berühmten California Zephyr zu bereisen, statt von Deutschland aus gleich nach Denver zu fliegen und nur den schöneren Teil „mitzunehmen“.

Die heutige Fahrt geht durch gleich vier US-Bundesstaaten. Sie beginnt in Illinois, setzt sich durch Iowa fort, führt weiter durch Nebraska und endet am nächsten Morgen in Colorado.

Die Gegend ist flach wie ein Brett, viel Landwirtschaft, hier und da Bäume und Wiesen, kleine, unspektakuläre Ortschaften. Es sieht alles mehr oder weniger gleich aus. Die Überquerung des Mississippi geht tatsächlich als landschaftlicher Höhepunkt der Strecke durch 😁.

Zweigleisig
Dorfleben
Fliegendes Grün
Silo statt Soli
Der Große Fluss

Und so bin ich fast erleichtert, als es dämmert. Gegen 21:30 Uhr falle ich in einen tiefen, fast komatösen und sehr guten Schlaf. Ob ihr es glaubt oder nicht: Nirgends schläft es sich so gut wie in diesem alten Zug, der euch ins Reich der Träume schaukelt wie früher eure Wiege. Und so kriege ich den letzten Stopp des Tages in Omaha leider nicht mehr bei vollem Bewusstsein mit. Gute Nacht! 😴

12 Gedanken zu “Von Chicago nach Denver

    1. Ja, etwas oll, aber wirklich sehr gemütlich! Reisen mit Geduld entschleunigt und entspannt ungemein. Sagt eine, die im sonstigen Leben nicht so wahnsinnig geduldig ist 😅. Ja, die Speisekarte ist erstaunlich vielfältig. Allerdings darf man sich die praktische Umsetzung nicht ganz so edel vorstellen. Kann man aber auch nicht erwarten unter den Umständen, unter denen die Leute im Dining Car das Essen zubereiten. Dafür wiederum ist es recht gut.

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  1. Die Züge sehen ja urgemütlich aus. So könnte ich mich mit dem Zugfahren sogar anfreunden, Verspätungen hin oder her. So ein Rundum-Service… Nimm das, Deutsche Bahn! 😉 Übrigens, süße Socken grins

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