Eine Reise ist mehr als nur ein Ortswechsel. Wer will da widersprechen? Ich jedenfalls nicht.

Gleich dieser erste Tag beschert mir zwei schöne Begegnungen. Eine direkt am Flughafen, die andere im Flieger. An diesem Samstagmorgen bin ich noch zeitiger als sonst am BER. Denn ich habe eine Verabredung auf einen Kaffee mit einer Berliner Freundin, die zu einer ähnlichen Zeit gen Süden fliegt. Bei ihr geht es nach Faro, während es mich nach alter Februar-Tradition wieder einmal auf die Kanaren zieht.

In alter Gewohnheit habe ich mir ein kostenloses Zeitfenster für die Sicherheitskontrolle am Flughafen gebucht. Dafür gibt es einen gesonderten Zugang, der weder zu übersehen noch falsch zu verstehen ist. Zumindest in der Theorie, denn in der Praxis hat die Mitarbeiterin am Einlass alle Hände voll zu tun damit, Leuten, die keinen Slot gebucht haben und dennoch versuchen, hier ihre Bordkarte zu scannen, zu erklären, dass sie einen anderen Zugang zur Sicherheitskontrolle nehmen müssen. Aufmerksam sein, lesen, und dann das Gelesene auch noch zu verstehen ist für manche die schiere Überforderung.

Der Hinflug verzögert sich, denn es herrscht Chaos im Luftraum über Frankreich. Ich zitiere dazu unseren redseligen Piloten: „Frankreich und Wochenende passen nicht so gut zusammen!“ Der Luftraum ist zu voll, zu wenig Kontrollpersonal ist im Einsatz, es werden Slots zugewiesen. Und das dauert.

Während der Wartezeit am Boden hält der Pilot seine Passagiere mit Cockpitbesuchen bei Laune. Galt die Einladung ursprünglich nur für Kinder im engsten Sinne, werden später auch die großen Kinder geduldet. Eineinhalb Stunden später als geplant geht‘s los. Wegen des nicht enden wollenden Schneefalls gibt es eine weitere Runde Enteisung, dann heben wir ab. Nun ist die Flucht aus der Kälte geglückt! Das Leben ist zu kurz für endlose graukaltdunkle deutsche Winter.

Im Flieger beschert mir das Leben Anne-Kathrin als Sitznachbarin. Wir kommen schnell ins Gespräch, was einfach ist. Denn wir schwingen auf einer Wellenlänge. Unser fünfstündiger Flug geht nach Teneriffa, doch wir wollen beide weiter nach La Gomera. Nach der Landung teilen wir uns ein Taxi zum Fährhafen und setzen gemeinsam über zur kleineren und ruhigeren Nachbarinsel. Auf der 50-minütigen Überfahrt begleitet uns ein recht ordentlicher Seegang, der die Mägen von einigen Mitreisenden malträtiert. Eine Herausforderung! Sowohl für das Personal als auch für den textilen Bodenbelag.

Als wir am Abend im Hafen von San Sebastián, der Hauptstadt von La Gomera, anlegen, ist es bereits dunkel. Anne-Kathrin hat ihr Domizil schnell bezogen. Bei mir hingegen wird es etwas komplizierter. Nachdem ich unfallfrei den Schlüssel zu meinem Apartment aus einer der Boxen vor dem Büro der lokalen Vermietungsagentur befreit habe, trennen mich nur noch wenige Hundert Meter von meinem temporären Zuhause. Theoretisch.

Praktisch jedoch irre ich – zuerst alleine, wenig später dann gemeinsam mit Anne-Kathrin – Runde um Runde über den Platz, ohne die von B***.com als Anschrift angegebene Hausnummer zu finden. Meine letzte Hoffnung ruht auf dem Mitarbeiter der Agentur hier vor Ort, der glücklicherweise direkt auf meine WhatsApp-Nachricht reagiert. Des Rätsels Lösung: die angebliche Hausnummer 24 stellt sich als 2. Stock in Hausnummer 4 heraus. Kannste dir nicht ausdenken …

Und nun wird alles gut. Ich beziehe schnell die wunderschöne Wohnung, die für eine Woche mein Zuhause sein wird. Jetzt ist es höchste Zeit für ein gemeinsames Abendessen und ein, zwei Bierchen! Und weil wir uns so viel zu erzählen haben, spazieren wir nach dem Essen noch durch den Ort und zu einem der Strände. Gegen Mitternacht falle ich ins Bett und dort direkt ins Koma. Immer wieder erstaunt es mich, wie anstrengend lange Anreisetage sind, obwohl man die meiste Zeit nur herumsitzt.

Der Sonntag bricht an. Ich habe hervorragend geschlafen in meiner schönen, wenn auch viel zu großen Wohnung, die mit drei Schlafzimmern aufwartet. Was Kleineres war in der Tat so kurzfristig nicht zu bekommen. Übermütig überlege ich mir, im Laufe der Woche alle Betten auszuprobieren. Einfach, weil ich‘s kann 🤪.

Zeit für eine erste Orientierungsrunde. An der Strandpromenade ist am Boden der große Rahmen gesteckt. Die runde Kugel, auf die der Pfeil zeigt, ist – Überraschung! – La Gomera. Links unten seht ihr El Hierro, links oben mein heiß geliebtes La Palma. Bei den weiter östlich gelegenen drei „Spiegeleiern“ handelt es sich (von links nach rechts) um Teneriffa, Gran Canaria und Fuerteventura. Die am weitesten im Osten gelegenen Inseln stellen mein ebenso geliebtes Lanzarote mit La Graciosa, hier etwas verfremdet als Anhängsel dargestellt, dar. So, jetzt wisst ihr Bescheid.

La Gomeras unterschätzte Hauptstadt – die meisten Besucher reisen vom Fährhafen aus gleich weiter ins Valle Gran Rey – stellt sich für mich als perfekter Standort heraus. Erstens gefällt mir die Stadt selbst sehr gut, zweitens sind die Orte, die ich im Rahmen von Tagesausflügen besuchen möchte, von hier aus gut per Bus zu erreichen. Und das Wetter spielt auch mit.

Ein paar Worte zu diesem und den folgenden Blogbeiträgen. Künftig werde ich etwas komprimierter über meine Reisen berichten. Zu groß erscheint mir nicht nur der Aufwand, sondern in der Folge auch der jeweils zeitliche Abstand zwischen den Reisen und den Berichten darüber. Deshalb fasse ich meine Eindrücke über San Sebastián, die ich im Laufe dieser einen Woche sammeln durfte, in einem Bericht zusammen. Die diversen Tagesausflüge, die ich von hier aus unternommen habe, packe ich im Anschluss dann auch etwas dichter zusammen.

Zurück zur Hauptstadt. Meine Zeit hier verbringe ich in sehr gemächlichem Tempo. Die Woche vergeht mit Ausflügen, Cafébesuchen, kleinen Einkäufen, Lesen auf meinem Balkon mit Aussicht, vielen Spaziergängen am Meer, durch die aus zwei Straßenzügen bestehende Altstadt und hinauf auf den höchsten Hügel der Stadt.

San Sebastián ist vergleichsweise untouristisch. Richtig viel los ist hier nur, wenn ein Kreuzfahrtschiff anlegt. Doch auch dann geht es trotz der sprunghaft ansteigenden Zahl von Tagestouristen immer noch ziemlich gemütlich zu. Die kleine Altstadt ist richtig hübsch. Mit vereinzeltem shabby chic und etwas Leerstand hier und da zwar – wie woanders auch -, aber das fällt unterm Strich kaum ins Auge bzw. ins Gewicht. Das Gros der Läden fokussiert sein Angebot auf Waren des täglichen Bedarfs. Kurz: San Sebastián gefällt mir richtig gut, gerade weil es so unaufgeregt und unverstellt daherkommt.

Gleich am ersten Tag steige ich der Stadt aufs Dach. Hoch oben auf dem Hügel thront in schönster Lage das Hotel Parador. Es liegt inmitten einer üppigen Gartenanlage, die auch für externe Besucher zugänglich ist. Schon auf dem Weg dorthin bleibe ich regelmäßig stehen, um die Aussicht zu genießen.

Oben angekommen, nähere ich mich der schicken Hotelanlage. Nicht nur der Garten, sondern auch die Gastronomie ist öffentlich zugänglich. Nur den Pool haben die Hotelgäste exklusiv für sich. Hier lässt es sich aushalten!

Wenn ich schon mal hier oben bin, kann ich auch gleich noch einen Kilometer weiter laufen, um dem Friedhof einen Besuch abzustatten. Anne-Kathrin hat gestern nicht zu viel versprochen. Er ist wirklich sehr beeindruckend. An diesem späten Nachmittag habe ich ihn fast für mich alleine. Der Friedhof besteht aus langen Wänden, in deren Nischen die Särge hineingelassen sind. Auf den sehr unterschiedlich gestalteten Gedenktafeln steht abgesehen von den Abschiedsworten der Angehörigen das Sterbedatum und das jeweilige Alter zum Zeitpunkt des Todes. Es scheint unüblich zu sein, das Geburtsdatum anzugeben.

Es rührt mich sehr an, wie liebevoll und persönlich hier an die Verstorbenen erinnert wird. Es mag unkonventionell, vielleicht auch schräg sein, ein Grab auf diese Art zu gestalten. Doch Grabstätten sind für die Hinterbliebenen da. Und wenn es sie tröstet und trägt, auf diese Art lebendige Erinnerungen an die Verstorbenen aufrecht zu erhalten und an schöne, gemeinsame Zeiten zu erinnern, kann ich das sehr gut nachvollziehen. Wie ich später am Straßenrand entdecke, wird hier auch auf eher ungewöhnliche Weise an verstorbene Haustiere erinnert.

Zurück ins Hier und Jetzt, ins Zentrum von San Sebastián, ans Meer. Doch die Insel hat jenseits der Hauptstadt noch andere Schönheiten zu bieten. Stay tuned!

2 Gedanken zu “La Gomera – Die unterschätzte Hauptstadt

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