Die englischste Stadt außerhalb Europas mit ihren markanten grauen neogotischen Häusern, Parks und Rosengärten wurde am 22. Februar 2011 von einer der heftigsten Naturkatastrophen erschüttert, die das Land bisher heimgesucht hat. Das Erdbeben der Stärke 6,3, eigentlich „nur“ eines der vielen Nachbeben des starken Bebens vom Jahr davor, fordert nicht nur 185 Menschenleben, sondern richtet vor allem im Zentrum verheerende Sachschäden an. Geschätzte 50 bis 75% der historischen Bausubstanz sind für immer verloren. Innerhalb von drei Tagen gelang es, auch mit Hilfe aus dem Ausland, in großen Teilen der Stadt die Stromversorgung wiederherzustellen. Die Rekonstruktion der Wasser- und Abwasserversorgung dauerte wesentlich länger.

Das englische Antlitz der Stadt ist verschwunden, auch wenn man sich hier bemüht, es beim Wiederaufbau in Ansätzen zu bewahren. Das neue Gesicht von Christchurch ist modern, funktional und design-lastig mit einem erfrischenden Schuss Kreativität, Einfallsreichtum und Optimismus. Das Ganze immer unter der Vorgabe, für die nächsten Beben, die so sicher kommen werden wie das Amen in der Kirche, besser gerüstet zu sein und entsprechend anders zu bauen.

Als ich mir heute bei einem ausgiebigen Rundgang einen ersten Eindruck von der Stadt verschaffe, weiß ich nicht, ob ich froh oder traurig darüber sein soll, dass ich Christchurch vor dem Beben von 2011 nicht kenne. Einerseits schade, denn so muss ich mir anhand von Fotos eine Meinung bilden. Andererseits wäre mir wohl das bis heute stark sichtbare Ausmaß der Zerstörung noch mehr an die Nieren gegangen, hätte ich mit eigenen Augen gesehen, wie schön diese Stadt einmal war. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass Christchurch wieder in voller Schönheit erstrahlen wird, nur eben anders als bisher.

Es wird von verschiedenen Seiten immer wieder Erstaunen bis hin zu Unverständnis geäußert, wieso nach mehr als sechs Jahren immer noch so viele Spuren der Zerstörung im Stadtbild sichtbar sind und weshalb der Wiederaufbau nicht schneller vorangeht. Etliche Baustellen, Brachen, abgesperrte Flächen, notdürftig abgestützte Gebäude und Ruinen zieren bis heute die Innenstadt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Finanzielle Probleme, schwierige Bodenverhältnisse, Fachkräftemangel im Bausektor, Abstimmungsprobleme zwischen den Beteiligten. Nun, es wird wohl noch Jahrzehnte dauern. Aber es ist auch bereits eine Menge geschehen. Ich versuche, euch mit meinen Fotos ein paar Eindrücke zu verschaffen.

Nun aber rein ins Getümmel der nach Auckland und Wellington drittgrößten Stadt Neuseelands! Nach der notwendigen Stärkung im „The Villas“, wo mir zwar ebenfalls keine leichte, deshalb aber umso leckerere Kost als Frühstück (wer es genauer wissen will: Tofu mit Tomaten, Avocado, Hash Browns und gerösteten Sonnenblumenkernen) serviert wird, …

… trabe ich los.

Wenn man sich am westlichen Rand der Innenstadt umschaut, wo weniger Schäden entstanden, kann man sich in etwa vorstellen, welches Flair die Stadt verbreitete. Hier seht ihr z.B. das Arts Centre, das ebenfalls beschädigt war, und bereits weitgehend wieder saniert ist.

Gleich um die Ecke lauert mit dem Canterbury Museum das nächste schöne Exemplar an Backsteinkunst.

Quasi im „Hinterhof“ des Museums macht sich das Christ’s College umfangreich breit.

Im Zentrum des Zentrums erwartet mich dann die angekündigte wilde Mischung aus Alt und Neu, Baustellen, Brachflächen, Verfall und Kunst im öffentlichen Raum.

Schaut bei dem Bild hier über dem Text einmal ganz genau hin. Seht ihr den kleinen, grauen „Fleck“ in der unteren Bildmitte? Da schwimmen zwei Plastikenten! Ein erfrischender Kontrapunkt zum deprimierenden Anblick der Ruine, wie ich finde.

Gleich um die Ecke liegt die charmante und lebhafte New Regent Street mit ihren vielen Cafés und Restaurants, …

… in bester Nachbarschaft eines Theaters.

Vorbei an einem schnöden Parkplatz mit toller Street Art …

… schlendere ich vorbei an einer gerade angezuckelten historischen Tram …

… weiter zum Cathedral Square, dem einstigen Herzen der Stadt. Das berühmte Wahrzeichen hat ebenfalls schwere Schäden erlitten und sollte abgerissen werden. Verschiedene Gruppierungen setzten jedoch vor zwei Jahren gerichtlich durch, dass sie wieder aufgebaut wird. Wann immer das auch sein wird. Zur Zeit jedenfalls wird die Ruine nur notdürftig abgestützt. Hier ist das gute Stück mitsamt dem Platz in seiner heutigen Erscheinung. Zum Vergleich seht ihr auf der Infotafel, wie es hier vor dem Big Shake ausgesehen hat.

Als temporärer Ersatz für die zerstörte Kirche und auch als Symbol für das Neue fungiert seit 2013 etwas weiter entfernt die Cardboard Cathedral. 700 Menschen passen in den vornehmlich aus Pappröhren bestehenden Bau. Verstärkt durch Stahl, dem Dach aus Polycarbonat und einigen Schiffscontainern als „Seitenschiffe“ ist sie gegen Feuer und Wasser imprägniert. Ich bin sehr beeindruckt von dem Teil! Da muss man erst mal drauf kommen!

Eine Straßenecke weiter stolpere ich über die Gedenkstätte „Empty White Chairs Earthquake Memorial“. Der Künstler Pete Majendie hat hier als Erinnerung an jedes Todesopfer von 2011 insgesamt 185 weiße Stühle installiert. Jeder Stuhl ist genauso individuell wie es die Menschen waren, die bei dem Erdbeben ihr Leben lassen mussten. Sehr bewegend.

Auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel begegnen mir immer wieder Ruinen zwischen all den Neubauten.

Nach einer Weile stehe ich dann vor der Re:START Container Mall (siehe auch heutiges Titelbild). Schiffscontainer sind eine gute Lösung, wenn es an festen Gebäuden mangelt. Hier ist Leben in der Bude! Inmitten der netten Shops, Cafés und Foodtrucks …

… nehme ich unter weihnachtlichen Vorzeichen mein Mittagessen ein und verquatsche mich mit einem netten Paar aus Süddeutschland, das an meinem Tisch Platz nimmt. Der Nachmittag schreitet voran. Es ist ziemlich heiß geworden, und mein Kopf ist randvoll von den vielen Eindrücken, die heute auf mich eingeprasselt sind. Zeit für einen Szenenwechsel!

Am ultramodernen Busbahnhof …

… hüpfe ich in einen Bus der Yellow Line, die mich in rund 20 Minuten an den Strand von New Brighton, einen Vorort bzw. Stadtteil von Christchurch bringt. Dort bläst mir bei einem längeren Strandspaziergang die frische Pazifikbrise den Kopf frei. Mein grüner Begleiter läuft dabei zu kreativer Hochform auf und erfindet eine neue Sportart: Muschelsurfen! Klappt auch an Land.

Bei mir hingegen reicht es nur für ein schnödes Schatten-Selfie.

New Brighton kann aber nicht nur Strand, sondern auch alte …

…und moderne Architektur (in Form einer Bibliothek direkt am Pier) …

In Sachen Street Art geht natürlich auch was.

Zurück im Städtchen, laufe ich vom Busbahnhof zurück Richtung „Heimat“ und komme dabei noch an diesen beiden Gebäuden vorbei, die mir aus unterschiedlichen Gründen auffallen.

Im lauschigen Innenhof meines Motels …

… lasse ich den Nachmittag ausklingen. Was für ein Tag in einer faszinierenden Stadt!

8 Gedanken zu “Tag 35 – Christchurch: Reloaded

  1. Ja, tolle Eindrücke. Schön, dass die Stadtväter und -mütter, der Stadt auch die Möglichkeit geben neu und modern zu wachsen und nicht zwingend im alten Gewand wieder aufstehen zu müssen. Und ja Bürger und Touris werden ein bischen Geduld haben müssen, der BER ist auch nicht an einem Tag gebaut worden.
    😜😜😜
    See ya very soon. Schön warm anziehen für good old Germany.

    Gefällt 1 Person

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