Ende November mache ich mich morgens auf den Weg in den Berliner Norden. Am S-Bahnhof Karow steige ich in die Regionalbahn 27, besser bekannt als Heidekrautbahn. Am Bahnhof Wandlitz steige ich aus. Heute ist ein kühler, trüber und nebliger Tag bei überschaubaren null Grad. Obwohl ich kleidungstechnisch gut gerüstet bin, kriecht die feuchte Kälte gefühlt in alle Knochen.

Deshalb entscheide ich mich spontan gegen einen gemächlichen Rundgang durch den historischen Ortskern und laufe direkt in Richtung meines eigentlichen Zieles. Hinzu kommt, dass virusbedingt alles geschlossen ist, der Ort wie ausgestorben wirkt. Was spricht dagegen, noch einmal zu einer wärmeren Jahreszeit herzukommen und die dann sicherlich etwas lebhaftere Atmosphäre und einen hoffentlich leckeren Kaffee zu genießen? Nichts.

Dennoch ein paar Worte zu Wandlitz. Klingelt es bei euch, wenn ihr den Namen lest? Ganz bestimmt! Das hat sicher vor allem mit der Waldsiedlung Wandlitz zu tun – die übrigens formal gar nicht zum gleichnamigen Ort, sondern zu Bernau gehört. Zu DDR-Zeiten wohnten hier – hermetisch abgeschottet – die höchsten Repräsentanten der Partei- und Staatsführung mit ihren Familien. Hohe Zäune verhinderten allzu neugierige Blicke auf die Ende der 1950er Jahre erbauten Häuser und die dazugehörigen Grundstücke. Für damalige Vorstellungen waren die Häuser sicher sehr komfortabel. Doch aus heutiger Sicht wirken sie eher kleinbürgerlich als luxuriös. Mittlerweile gehört das Gelände im übrigen zu den Michels-Kliniken. Ihr möchtet euch selbst einen Eindruck verschaffen? Dann schaut hier rein. Ich selbst war vor einigen Jahren schon mal dort und hatte mir ein konkretes Bild davon machen können. Heute werde ich die Siedlung jedoch buchstäblich links liegen lassen.

Wandlitz selbst ist gesegnet mit seiner Lage zwischen zwei attraktiven Gewässern (Wandlitzsee und Lipnitzsee). Konsequenterweise nannten die Slawen den Ort Wandelice, zu gut deutsch: Menschen, die am Wasser leben. Zu Hochform lief das Örtchen auf, als die oben schon erwähnte Heidekrautbahn zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Weg zur Karriere als Erholungsort ebnete. Hier ging es vornehm zu, was bis heute wohl – so habe ich es gelesen – an den Villen und Landhäusern abzulesen ist. Den fotografischen Beweis bleibe ich euch heute schuldig, denn ich habe den Rundgang durchs Örtchen ja verschoben 😎. Nächstes Mal …

Was mir auf dem Weg Richtung Wald und Liepnitzsee jedoch nicht verborgen bleibt, ist der große bauliche Kontrast zwischen durchaus schmucken Altbauten und DDR-Architektur. Zwar bin ich heute mehr auf Natur fixiert, aber dies will ich euch dann doch nicht vorenthalten:

Bei Hedwig
Da biste platt!

Nur wenige Hundert Meter hinter diesem Plattenbau-Komplex geht es auf der Höhe eines Hotels hinein in den Wald. Zu dieser Jahreszeit macht es trotz des heute etwas tristen Wetters richtig Spaß, durch diesen schönen Buchenwald zu laufen. Das herabgefallene Laub bereitet mir einen komfortablen, weichen Teppich in stylischem Rotbraun.

Und so wandele ich gut abgefedert durch den stillen Wald, ohne einer einzigen Menschenseele zu begegnen. Statt dessen staune ich zum wiederholten Male über die zuweilen seltsamen Gewächse des Waldes (heute zur Abwechslung in blau). Auch frage ich mich, ob Riesenechsen schon immer grüne Füße mit sechs Zehen hatten 🤔.

Teppichboden
Blaues Wunder
Echsenfuß

Nach etwa eineinhalb Kilometern sehe ich schon den Liepnitzsee durch die Bäume blitzen. Ich biege nach rechts auf den Uferweg ein und erfreue mich an diesem idyllischen Teil des Naturparks Barnim. Auch wenn es heute unangenehm feucht-kalt ist und ich deswegen dazu tendiere, etwas flotter unterwegs zu sein: es gibt einfach zu viel Schönes zu sehen, um eilig daran vorbei zu hecheln! Dank des diesig-nebligen Wetters liegt eine geradezu mystische, geheimnisvolle Stimmung über der einsamen Szenerie, die mich wirklich in ihren Bann zieht.

Verdunstet
Mystik
Nebelwand
Angelrute

Das Stück Land, das ihr auf den Fotos seht, ist übrigens nicht das gegenüberliegende Ufer, sondern die Insel Großer Werder, die, mittig gelegen, einen erheblichen Teil des Sees einnimmt. Im Sommer kann man mit einer Fähre übersetzen. Im Winter bleibt der romantische Blick auf das Eiland. Schaut euch hier einmal die Form des Liepnitzsees an. Sieht er nicht aus wie ein länglicher, etwas aus der Form geratener Bagel mit dem Großen Werder als „Loch“ in der Mitte? Vielleicht geht aber auch nur meine hungrige Fantasie mit mir durch 😄.

Es fällt mir mit jedem Meter schwerer, flotten Schrittes weiterzuwandern. Zu faszinierend sind all die Stämme und Äste der ufernah stehenden Bäume, die sich weit übers Wasser hinweg und teilweise hinein wagen. Auch das Schilf will da nicht außen vor bleiben. Schaut nur, welch tolle Spiegelbilder dabei herauskommen, wenn die Wasseroberfläche so wie heute komplett still daliegt!

Verästelt
Drunter und drüber
Gekritzel
Der Knicks
Baumkunst

Und schwupps ist es schon kurz vor Mittag. Zeit, einen Happen Nahrung einzuwerfen und nebenbei aus reiner Neugier die aktuellen Temperaturen zu checken. Immerhin ein ganzes Grad wärmer als heute morgen! Komisch nur, dass statt Bernau Berlin angezeigt wird. Die App neigt offenbar zu etwas gröberen geografischen Zusammenfassungen.

Bescheidenes Mahl
Kurz vor Schweißausbruch 😎

Ich laufe weiter und erreiche wenig später das kleine Bauern- und Fischerdörfchen Ützdorf. Genau wie Wandlitz liegt es an diesem kühlen Spätherbsttag mitten in der Woche – und dann noch zu Corona-Zeiten – wie ausgestorben da. Das einzige, was meine Aufmerksamkeit erregt, ist ein nostalgischer und auffallend gepflegter Bus. Der hat doch was, oder? Aber wer weiß, ob und wenn ja, wann und wohin er fährt. Und schließlich bin ich ja auch zum Wandern hier 😎.

Schöner fahren

Vorbei an geschlossenen Restaurants und verwaisten Badestellen setze ich meinen Weg entlang des Seeufers fort. Hin und wieder begegnen mir vereinzelt ein paar Wanderer. Aber alles in allem bleibe ich mehr oder weniger alleine auf weiter Flur. Welch ein Genuss, wenn man wie ich im Zentrum einer Großstadt lebt und meist recht viele Leute um sich herum hat, sobald man seine eigenen vier Wände verlässt! Abwechselnd schaue ich auf den festen Boden unter meinen Füßen und dann wieder auf den vernebelten See. Um mich herum die große Stille. Schön!

Angehäuft
Seeidyll
Abgedampft

Kurz hinter dem Waldbad Liepnitzsee biege ich scharf nach rechts ab. Allerdings nicht scharf genug, wie sich ein Weilchen später beim Blick auf GoogleMaps herausstellt. Und so gönne ich mir einen Nachschlag in Form von etwa zwei Kilometern Umweg. Doch da er mich weiter durch schönen Wald führt, ist das alles halb so wild. Vorbei an den Drei Heiligen Pfühlen – drei eher unspektakulären, von Bäumen und den ersten jetzt wieder ins Blickfeld geratenden Häusern verdeckten Teichen – begebe ich mich auf die Schlussetappe in Richtung Bahnhof Wandlitzsee. Noch ein letztes Mal durchs Laub geraschelt und gewühlt …

In die Vollen

… und schon bin ich wieder in der Zivilisation angelangt. An besagtem Bahnhof warte ich auf die nächste Regionalbahn, die bereits wenige Minuten später einfährt. Glück gehabt! Denn hier fährt nur ein Zug pro Stunde in Richtung Berlin. Als ich in Karow wieder in die S-Bahn steige, setzt bereits die Dämmerung ein. Die Dunkelheit erwartet mich, als ich in Schöneberg den U-Bahnhof verlasse. Zu den 12 „regulären“ Kilometern meiner heutigen Wandertour gesellen sich besagte zwei Kilometer Umweg und die üblichen Strecken von und zu den öffentlichen Verkehrsmitteln. Nach rund 15 Kilometern auf den Beinen verabschiede ich mich zuhause in den wohlverdienten Feierabend. Bis zum nächsten Mal!

15 Gedanken zu “Wednesday Walks: 3 – Mystische Stimmung am Liepnitzsee

  1. Stimmungsvolle Bilder. Die Spiegelungen am Wasser sind grandios. Und erst die grünen „Füßchen“ 🙂 Der Wald formt manchmal die tollsten Skulpturen. Auf einer Wanderung bin ich auf dieser Weise schon mal einer ganzen Gruppe von „Zwergen“ und „Kobolden“ begegnet…

    Wie war das, Masken wachsen jetzt auf Bäumen?? Ach hätten wir das zu Anfang des Jahres schon gewusst… 😉

    Liebe Grüße
    Kasia

    Gefällt 1 Person

    1. Zwergen und Kobolden wäre ich auch nicht abgeneigt. Hauptsache, sie fangen nicht an, mit mir zu reden 😅. Schon toll, was die Natur so bietet! Ja, wir hätten eine Menge Kohle sparen können, wenn wir früher gewusst hätten, dass das Zeug auch auf Bäumen wächst 🤓.

      Gefällt 1 Person

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