Lange hatten Stefan und ich überlegt, wohin uns unsere gemeinsame Städtereise im Sommer führen sollte. Helsinki, Edinburgh und Warschau waren im Rennen. Die Hauptstadt Polens gewann.

Und so saßen wir Mitte Juli in einem polnischen EC Richtung Osten, der uns ohne Umstieg nach Warschau bringen sollte. Als ich im Vorfeld die Zugtickets buchte, konnte ich zwar Sitzplätze reservieren, aber deren Lage im Waggon nicht selbst aussuchen. Das Ergebnis beinhaltete alles, was wir uns selbst NIE aussuchen würden: Tischplätze am Gang, dank Gegenüber keine Beinfreiheit, die Mitreisenden am Tisch eine Mutter mit Kind und Hund. Dazu gesellte sich dann das Dauergequassel diverser Damen hinter und neben uns. Dass später dann noch laute Kinder die Kakofonie in dem vollbesetzten Großraumwagen verstärkten: geschenkt.

Unter diesen Umständen konnte ich mir das Lesen abschminken. Stefan hingegen war fein raus. Er stöpselte seine Kopfhörer rein und gab sich dem Filmgenuss hin, den ihm sein iPad bescherte.

Star Wars

Gefühlt dauerte diese Zugfahrt 20 Stunden. In der Realität endet sie dann aber doch schon nach knapp sechs Stunden und ungefähr acht Stopps auf der Strecke. Während der Fahrt denke ich mehrmals sehnsüchtig an komfortable ICEs mit Ruheabteil 😂. Ihr nennt mich versnobt? Nur zu!

Ankunft am späteren Nachmittag bei heißen 30 Grad. Ich hatte vorab beim Novotel um ein ruhiges Zimmer mit guter Aussicht in einem der oberen Stockwerke gebeten. Und das hat geklappt! So landen wir im 29. Stock mit grandiosem Blick auf den Kulturpalast. Beweisfotos? Geduld! Die liefere ich euch gegen Ende dieses Beitrags.

Bevor wir nach dem Einzug ins Hotel gleich wieder losziehen, checke ich unsere Bargeldlage. Im Nachhinein betrachtet hätten wir uns den Umtausch von Euro in Zloty sparen können. Denn in Warschau ist das Zahlen auch von Kleinstbeträgen mit Kreditkarte deutlich weiter verbreitet und anerkannt als bei uns in Deutschland. Eigentlich mache ich diese Erfahrung fast überall auf der Welt, wo ich mich gerade herumtreibe. Doch das ist ein anderes Thema … Jedenfalls sind die bunten Scheine sehr sehenswert! Und alleine dafür hat sich der Tausch dann doch gelohnt.

Scheinbar

Ausgehungert schauen wir uns in der näheren Umgebung des Hotels um. Zu unserem Glück stellt sie sich als eine nette Restaurantgegend heraus. Da! Ein indisches Restaurant! Nichts wie hin mit uns. Lecker war’s 😋.

Später lassen wir uns entlang einer der Hauptachsen treiben. Sie hört auf den für unsere Zungen etwas sperrigen Namen Al. Jerozolimskie. Wir folgen ihr in Richtung Weichsel, werden aber heute nicht ganz bis zum Ufer laufen. Was wir hier sehen, sind vorwiegend Zeugnisse einer klassischen sozialistischen Stadtplanung, wie wir sie teilweise auch aus dem Ostteil Berlins kennen.

Extrem breite Straßen mit bis zu vier Fahrspuren pro Richtung, so gut wie keine Fußgängerüberwege. Wir müssen wie die Maulwürfe unter die Erde, um den krassen Kreisverkehr am Centrum zu überleben. Ein unterirdisches Tunnelsystem, gespickt mit kleinen Geschäftchen, ermöglicht uns, von einer Seite auf die andere zu gelangen. Das ist nicht schön, aber praktisch. Dass man aber wirklich dort ankommt, wo man hin wollte, erfordert etwas Übung. Wir brauchen anfangs mehrere Anläufe, um den richtigen Ausgang zum Hotel zu nehmen 😅. Denn derer sind da viele!

Der öffentliche Nahverkehr ist gut ausgebaut. Eine Straßenbahn jagt die nächste, es fahren jede Menge Busse, gefühlt im Minutentakt. Auch eine U-Bahn ist vorhanden. Trotzdem tobt hier ein mörderischer Autoverkehr. Wir gönnen uns das Vergnügen, die doch sehr unterschiedlichen Baureihen der Straßenbahnen zu betrachten. Von sehr alt bis sehr neu ist alles vertreten.

Was uns auf unserer heutigen Strecke ansonsten (Er)Bauliches begegnet? Einiges! Hier eine kleine Auswahl:

Und jetzt’ne Coke
Willkommen im Club!
Tramatisch
Katzenjammer
Mit Schwung

Ein kurzer Blick zum Himmel bestärkt uns in unserer Absicht, so langsam den Rückzug anzutreten. Am frühen Abend ziehen dramatische Wolken auf, denen schon bald ein heftiges Gewitter mit Starkregen folgt. Doch bevor es soweit ist, drücken wir noch schnell hier und da auf den Auslöser.

Abgeschrägt
Drohkulisse

Und dann dreht die Dusche auf! Schnell flüchten wir unter die nächste Überdachung, um die heftigste Phase trocken zu überstehen. Dabei gelingt Stefan dieser stimmungsvolle Schnappschuss mit dem Handy.

Heißer Reifen

Doch alles Warten nützt nichts. Irgendwann müssen wir uns den Fluten stellen. Aber das Hotel ist zum Glück in fast greifbarer Nähe. Zurück im Hotelzimmer, betrachten wir fasziniert das beeindruckende Wetter-Schauspiel vor unserem Fenster. Und hier sind sie, die versprochenen Aufnahmen vom Blick auf den Kulturpalast und die ihn umgebende Skyline der Stadt.

Im Überblick
Pretty in pink

Morgen mehr! Nach diesem langen, heißen Tag schaffen wir es nur noch, erschöpft ins bequeme Bettchen zu kippen. Gute Nacht!

23 Gedanken zu “Warschau – Hitzige Ankunft

  1. Sehr schöner Bericht, danke fürs Mitnehmen. I
    Ich fahre seit Corona Zug nur noch in der 1.Klasse. Zum (Super)Sparpreis ist das meistens nicht so teuer und in der Regel herrscht dort weniger Gewusel. Auf der Rückfahrt von Lübeck erlebte ich allerdings eine pausenlos schnatternde Reisegruppe, Rentner mit Maske auf Halbmast, aber das war eine Ausnahme.

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    1. Freut mich, dass dir der Bericht gefallen hat! Innerhalb Deutschlands fahre ich seit einer Weile zumindest auf den längeren Strecken auch immer in der 1. Klasse (mit Bahncard 25) und buche dort den Ruhebereich. Möchte ich nicht mehr missen! Warum ich für unseren Trip nach Warschau 2. Klasse gebucht hatte, weiß ich gar nicht mehr. Ist schon zu lange her (5 Monate) 😅. Und ja, auch in der 1. Klasse kann man mal Pech haben, wie du es selbst erlebt hast auf deiner Fahrt zurück von Lübeck. Aber das ist in der Tat eher nicht die Regel.

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  2. Na, ja…die Heimat meiner Großeltern – aber ehrlich „nicht mein Bier“…vor allem die Optik und heutige Politik. Eher eben ähnelt einem Ostblockstaat, fast wie Ukraine… einzig, daß ich mal eine Jugendfreundin kannte, die außergewöhnlich anders war, nur zu tief religiös…
    Werde es mal durchschauen, ob es heute noch menschlicher ist, oder eher doch indoktriniert. Schönen Dank, daß Du die Strapazen auf Dich geladen hast…LG

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    1. Von Strapazen würde ich hier nicht reden wollen. Ich bin ja freiwillig und aus Interesse hierher gereist. Auch ich hadere mit so manchen politischen Entwicklungen, die aktuell in Polen vor sich gehen und so gar nicht zu einem Land passen, das Mitglied in der EU ist. Doch ich habe Politik noch nie als Kriterium für meine Reisen angelegt. Täte ich das, würden einige Länder dafür nicht mehr in Frage kommen. Da sind die Schmerzgrenzen bei den Menschen halt sehr unterschiedlich.

      Ja, Warschau erinnert auch optisch an einigen Stellen noch immer daran, dass Polen mal ein sogenannter Ostblockstaat war. Ich erwarte von meinen Reisezielen auch nicht unbedingt, dass sie immer glatt und schön sein müssen. Uns hat konkret hier die moderne Architektur gereizt, die gerade an allen Ecken und Enden entsteht. Das alles wirkt noch sehr unfertig, aber es wird. Schau gerne in meine weiteren Berichte rein. Vielleicht revidiert das ja das eine oder andere Vorurteil. Die beste Methode jedoch, vorgefasste Meinungen zu überprüfen, ist, selbst hinzufahren 😎. Vielleicht verschlägt es dich eines Tages ja mal in die Ecke. Und wenn nicht: man muss ja nicht alles mögen. Und man muss auch nicht alles gesehen haben.

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      1. schön gesagt…fast schon doch wie von einer Politikerin, nun meine Ansichten sollen ja auch nicht gemein gültig sein…ich werde lesen und schauen, dazu machst Du’s zu gut(!) LG im Weihnachtstrubel an der Kandarre! Ich tauch schon bald ab, weil mir die Zahlen vom Omikron nicht gefallen…bin erst im Januaranfang nun endgültig dabei, so Lager noch liefern können…

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        1. Ja, schau einfach mal hier und da rein in meine Berichte. Danke für das Kompliment! @Weihnachtstrubel und Omikron: da muss jeder für sich schauen, wie er/sie sich damit wohl fühlt und damit umgeht. Dir alles Gute und nicht zu viel Trubel!

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  3. Huch, gestern noch in San Sebastian und heute schon Warschau?! Ganz schön reisefreudig. Oder hast du gerade viel Zeit fürs Aufarbeiten?😂
    Die Fotos aus dem Hotel erinnern mich an Kunstkalender von New York, sehr beeindruckend.
    Deine Zugvorlieben teile ich. Neulich war ich 8 Stunden nach Berlin in den Händen der Deutschen Bahn und durfte mir in einem Teilstück einen Stehplatz mit 200 Schülern teilen. Schrecklich. Meine Corona Warnapp hat auch prompt am nächsten Tag auf Rot geschaltet 😰😒😬

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    1. Ich war in der Tat zwischen Mai und November sehr viel unterwegs. Doch zwischen der Rückkehr aus San Sebastián und der Abfahrt nach Warschau lagen dann doch sensationell lange zwei Wochen und zwei Tage 😅. Mit deiner zweiten Vermutung hast du mich erwischt. Ich habe nun endlich Zeit, mich der Vergangenheitsbewältigung zu stellen und die ausstehenden Blogberichte zu verfassen. Das wird mich bis weit ins nächste Jahr auf Trab halten!

      Freut mich, dass dir die Fotos aus luftiger Höhe gefallen haben. Auf deiner Abenteuerreise mit der DB nach Berlin hätte ich nicht mit dir tauschen mögen! Das braucht echt kein Mensch … Das mit der roten Anzeige in der Corona WarnApp kenne ich nur allzu gut 😅. Sowohl für den Hinflug- als auch für den Rückflugtag im Zusammenhang mit meiner Reise durch Andalusien im November hatte ich ebenfalls das Vergnügen, das dann jeweils 14 Tage anhielt. Irgendeiner in der U-Bahn, im Flughafen, in der Schlange beim Check In oder bei der Sicherheitskontrolle oder im Flieger wird dann halt immer irgendwann positiv getestet. Doch da ich bei diesen Gelegenheiten wirklich konsequent und ohne Unterbrechung FFP2 trage und mit niemandem wirklich Kontakt habe, bin ich da ziemlich entspannt.

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    1. Ich habe bereits solche maßgefertigten Ohrstöpsel. Da ich sie mir ursprünglich jedoch zum Schlafen habe anfertigen lassen, in dem Zusammenhang aber doch mal auf einen Wecker angewiesen bin, habe ich mich für die nicht komplett zur „Taubheit“ führende Variante entschieden. Da gibt es ja verschiedene Abstufungen. Die Geräuschkulisse auf dieser Zugfahrt überstieg jedenfalls die Dämmfähigkeiten meiner Stöpsel. Vielleicht sollte ich da nochmal aufrüsten …

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  4. Liebe Elke, auf deinen Beitrag habe ich schon mit Spannung gewartet. Ja, meine Landsfrauen können schnattern, was das Zeug hält – ich bin manchmal verwundert, wie man so viele Silben fast gleichzeitig ohne Atem zu holen aneinander reihen kann 😉 Der Schnappschuss mit der Regennassen Straße und dem Kulturpalast ist klasse, so dramatisch und schön zugleich. Ich bin gespannt, was ihr sonst noch dort erleben werdet (erlebt habt, das ist ja schon ein Weilchen her…)

    Liebe Grüße
    Kasia

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    1. Ja, die polnischen Mädels haben offenbar eine ganz spezielle Atemtechnik entwickelt, die es ihnen ermöglicht, nonstop zu reden, ohne für Außenstehende erkennbar Luft zu holen. Vielleicht eine perfektionierte Form der Hautatmung? Jedenfalls können die einen echt fertigmachen 😅. Die beiden hinter uns quatschten wirklich die ganzen sechs Stunden von Berlin bis Warschau ohne nennenswerte Pause. Wenn ich wenigstens verstanden hätte, worum es ging, hätte das ja durchaus interessant werden können. Aber so …

      In Kürze folgen die nächsten Berichte. Stay tuned!

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      1. Der Trick dabei ist es, sowohl beim Ein- als auch beim Ausatmen den Redefluss nicht zu unterbrechen. Hochfrequente Töne verschmelzen dabei zu einer einheitlichen…

        Ach Quatsch, ich weiß selber nicht, was der Trick dabei ist 😉 Jedenfalls, Themen finden sich bei den Damen immer zuhauf, meist das gleiche wie bei uns: (Ehe)männer, Kinder, Arbeit…

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  5. Wenn das mal kein west-östlicher Diwan wird – von Donostia nach Warszawa 😉
    Aber jetzt (endlich mal wieder) mit Stefan an der Seite, und dann gleich auf Page 1! 👍🏼
    „Star WARS“ ist der Knaller, unschlagbar.
    Ansonsten ist in Osteuropa immer wieder interessant, alten Hausaufschriften auf den Grund zu gehen, jenseits von zeitgenössischer Reklame von Coke bis Mac Doof. Siehe Dein Coke-Foto: wo heute Lippen- und Kajalstifte aus Frankreich feilgeboten werden, hat sich der frühere sozialistische Nationalstolz verewigt – ein Spruch wie aus dem Manifest: „Die ganze Nation baut ihre Hauptstadt“.
    Bin sehr gespannt auf Deine weiteren Folgen von den Nordslawen.
    LG vom zeitweisen „Südslawen“ 😇😅

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