Beim Frühstück begehe ich gleich meine gute Tat für heute. Die desorientierte Dame an meinem Tisch findet sich partout nicht zurecht mit dem Stadtplan und dem Weg, den sie einschlagen sollte, um an ihr Ziel zu gelangen. Wo war noch mal der See? Und wo sind Süden und Norden auf der Karte und in echt? Ich nutze diese Steilvorlage, um mit meinen, hüstel, fortgeschrittenen Ortskenntnissen zu prahlen, verrate an dieser Stelle aber nicht, dass ich die Stadt gerade mal zwei Tage kenne :-). 

Draußen erwarten mich die gleiche drückende Wärme wie gestern – und eine größere Polizistentruppe auf Rädern. Überhaupt sehe ich hier für US-Verhältnisse erstaunlich viele Radfahrer in der Stadt. An jeder Ecke kann man sich einen Drahtesel ausleihen. Mal sehen, ob ich bis Freitag dahingehend noch die Kurve kriege.


 
Mein erstes Ziel ist heute das Chicago Cultural Center. Außer der Touristeninformation befinden sich in dieser früheren Bibliothek noch Ausstellungs- und Veranstaltungsräume. Aber auch der Bau selbst ist ein architektonisches Meisterwerk. Als ich mich lobend über die prächtige, mit Mosaiken übersäte Haupteingangshalle mit der fetten Treppe aus Carrara-Marmor (von Tiffany-Mitarbeitern gestaltet) äußere, meint der nette Herr am Empfang nur trocken: „It’s ok but it’s not Paris.“ Banause :-)! Urteilt selbst:

 

Gleich gegenüber beginnt der famose Millenium Park, Wahrzeichen und zugleich Aushängeschild von Chicago. Mit vier Jahren Verspätung wurde er 2004 eröffnet, doch das Warten hat sich gelohnt. Auch die kritischen Stimmen, die im Vorfeld laut wurden, sind verstummt angesichts des gelungenen Zusammenspiels von Kunst, Architektur und Landschaft. Als der Park geplant wurde, war das oberste Ziel, die wenig ansehnlichen Eisenbahnanlagen und Parkplätze des daran anschließenden Grant Parks unter einer Grünfläche zu verbergen. Was dabei herausgekommen ist, ist viel mehr als das. Auch wenn die Kosten für das Projekt explodierten. Warum sollte das hier anders sein als in Berlin? Worin sich Chicago allerdings erheblich von unserer Hauptstadt unterscheidet, ist das enorme private Spendenaufkommen. Die Stadt musste nicht einmal die Hälfte der Kosten tragen. 

Das sicher bekannteste Kunstwerk im Park ist das Cloud Gate von Anish Kapoor, das alle wegen seiner Form nur „The Bean“ nennen. Herrlich, wie sich Besucher und Bauwerke in seiner polierten Stahloberfläche spiegeln – und wieviel Spaß die Leute damit haben! Die fette Bohne wiegt rund 100 Tonnen, ist etwa 20 Meter lang und 14 Meter breit. Alles in allem eine imposante Erscheinung.

 
 
 Neben ausgedehnten Grün-, Spiel- und Erholungsflächen hat der Park noch eine aufsehenerregende Musikbühne zu bieten: den Jay Pritzker Music Pavillon von Frank Gehry. Wer das Guggenheim Museum in Bilbao oder die Fondatión Louis Vuitton in Paris kennt, wird seine Handschrift erkennen. Der Pavillon wird offiziell übrigens nicht Bau, sondern Skulptur genannt, um das alte Bebauungsverbot, das für den gesamten Grünstreifen entlang des Ufers des Michigan Lake gilt, zu umschiffen. Auf die überdachte Bühne passt ein komplettes Symphonieorchester oder auch ein 150-köpfiger Chor. Der dazugehörige Great Lawn wurde mit einer netzförmigen Stahlkonstruktion überspannt, die den Eindruck eines Glasgewölbes vermittelt. Darin hängen Lautsprecher, so dass auch in größerer Entfernung eine gute Akustik garantiert ist. Was soll ich sagen? Das Teil ist der Hammer!

 

 
 
Da der gute Gehry gerade in Fahrt war, hat er am östlichen Rand des Parks gleich auch noch eine hübsche Fußgängerbrücke über den Columbus Drive gebastelt, die BP Pedestrian Bridge. Sie dient nicht nur als Brücke, sondern auch als Sicht- und Lärmschutz. Wie sehr sie einer Schlange ähnelt, kommt auf meinem Foto nicht so gut raus, umso besser aber auf einem Ausschnitt des Modells, das die wunderbare Chicago Architecture Foundation in ihren Räumen an der Michigan Avenue ausstellt:


 
 Mittlerweile ist es so brutal heiß geworden, dass ich meinen Weg durch die Stadtparks lieber entlang des Sees fortsetze. Dort weht eine leichte Brise, die die Temperaturen etwas erträglicher macht. So gelange ich bis ins Museumsquartier, wo sich mit dem Field Museum, dem Shedd Aquarium und dem Adler Planetarium (letzteres siehe Foto) nicht nur drei hochkarätige Institutionen versammeln, sondern sich mir auch ein wunderbarer Blick auf die Skyline der Stadt bietet.


 
Quer durch den Park geht es dann zum unvermeidlichen Buckingham Brunnen, der einen hübschen Kontrast zur modernen Skyline ausmacht.


 
Weiter geht’s zur Michigan Avenue, wo ich zum wiederholten Male bewundere, wie harmonisch und gelungen man moderne Bauten in Lücken zwischen Altbauten fügen kann. Hier als Beispiel das Spertus Institute (2. Gebäude von rechts, das mit den Falten):


 
 Ein Stück weiter die Straße hoch hat die Architecture Foundation ihren Sitz. Dort ist ein wunderbares Modell der Innenstadt aufgebaut, das ständig aktualisiert wird und dessen Beleuchtung sich gemäß dem Sonnenstand alle 15 Minuten ändert.


 
 Zu guter Letzt mache ich noch dem Art Institute of Chicago meine Aufwartung. Zumindest von außen.

 

 
 
Ups, schon wieder Nachmittag! Erschöpft schleiche ich in Richtung Hotel, nachdem ich meinem Liebsten noch schnell zwei Jeans bei Levi’s gerissen habe. Eine gab es auch für mich. Hier zum Abschluss für heute noch ein paar fotografische Impressionen ohne Erläuterungen. Textlich habe ich euch heute schließlich schon genug eingeschenkt.

Eingang Millenium Park

 

Wegen Protest aus der Leserschaft von wegen keine Menschen auf den Fotos zu Strafe hier ein Selfie vor der Bohne.

 

Kunst

 

Hübsche Hütte

 

Das Gesicht der Stadt: die Michigan Avenue

 

Altehrwürdig

 
Kommt mir doch irgendwie bekannt vor …

 

11 Gedanken zu “Tag 3 – Chicago: Von Bohnen und Schlangen

  1. Dein Kunstbild (5. von unten) erinnert mich an meine frisch von einer Fachfrau erstellte Frisur. Am Sonnabend habe ich einen Termin, um die Reklamation der Kunst abzuhandeln. Vielleicht hindet mich auch meine Uneitelkeit daran, hierfür Zeit zu verschwenden. Je nun.
    Deine Fotos sind wirklich sehr beeindruckend. So hohe Häuser! Da muss es doch auch viele Leute geben? Drinne? Und wo ist eigentlich das grüne vom Park? Viele Grüße, auch an Jamie, und viel Spaß bei der Radtour!

    Gefällt mir

    1. Frau M.! Gefällt Ihnen etwa meine Frisur nicht??? In echt ist die toll, aber die Stahlbohne hat mich verzerrt und verzottelt. Freut mich, dass dir die Fotos gefallen. Auch wenn die ohne bzw. mit nur wenigen Leuten sind. Nein, die haben keine Ausgangssperre, und ich hoffe auch, dass die nicht aus Sicherheitsgründen zuhause bleiben, nur weil ich ihre Straßen unsicher mache. Und was das Grüne betrifft: schau doch noch mal ganz genau hin. Dann siehst du auf einigen Fotos Bäume und auch Gras, wenn auch nicht als Hauptmotiv. Auf die Idee, eine Rasenfläche ohne weiteres Motiv abzulichten, bin ich bisher auch noch nicht gekommen 😀. Sollte ich vielleicht mal ausprobieren!

      Gefällt mir

  2. Also die Fahrräder interessieren mich… Nur schade, dass es keine Detailfotos gibt, denn die Dinger sehen schon sehr „strange“ aus.
    Beim Bohnen-Selfie hätte ich zumindest lackierte Fußnägel erwartet. Und dann so was! Und der tiefblaue Himmel ist vollkommen übertrieben. Oder was sagt der „Meister“ dazu? Zumindest war der Trip nach Holland sehr lehrreich. Hut ab!

    Gefällt mir

    1. Also, die Fahrräder sind eigentlich ganz normal. Was kommt dir denn da strange vor? Ich lichte gerne Details für dich ab. Sag mir nur, welche. Lackierte Fußnägel vorStahlbohne? Was hast DU denn geraucht 😂? @ zu blauer Himmel: Beschwer dich beim Wettergott. Ich hätte ja auch lieber ein paar hübsche Wölkchen dazwischen. Würde den Fotos mehr Drama geben. Bisher Fehlanzeige. Polfilter ist da meistens gar nicht nötig bei dem Himmel hier. Aber zum Trost: ab heute soll das Wetter schlechter werden 😀.

      Gefällt mir

  3. Hey Elke, schönstes Wetter in Cicago,sag man nicht wenn Engel reisen😇👹….wieder mal sehr schöne Bilder.Ich finde der Azubi kann mal aufsteigen in der Hierachie,was meint der Meister dazu.Ich wundere mich auch,wie wenig Menschen doch zu sehen sind.Wenn sie nicht retuschiert sind, bleibt nur noch Zombieapokalypse. Ist dir was aufgefallen?Menschen,die nicht Karte lesen können,sollen die ersten Symptome zeigen.Pass auf dich auf.Liebe Grüße

    Gefällt mir

    1. Ja, das Wetter ist bisher wirklich der Hammer. Alles meinetwegen 😉. Ich vermeide natürlich die Leute auf den Fotos. Die versauen doch nur die schönen Motive! Frag den Meister. Der wird das bestätigen. In der Tat aber sind hier nicht solche Menschenmassen wie zum Beispiel in New York unterwegs. Oder du liegst mit deinen apokalyptischen Prognosen nicht so falsch… Die Nummer mit der desorientierten Dame war schon, äh, bemerkenswert!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s