21. Juni 2022

Am Morgen unternehme ich einen kleinen Spaziergang zum Colorado River und kühle anschließend meine trockene Kehle mit einem Iced Latte im Städtchen. Das ist auch bitter nötig bei 33 Grad! Dann ist noch Zeit, um im Hotel meine ausstehende Korrespondenz zu erledigen und meine Sachen zu packen.

Gegen Mittag holt mich Christina mit ihrem Auto im Hotel ab und serviert mir eine unvergessliche Tour durch das Wein- und Obstanbaugebiet um Grand Junction herum!

Wir beginnen mit dem Besuch der Arbeitsstätte ihres Mannes Horst. Der Argrarwissenschaftler ist Professor für Weinanbau am Western Colorado Research Center der Colorado State University. Und nun ist er so nett und zeigt mir nicht nur die Räumlichkeiten, sondern auch die praktische Seite der Versuchsstätte für Wein- und Obstanbau. Ich betrachte die Weinreben und höre gespannt zu, was Horst mir darüber berichtet. Ich werfe auch einen Blick auf noch unreife Pfirsiche und schon etwas reifere Kirschen. Letztere werden dann auch Opfer eines hinterhältigen Mundraubs.

Weinselig

Danke, Horst, für die Zeit, die du dir genommen und mich überall herumgeführt hast. Ich fand es total spannend! Nun geht’s weiter zu verschiedenen Weingütern in der Umgebung und diversen kleinen Läden, in denen die Farmer ihre eigenen Produkte verkaufen. Christina hat hier ein Heimspiel und kennt einige tolle Locations, die ich als unbedarfte Touristin nie und nimmer entdeckt hätte. Auch die schönen Lavendelfelder wären mir durch die Lappen gegangen. Und eine sympathische Gesprächspartnerin sowieso!

Buy local
Im Lavendel

Und so fahren wir, immer munter plaudernd, von einer schönen Location zur nächsten, vorbei an einigen Weingütern. Dabei posen die Book Cliffs – ich erwähnte sie bereits im gestrigen Bericht – immer im Hintergrund.

Gefächert

Zwischendurch statten wir noch Christinas Freundin Leslie einen spontanen Kurzbesuch ab. Was für eine nette Begegnung! Und rechtzeitig denke ich noch daran, ihr mein Mobiltelefon in die Hand zu drücken für ein Erinnerungsfoto von Christina und mir.

The beauties 😎

Gegen Ende unserer Spritztour fahren wir noch durch Palisades durch. Schade, dass mir jetzt die Zeit etwas im Nacken sitzt! Denn dort hätten wir gerne noch einen gemeinsamen Kaffee getrunken. Next time!

Stattdessen geht’s zurück zum Hotel, wo wir uns herzlich voneinander verabschieden. Danke für diesen wunderschönen Nachmittag! Ich habe viele schöne Erinnerungen an meine Zeit in Grand Junction. Doch die Begegnung mit Christina und die Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, waren mein Highlight.

Jetzt ruft die Pflicht. Ich hole mein Gepäck aus dem Hotel und laufe hinüber zum nahegelegenen Bahnhof. Schon bald werde ich wieder im Zug sitzen. Und kurz vor der Abfahrt lerne ich eine neue Variante der AMTRAKschen Zettelwirtschaft kennen. Hier in Grand Junction bekomme ich mein Kärtchen mit dem Zielbahnhof schon in der Wartehalle und nicht erst beim Boarding.

Zugewiesen

Das Glück ist mir hold, denn der California Zephyr fährt mit nur 30 Minuten Verspätung los. Theoretisch benötigt er für die heutige Strecke bis nach Helper etwas mehr als drei Stunden.

Doch im wahren Leben dauert es dann doch ein wenig länger. Denn es ist heute so heiß, dass die Geschwindigkeit des Zuges zeitweise auf sagenhafte 16 Stundenkilometer gedrosselt werden muss.

Durch die Wand

Doch letztendlich kommt mir zugute, dass das Zugspiel heute in die Verlängerung geht. Denn die Strecke zwischen Grand Junction und Helper ist schlichtweg sensationell ❤️. Die Schönheit der Landschaft hört einfach nicht auf!

Und so bin ich mehr als dankbar, dass ich statt der geplanten drei nun vier Stunden damit zubringen darf, diese epische Landschaft anzuhimmeln. Dabei langweile ich mich wirklich keine Sekunde. Muss ich gesondert erwähnen, wo ich heute die komplette Fahrt verbringe? Ich denke nicht, oder?

Logenplatz
Figürlich

Während ich versonnen aus dem Fenster schaue, komme ich – nicht zum ersten Mal – in den Genuss einer alten Tradition. Schon mal was von Mooning of the AMTRAK gehört? Nein? Dann schaut euch unbedingt dieses Video an. Was darin erklärt wird, hat sich über die Jahre verselbstständigt und wird an vielen Strecken, auch entlang des Colorado River, und auch nicht mehr nur am zweiten Samstag im Juli, praktiziert.

Zurück zum Seriösen. Ich nehme es vorweg: der heutige Streckenabschnitt ist für mich der schönste dieser Reise mit dem California Zephyr. Das Teilstück zwischen Denver und Glenwood Springs, das mich quer durch die Rockies und immer entlang des Colorado River führte, war ja schon der Wahnsinn. Doch die karge Landschaft im Übergang von Colorado nach Utah toppt das in meinen Augen. Es sieht hier aus wie auf einem anderen Planeten!

Zum ernsthaften Fotografieren sind die Scheiben heute eindeutig zu dreckig. Da ist auch mein Wabbler machtlos. Und ehrlich gesagt bin ich auch zu sehr mit Schauen und Staunen beschäftigt, als dass ich mich mit den Mühen des Fotografierens aus einem ratternden und schaukelnden Zug beschäftigen möchte.

Aber ein paar Videos liegen im Bereich des Machbaren. Sie sind zwischen 20 Sekunden und viereinhalb Minuten lang und zeigen sehr unterschiedliche Szenarien. Deshalb empfehle ich euch, sie wirklich alle anzuschauen. Die insgesamt sechseinhalb Minuten Zeit-Investment verschaffen euch einen recht guten Eindruck von der Landschaft auf diesem Fahrttag.

Die ersten drei habe ich – erstmalig überhaupt – mit Musik unterlegt. Normalerweise bevorzuge ich ja den Originalsound. Doch dieses Mal war in der Sightseer Lounge ein ziemlicher Geräuschpegel durch laute Gespräche und Kindergeschrei. Das nahm den Videos etwas die erhabene Würde, wenn ich das mal so sagen darf 😅. Nun aber genug der Ankündigungen. Nehmt das!

Als ich am frühen Abend mit einer Stunde Verspätung in Helper ankomme, bin ich noch immer total geflasht. Ich freue mich auch diebisch darüber, dass ich den Anblick der Landschaft dank der aufgeschaukelten Verspätung im schönsten Frühabendlicht genießen konnte.

Ich bin übrigens die Einzige, die in Helper aussteigt. Was es mit Helper auf sich hat, warum ich hier gelandet bin, und warum das eine großartige Entscheidung jenseits des Mainstreams war, erfahrt ihr morgen.

Jetzt laufe ich erst einmal in der einsetzenden Dämmerung zu meinem Hüttchen auf dem Campingplatz am Ortsrand. Was ich auf dem Weg dorthin aus den Augenwinkeln wahrnehme, lässt mir das Herz aufgehen. Ich liebe das Städtchen jetzt schon ❤️.

Da die Jungs und Mädels an der Rezeption schon Feierabend haben, komme ich auf anderem Wege zu meinem Schlüssel und den nötigen Infos. Rasch beziehe ich die Hütte und lasse mich von den Grillen in den Schlaf zirpen. Was für ein Tag!

Spätzünder

12 Gedanken zu “Best of Grand Junction und weiter nach Helper

  1. Was für eine wahnwitzige Landschaft! Die Videos sind genial, da sieht man viel mehr, als ein Foto jemals ausdrücken könnte. Da bist du ja fast in Green River durchgefahren. Dort habe ich die schlechteste Pizza meines Lebens gegessen. Und knapp an meinem Lieblingsort vorbeigeschrammt, dem Bryce Canyon.
    Mooning the Amtrak? Das kann nur in Amerika passieren 😂😂😂

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    1. Danke! Das freut mich. Natürlich nicht der Vorfall mit der Pizza! Ich bin übrigens nicht nur fast durch Green River gefahren. Da ist ja ein regulärer Amtrak-Stopp. Von daher konnte ich die überschaubare Ansammlung von Häusern aus nicht allzu großer Entfernung durchs Zugfenster begutachten. Zum Glück reichte die Zeit dort nicht für einen Besuch in deiner Pizzeria. Den Bryce Canyon finde ich übrigens auch total klasse. Ich war dort mal in einem früheren Leben, Mitte der 1980er Jahre. Und ja, Mooning the Amtrak ist sowas von passend dort 😅!

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  2. Ich habe mir die Videos auch angeschaut und ja es stimmt dass ein Foto dieser Landschaft so gar nicht ausdrücken kann. Genial sind die Sitzplätze im Zug wo man aus dem Fenster schauen kann wie auf eine Kinoleinwand. Perfekt

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  3. Also die Tradition des Amtrak Morning ist was, wovon ich noch nie gehört habe 🙂 Aber wie auch immer, Traditionen sind wichtig und man sollte sie pflegen. Ich stelle mir das mal hierzulande vor lach
    Ja, und die Landschaften sind der Wahnsinn und richtig toll zum Anschauen. Diese Reise wird die liebe Elke nicht so schnell vergessen 🙂

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    1. @Mooning: Ja, Kasia, das möchte ich hierzulande auch mal sehen! Wir zwei könnten uns mal zu einem Versuch am Mannheimer Bahnhof verabreden und an einem Freitagnachmittag zu bester Berufsverkehrszeit die Hosen runterlassen 😁. Und ja, das stimmt, diese Reise werde ich so schnell nicht vergessen.

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