Ein halbes Jahrhundert haste nun schon auf dem Buckel. Kaum zu glauben! Zur Feier des Tages hat Spiegel online dir kürzlich einen lesenswerten Artikel gewidmet, der gekonnt den Bogen von deinen Anfängen bis in die heutige Zeit schlägt.

Beim Lesen wurde ich schlagartig in meine mehr oder weniger glorreiche Jugendzeit katapultiert. Denn natürlich habe auch ich seinerzeit den damaligen Hype um das Ticket, das die Reisewelt bedeutete, mitgemacht.

In 1984, dem Jahr, in dem ich volljährig wurde, zog ich in den Sommerferien mit einer Freundin los. Gleich vier Wochen Griechenland sollten es sein für den Anfang. Warum sich mit wenig zufrieden geben, wenn man mehr haben kann? Da das Ticket zumindest seinerzeit nur im Ausland gültig war, nahmen wir nicht den kürzesten Weg quer durch Deutschland. Stattdessen fuhren meine Eltern uns über die nahe Grenze nach Frankreich, wo wir in Forbach einstiegen, um über Paris und Zagreb nach Thessaloniki und von dort aus weiter bis nach Athen zu fahren.

Ich erinnere mich lebhaft an insgesamt 60 Stunden im Zug, an von uns vollgemüllte Abteile, an die zwei Jungs, die wir anfangs noch gnädig „mitschleppten“, uns ihrer aber recht bald entledigten, an einen fast verpassten Anschluss in Zagreb, weil wir im falschen Zugteil saßen und die Ansage nur auf kroatisch kam, an überfüllte Züge, schlafarme Nächte im Gang vor den Abteilen, aus dem Fenster heraus trompetende Mitreisende, bisweilen kuriose Gesellschaft, wenig zu essen und noch weniger Körperpflege. Kurz: Abenteuer und das pralle Leben!

In Athen angekommen, enterten wir gleich die Fähre nach Tinos, …

Rosige Zeiten

… wo wir ein paar Tage blieben, bevor wir wieder aufs Festland zurückkehrten. Unsere Behausung war bescheiden, unser Glück grenzenlos. Die Haushaltsführung entglitt uns bisweilen, …

Auf das Leben!

… doch das tat unserem Lebenshunger keinen Abbruch. Der Duft der Freiheit und Unbeschwertheit zog mich in seinen Bann und hat mich seither nicht mehr losgelassen, auch wenn ich heute deutlich mehr Komfort bei den Unterkünften bevorzuge.

Zwischenzeitlich wurde das Geld knapp. Dann war auch kein Zeltplatz mehr drin. Stattdessen schliefen wir am Strand – bei der Gelegenheit schrottete ich meine erste eigene Kamera, die, was ich nicht wusste, an akuter Sandallergie litt. Alternativ nächtigten wir vor diversen lokalen Sehenswürdigkeiten oder der Einfachheit halber direkt vor dem Bahnhof. Eines Morgens liefen Hühner um meinen Kopf herum. Selten wurde ich schöner geweckt!

Wo der ÖPNV versagte, trampten wir. Wählerisch konnten wir dabei nicht sein. Zur Not nahmen wir auch den Traktor. Wenn in den dörflichen Restaurants keine sprachliche Verständigung möglich war, wurden wir in die Küche geschleppt und schauten direkt in die Töpfe, um uns was auszusuchen. Mehrmals wurden wir auch von griechischen Großfamilien spontan zum Picknick eingeladen. Irgendeines der Kinder packte immer ein paar Brocken Englisch aus, um die Unterhaltung in Gang zu halten.

Mitte der 1980er Jahre gab es auch noch keine Mobiltelefone, zumindest nicht für die breite Masse. So kam es, dass unsere Eltern auch nicht ständig durch irgendwelche Lebenszeichen von uns belästigt wurden. Einmal pro Woche kratzten wir ein paar Münzen zusammen und fütterten ein öffentliches Telefon. Heute würden Eltern unter diesen Umständen wohl längst einen internationalen Fahndungsaufruf starten, wenn nicht zehn Mal am Tag eine Wasserstandsmeldung per WhatsApp eintrudelt 😂.

Auf dem unvermeidlichen Rückweg bescherte uns der suboptimale Fahrplan einen 12-stündigen Stopp in Salzburg. Das war nach den vielen Stunden Zugfahrt gar nicht mal die schlechteste Variante. Wir haben die Zeit dort so weidlich ausgenutzt, dass wir am späten Abend dann fast noch den Anschluss verpassten. Unglaublich, aber wahr: wir kamen nach vier Wochen zwar etwas verwahrlost, aber immerhin unversehrt wieder zuhause an. Der Trip wird mir auf ewig unvergessen bleiben!

Das alles und noch viel mehr wäre mir garantiert durch die Lappen gegangen, hätte es dieses großartige Interrailticket nicht gegeben. Danke! Und schön zu lesen, dass es diese wunderbare Möglichkeit des Reisens innerhalb Europas noch immer, wenn auch unter geänderten Bedingungen gibt. Ihr wollt wissen, was da heute alles möglich ist? Dann schaut mal hier rein. Vielleicht mag ja die eine oder der andere unter euch eines Tages davon Gebrauch machen? Mich juckt es jetzt schon in den Fingern 😎.

PS: Noch eine kurze Anmerkung zum heutigen Titelbild: Anno 1984 hatte ich alles Mögliche im Kopf. Einen Zug zu fotografieren, gehörte nicht dazu. Deshalb darf heute der Railrunner aus Santa Fé (New Mexico, USA) als Platzhalter ran.

7 Gedanken zu “50 Jahre Interrail – Sweet memories

  1. Echt schon sooo lange her! Erinnere mich an Toskana ’88….. war dann doch um Welten luxuriöser, gell?
    Ich werde übrigens Ende März tatsächlich die Strecke F – Zagreb – Split auf der Schiene zurücklegen, mit kurzem stop-over in Zagreb, wo ich schon lange nicht mehr war. Unterkunft wird jedoch etwas kommoder sein als bei Dir damals 😉
    Und die Bahnhofsdurchsage sollte hoffentlich auch kein Problem machen – Split heißt in den meisten Sprachen eben „Split“ (außer auf Italienisch….. Spalato…. klingt doch gleich nach Wärme und Meer).

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    1. Ja, unser Toscana-Trip war definitiv um Welten schicker 😅! Tončica hatte schon angedeutet, dass du dieses Mal auf dem Schienenweg nach Split reisen wirst.Finde ich klasse! Bin schon sehr gespannt, was du berichten wirst. Die Italiener sagen tatsächlich Spalato zu Split 😂? Ernsthaft? Klingt zwar nicht besonders plausibel, ist aber witzig 😄. Dir eine gute Zeit in Kroatien!

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  2. Interrailtiket ja davon habe ich damals auch gehört ! Muss gestehen, kenne persönlich niemand der damals auf Reisen ging ! Man konnte glaub durch ganz Europareisen(bis auf kleine Ausnahmen) reisen innerhalb einer bestimmten Frist. Korrigiere mich wenn das nicht der Wahrheit entspricht !
    60 Std. Zugfahrt ist natürlich nicht „ohne“ und da sieht und erlebt man doch einiges !
    An die ersten Urlaube ( ohne Eltern ) erinnere ich mich auch noch . Ich war einmal mit 2 Schulfreunde zelten am Starnberger See und einmal mit zwei anderen Freunde an der Adria in Rimini , da aber in einem Hotel ! Tolle Zeiten waren das !

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    1. Ja, genau. Das galt damals für vier Wochen in ganz Europa (natürlich ohne die seinerzeit noch nicht frei zu bereisende Länder des sogenannten „Ostblocks“. Und im eigenen Land galt es auch nicht.

      Ich glaube, es ist egal, wohin es einen verschlägt im Teeniealter. Hauptsache ohne Eltern 😁!

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