Heute steht wieder ein Reisetag an, wenn auch nur ein Kurztrip, verglichen mit den bisherigen Distanzen, die ich im Laufe der letzten Wochen zurückgelegt habe. Es geht auch erst heute Nachmittag los. Den sonnigen Vormittag verbringe ich mit frühstücken, Kaffee trinken, den Blogbeitrag zu Tag 21 verfassen und faul am Pool herum liegen. Gegen Mittag schnappe ich mein überschaubares Hab und Gut und bewege mich Richtung Bushaltestelle. Heute ist übrigens der letzte Tag, an dem die Purple Line zwischen Tusayan und dem Nationalpark verkehrt. Morgen wird zumindest auf dieser Strecke das Saisonende erklärt. Die anderen Linien fahren noch ein paar Wochen länger.

An der Haltestelle treffe ich auf ein nettes Schweizer Paar in den Dreißigern, beide braungebrannt und mit bepackten Mountainbikes unterwegs. Sie machen gerade Mittagspause unter dem schützenden Dach der Haltestelle. Die beiden sind seit einem Jahr mit den Rädern unterwegs. Von der Schweiz aus sind sie entlang der alten Seidenstraße bis China gefahren, haben von dort aus den Flieger nach Neufundland genommen und radeln jetzt durch Nord- und Südamerika bis ganz runter nach Ushuaia/ Argentinien. Wie lange auch immer sie dafür brauchen werden. Wow, ich bin echt beeindruckt! Sie übernachten in der Regel in ihrem Zelt, aber hier im Grand Canyon hatten sie etwas Pech. Gerne wären sie – natürlich ohne Räder – runter in den Canyon gewandert und hätten dort mit dem Zelt übernachtet. Aber sie haben kein Permit mehr bekommen. Das muss man etliche Monate vorher auf den Tag genau beantragen, da die Kapazitäten sowohl in der einzigen Sammelunterkunft als auch beim Campen begrenzt sind. Das hatte ich auch schon von einer anderen dreiköpfigen Wandergruppe gehört, die sich ein ganzes Jahr vorher einen Platz in der Sammelunterkunft für eine Nacht gesichert haben. Nun denn, haben sie halt oben übernachtet. Nun geht es weiter Richtung mexikanische Grenze. Gerne hätte ich mich noch weiter mit ihnen unterhalten, doch mein Bus kommt.

Ankunft am Bahnhof im Grand Canyon Village. Der gute alte Bill aus Texas, den ich schon von meiner Anreise kenne, hat wieder Dienst. Er ist im waschechten Texasstil gekleidet, redet und handelt seeeeeehr langsam. Immer mit der Ruhe, das gilt in Arizona generell verstärkt, und scheinbar auch in Texas. Aber ich habe genug Zeit, von daher alles entspannt. Gepäck aufgeben, Sitzplatz festlegen, Ticket kopieren (großes Problem: meine Weiterfahrt nachher mit dem Bus ist auf dem gleichen Ticket, aber für die Zugfahrt wollen sie es einkassieren), mir alles wieder zurückgeben und zwischendurch plaudern nimmt locker eine Viertelstunde ein. Doch nun ist alles geklärt.

Hoch auf die Touristenmeile des Grand Canyon Village, die ich bisher gemieden habe wie der Teufel das Weihwasser. Zwischen dem „El Tovar“ und dem Kolb Studio sind die Massen unterwegs, herausgeputzt im schicken Sonntagsstaat. Überwiegend handelt es sich dabei um Tagesausflügler, die gegen Mittag mit dem Zug kommen, mit dem auch ich kam, und heute Nachmittag, ebenfalls mit mir, mit dem Zug wieder zurück nach Williams fahren. Die Wanderer sind längst woanders.

Ich komme gerade rechtzeitig zur Sonntags-Info-Runde mit einem Ranger. Heutiges Thema: der kalifornische Condor. Seit den 60er Jahren wird er wieder im Canyon angesiedelt. Die Fortschritte werden regelmäßig überwacht. So wurde festgestellt, dass sein großer südamerikanischer Bruder bis zu 70 Jahre alt wird, der kalifornische Condor im Canyon aber höchstens 45. So versucht man, seine Lebensbedingungen hier kontinuierlich zu verbessern. Auch wir Touristen können dazu beitragen, indem wir es z.B. tunlichst unterlassen, die Tiere mit was auch immer zu füttern. Ein Riesenfortschritt wäre es auch, wenn niemand mehr Geldmünzen in den Canyon werfen würde. Denn leider fressen die Vögel das Geld in der Hoffnung auf Nährstoffe wie Calcium und verenden elendig daran. Der Nachwuchs schaut sich das von den Eltern ab, und so nimmt das Elend seinen Lauf. Also, falls ihr mal herkommen solltet, gebt eure Kohle lieber aus statt sie in die Botanik zu werfen. Das Glück ist euch sicher auch ohne Geldwurf hold. Die Tierwelt dankt es euch.

Randvoll mit Bildung, genehmige ich mir noch ein Eis, schaue kurz beim Kolb Studio vorbei und schlendere zurück Bahnhof. Auf der Rückfahrt nach Williams beglückt uns Larry mit seiner Gitarre. Ramblin’Rose macht offenbar nur die Frühschicht. 
 

 
 So wiegen wir uns in Sicherheit, bis plötzlich der Zug langsamer wird, begleitet von einer Horde bewaffneter Halunken auf Pferden. Ein Überfall! Zum Glück werden zahlreiche Beweisfotos geschossen, so dass einer späteren Verhaftung dieser Frühform von Terroristen nur wenig im Wege steht.
 

 
 Der Sheriff kommt natürlich zu spät, der Depp.
 
 

 
 Ohne weitere Zwischenfälle, nur um ein paar Dollar ärmer landet die Zugladung wohlbehalten in Williams. Dort schalte ich in den Turbo-Modus. In der Rekordzeit von noch nicht mal 15 Minuten stürze ich an den lahmen Massen vorbei, greife im Vorbeilaufen meinen aufgegebenen Koffer, der zum Glück schon auf dem Bahnsteig lungert, haste zum Schalter, um zu klären, wo nachher mein Bus abfährt, hechte ins gegenüberliegende Grand Canyon Railway Hotel und gebe dort meinen Koffer in Verwahrung. Warum die Eile, wo doch der Bus erst 1 1/2 Stunden später abfährt? Nun, ich hatte Williams zwar schon vor der Abfahrt in den Grand Canyon morgens beim Durchlaufen bewundert, aber für Fotos hatte ich keine Zeit. Nun habe ich sie, aber die Dämmerung ist schon voll im Gange. Und für ein paar hübsche Fotos lege ich gerne mal einen Zahn zu. 

Verena, das Twisters habe ich natürlich gefunden, aber es ist sonntags geschlossen! Deshalb konnte ich leider nicht rein. 

Hier meine abendlichen Impressionen aus diesem hübschen Dörfchen an der Route 66:
 

 Der Bus kommt überpünktlich und liefert nach 40 Minuten Fahrzeit insgesamt acht Gestalten am Bahnhof in Flagstaff ab. Nein, halt, nur sieben, denn ich habe vor der Abfahrt mit dem Fahrer gequatscht, woraufhin er mir anbot, mich bis vor mein Hotel zu kutschieren. Ich solle halt bloß nix den anderen Fahrgästen erzählen. Gesagt, getan, und so werde ich komfortabel vor meiner Hütte abgeladen. Es ist jetzt kurz nach halb neun abends, und ich habe die Trump-Clinton-Debatte verpasst. Gott sei Dank, denn wie ich später in einer Zusammenfassung sehe, ist das Ganze in ein würdeloses Schlammschlachttheater ausgeartet. Nun denn … Schlaft gut, bis morgen!
 

16 Gedanken zu “Tag 22 – Vom Grand Canyon nach Flagstaff

  1. Ernsthaft? Noch kein Kommentar? O_o
    Ich fand Williams sehr cool, weil man noch so viel Originales aus der 66-Zeit sehen konnte, wie z.B. die zahlteichen Oldtimer.
    In Flagstaff hatten wir auch übernachtet, die Stadt fand ich auch ganz nett. Lese auch gleich deinen Bericht dazu.😉

    Gefällt mir

    1. Ja, die Kommentare flauen ab, vermutlich, weil sich die Berichte und Fotos vom Grand Canyon kaum noch toppen lassen. Nun ist die Leserschaft verwöhnt, weil es „abwärts“ geht ;-). Ich fand Williams auch sehr stimmungsvoll! Da kriegt man wirklich noch ein Gefühl für die alten Zeiten.

      Gefällt 1 Person

  2. Sehr schöne Impressionen und Nachtaufnahmen des putzigen Nestes an der R66! Da wird den Touris einiges geboten. Aber wie immer süss die Amis, haben Angst vor dem Terrorismus in Europa und im Moment spez. in Germany, aber zu Hause die Gesetzlosen nicht im Griff. Zugüberfälle hat es m. W. in D schon lange nicht mehr gegeben. Aber vielleicht liegt das auch an den D-Pferden – die hier nur zu langsam sind? 🙂 Und ich wusste es immer: Elvis lebt. Auch wenn er ganz schön bleich und abgemagert ist. Das Einkommen in der Musikbranche ist heute wohl nicht mehr so üppig wie in den wilden Rock-Zeiten. Irgendwie scheint Flagstaff in der von Dir fotografierten Region stehen geblieben zu sein. Gibt es noch etwas anderes als die Touri-Industrie, in der die Menschen ihr Geld verdienen? Ach übrigens: Letzter!

    Gefällt mir

    1. Holz, Viehwirtschaft, Eisenbahn und Universität. Das waren bzw. sind die anderen Einnahmequellen von Flagstaff. Und es freut mich natürlich, dass dir auch meine Nachtaufnahmen gefallen. Ja, Elvis lebt! Und auch die Panik mancher Amerikaner vor dem Terrorismus in Europa …

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s