Wenn man mit Rest-Jetlag in aller Herrgottsfrühe durch Chicago läuft, begegnet man Publikum, das gegensätzlicher nicht sein könnte: gestylte Businessleute und Obdachlose, letztere meist noch in tiefem Schlaf. So habe ich das bisher in jeder US-Großstadt erlebt. Aber in einem unterscheidet sich Chicago deutlich von New York z.B. Es geht hier gemächlicher zu, fast schon gemütlich. Als schlendernde Touristin falle ich in Sachen Geschwindigkeit nicht weiter auf. Sehr angenehm! Das ist auch später am Tag so, wenn auch der Rest der Welt wach und unterwegs ist.

Die Zeit bis zum Start meiner gebuchten Schiffstour vertrödele ich mit einem Getränk auf einer Parkbank im Schatten. Schon früh deutet sich an, dass auch der heutige Tag heiß werden wird. Ich teile die Parkbank mit Jamie, der, ebenfalls mit einem Getränk bewaffnet, die Zeit bis zu seinem Zahnarzttermin totschlägt. Wir kommen ins Gespräch. Er gibt mir noch ein paar Tipps, was ich in Chicago noch alles anstellen könnte und schlägt mir unter anderem vor, mir doch ein Rad zu leihen, um die unzähligen Kilometer entlang dem Ufer des Lake Michigan zu fahren. In mir keimt sofort der Verdacht, dass Stefan den Typen auf mich angesetzt hat :-). 

An dieser Stelle wird es Zeit für ein paar Fakten. Chicago liegt am Südwestufer des Lake Michigan, einem der fünf Seen der Great Lakes, dem größten zusammenhängenden Süßwasser-Binnensystem der Erde. Steht man an seinem Ufer, hat man das Gefühl, am Meer zu sein. Der kleinste der fünf Seen, der Lake Ontario, ist 36 Mal größer als der Bodensee. Damit ihr mal eine ungefähre Vorstellung habt, über welche Dimensionen wir hier reden. Wirklich sehr beeindruckend!

Zurück zum Tagesgeschehen. Vor lauter Quatscherei gerate ich dann doch noch in Zeitnot und muss mich sputen, um das Schiff noch zu kriegen. Kurioserweise erwähnt der Typ am Eingang ausgerechnet an mich gewandt, man möge doch bitte aufpassen beim Betreten des Schiffs wegen Unebenheiten. Woher weiß der denn, dass ich mir letzten Herbst in New York schon am ersten  Tag vor lauter Nach-oben-schauen-und-gleichzeitig-an-Straßenschäden-Scheitern den Fuß verstaucht habe? Nun denn …

Während der nächsten 90 Minuten komme ich dann aus dem Staunen und Fotografieren nicht mehr raus. Die einstige Stadt der Schlachthöfe und Al Capones dieser Welt war und ist in Sachen Architektur unübertroffen. Nach dem großen Feuer 1871 hat sich alles, was architektonisch Rang und Namen hat, hier verewigt. Die Chicago Architecture Foundation, deren Guides unentgeltlich für die Stiftung arbeiten und am Ende der Tour sogar ein Trinkgeld ablehnen, bietet mittlerweile rund 85 unterschiedliche Touren zum Thema an. Die Bootstour jedenfalls ist legendär, der „Füllungsgrad“ des Speicherchips meiner Kamera auch. Details der Tour zu erzählen, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Ich lasse stattdessen ein paar Fotos sprechen, ebenfalls ohne Erläuterung zu den jeweiligen Bauten. Denn sonst käme ich heute vor lauter Schreiben nicht mehr aus dem Hotel raus.

Nach der Tour schlendere ich, noch immer überwältigt und auch etwas erschlagen von all den Eindrücken, quer durchs Städtchen bei drückenden 30 Grad. Am Nachmittag verspüre ich den Drang zu Höherem und lasse mich mit ordentlich Ohrensausen hoch auf die Aussichtsplattform des 457 Meter hohen Hancock Tower katapultieren. Big John bietet dann auch einen grandiosen Blick auf die Stadt. Ich liebe es, wenn man mir zu Füßen liegt.

 
 

 
  

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

6 Gedanken zu “Tag 2 – Chicago: Design matters 

  1. Liebe Autorin und Fotografin, ich bin begeistert ob des Beitrags. Wenn Chicago nicht so weit weg wäre, würde ich gerne mal lang vorbeikommen. Scheint eine beeindruckende Stadt zu sein.
    @jamie: murks, das sollte er doch subtiler machen, der Sack.

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