Der eigentliche Anlass für meine Reise nach Bordeaux war künstlerischer Natur. Und so mache ich mich heute per Tram und Bus auf den Weg in den hohen Norden der Stadt, genauer gesagt nach Chartrons.

Während des zweiten Weltkriegs baute eine paramilitärische Truppe der Nazis, die sogenannte Organisation Todt hier einen U-Boot-Bunker. Die späteren Luftangriffe der Alliierten überstand dieser unbeschadet. Und so stand nach dem Krieg die Frage im Raum: was machen wir mit so einem Klotz?

Gebunkert

Die Base Sous-Marine, so der französische Name des Bunkers, war jedoch bei weitem nicht das einzige Bauwerk hier in der Hafengegend. Bereits im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden hier Docks für Frachtschiffe und Sportboote. Zu den Trockendocks gesellten sich Werkstätten, Speicher, Industrieanlagen und in der Folge auch Wohnungen für die Arbeiter. In den 1980er Jahren wurde der Hafen dann flussabwärts verlagert. Das Gelände verödete.

Ende der 1980er Jahre packte Bordeaux die Umnutzung der Hafenbecken entschlossen an. Und wie! Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die monströsen grauen Riesen der einstigen U-Boot-Station werden seitdem für Ausstellungen, Konzerte, Theater und Tanz genutzt. Und auch sonst hat sich eine Menge getan in diesem so schön am Wasser gelegenen Teil von Chartrons. Doch dazu später.

Seit dem Frühjahr geben sich hier in den kolossalen Hallen digital aufbereitete Werke von Gustav Klimt und Paul Klee die Ehre. Das lasse ich mir doch nicht durch die Lappen gehen! Ich habe mir bereits vor meiner Abreise online ein Zeitfenster-Ticket für heute morgen gesichert. Und so betrete ich nach nur kurzer Wartezeit gespannt den stockdunklen Bunker der Bassins de Lumières mit seinen insgesamt vier Becken.

Nach wenigen Minuten gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Und dann geht der „Film“ auch schon los! Etwa 50 Minuten lang läuft die geniale Präsentation entlang der mächtigen Mauern und reflektiert in den Bassins, stets untermalt von klassischer Musik. Letztere entspricht nicht so meinem Geschmack. Doch ich muss zugeben: zu den Werken und dem Setting passt sie ganz hervorragend. Um euch eine konkrete Vorstellung zu vermitteln, wie die Ausstellung gestaltet ist, habe ich zur Präsentation jedes Künstlers ein kurzes Video aufgenommen. Schaut unbedingt rein! Hier kommt Klimt, …

… gefolgt von Klee:

Die Menge verläuft sich in dem riesigen Areal. Und so suche ich mir ein schönes Plätzchen und schaue mir den rund 50-minütigen Film erst einmal von Anfang bis Ende an. Meine zweite Runde wird lebhafter. Ich laufe herum, suche gute Fotospots, warte auf den richtigen Moment und drücke auf den Auslöser. Hier eine kleine Auswahl meiner Ausbeute:

Goldtaler
Vergilbt
Im Rausch der Farben
Spielwiese
Rote Flecken
Gewellt
Segel setzen
Ich seh‘ rot!
Augenblicke

Hat was, oder? Ich jedenfalls bin restlos begeistert. Nach zwei wunderbaren Stunden in der Dunkelheit trete ich wieder hinaus ins nun grell anmutende Tageslicht. Diese Ausstellung werde ich wohl so schnell nicht vergessen!

Bevor ich meinen Weg fortsetze, werfe ich am Rand des Hafenbeckens einen Fernblick auf die Szenerie, die ich im Anschluss näher unter die Lupe nehmen werde.

Wolkenpracht

Anschließend umrunde ich das Becken und nähere mich den Gebäuden, die ihr auf dem vorherigen Foto gerade von weitem gesehen habt.

Meine Gelüste nach einem Mittagessen überfallen mich wenig später an passender Stelle. Direkt hinter diesen Relikten aus vergangenen Zeiten …

Kran meets Doppeldecker

… liegt eine tolle „Strand“bar, die zum Event-Schiff „iBoat“ gehört. Mit Blick auf die Szenerie zu Lande und zu Wasser vertilge ich genüsslich meine Portion handgefertigter Nudeln, die der nette junge Mann in dem grünen Wagen (siehe nächstes Foto im Hintergrund) für mich zubereitet und mir sogar außerplanmäßig an den Tisch bringt.

Siesta
Wilde Tiere!
Betten auf Paletten

Ich bin danach zwar gut gesättigt. Doch ein gepflegtes Verdauungsschläfchen auf den auf dem Gelände der Strandbar aufgebauten Liegeflächen verkneife ich mir dennoch. Zu groß sind Neugier und Entdeckerdrang.

Immer am Wasser entlang führt mich der Weg zu den teils schon fertiggestellten, teils noch im Bau befindlichen Projekten. Und so werde ich Zeugin einer Metamorphose der Stadt. Auf dem einst verwahrlosten Terrain um die Wasserbassins des alten Hafens herum entstehen Büros, öffentliche Einrichtungen, Wohnungen, Geschäfte und Gastronomie. Doch auch Altbewährtes hat und behält seinen Platz. So kann man z.B. an der École de Cirque Trapezkünstlern beim Üben oder den Jungs von „Garage Moderne“ beim Schrauben an Autos und Fahrrädern zuschauen. Die besagte Garage bietet übrigens neben Kunst auch eine Kantine und kulturelle Veranstaltungen für die interessierten Besucher an.

Die Kunst kommt auch ansonsten nicht zu kurz. Und gleichzeitig wird mit den Bautätigkeiten auch bzgl. der Infrastruktur der Lückenschluss zum Quartier Bacalan vollzogen. Und am unteren Ende der alten Hafenbecken landete 2018 als künstlerische Krönung das „Spaceship“. Was für ein Hingucker!

Schöner bauen
Das ganze Ausmaß
Enterprise?

„Was ist das denn für ein Gebäude rechts oben im Hintergrund?“, höre ich euch an dieser Stelle fragen. Geduld! Darauf komme ich in meinem Bericht zu Tag 6 ausführlich zurück.

In Bacalan angelangt, erfreue ich mich erst an origineller Straßenkunst …

Ausgelaufen!
Hinter den Kulissen
Schleusenwärter

… und dann am originell gestalteten Gelände von „Les vivres de l’art“. Aus dem ehemaligen Schlachthof – der verbliebene Rest eines Marinedepots aus dem 18. Jahrhundert – ist ein vielseitiges Kulturzentrum entstanden. Im Innen- und Außenbereich finden Konzerte und Ausstellungen statt. Zudem sind hier Ateliers entstanden.

Rostige Zeiten
Verköstigt
Langer Lulatsch

Jetzt muss eine Pause her! Da kommen mir die nahegelegenen Hallen von Bacalan gerade recht. Seit 2017 erfreuen die im Stil einer Markthalle eingerichteten Räumlichkeiten Einheimische und Besucher. Genüsslich schlürfe ich ein Frucht-Smoothie und beobachte das Geschehen um mich herum.

Hallig
Gaumenfreuden

Anschließend hinein in die nächste Tram und auf zu meinem nächsten Ziel! Im Norden der Stadt liegt der Stadtteil Lac. Nachdem in den 1960er Jahren die umliegenden Sümpfe trockengelegt wurden, blieb ein See übrig. Daher der Name. Ich belasse es jedoch dabei, mir in der Gegend nur das Fußballstadion anzusehen. Das Stade Matmut wurde anlässlich der EM 2016 erbaut. Der FC Girondins ist hier zuhause. Doch heute spielt (sich) hier nichts (ab)! Und so bin ich die einzige Besucherin des Areals – natürlich nur von außen. Die Architektur des Stadions war es, die mich hierher lockte. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Luftig leicht

Puh, jetzt bin ich „durch“! Auch an diesem Tag brennen gnadenlose 29 Grad auf mich nieder. Ein Großteil der heute gelaufenen Strecke bot keinen Schatten. Und so lasse ich mich von der Tram zurück ins Stadtzentrum kutschieren und lege anschließend eine kleine Siesta im Hotel ein.

Gegen Frühabend ziehe ich wieder los. Die Tram bringt mich bis zum Pont de Pierre (die steinere Brücke, ihr erinnert euch sicher an den Bericht zu Tag 2), den ich zu Fuß überquere. Am rechten Flussufer angekommen, werde ich mit einer tollen Abendstimmung mit Blick auf die Altstadt auf der anderen Seite belohnt. Auch mein grüner Begleiter ist ganz entzückt.

Abgefahren
Der Alte Sack und der Fluss

Und so genieße ich diesen unbeschwert-leichten Sommerabend, angereichert durch Livemusik, und schaue verträumt zu, wie sich Sonne und Tageslicht in den Feierabend verabschieden. Ich nehme mir ein Beispiel und tue das auch 😎. Bis morgen!

Fahrgeschäfte
Sundown

11 Gedanken zu “Tag 3: Bordeaux – Von Bunkern und Raumschiffen

  1. Also vorneweg: der Wolkenhimmel war an diesem Tag ja DER Hingucker! Ich bin ganz begeistert.😍🌤 Aber die Ausstellung kann da natürlich locker mithalten. Wie gerne hätte ich die auch live gesehen! Ein Träumchen! Und deine Bilder sind sehr gelungen!👍
    Was mir auch sehr gefallen hat: die „Waschmaschine“ und der „Turm“ darunter – Hammer!👌🏼
    @Space Ship + Stadion: wie findest du nur immer solche Kuriositäten oder originelle Bauten? Gibt’s dafür einschlägige Seiten? Sorry, falls ich das schon mal gefragt habe.🙈

    Gefällt 1 Person

    1. @Ausstellung: die hatten wegen Corona ja lange Ausfallzeiten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Ausstellung eventuell bis weit ins nächste Jahr verlängert wird. Vielleicht ergibt sich ja noch eine Gelegenheit für dich! @Spaceship: das lag quasi auf der Strecke entlang der alten Hafenbecken zwischen dem Bunker und dem Viertel Bacalan. Ich wusste davon vorher nichts. @Stadion: ich hatte im Vorfeld Google wegen moderner Architektur in Bordeaux „befragt“. Da bin ich also in der Tat ganz gezielt hingefahren. Vorab-Recherchen bzgl. moderner Architektur mache ich eigentlich immer kurz vor den jeweiligen Reisen.

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Elke
    hiermit nominiere ich Dich für den Sunshine Blogger Award.Ich wurde letzte Woche selbst von einer Bloggerin http://gedankenmusik.com
    nominiert und mache nun weiter. Wenn Du keine Lust oder Zeit hast, den Award anzunehmen, auch ok. Ist ja nicht UNaufwändig. Näheres morgen ab 06:00 Uhr auf meinem Blog. Ich freue mich auf viele weitere Nominierer .
    Liebe Grüße Lore

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