7. – 8. Juni 2022

Was habe ich gut geschlafen! Das Bett hatte genau den richtigen Härtegrad und bot genug Platz. In meiner winzigen Kabine herrschte eine angenehme Temperatur. Und ruhig war es auch. Nur die Geräusche des Zuges umgarnten mich und lullten mich letztendlich in seligen Schlummer. Rattern, hupen, schaukeln. Das beste Schlafmittel.

Im Morgengrauen wache ich auf. Es ist sechs, ach nee, doch erst fünf Uhr! Denn hier in Colorado ist Mountain Time angesagt. Ab jetzt hinke ich euch acht Stunden hinterher.

Abgedeckt

Um sechs Uhr erreichen wir Fort Morgan. Wir haben jetzt genau eine Stunde Verspätung. Ein Vorgeschmack auf das, was mich im Laufe der Strecke noch erwarten wird. Bei einer Stunde wird es nicht bleiben.

Tristesse am Morgan

Die gestrigen Eindrücke der Strecke setzen sich heute fort: Landwirtschaft, Silos, kleine Häuschen, Ansammlungen von Autowracks, Wohnwagen in den Gärten, Versorgungsinseln mit Tankstelle und kleinem Supermarkt. Nur die Landschaft kommt etwas trockener daher.

Auf den letzten Meilen gibt der „California Zephyr“ noch mal richtig Gas. Und so rückt die Skyline von Denver mit nur noch einer halben Stunde Verspätung näher.

Auf der Zielgeraden

Ankunft Union Station kurz vor acht Uhr bei schönstem Sonnenschein. Der Zephyr strahlt mit mir um die Wette. Bis bald, meine silberne Schönheit! In einer Woche sehen wir uns wieder.

Versilbert

Die Stadt, in der ich gerade gelandet bin, muss auch noch ein wenig auf mich warten. Hierher werde ich in fünf Tagen zurückkehren und mich ihr zwei Tage lang wohlwollend widmen. Was mir trotz der kurzen Zeit, die ich heute hier in Denver verbringe, auffällt: alles ist zweisprachig. Neben Englisch ist hier Spanisch angesagt.

Jetzt aber schnappe ich mein Gepäck und nehme gleich den nächsten Bus nach Boulder. Die attraktive Kleinstadt ist gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Alle 15 Minuten wird sie von Denver aus angefahren. Die Fahrt dorthin dauert rund 40 Minuten.

Am späteren Vormittag erreiche ich Boulder. Mein Hotelzimmer ist noch nicht bereit für meinen Einzug. Ich deponiere deshalb mein Hab und Gut an der Rezeption und ziehe los. Ein erster Rundgang ist fällig, um Witterung aufzunehmen. Draußen erwarten mich 26 Grad und Sonne. Hier ist plötzlich richtig Sommer!

Mein erster Weg führt mich zum Herz und der Seele der Stadt. Es ist die weitgehend als Fußgängerzone gestaltete Pearl Street. Schöne Häuser, eine heiter-relaxte Atmosphäre, einladende Restaurants und Cafés, kleine Lädchen, viele Gelegenheiten, um Leute zu beobachten. Ich bin schockverliebt in Boulder ❤️ und fühle mich sofort in meiner Entscheidung bestätigt, hier ein wenig länger zu verweilen.

Schöner bummeln
Zugehört
Ansehnlich

In Boulder leben rund 100.000 Menschen. Ein Drittel davon sind Studenten. Dieser Umstand prägt die Stadt, die als liberal gilt und ein überdurchschnittliches Bildungsniveau aufweist. Neben den Studenten und den Wissenschaftlern tummeln sich hier auch zahlreiche Vertreter der Öko- und Outdoor-Fraktion. Wegen ihrer Lage in unmittelbarer Nähe zu den Ausläufern der Rocky Mountains auf rund 1.600 Metern Höhe ist sie insbesondere auch bei professionellen Ausdauersportlern beliebt. Natur- und Sportfreaks sind hier genau richtig!

Ergänzt wird die soziale Szenerie noch durch Meditations- und Yogafans, Althippies, Veganer, Frauenrechtlerinnen und spirituell Bewegte. Kurzum: Boulder ist Amerikas liberales Eldorado.

Boulder nehme ich insgesamt als eine sehr gepflegte Stadt wahr. Viele Straßenbereiche sind Fußgängern vorbehalten, überall gibt es Radspuren oder -wege. Das Publikum ist sehr angenehm. Und ihre Lage zu Füßen der Rockies kann man nur als unschlagbar bezeichnen. Ach, ich freue mich auf die kommenden Tage!

Am späteren Nachmittag kehre ich zum etwas außerhalb gelegenen Hotel zurück, sonne mich ein wenig auf einer Parkbank und decke mich noch im nahegelegenen Supermarkt mit dem Nötigsten ein. Bei der Gelegenheit bewundere ich – nicht zum ersten Mal – die schier endlose Auswahl auch an eher exotischen Produkten.

Qual der Wahl

Am nächsten Morgen sind wieder 26 Grad angesagt. Es fühlt sich jedoch heißer an, denn die Sonne brennt hier auf 1.600 Metern Höhe doch mit einer ganz anderen Intensität.

Heute begebe ich mich immer wieder zwischendurch auf Street Art-Jagd. Boulder ist gespickt mit sogenannten Murals, die buchstäblich ganze Häuserwände füllen.

Mit Weitblick
Neckisch
Zu Ehren des Bürgermeisters
Coole Brille

Auf dem Weg Richtung Innenstadt lasse ich mich entlang der lauschigen Walnut Street mit ihren schönen, kleinen Einfamilienhäuschen mit den winzigen Vorgärten treiben. Ich schaue hier und da, und dann stutze ich. Kommt mir da tatsächlich eine Frau oben ohne auf der Straße entgegen? Ja! Meine trüben Augen haben mich ausnahmsweise nicht getäuscht. Nun, es geht hier eben sehr liberal und lässig zu, nicht nur für US-Verhältnisse.

Vom obersten Deck des Parkhauses an der Walnut Ecke 14. Street – ja, notiert euch ruhig diesen Geheimtipp! – werfe ich einen ersten Blick auf die berühmten Flatirons. Ihr hingegen müsst bis zum nächsten Bericht warten, bis ihr sie zu Gesicht bekommt 😎. Geduld!

Von dort aus laufe ich gen Süden in Richtung der Public Library (siehe auch das heutige Titelbild), …

Verbeugt

… und schlendere dann ein Stück am Boulder Creek entlang, der sich als grüne Oase einmal quer durch die Stadt zieht. Hier ist genügend Platz für alle. Die Sonnenanbeter kommen ebenso auf ihre Kosten wie die sportlich Aktiven.

Das gilt auch für mich. Zumindest, bis ich arglos an zwei Frisbee-Spielern vorbeilaufe. Als ich auf ihrer Höhe bin, höre ich noch, wie das Mädel ihren Spielpartner ermahnt, er möge doch bitte schön gerade werfen. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass dieser das auch brav umsetzt. Doch während ich weiterlaufe und dem Mädel somit vertrauensvoll den Rücken zukehre, höre ich ihren entsetzten Schrei und fasse gerade noch rechtzeitig schützend an meinen Hinterkopf. So triff die Scheibe nur meine Hand 😅. Dem Mädel ist das natürlich wahnsinnig peinlich! Sie entschuldigt sich mehrmals, während der Typ fassungslos den Kopf schüttelt. Lässig signalisiere ich ihr, dass ich ja überlebt habe und somit alles gut sei. Und so ziehen wir alle in Frieden von dannen.

Grüne Oase
Gefärbt

Weiter geht’s, hoch zum University Hill, kurz „The hill“ genannt. Das lebendige Geschäftsviertel ist gleichzeitig auch Wohngegend. Hier gibt es viele kleine Shops, eine lebhafte Café- und Kneipenszene und natürlich eine Menge Studenten. Schließlich beginnt der großzügige Campus der Universität direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Und genau den schaue ich mir dann auch gleich einmal an. Hier erwartet mich nichts weniger als eine beeindruckende Architektur in einem weitläufigem, parkähnlichen Gelände. Seht selbst!

Schöner lernen
Freie Platzwahl
Gedeckelt
Football!

Der Bus bringt mich zurück in die Innenstadt. Das Ticket kostet 3$ und gilt drei Stunden lang für beliebig viele Fahrten. Nach einer überfälligen Stärkung im vegetarischen Restaurant namens „Leaf“ schaue ich mich noch ein wenig in der näheren Umgebung der Pearl Street um.

Eingesunken
Sonne und Schatten
Was für ein Theater!

Nun zieht es mich wieder gen Süden. An jedem Mittwoch startet ab 16 Uhr der berühmte Farmers Market. Was für eine Show! Was für eine tolle Atmosphäre! Was für ein wild gemischtes Publikum! Ich esse leckere Tacos, gönne mir dazu eine kühle Mango-Limonade, setze mich am Rand des Geschehens ins Gras und beobachte das Treiben um mich herum. Familien und ältere Herrschaften gesellen sich zu der bereits weiter oben beschriebenen typischen Boulder-Mischung. Live-Musik gibt es auch. Und dann taucht schlussendlich noch ein Typ auf, auf dessen T-Shirt die unmissverständliche Botschaft „Urintherapie tut dem Körper gut“ prangt.

Grünzeug
Ethisch korrekt
Verwurzelt
Im Trockenen

Der kleine Markt ist in zwei Teile geteilt. Das liegt an einer US-amerikanischen gesetzlichen Tradition, die uns Europäern eher seltsam vorkommt: In der Öffentlichkeit wird eigentlich kein Alkohol getrunken. Uneigentlich gibt es aber Ausnahmen. Und diese werden dann streng vom restlichen Geschehen getrennt.

Das führt im konkreten Fall dazu, dass der gesamte Bereich mit den fertig zubereiteten Speisen und Getränken durch einen Zaun vom Rest des Marktes abgetrennt wird. Die „Schuld“ daran trägt der kleine Craft Beer-Stand. An dem kleinen Durchgang zwischen den beiden Marktteilen wacht ein Marktwächter darüber, dass auch wirklich jedes Bier in der passenden Sektion komplett vertilgt wird, bevor man in den anderen Teil zurückkehrt. Unterstützt wird er in seiner Tätigkeit durch ein unmissverständliches „Trink dein Bier aus“- Schild.

Lecker Bier
Hippe Zeiten

Ach, ich kann mich kaum von der wunderbaren alternativen Marktatmosphäre lösen an diesem nun milder werdenden warmen Spätnachmittag! Doch irgendwann eise ich mich los, bewundere noch das direkt dahinter gelegene Tadschikische Teehaus, …

Einen im Tee

… und nehme dann den Bus zurück zum Hotel. Genug gelaufen! Genug erlebt! Und ab morgen dreht der Sommer hier so richtig auf.

Uff …

20 Gedanken zu “Von Denver nach Boulder – Im Eldorado

  1. Diese „eigentlichen“ Ausnahmen gibt es in Polen auch, wie ich neulich erfahren habe. Dein Radler in Warschau am Ufer der Weichsel, erinnerst du dich? Eigentlich ist Alkohol trinken in Polen in der Öffentlichkeit verboten. Uneigentlich jedoch gehen Warschauer Studenten und junge Leute an die Weichsel, um dort zu chillen und einen hinter die Birne zu kippen. Anfangs hatte die Stadtverwaltung versucht, gegenzusteuern. Das endete damit, dass die patrouillierenden Beamten beschimpft und mit Bier- und Wodkaflaschen beworfen wurden. Irgendwann hat man es also gut sein lassen und die Promenade zur „Sonderzone“ erklärt. Wohl deshalb konntest du dort unbehelligt dein Radler genießen… 😉

    Ansonsten, schöne alternative Stadt, die hätte mir wohl auch gefallen. Wenn du tolle Murals sehen willst, brauchst du aber nicht so weit zu reisen, Mannheim hat bereits viele davon zu bieten und es kommen jedes Jahr neue dazu. Ganze Hauswände werden gestaltet, mit der freundlichen Genehmigung der Stadtverwaltung 😉

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    1. Ja, an meinen romantischen Radler-Abend am Ufer der Weichsel erinnere ich mich noch sehr gut! Und auch an den kurzen Schreck, den ich bekam, als du mich im Nachhinein über mein höchst frevelhaftes Verhalten aufgeklärt hast. Mein Glück, dass du dich dann doch geirrt hattest 😁. Nun herrscht auch in Polen diesbezüglich der Pragmatismus 👍.

      Ja, Boulder würde sicher auch dir gefallen. Es ist eine sehr außergewöhnliche Stadt, so ganz anders als andere Kleinstädte in den USA. @Murals, ich sag‘s ja, ich muss mich unbedingt mal wieder in Mannheim umsehen, statt immer nur im Bahnhof von einem Zug in den nächsten zu hüpfen!

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  2. Von dieser Stadt habe ich noch nie was gehört, ist aber den Fotos zu beurteilen sehr idyllisch. Genial diese Murals ( auch diesen Begriff noch nie gehört). Wie ich schon öfters geschrieben habe, bewundere ich diese Kunstwerke. 25 Grad ist für eine Stadtbesichtigung schon fast an der Obergrenze hat aber den Vorteil dass man sich lange im Freien aufhalten kann und mit T-Shirt und evtl. einer kurzen Hose geht das schon

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    1. Schön, dass ich dir Neues zeigen und berichten konnte! Mit den 25 Grad war ich an dem Tag noch gut bedient. In den darauffolgenden Tagen blieben die Temperaturen fast durchgehend über 30 Grad. Wie auch in Deutschland war es in den USA im Juni deutlich heißer als gewöhnlich.

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  3. Du hattest bereits gesagt, liebe Elke, dass Boulder auf meiner Bucket List gehört. Nach dem Beitrag bin ich noch überzeugter als ich ohnehin schon war. Ich bin gespannt auf die nächsten Berichte!

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      1. Erstaunliche Geschichte. Die Tadschiken brauchten 3 Jahre, das Teehaus zu bauen und die Boulderer 8 Jahre, um zu entscheiden, wie und wo sie es aufstellen.😳
        Sollte ich jemals nach Boulder kommen (z.B. um gegen das Böse zu kämpfen) werde ich dort Tee trinken.

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