15. Juli 2021

Auch an unserem vierten Tag in der Stadt gibt das Wetter alles. Bei wiederum 33 Grad laufen wir gleich nach dem Frühstück spontan hinüber zum Kulturpalast.

Ich hatte in einem der vorherigen Blogbeiträge, in dem ich euch bereits die diversen Aussenansichten gezeigt habe, versprochen, später noch einmal inhaltlich auf das Wahrzeichen der Stadt einzugehen. Nun löse ich mein Versprechen ein.

Der Kulturpalast, auch recht uncharmant ‚Stalinstachel‘ genannt, wurde Mitte der 1950er Jahre erbaut. Vier Jahre vergingen bis zu seiner Fertigstellung. 3.500 russische Bauarbeiter vollendeten zusammen mit ihren polnischen Kollegen den 231 Meter hohen Turm des Palastes in Rekordzeit. Der russische Architekt reiste vorab eigens durchs Land, um traditionelle polnische Baustile zu studieren und Elemente davon in den Bau einfließen zu lassen. Doch auch das führte nicht dazu, dass der kolossale Wolkenkratzer bei der Mehrzahl der Polen auf Zustimmung stieß. Diese Ablehnung war jedoch eher politisch als architektonisch motiviert. Das gigantische Gebäude, das die Handschrift Stalins trägt, wurde von der Sowjetunion als Geschenk an die Polen deklariert. Bei den Polen jedoch galt es eher als Machtsymbol der Russen.

Nun, jenseits aller schwerer politischer Symbolik ist der Kulturpalast das Wahrzeichen der Stadt. Wie es jedoch um seine allgegenwärtige Sichtbarkeit bestellt sein wird, wenn einmal alle ehrgeizigen Bauprojekte in seiner unmittelbaren Umgebung realisiert worden sind, wird sich erst in Zukunft zeigen. Doch noch ist er der unumstrittene Platzhirsch an diesem Standort.

An diesem Morgen ist das Glück auf unserer Seite. Es herrscht null Andrang, und so sind wir die Ersten an der Kasse. Schnell bringt uns der Aufzug hoch auf die Aussichtsterrasse im 30. Stock. Immer wieder blitzt auch kurzfristig die Sonne durch. Von dort oben, in 114 Metern Höhe, bietet sich uns ein fantastischer Blick über die Stadt. Seht selbst!

Robert spielt woanders
Annähernd
Geriffelt

Riese unter Zwergen

Zum Glück ist die Aussichtsplattform nicht von Scheiben, sondern lediglich von einem grobmaschigen Gitter umgeben. Das nimmt die optische Distanz zur Stadt zu unseren Füßen und bringt ein wenig Abkühlung durch die leichte Brise in dieser luftigen Höhe. Da wenig los ist, können wir in aller Ruhe schauen und fotografieren. Das macht Spaß! Als wir später hinunterfahren, wickelt sich dann schon eine längere menschliche Schlange um die Kasse. Doch das kann uns egal sein😅.

Wieder unten auf dem Boden der Tatsachen angelangt, werfen wir einen kurzen Blick auf die zuckersüßen Verlockungen des Cafés im Erdgeschoss des Palastes, …

Zuckerschock

… und schauen dann, was es draußen noch so zu sehen gibt.

Raumgreifend
Ein David und zwei Goliaths

Anschließend besorgen wir uns zwei Tageskarten für die U-Bahn und gehen in den Untergrund. Zuerst fahren wir auf der Strecke der M1 mit ihren alten, fast historisch anmutenden Wagen und eher unspektakulären Stationen. Auf der Strecke der M 2 erwartet uns dann das Gegenteil. Beides hat was!

Unterirdisch

Bisher haben wir uns ausschließlich im rechts von der Weichsel liegenden Stadtzentrum herumgetrieben. Nun wollen wir die Seite wechseln und uns den Stadtteil Praga ansehen. Im Zweiten Weltkrieg blieb er weitgehend unzerstört, aber während des Sozialismus auch ein wenig vernachlässigt. Heute strahlt er, zumindest unter der Woche mitten am Tag, auf unbedarfte Besucher wie uns eine fast dörfliche Ruhe aus.

Doch der Schein trügt. Hier passiert eine Menge! Sieht man einerseits an manchen Stellen zwar noch Kopfsteinpflaster wie vor hundert Jahren und verfallene Bauten, so ist doch die fortschreitende Modernisierung und Gentrifizierung unübersehbar im Gange. Es scheint zu sein wie in so vielen einstmals vernachlässigten Stadtteilen in allen Teilen der Welt: Kulturschaffende und Studierende bevölkern und beleben die Szene. Dann folgen Investoren, es wird schicker und teurer.

Ich will das nicht werten, denn eine solche Entwicklung hat gute und schlechte Seiten. Jedenfalls entsteht viel Neues inmitten von alten, teils abbruchreifen Gebäuden, hier und da verziert von Streetart. Unter dem Strich scheint eher hier als „drüben“ im Stadtzentrum das wahre Herz der Stadt zu schlagen. Zumindest ist das unser Eindruck. Doch um das sicher beurteilen zu können, müssten wir uns hier mehr, länger und öfter umschauen. Hier ein paar Impressionen aus Praga:

Gut belüftet
Farbrausch

In guter Verfassung

Doppelhaushälfte

Auf der Rückfahrt legen wir einen Stopp beim Fußballstadion ein. Erkennt ihr es wieder? Es war schon weiter oben aus luftiger Höhe zu sehen. Nun begegnen wir ihm auf Augenhöhe.

Immer am Ball

Anschließend legen wir diverse Stopps ein, die auf Stefans berühmter U-Bahnhof-Liste stehen. Besonders beeindruckend sind die Stationen Universität, Wilsona und der Umsteigebahnhof Świętokrzyska. Klasse! In einer der Stationen machen sich zwei Polizisten einen Spaß daraus, an den Treppen demonstrativ im Weg stehen zu bleiben und sich im Photobombing zu üben. Sie schauen dabei meist amüsiert in unsere Richtung. Na gut, dann seid ihr eben mit drauf 😅!

Traum in Lila
Gut bewacht
Eingekreist

Am frühen Nachmittag entledigen wir uns unseres Fotogepäcks im Hotel und schlendern dann im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert ins Restaurant ‚Tel Aviv‚. Es liegt unweit des Hotels in einer sehr charmanten Gegend mit vielen Restaurants und schönen Läden, nur eine Parallelstraße von der umtosten Hauptverkehrsader Ulica Marszałkowska entfernt. Unterschiedliche Welten so nah beieinander- typisch für diese Stadt.

Lecker!

Zeit für einen kleinen Verdauungsspaziergang! Ein wenig Grün kann zur Abwechslung nicht schaden. Und so zieht es uns magisch in Richtung des Łazienki-Parks. Die Parkanlage ist wunderschön und mildert im angenehmen Nebeneffekt das Autogetöse der Umgebung dezent ab 😅.

Grüne Oase
Liebe zur Natur
Gute Aussichten

Zurück im Hotel, erholen wir uns für ein bis zwei Stündchen von der Hitze und den Erlebnissen des Tages. Kurz vor Einbruch der Dämmerung stürzen wir uns dann ins „Nachtleben“. Per U-Bahn fahren wir zum Wissenschaftszentrum Kopernikus. Doch uns steht nicht der Kopf nach Bildung, sondern nach Genuss und schönen Fotomotiven 😎.

Da das Zentrum nicht wie erhofft beleuchtet ist, zieht Stefan schon mal weiter zum E-Werk in der Nähe. Währenddessen lasse ich mich am Ufer der Weichsel nieder und genieße bei einem kühlen Radler – Kasia, ich weiß, Alkoholgenuss in der Öffentlichkeit ist verboten 😅! – die heitere Atmosphäre einer 24 Grad warmen, tropischen Sommernacht. Gute Musik schallt von den zwei Gastro-Booten. Und ich stelle amüsiert fest, dass ich hier, inmitten von zahlreichem Jungvolk, den Altersdurchschnitt gewaltig hebe 😂. Darauf einen kräftigen Schluck aus der Dose!

Prost!

Dann geselle ich mich zu Stefan. Dort erwartet mich eine tolle Licht-Show auf der Wasserfläche vor dem E-Werk. Das E-Werk selbst ist auch schön beleuchtet. Sah es tagsüber schon gut aus (siehe hier), so kommt es in der Dunkelheit noch besser zur Geltung. Auf dem Areal drumherum sorgen ein großer, gut besuchter Biergarten und diverse gemütlich-stylische Restaurants und Bars für eine angenehm lebendige Stimmung. Der abendliche Ausflug hat sich voll gelohnt!

Spot an!

Als wir später im Hotel die müden Füße hochlegen, werfe ich einen kurzen Blick auf die heutige Statistik. Bei auch heute wieder sehr heißen 33 Grad tagsüber haben wir dennoch eine beachtliche Strecke zurückgelegt. Puh! Doch jeder Meter hat sich gelohnt.

17 Gedanken zu “Warschau – Stadt der Kontraste

  1. Auch dieser Text über Warschau ist richtig schön! Ihr habt sehr viel gesehen und erlebt! Ja, und es ist richtig, ein Herz der Stadt schlägt definitiv in Praga, aber andere Herzen schlagen auch auf der linken Weichselseite – nur nicht in der Altstadt – die wird von den Warschauern beinah schon gemieden. … und essen kann man ganz fantastisch! Im „Tel Aviv“ hab ich mal sehr gutes Hummus gegessen. Habt ihr auch mal traditionelle polnische Arbeiterkost in einer „Bar Mlecne“ probiert?

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    1. Danke, Mareike! Das freut mich sehr. Ja, wir haben in der kurzen und heißen Zeit in der Tat eine Menge gesehen in Warschau. Die traditionelle polnische Küche jedoch haben wir gemieden. Ich bin Vegetarierin, und Stefan ernährt sich rein vegan. Mit der Kombi hätten wir da bestimmt wenig Spaß gehabt 😅.

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  2. super und ich bin völlig begeistert von den U-Bahn Stationen. „Traum in Lila“ einfach genial !!
    Das Foto „Annähernd“ erinnert mich sofort an eine Modeleisenbahn. Ich weiß nicht genau warum, aber der Gedanke kam mir sofort in den Kopf !
    Wenn es auch sehr warm war, besser als Regen, denn dann können Städtereisen schon buchstäblich ins Wasser fallen !

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    1. Freut mich, Manni, dass dir die U-Bahnhöfe gefallen haben. Uns ging es ganz genauso. Ja, es war für eine Städtereise schon ziemlich heiß und von daher auch etwas anstrengend. Aber wie du schon sagst: immer noch besser als Dauerregen!

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    1. Ui, Ich hatte deinen Kommentar seinerzeit natürlich mit Freude wahrgenommen, aber dann das Antworten versäumt 🤦‍♀️. Freut mich, dass dir meine Aufnahmen gefallen haben. Und sehr verspätet auch danke für die guten Wünsche.

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  3. Liebe Elke, Praga scheint ein spannender, pulsierender Stadtteil zu sein. Mir ist das Viertel lediglich ein Begriff, weil ich aus Blonie (wo meine Familie lebt) mit dem Zug die ganzen Stationen passiere, bis ich im Zentrum bin. Zur Bemerkung von @Mareike: ob die Altstadt direkt gemieden wird, kann ich nicht sagen: Fakt ist, dass meine Familie und ich fast nie da sind, außer wenn wir sie einem ausländischen Besucher zeigen wollen 😉 ansonsten gibt es für uns dort nichts zu tun, nach dem Motto, zweimal gesehen, gut ist…

    Es würde dich sicher niemand wegen dem Radler verpetzen oder so, liebe Elke 😉 Die Einheimischen tun das gleiche, einfach mal draußen heimlich einen zwitschern. Ist nicht so, dass wir da abgeneigt wären… 😉 Also, solange die Polizei nicht in der Nähe ist – alles easy…

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    1. @Praga: Steig beim nächsten Besuch doch einfach mal aus. Es wird dir sicher gefallen! @Altstadt: genauso handhaben wir Berliner das z.B. mit dem Nikolaiviertel. @Radler: Ich hatte auch den Eindruck, dass die Einheimischen das ebenfalls eher lässig handhaben 😁.

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