Mein Zug verlässt Chicago erst am frühen Nachmittag. So bleibt mir genügend Zeit für einen gepflegten Spaziergang entlang des Michigan Lake. Ohne Rucksack, ohne Kamera, nur mit der Zimmerkarte, dem U-Bahn-Ticket und ein paar Dollar in der Tasche mache ich mich auf Richtung Norden, immer entlang des Seeufers. Am Oak Street Beach erwartet mich eine fette Brandung. Und das soll wirklich ein See sein? Nun bin ich überzeugt: Chicago liegt doch am Meer. 

Die gesamte Uferpromenade verwandelt sich an diesem nicht mehr ganz so frühen Samstagmorgen in einen Jogger-Highway. Ich setze mich ein paar Minuten aus Ufer und schaue ihnen beim Schwitzen zu. Weiter geht’s bis zum North Avenue Beach. Auch dort wird mir was geboten: auf geschätzten 50 Beachvolleyballfeldern wird gebaggert und geschmettert, was das Zeug hält! Zu gerne würde ich hier an diesem schönen Strand den Rest des Vormittags ordentlich chillen und noch eine Runde durch den Lincoln Park drehen, der hier beginnt. Aber dafür bleibt mir keine Zeit mehr. Beim nächsten Mal! Ein weiterer Grund, wieder her zu kommen.

Den Rückweg zum Hotel lege ich per U-Bahn zurück. Zum Glück muss ich kein Ticken kaufen: Fanmassen der Cubs und der Cardinals stauen sich vor den Automaten, alle auf dem Weg zum Wrigley Field zur nächsten Runde. Im Hotel angelangt, schnappe ich mein schon fertig gepacktes Hab und Gut, checke aus und springe gleich wieder in die U-Bahn, wo mich die nächste blaue Cubs-Horde erwartet. 

Angekommen an der Union Station, staune ich nicht schlecht. Was für ein altehrwürdiger, schicker Bahnhof!
 


 
 Die Öffentlichkeit macht er auf traditionelle und moderne Art auf sich aufmerksam.
 
 


 

 Doch bevor ich ausführlich meine Runde durchs Gebäude drehe, will ich erst mal schnell mein Gepäck loswerden. Freiwillig in dem Fall, denn meinen putzigen kleinen Trolley dürfte ich auch mit an Bord nehmen. Aber lieber nehme ich den Service des Check In in Anspruch und kann im wahrsten Sinne des Wortes unbeschwert rumlaufen und reisen. Als ich mein Köfferchen abgebe, erzähle ich der Dame am Schalter, dass es diese Möglichkeit in Deutschand nicht gibt. Entweder man nimmt alles selbst mit an Bord, oder man lässt es vor der Reise gegen Aufpreis vorab verschicken. Sie ist erschüttert ob so viel Elend und will mir das zuerst gar nicht glauben 😀.

Das wird heute nicht meine erste Zugreise in den USA. Und doch schafft es Amtrak immer wieder, mich zu überraschen. Das Procedere, erst den jeweiligen Bahnsteig betreten zu dürfen, wenn der Zug bereit steht, kenne ich schon. Für meinen Zug nach Minneapolis wird jedoch kein konkretes Gleis angegeben. Stattdessen heißt es: Warten in der Haupthalle, bis zum Schlangestehen aufgerufen wird. Nun, ich habe schon in weniger edlem Ambiente der Dinge ausharren müssen. Eine halbe Stunde vor Abfahrt ist es dann soweit. Bitte anstellen an Wartepunkt B. Brav reihen sich alle ein, die den „Empire Builder“ besteigen wollen. Die größere Gruppe der Mennoniten gehört auch dazu.

Ein paar Minuten später taucht ein Amtrak-Mitarbeiter mit einem großen Schild auf, auf dem „Gleis 30“ steht. Wie ein Fahnenträger läuft er nun vorweg und führt uns quer durch den halben Bahnhof zum Gleis. Unser buntes Trüppchen immer hinterher, wie die Lemminge. Den Abschluss bilden die Mennoniten mit ihren aus der Zeit gefallenen Kleidern und Frisuren. Wir geben sicher ein Bild für die Götter ab! Was für eine Show! Nur um einen Zug zu besteigen, dessen Gleis man ja auch auf der elektronischen Anzeige einblenden könnte. Nun, es wird Gründe dafür geben. Jedenfalls amüsiere ich mich prächtig. Und nicht nur ich … Wehe denjenigen, die zu spät kommen! Da ist nix von wegen in der letzten Sekunde auf den Zug springen.

 

 

 
 Der Fahnenträger führt uns in einen düsteren Tunnel, in dem man die Hand vor Augen kaum sieht. Wie gut, dass der Zug silbrig glänzt! Sonst würde man glatt dagegen laufen.
 
 
 
 Und nun heißt es wieder: Schlange stehen und warten. Da man vorab keine Plätze reservieren kann, geht es weiter „von Hand zu Fuß“. Der freundliche Mitarbeiter von Amtrak befragt auf dem Bahnsteig jeden einzelnen, wo er hin fährt und nennt dann eine Wagennummer. Nach welchem System? Das bleibt ein Geheimnis, das ich bisher noch nicht gelüftet habe. Dann bin ich drin. Ab aufs Oberdeck und einen hübschen Fensterplatz gesichert. Was ich an den Zügen hier so liebe: bequeme Sitze und viel Beinfreiheit.
 
 
 
 Es kommt natürlich noch besser. Gleich nebenan befindet sich die geniale Sightseer-Lounge mit ihren Panoramafenstern. Einen Teil der achtstündigen Fahrt verbringe ich dann auch hier. Seht selbst. Sie spricht für sich.
 
 


 
 Doch erst mal zurück zum „regulären“ Platz, den ich mir ausgesucht habe. Auftritt Schaffner. Er kontrolliert nicht nur die Tickets und lobt meine schicke Kamera. Er fragt auch jeden, wo er hinfährt, füllt dann von Hand kleine Zettelchen mit Abkürzungen für das jeweilige Ziel aus und klemmt sie dann oben in die Leiste über den Sitzen. Wenn ein Fahrgast auf einen anderen Platz umzieht, nimmt er brav sein Zettelchen mit und klemmt es über den neuen Platz. Eine Fahrt mit Amtrak ist auch immer eine Zeitreise in diesem sonst so Hightech-verliebten Land :-).
 
 
 
 An dieser Stelle noch ein paar nüchterne Fakten. Der „Empire Builder“ startet in Chicago und endet 2.205 Meilen (rund 3.500 km) später in Seattle bzw. nach 2.255 Meilen (rund 3.600 km) in Portland. Der Zug splittet sich in Aurora in zwei Teile. Siehe auch https://elkeunterwegs.wordpress.com/2016/09/16/get-your-kicks-on-route-66/#more-493. Ich werde 418 Meilen (rund 700 km) lang an Bord bleiben. Auf meinem Abschnitt durchquert der Zug drei Bundesstaaten: Illinois, Wisconsin und Minnesota.
 
 Genau so pünktlich, wie wir in Chicago losgefahren sind, kommen wir auch in Minneapolis an. Die Gepäckausgabe klappt flott und schwups sitze ich auch schon in der Green Line, einer der beiden hiesigen Metro- bzw. Tramlinien. Eigentlich hatte ich vor, mir zu dieser fortgeschrittenen Uhrzeit ein Taxi zu nehmen. Denn die Amtrak-Züge landen in Saint Paul, der Zwillingsstadt von Minneapolis,  getrennt durch den Mississippi. Und bis Downtown Minneapolis ist es vom Bahnhof aus ein Weilchen zu fahren. Da die Tram aber direkt an der Nicollet Mall hält, wo mein Hotel liegt, entscheide ich mich dann doch für die Öffentlichen. Was mir allerdings nicht klar war: die Nicollet Mall ist keine Mall mit angeschlossenem Hotel, sondern eine Straße. Und zwar eine ziemlich lange … Langer Rede kurzer Sinn: zu der 35-minütigen Tramfahrt kommen noch 15 Minuten Fußweg. Wie gut, dass mein Gepäck überschaubar ist :-).
 
 Bis ich dann im Hotel lande, ist es dann auch nicht mehr weit bis Mitternacht. Flugs einchecken, bettfertig machen und komatös wegpennen. War ein langer Tag!
 
 
 

5 Gedanken zu “Tag 7 – Von Chicago nach Minneapolis

  1. Sehr schöner Bericht, ich bin live dabei. Man kann sich euch Lemminge gut vorstellen. Ja bei all der Innovation aus dem Kalifornischen Tal ist man immer wieder erstaunt wie „rückständig“ es so im Rest der USA zugeht. Besonders die öffentliche Hand mit der Infrastruktur (Straßen, oberirdische Stromleitungen etc.) scheint da Vorreiter zu sein. Apropos Straßen: liegt Berlin von der Spree auch in den USA? 🙄 Und wie personalintensiv das stellenweise ist. Aber Vorteil: Menschen in bezahlten Jobs. Auch wenn da mal 3-4 nötig sind to make ends meet.

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  2. Also ich kann „keinen“ Unterschied zur gepflegten Station „Bahnhof Zoo“ finden: glänzender Fussboden, lichte Halle(n), Nationalflagge… Es sieht dort aus wie vor 150 Jahren, nothing changed! Immerhin fahren die Loks nicht mehr mit Dampf 🙂 Und alles sieht aus wie geleckt – unglaublich!

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