29. Juni 2022

Wie bereits im gestrigen Bericht angekündigt, hat sich meine Abreise aus Salt Lake City in den nächsten Tag gemogelt. Da ich rechtzeitig über die Verspätung im Bilde war, fahre ich entsprechend später per Uber zum Bahnhof. Bahnhof? Nun, das improvisierte Etwas, in dem Amtrak mit einem Schalter, einem kleinen Büro, einem Warteraum und Toiletten untergekommen ist, ähnelt eher …, ach, seht selbst!

Baracke

Die kleine Wartehalle ist schon gut gefüllt, als ich dort ankomme. Doch ich weile lieber draußen. Warm genug ist es ja, selbst jetzt, nach Mitternacht.

Als der Zug mit den rund 90 angekündigten Minuten Verspätung einfährt, dauert es noch ein Weilchen, bis es weitergeht. Doch irgendwann ist es soweit. Alle, die hier aussteigen wollten, sind raus, wir „Neuen“ auf unsere passenden Wagen verteilt. Das Personal in den Schlafwagen hat jetzt richtig Stress. Denn nun ist nicht nur Kabinen-, sondern auch Bettenwechsel. Alles muss ab- und neu bezogen, aufgeräumt, neu eingeräumt und zumindest grob gesäubert werden. So ist das bei Stopps mitten in der Nacht.

Meine SCA (Sleeping Car Attendant) Tess gibt sich alle Mühe, und bleibt bei aller Hektik immer freundlich und humorvoll. Um 1:30 Uhr liege ich schließlich im frisch gemachten Bettchen meiner kleinen Roomette. Und kann erst mal eine ganze Weile nicht einschlafen. Denn um diese Uhrzeit bin ich schon über den toten Punkt hinweg. Doch irgendwann siegt die Erschöpfung, und ich falle in einen tiefen, komatösen Schlaf.

Um kurz nach sechs Uhr wache ich auf. Ich habe definitiv nicht genügend Schönheitsschlaf halten können. Doch eine ordentliche Portion Reise-Adrenalin und die Vorfreude auf mein nächstes Ziel pushen mich hoch und wach. Ich bleibe weiter gemütlich liegen, schiebe aber neugierig die Vorhänge zur Seite. Draußen steht ein weiterer sonniger Tag in den Startlöchern und präsentiert mir unterschiedliche landschaftliche Szenarien, die im 20-Minuten-Takt wechseln. So viel besser als fernsehen 😎! Schaut euch ruhig alle Videos an. Keines ist länger als eine Minute.

Und damit nicht genug! Auch das Amtrak-Personal gibt schon am frühen Morgen alles, um seine Gäste im Zug gut zu unterhalten. Man kann seine Ansagen einfach lieblos herunterrattern. Oder man macht es so:

Oder so:

Da wurde doch auch gerade vom Essen gesprochen. Her mit dem Frühstück! Und zur Feier des Tages – und weil dies mein letzter der beiden Streckenabschnitte in einem eigenen Schlafkabinchen ist – lasse ich es mir exklusiv in meine Privatgemächer liefern. Zugegeben, ich habe schon besser gefrühstückt! Aber hier zählt der Erlebnischarakter und nicht das Essen selbst. Und satt geworden bin ich auf jeden Fall.

Mit Zimmerservice

Nach dem Frühstück widme ich mich wieder der Landschaft. Schon wieder schaut es vor dem Zugfenster anders aus! Fast bedauere ich, dass ich schon bald aussteigen werde.

In Utah losgefahren, in Nevada aufgewacht, in Kalifornien nach rund zehnstündiger Fahrt ausgestiegen. So kann‘s gehen, wenn man über Nacht fährt. Hier in Kalifornien ist Pacific Standard Time. Ich gewinne also noch mal eine Stunde dazu und hinke euch in Deutschland jetzt neun Stunden hinterher. Der California Zephyr, der in Salt Lake City mit 100 Minuten Verspätung losfuhr, hat über Nacht ordentlich aufgeholt. So lande ich mit nur noch rund einer Stunde Verspätung in Truckee.

Aufholjagd

Schon auf den letzten Metern im Zug zwischen der Spielerstadt Reno und Truckee, wo ich den Zug verlasse, nehme ich wahr, dass die Natur hier ganz anders aussieht. Vielleicht nicht ganz so spektakulär wie die Rockies und diese unglaublichen Landschaften auf der Strecke durch Utah, aber auch total schön! Und deutlich grüner, irgendwie auch europäischer und damit vertrauter.

Wald und Fluß

Als ich in Truckee aussteige und mich von Tess – das ist die Dame links mit der coolen, gelben Brille – verabschiede, …

Ton in Ton

… atme ich erleichtert auf. Angenehme 25 Grad, klare Luft und schönster Sonnenschein empfangen mich, als ich auf den Bahnsteig trete. Ich gehöre nun mal zu der Fraktion, die sich unterhalb der 30-Grad-Marke deutlich wohler fühlt.

Truckee liegt nicht direkt am Lake Tahoe. Doch von hier aus fahren regelmäßig Busse nach Tahoe City. Die etwa 40-minütige Fahrt dorthin ist nicht nur kurzweilig, sondern – wie alle Busstrecken hier in der Region – auch kostenlos. Das Warten auf den nächsten Bus …

Transportiert

… verkürze und versüße ich mir mit einem netten Gespräch mit der Dame in der Touristeninformation, vor deren Tür sowohl die Züge als auch die Busse halten. Das geht doch schon mal gut los hier 😎.

In Tahoe City angekommen, laufe ich direkt zu meiner Unterkunft. Auf dem Weg dorthin bewundere ich diesen vorbildlich angelegten Kreisverkehr für Radfahrer. Hier wurde wirklich an alles gedacht!

Roundabout

Im Motel angekommen, kann ich netterweise direkt einchecken, obwohl ich mehr als zwei Stunden zu früh da bin. Ich hatte meine vorzeitige Ankunft schon vorab angekündigt. Und da wurde die Reinigung meines Zimmers extra vorgezogen.

Ich beziehe meine einfache, aber sehr gemütliche und liebevoll eingerichtete Unterkunft. Hier lässt es sich für drei Nächte gut aushalten.

Bärenhöhle
Willkommen!
Besetzt
Hoffnungen und Träume

Ich ignoriere meine durch die schlafarme Nacht verursachte Müdigkeit und drehe eine erste Runde am Seeufer und durchs Örtchen. Ohne Übertreibung kann ich sagen: es ist Liebe auf den ersten Blick! Zumindest bei mir. Was der Ort und der See von mir halten, bleibt ihr Geheimnis.

Ich nehme Witterung auf und checke auch die Stimmung, das Setting, das Publikum. Das ist hier eindeutig ein ganz anderer Plot als in Salt Lake City oder generell in Utah. Überhaupt empfinde ich es jedes Mal so, wenn ich von einem US-Bundesstaat in den nächsten reise. Immer habe ich das Gefühl, ich sei in ein anderes Land gebeamt worden! In meiner Nachttischschublade liegt übrigens neben der Bibel auch ein Buch über Buddhismus. Kalifornien eben 😁.

Bibel und Buddha

Der Ort ist sehr kompakt angeordnet. Alles liegt recht dicht beieinander und vor allem in Laufweite. Das lobe ich mir als Autolose. In einem der Lokale am Truckee River – der den See im übrigen nicht füttert, sondern ihn abführt – gönne ich mir ein Mittagessen. Während des Wartens habe ich Zeit und Muße für ausgiebige Sozialstudien. Das Publikum ist sowas kalifornisch lässig, chillig, hipsterig, cool, flippig und modisch. Der ganze Habitus der Leute spricht für sich. Ach, es ist schwer zu erklären und zu vermitteln. Aber wer von euch schon mal dort war, weiß, was ich meine.

Beim anschließenden Verdauungsspaziergang bewundere ich gigantische Tannenzapfen, …

Zapfenstreich

… tauche meine in den letzten Wochen arg strapazierten Füße in das eiskalte Nass des Flusses, …

Eisgekühlt

… und stelle beim Blick auf meine Wetter-App zufrieden fest, dass mir das schöne Wetter und die moderaten Temperaturen auch in den nächsten Tagen erhalten bleiben.

Bestens!

Anschließend unternehme ich einen kleinen Vorratseinkauf. Ja, sogar ein Supermarkt ist in Laufweite. Das bin ich schon gar nicht mehr gewohnt!

Am Abend statte ich dem kleinen Hafen einen Besuch ab und geniesse die frühabendliche Atmosphäre am Wasser. So schön ❤️!

Als sich dieser schöne, aber auch lange Tag seinem Ende zuneigt, ziehe ich mich in mein Motelzimmer zurück. Das Schlafdefizit fordert seinen Tribut. Heute werde ich nicht alt 😎.

6 Gedanken zu “Von Salt Lake City zum Lake Tahoe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s