An einem sonnig-kalten Mittwochmorgen Anfang November starte ich zu meinem ersten wednesday walk. Für den Anfang habe ich mir eine recht kurze Strecke ausgesucht, die zudem auch von der Berliner Innenstadt aus relativ schnell zu erreichen ist.

Mit der S-Bahn erreiche ich schnell und unkompliziert den Hauptbahnhof von Potsdam. Die Landeshauptstadt Brandenburgs habe ich natürlich schon häufiger besucht in den drei Jahrzehnten, die ich nun schon in Berlin lebe. Meist mit Besuch von außerhalb im Schlepptau. In der Regel ging es dann Richtung Innenstadt, durchs Holländische Viertel und einmal quer durch den Schlosspark Sanssouci. Seit ein paar Jahren zieht es mich zu Ausstellungsbesuchen auch regelmäßig ins Museum Barberini, das in unmittelbarer Laufweite zum Hauptbahnhof liegt.

Doch heute zieht es mich in die entgegengesetzte Richtung. Nur wenige Hundert Meter hinter dem Bahnhof geht es – oh Wunder – die Berge hinauf. Nicht unbedingt das, was man in Brandenburg erwartet 😅. Ich erklimme den Brauhausberg, der dann mehr oder weniger nahtlos in den Telegrafenberg übergeht. Dort lege ich einen längeren Stopp ein. Natürlich nicht vor Erschöpfung! Oder dachtet ihr, dass ich so schnell schlappmache? Nein, stattdessen wandele ich auf den Spuren eines berühmten Physikers, der für seine wilde Frisur fast so bekannt ist wie für seine wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Über die Waldlandschaft des Telegrafenbergs verteilen sich die zahlreichen Gebäude des Wissenschaftsparks Albert Einstein. Hier sitzen einige der bedeutendsten Institutionen des Landes, sozusagen das „Who is Who“ der Wissenschaft. Hier haben sich unter anderem das Deutsche Geo-Forschungszentrum, das Astrophysikalische Institut Potsdam, das Potsdam-Institut für Klimafolgen-Forschung (dessen Hauptgebäude das heutige Titelbild ziert) und das Meteorologische Observatorium Potsdam des Deutschen Wetterdienstes niedergelassen.

Die akademische Welt residiert hier nicht nur inmitten einer schönen Landschaft, sondern auch in durchaus repräsentablen Gebäuden, wie ihr nicht nur auf dem Titelfoto sehen könnt.

Rundum gelungen

Ein ganz besonderes Architektur-Schätzchen ist der Einsteinturm. Er wurde vor rund 100 Jahren in Zusammenarbeit mit Albert Einstein und einem Astronomen mit dem originellen Namen Erwin Finley-Freundlich als Sonnenobservatorium konzipiert. Er gilt mit seinen Elementen aus Jugendstil und Expressionismus als eines der bedeutendsten Werke Erich Mendelsohns. Bis zum zweiten Weltkrieg galt das wissenschaftlich genutzte Bauwerk als das wichtigste Sonnenteleskop Europas.

In seiner Nähe lasse ich mich ein paar Minuten auf einer Bank nieder. Von dort aus genieße ich die warmen Sonnenstrahlen und den tollen Ausblick auf den Turm.

Getürmt
Schicke Mütze

Jetzt aber „richtig“ ins Grüne! Direkt hinter dem Wissenschaftspark beginnt ein ausgedehnter Mischwald, den ich an diesem Tag mitten in der Woche fast für mich alleine habe. Nur vereinzelt begegnen mir Jogger und Fußgänger. Erst geht es eine Weile geradeaus, dann umkurvt mein Weg die Kahlen Berge. Richtig schön und einsam wird es, als ich mich nach rechts in einen unscheinbaren, kleinen Seitenweg verabschiede.

Es geht dort munter die kleinen Hügelchen auf und ab, die Sonne blitzt durch die verbliebenen Baumkronen, es raschelt hier und da im Unterholz, die hierzulande überwinternden Vögel singen Lieder für mich. Und da ist er, der Glücksmoment, der mir den Alltag versüßt! Übermütig wühle ich das bunte Herbstlaub, das mir auf dem Waldboden einen weichen Teppich bereitet hat, mit meinen klobigen Wanderschuhe durcheinander, erfreue mich an der frischen Luft, den Sonnenstrahlen, der Stille und der Einsamkeit. Dieser Ort ist heute, im Hier und Jetzt genau das Richtige für mich.

Beschwingt laufe ich weiter, betrachte die vielfältigen Früchte des Waldes (an denen ich lieber nicht nasche), …

Angeknabbert
Auswüchse

… und lege kurz vor Caputh eine kleine Mittagspause ein. Ein Baumstumpf bietet mir eine Sitzgelegenheit, die ich mit meinem zusammenfaltbaren Sitzkissen komfortabel aufpeppe. Und so sitze ich hier mitten im Wald und vertilge hungrig mein mitgebrachtes Mahl.

Wenig später erreiche ich den Ortsrand von Caputh. Auch hier komme ich nicht umhin, auf den Spuren Albert Einsteins zu wandeln. Denn sein Sommerhaus gehört zu den ersten Häusern der Wohnsiedlung gleich hinter dem Waldrand. Das unauffällige Holzhaus punktet mit seiner riesigen Sonnenterrasse, auf der sich zu Lebzeiten des Herrn Einstein auch seine Freunde und Bekannten des Sommerlebens freuen konnten. Max Planck, Heinrich Mann und Max Liebermann gingen hier regelmäßig ein und aus und ließen sich die frische Landluft um ihre kreativen Köpfe wehen.

Doch nach der Machtergreifung der Nazis war Schluss mit lustig. Das schmucke Häuschen wurde konfisziert und später von der Wehrmacht genutzt. Heutzutage kann man es besichtigen – wenn nicht gerade Corona am Start ist.

Verstecktes Idyll

Weiter geht’s durch das in der Mittagsstunde wie ausgestorben daliegende Örtchen. Bevor ich mir den Schlosspark ansehe, werfe ich einen längeren Blick auf die scheinbar endlose Weite des Templiner Sees, den heute sehr dekorative Wölkchen überdachen.

Wasser, Wind und Wolken

Im angrenzenden Park, von Peter Joseph Lenné zum Landschaftsgarten umgestaltet, zieht das frühbarocke Schloss Caputh meine Aufmerksamkeit auf sich.

Verschlossen

Noch besser gefällt mir allerdings die nur wenige Hundert Meter ortseinwärts gelegene Dorfkirche. Heute liegt sie in schönster Nachmittagssonne und glänzt mit den bunten Blättern im Park und um künstlerisch gestaltete Mauern herum um die Wette.

Kirchenpracht
Kunst und Natur

Der weitere Weg durch den Ort zieht sich. Doch ein Eis und ein halbes Stündchen später bin ich wieder am Wasser angelangt und nähere mich meinem heutigen Ziel. Das schmale Verbindungsstück zwischen dem Templiner See und dem Schwielowsee – sprich die Havel – wird von einer schönen Uferpromenade gesäumt. Diese schlendere ich nun entlang …

Seilschaften
Heavy Metal

… und stehe dann am Ufer des Schwielowsees. Von hier aus könnte ich noch eine Runde um dieses schmucke Gewässer anschließen. Doch diese 14,5 Kilometer lange Runde gönne ich mir ein anderes Mal. Das Tageslicht wird sich bald verabschieden – und ich will es auch nicht gleich bei der ersten Tour übertreiben 😎. Und so belasse ich es dabei, die Aussicht zu genießen, die schöne Metallbrücke zu überqueren, mich auf der anderen Seite etwas umzusehen …

Schattenkabinett
Strahlkraft
Land in Sicht

… und dann in den nächsten Regionalzug gen Potsdam zu hüpfen. Von dort aus bringt mich die S-Bahn wieder zurück in heimatliche Gefilde. Bis in die hintersten Tiefen jeder Faser meines Körpers gut durchblutet und mit Frischluft und Endorphinen versorgt, lande ich am späteren Nachmittag beglückt in Schöneberg. Zu den zehn Kilometern, die die Strecke vom Potsdamer Hauptbahnhof bis zum Schwielowsee betrug, gesellten sich noch drei weitere. Die große Runde durch den Wissenschaftspark, ein einmaliges unfreiwilliges Verlaufen in Caputh sowie die Distanzen zu und von den öffentlichen Verkehrsmitteln bescherten mir heute insgesamt rund 13 Kilometer, von denen ich keinen einzigen missen möchte. Schön war’s! Auftakt gelungen 😎.

8 Gedanken zu “Wednesday Walks: 1 – Von Potsdam nach Caputh

  1. Also in Potsdam war ich auch mal. Kann mich noch gut erinnern an das Holländische Viertel, Schloss Sanssouci, Schloss Cecilenhof aber auch an die Russische Kolonie und an eine bestimmte Brücke wo anscheinend ein Agentenaustausch vorgenommen wurde.
    Dein ersten Ausflug hat sich also gelohnt und man entdeckt doch immer wieder neues !

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    1. Die Brücke, von der du sprichst, ist die Glienicker Brücke. Dort hat es in der Tat mehrere Male einen Agentenaustausch gegeben. Ja, mein „Erstlingswerk“ hat sich wirklich gelohnt! Man muss auch in der näheren Umgebung öfter einmal ausgetretene Pfade verlassen, die man schon oft beschritten hat. Dann steht neuen Entdeckungen nichts mehr im Weg.

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  2. Eine tolle Runde, Elke, die habe ich jetzt im Kopf und wenn die Kaffees wieder offen haben, dann möchte ich deine Route nachlaufen. Bist du nach Karte gelaufen? Oder Komot?
    Das Sommerhaus von Einstein haben wir 2014 😉 auch schon erkundet. Einen eher knappen Blogbeitrag von mir kannst du lesen, wenn du in den Suchkriterien nach Einstein forschst.
    Einen schönen Sonntag von Susanne

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    1. Freut mich, wenn du die Route als Anregung aufgreifst! Ja, mit einem Kaffee-Stop auf der Strecke hätte das Ganze natürlich noch mehr Charme. Aber diese Zeiten kommen ja wieder. Die Route, die ich gelaufen bin, entspricht derjenigen aus dem Buch, von dem ich im Prolog berichtet hatte. Die Beschreibungen darin sind recht gut. Wenn ich mich bisher doch mal vertan habe auf der Strecke, reicht mir ein kurzer Blick auf Google Maps, der mich wieder in die richtige Richtung bringt. Deinen Beitrag zu Einstein schaue ich mir mal an!

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