Ein Mittwoch Ende Januar. Nach tristen, grauen Tagen mit viel Regen erwartet mich heute ein Winterwetter, wie es schöner kaum sein könnte. Die Sonne gibt alles, der Himmel schmückt sich mit dramatisch zerrissenen Wolken bei knackigen ein bis drei Grad. Nichts wie raus mit mir!

Am Bahnhof Charlottenburg steige ich in die Regionalbahn Nr. 7, die die Strecke Berlin-Dessau bedient. Ohne Umstieg lande ich in Bad Belzig. Das Städtchen wartet mit einem historischem Stadtkern auf die Besucher – der sich jedoch, was mich betrifft, bis zum Sommer gedulden muss. Denn ich habe heute eine etwas längere Strecke vor mir. Und es ist immer noch tiefster Winter mit entsprechend kurzer Spanne an Tageslicht. Ihr wollt nicht so lange warten und schon jetzt etwas über Bad Belzig erfahren? Bitteschön, hier entlang!

Gleich hinter dem Bahnhof beginnt ein Wanderweg der etwas anderen Art, gut und unübersehbar ausgeschildert.

Fußweg

Aus zwei Kunstwettbewerben in den Jahren 2007 und 2010 ist zwischen Bad Belzig und Wiesenburg ein Kunstwanderweg entstanden. Insgesamt 28 Skulpturen flankieren die beiden Routen. Die Werke sind sehr unterschiedlich, haben jedoch alle einen konkreten Bezug zur Region. Heute entscheide ich mich für die etwas kürzere Südroute, die mir mit rund 17 Kilometern wintertauglicher erscheint als die drei Kilometer längere Nordroute. Letztere hebe ich mir gerne für die wärmere und hellere Jahreszeit auf.

Nur wenige Hundert Meter vom Bahnhof entfernt wartet schon das erste Werk auf mich. Eine Himmelssäule mit ihren fünf knallrot-orangenen Holzkugeln („Axis mundi 2“ von Jens Kanitz) bringt ordentlich Farbe ins Winterleben.

Kugelhagel

Danach passiere ich einige idyllisch gelegene Gartengrundstücke, genieße von etwas erhöhter Position aus einen Blick über Bad Belzig, laufe unter einer Bahnunterführung hindurch und gelange so wieder zur Hauptdurchgangsstraße des Ortes. Wenn ich mir auch heute den Ort selbst nicht anschaue, so nehme ich mir doch die Zeit, dem Wahrzeichen der Stadt zumindest von außen einen Besuch abzustatten. Darf ich vorstellen? Burg Eisenhardt! Sie ist von einer geschlossenen Ringmauer mit begehbaren Wehrtürmen umgeben. Heute morgen habe ich die Außenanlage exklusiv für mich alleine. Und so flaniere ich genüßlich durch das großzügige Gelände.

Branden-Burg
Aus der Röhre
Runde Sache

Vom etwas erhöht gelegenen Terrain der Burg begebe ich mich wieder herab in die Niederungen des nun beginnenden Weges hinaus aus dem Ort und hinein in die Natur. Gleich an der Weggabelung, an der die Nord- auf die Südroute des Kunstwanderweges trifft, steht schon das nächste Kunstwerk. „Die weiße Frau“ von Carsten Tarrach irritiert in Bezug auf ihren Namen, denn etwas Weißes kann ich beim besten Willen nicht an ihr entdecken. Schön finde ich sie natürlich trotzdem 😎. Sie ist buchstäblich aus gutem Holz geschnitzt.

Verkopft

Weiter geht’s, vorbei an sumpfigen Wiesen und auf festen Feldwegen. Und schon lauert das nächste Objekt auf mich. Die „Sphären“ von Marie-Christine Blomme schmücken die Wiese wie überdimensionierte, aus der Form geratene Bowlingkugeln, die auf dem Weg zu den Pins von der Bahn abgekommen sind. „In echt“ sehen die drei Teile übrigens doch eher kugelförmig aus. Da hat mir wohl der Weitwinkel meines Mobiltelefons einen Streich gespielt 😅.

Steinschlag

Bis zum nächsten Kunstwerk muss ich ein etwas längeres Stück des Weges zurücklegen. Nun hat die Landschaft Gelegenheit, sich in den Vordergrund zu spielen.

Spalier der Bäume
Frostig
Gut beschirmt

Allmählich geht der Feldweg in einen lichten Kiefernwald über. Mittendrin, fast zu übersehen in seiner dezenten Ausgestaltung, steht ein Haus aus farbigen Schläuchen. Es ist das „Flämische Haus – eine Transplantation“. Birgit Cauer hat hier, inspiriert von einem historischen Ölbild, den handwerklichen Fähigkeiten der eingewanderten Flamen ein Denkmal gesetzt.

A propos: die Landschaft, genauer gesagt, der Naturpark, den ich heute durchwandere, nennt sich Hoher Fläming. Vor rund 850 Jahren wurde die Gegend systematisch mit Flamen besiedelt. Daher der Name. Dieser südwestliche Teil Brandenburgs gehört zu den am dünnsten besiedelten Gegenden Deutschlands und gilt nicht zuletzt deshalb als Paradies für alle, die Stille suchen. Tatsächlich begegnen mir heute außerhalb der Ortschaften gerade mal eine Handvoll Menschen – und ein Fuchs. Letzterer checkt aus sicherer Entfernung von etwa 50 Metern entspannt die Lage, befindet mich für harmlos oder langweilig und schreitet erhobenen Hauptes seiner Wege.

Auf der weiteren Strecke wechseln sich Wald- und Feldwege ab. Zwischendurch gönne ich mir eine kurze Rast fürs leibliche Wohl, checke die meteorologischen Rahmendaten …

Sonnig und kühl

… und amüsiere mich über den Anblick der unvermeidlichen Fundstücke, die sich wie ein roter Running Gag-Faden durch meine wednesday walks ziehen.

Eingeklemmt

Wenig später taucht linker Hand Egidius Knops „Schwarzstorch im Fläming“ auf. Erst als ich mich genau frontal vor dem Werk aus zwei versetzt stehenden Reihen von Betonstelen platziere, kann ich das Motiv erkennen.

Meister Adebar

Nun wird es hügelig, zumindest für Brandenburgische Verhältnisse. Immerhin bringt es der Hohe Fläming auf stolze 170 Höhenmeter 😎. Das macht den Unterschied! War Berlin, dem ich vor wenigen Stunden den Rücken kehrte, komplett schneefrei, so ziert hier immerhin ein zarter weißer Flaum meinen weiteren Weg. Auch die eine oder andere eisige Stelle ist dabei.

Weißer Flaum

Nun laufe ich ein Stück parallel zur Eisenbahnstrecke, fernab der Straße, immer auf schmalen Waldwegen wie dem auf dem vorherigen Foto. Die Nähe zur Schiene hat sich Karl Menzen zunutze gemacht und aus den Stanzresten aus Teilen der Oberleitung der Bahn Stahlbleche für seine „Fünf Kuben“ gewonnen. Die Würfel sind gefallen!

Würfelspiel

In der Ferne blitzt das Dörfchen Borne auf. Am Ende des Feldweges überquere ich diese wunderschöne Allee, die den Wald mit dem Ort verbindet.

Aufgebäumt

Direkt am Anfang des Ortes steht eine sehr ansehnliche Feldsteinkirche, um die ich natürlich ausgiebig herumschleiche. So viel Zeit muss sein.

Direkt gegenüber hat ein eher unscheinbares Kunstwerk seinen Platz gefunden. Voilà: „Line Up“ von John Walraevens:

Von der Stange

Ich lasse Borne hinter mir und laufe eine Weile an der großen Weite mit den endlosen Aussichten vorbei. An so viel freie Sicht bin ich als Großstädterin gar nicht gewöhnt.

Solitär

Am nächsten Waldrand geben sich die „Stützen“ von Guy van Tendeloo buchstäblich gegenseitig Halt im Leben. Nichts weiteres gibt es, was ihre Lage stabilisiert.

Halt geben

Nach einer Weile im Wald nähere ich mich wieder der Eisenbahnstrecke. Dort hat Hannes Forster das Viadukt künstlerisch auf den Kopf gestellt („Ruhende Brücke“) und dem Bau somit seine eigentliche Funktion geraubt. Alles ist relativ in dieser Welt!

Umkehrschluss
U wie umgedreht

Ein echtes Highlight wartet wenig später mitten im Wald auf mich. Mit ihren verdrahteten „Wölfen“ ist Marion Burghouwt wirklich ein eindrucksvolles Werk gelungen.

Drahtig
Heul doch!

Der Tag schreitet voran. Ich verlasse den Wald, der nächste Feldweg geleitet mich, vorbei an scheinbar endloser Weite und verlockenden Sitzmöglichkeiten meinem heutigen Ziel entgegen.

Mit Schwung

Kurz bevor ich Wiesenburg erreiche, leuchten mir schon von weitem Silke De Bolles schwarz-weiß-gefleckte, an Euter erinnernde Skulpturen entgegen. In der Tat hat die Künstlerin hier einen Wortspiel-Gag gekonnt in Kunst umgesetzt. „Spazieren gehen“ heißt im Niederländischen „kuieren“. Und darin ist das Wort „Uier“ (= Euter) enthalten.

Hüpfbälle

Zieleinlauf in Wiesenburg! Hier endet der Kunstwanderweg. Das eine oder andere Kunstwerk habe ich euch fotografisch und textlich vorenthalten. Ihr sollt ja schließlich selbst noch etwas zu entdecken haben! Auch habe ich mich, was nähere Infos und Interpretationen der vorgestellten Objekte betrifft, eher bedeckt gehalten. Das hätte in der Fülle sonst den Rahmen dieses Blogbeitrages gesprengt. Wer genauer wissen möchte, was die Künstler uns mit ihren Werken sagen wollen, kann sich gerne hier informieren.

Auch das Örtchen Wiesenburg, gerade im nachmittäglichen Dämmer liegend, hat eine wunderschöne Feldsteinkirche zu bieten.

Sakrale Schönheit

Doch die eigentliche Attraktion des Ortes ist der Schlosspark Wiesenburg. In schönster Nachmittagssonne präsentiert er sich, umgeben von fleckig angefrorenem Gewässer.

Hereinspaziert!
Eisige Flecken
Royale Pracht

Schrieb ich eben etwas von Zieleinlauf? Nun, bis zum außerhalb des Ortes gelegenen Bahnhof muss ich noch weitere drei Kilometer zurücklegen. Doch die großteils durch waldiges Gelände führende Strecke ist angenehm zu laufen. Am Bahngelände angekommen, werde ich von einer Reihe origineller Holzköpfe begrüßt. Stellvertretend für den Rest lächeln diese beiden Exemplare freundlich für euch in die Kamera.

Auf den nächsten Zug zurück nach Berlin muss ich nicht lange warten. Und so lande ich am späten Nachmittag glücklich und angenehm müde nach vollbrachtem Tagwerk wieder in Schöneberg.

Fazit des Tages: Alle meine bisher gelaufenen Strecken im Rahmen meiner wednesday walks haben mir gut gefallen. Doch die heutige war wirklich etwas Besonderes. Ich freue mich schon auf die Nordroute in der wärmeren Jahreszeit!

8 Gedanken zu “Wednesday Walks: 8 – Kunstwanderweg Hoher Fläming – die Südroute

  1. Liebe Elke,

    ich gestehe, in dieser Hinsicht bin ich ein Kunstbanause. Die Kunstwerke, welche man so oft draußen sieht, wo aus einem Baumstamm ein Gesicht erwächst oder etwas seltsames auf der Wiese rumliegt (…kann das weg?) geben mir nichts und es gibt echt nicht viel, was mir da gefällt. Die Wölfe allerdings schon, die Wölfe sind der Hammer! Sie haben sowas Geisterhaftes, vor allem in dieser Umgebung.

    Und deine Kommentare unter den Bildern, immer wieder herrlich. „Hüpfbälle“. Dann schaut man genauer hin und denkt sich: ja, stimmt… Am meisten gefallen mir deine Naturaufnahmen. Wie der Baumspalier. Da hast du es geschafft, die Perspektive richtig gut einzufangen. Die sind so riesenhaft! Oder die „Sakrale Schönheit“, mit den Wolken, die in eine Richtung ziehen, wirkt das Bild richtig dramatisch. Als wenn die Kirche gleich wegfliegt 🙂

    Schön, wieder dabei zu sein und mit zu schleichen 😉

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    1. Die Geschmäcker sind ja Gott sei Dank verschieden. Nicht auszudenken, wenn jeder das Gleiche gut finden würde! Dann wäre es mit der Vielfalt wohl schnell vorbei. Ja, stimmt, die Wölfe passten da einfach hin. Sie fügten sich da auf fast natürliche Weise in die Umgebung ein. Und das war von der Künstlerin ja auch so gewollt.

      Danke für dein Kompliment zu meinen Bildunterschriften. Es ist für mich eine schöne Bestätigung, dass du das würdigst. Ich gebe mir auch immer viel Mühe damit. Schön auch, dass dir meine Naturaufnahmen gefallen. Landschaftsaufnahmen fallen mir nämlich gar nicht so leicht. In Städten habe ich es mit der Architektur oder auch der Street Art deutlich einfacher. Das fällt mir mehr „in den Schoß“.

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      1. Das mag man gar nicht glauben, denn deine Landschaftsaufnahmen wirken so gelungen und natürlich, so überhaupt nicht „gewollt“, dass ich eher gedacht hätte, die würden dir in den Schoss fallen 🙂

        Vielleicht ist es auch eine Frage der persönlichen Präferenzen, ich mag Landschaften, glaube ich, lieber als Architektur… 🙂

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