5. Juni 2022

Ah, heute fühle ich mich richtig gut ausgeschlafen! Und draußen erwartet mich ein strahlend schöner Tag bei rund 22 Grad. Per U-Bahn gelange ich zum Willis Tower. Bekannter ist er unter seinem früheren Namen Sears Tower. Das ist tatsächlich eine der wenigen touristischen Attraktionen, die ich anno 2016 hier ausgelassen hatte. Damals spielte das Wetter an dem Tag, an dem ich der Stadt aufs Dach steigen wollte, nicht mit.

Willis T.

Ich bin bereits kurz nach Beginn der Öffnungszeit da. Auf ein vorab erworbenes Online-Ticket habe ich lässig verzichtet. Wie erwartet windet sich um diese recht frühe Uhrzeit auch noch keine Warteschlange um den Kassenbereich. Auch oben auf dem Skydeck ist noch kaum was los. Der frühe Vogel, ihr wisst schon 😁.

Bevor ich euch an den grandiosen Ausblicken auf die Stadt teilhaben lasse, gibt es erst noch ein paar Infos über den Willis Tower. Doch ich will an dieser Stelle keine großen Reden schwingen. Denn diese grafische Darstellung …

Eindrücklich

… ist so viel plastischer und einprägsamer als alle Worte, die ich dazu verlieren könnte. Wen es nach mehr Fakten und Hintergründen dürstet, der wird hier fündig.

Einer der superschnellen Aufzüge katapultiert mich binnen 45 Sekunden ins 103. Stockwerk. Dort befindet sich das sogenannte Skydeck, das einen Rundumblick aus 412 Metern Höhe auf Chicago bietet. Habe ich beim Kauf des Tickets noch geschluckt, als ich 42 $ (der Kurs lag zu der Zeit bei 1:1) für den Höhenflug bezahlen musste, so bin ich augenblicklich versöhnt, als sich mir die Stadt so ansehnlich zu Füßen wirft.

Stadt, Park, See

Im Höhenflug

An den Wolken kratzen

Anschließend schlendere ich Chicagos berühmte Fußgängerpromenade, den River Walk, auf beiden Seiten entlang. Großzügige Grünanlagen, zahlreiche Sitzgelegenheiten und ein vielfältiges gastronomisches Angebot tragen dazu bei, dass dieser Weg eine hohe Aufenthaltsqualität bietet.

Und wie ich da so fröhlich vor mich hin flaniere, wird mir mit jedem Meter wieder klar, warum ich diese Stadt so toll finde. Ich mag Chicago nicht nur wegen der vielfältigen und spektakulären Architektur, die alt und neu gekonnt vereint. Hier kann man auch weitgehend unbelästigt vom Autoverkehr herumlaufen oder sich niederlassen. Chicago ist eine extrem fußgängerfreundliche Großstadt, nicht nur am River Walk. Und das will was heißen im Autoland USA.

Alles Fassade
Schiffchen fahren

Sonnenschutz
Spiel der Wolken

Zwischendurch lege ich eine kleine Kaffeepause ein und gönne mir dazu ein leckeres Heidelbeer-Teilchen im schicken Blue Bottle Café. Der Blutzuckerspiegel will schließlich auch seinen Spaß haben😎.

Zuckerschock

Dann laufe ich auf der südlichen Seite des Chicago River weiter. Chicagos flüssige Lebensader änderte übrigens durch menschliche Eingriffe die Fließrichtung. Sie ergießt ihr Wasser also nicht mehr in Richtung des Lake Michigan, sondern von diesem weg. Was das mit Hygiene und der Cholera zu tun hat, könnt ihr gerne hier nachlesen.

Was mir ebenfalls imponiert, ist der Umstand, dass der Chicago River am 17. März jeden Jahres grün eingefärbt wird. Gerne gebe ich mich der Illusion hin, der Aufwand würde zu Ehren meines Geburtstags betrieben. In Wahrheit jedoch wird mit dieser Geste der St. Patricks Day gewürdigt. Und bevor hier ein Aufschrei der Empörung ausbricht: Zur Einfärbung werden ausschließlich ökologisch unbedenkliche Lebensmittelfarben verwendet.

An diesem sonnigen Sonntagmittag ist gefühlt halb Chicago hier unterwegs und lässt es sich beim Flanieren, Verweilen und in der Gastro gut gehen. Obwohl ordentlich was los ist, ist es nicht hektisch oder unruhig. Die ganze Atmosphäre ist sehr entspannt. Auf Chicagos Straßen scheint auch generell ein für eine Großstadt recht langsames, fast gemächliches Tempo an der Tagesordnung zu sein. Das fiel mir bereits 2016 angenehm auf. Und auch im weiteren Verlauf des River Walks werden die An- und Aussichten nicht gerade unattraktiver.

Gepaddelt
Flankiert

Ausgebootet
Altehrwürdig

Dann verlasse ich den Chicago River, um einen näheren Blick auf eine ganz andere Art der Interpretation von Wasser zu werfen. Ich rede von dem spektakulären, buchstäblich Wellen schlagenden Aqua Building, dessen Name mehr als logisch erscheint und keiner weiteren Erklärung bedarf, oder?

Welle machen

Von hier aus sind es nur noch wenige Schritte bis zum Millennium Park, der viel Grün, einige Museen und viele andere Attraktionen zu bieten hat. Einer der beiden unbestrittenen Platzhirsche des Geländes ist der Jay Prizker Pavillon. Falls euch der Baustil der spektakulären Konzertmuschel bekannt vorkommen sollte, so ist das kein Zufall. Frank Gehry hatte hier seine kreativen Finger im Spiel. Einige seiner Werke, zum Beispiel das Guggenheim Museum im Bilbao, habe ich hier im Blog bereits vorgestellt. Und zwar hier und da.

Muschelkunst

Bei den touristischen Massen deutlich bekannter und beliebter ist indes das Cloud Gate, bekannter als „The Bean“ von Anish Kapoor. Die Bohne, Wolke oder wie auch immer ihr sie nennen wollt, sieht von allen Seiten anders aus, was auch ihre diversen Namensgebungen erklärt. Sie liegen auf der Hand.

Schon lange nicht mehr am Wasser gewesen! Deshalb zieht es mich anschließend ans Ufer des Lake Michigan, der wegen seiner mit bloßem Auge nicht erkennbaren Ausmaße und des deutlich vorhandenen Tidenhubs wie ein Meer und nicht wie ein See anmutet. Ich laufe gen Norden und erfreue mich an der frischen, aber nicht kalten Brise, dem mediteranen Ambiente vor der Kulisse aus Stahl, Glas und Beton, den vielen Booten und der einladenden Gastronomie.

Gebrettert
Verknotet

Schließlich erreiche ich den Navy Pier. Die rund ein Kilometer lange Seebrücke ist über einhundert Jahre alt und diente ursprünglich dem Frachtumschlag von Schiffen. Heute frönt man hier den diversen Freizeitvergnügungen. Museen, Kinos, Rummel, Geschäfte, Restaurants, Freizeiteinrichtungen, Picknickbereiche und vieles mehr ziehen die Massen und vor allem Familien an.

Schnellen Schrittes
„Reach“

Von dort aus lasse ich mich quer durch den Stadtteil River North treiben, streife kurz die noble Einkaufsstraße Magnificent Mile und hüpfe dann in die nächste U-Bahn, die mich am späten Nachmittag zu meinem temporären Zuhause bringt. Beim Warten auf dem Bahnsteig inspiriert mich diese ungewöhnliche Sichtachse zu einem Schnappschuss.

Hinter den Kulissen

Ich nehme in einem der mittleren U-Bahnwaggons ganz hinten Platz und wundere mich über den intensiven Geruch von Zigarettenrauch. Da ich niemanden innerhalb des Waggons beim Rauchen erwische, schaue ich schließlich angestrengt durchs Fenster nach draußen. Und dann bemerke ich den abgeranzten Typen mit einer Kippe im Mundwinkel, der allen Ernstes auf der Kupplung zwischen zwei heftig schaukelnden Waggons balanciert und buchstäblich im Feien steht. Die Not muss groß sein, wenn man für eine Kippe, eine Runde Schwarzfahren oder welches kleine Vergehen auch immer mit seinem Leben spielt.

Diese und noch einige im Verlauf dieser Reise folgenden Beobachtungen und Erlebnisse erinnern mich immer wieder daran, wie gut es mir geht und wie privilegiert ich bin. Nachdenklich läute ich im Hotel meinen Feierabend ein und lege später mein müdes Haupt ein vorerst letztes Mal auf ein Chicagoer Kissen. Morgen gehe ich auf große Fahrt!

12 Gedanken zu “Chicago – Glänzende Aussichten

    1. Danke, Marco! Und ob du es glaubst oder nicht: auf über 400 Metern Höhe merkt man in einem Gebäude dieser Größenordnung von Schwankungen rein gar nichts. Zumindest ich merke nichts, hüstel … Empfindsamere Gemüter werden mir da eventuell widersprechen wollen 😁.

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