Es war ruhig hier auf dem Blog in den letzten Wochen. Ich war viel auf Achse, sprich, das Leben kam dazwischen. Doch jetzt geht’s weiter!

Am Mittwoch bringt mich die Buslinie 2 nach Hermigua im Norden der Insel. Schon als ich aus dem Bus steige, erfasst mich eine tiefe Ruhe. Hermigua ist ein Paradies, das unter die Haut geht. Warum nur war ich so lange nicht hier?

Hermigua ist nach San Sebastián die zweitgrößte Ortschaft der Insel. Knapp 1.800 Einwohner verteilen ihre Unterkünfte innerhalb einer sich über sechs Kilometer bis hinunter zum Meer hinziehenden Streusiedlung. Sie durchzieht La Gomeras größte und wasserreichste Schlucht. Sie kommt als in die Länge und Breite ausgestrecktes Tal daher. Überall Bananenplantagen, so weit das Auge reicht.

Dieses Tal verdankt seine Fruchtbarkeit dem Cedro-Bach, drei Stauseen und last but not least dem ganzjährigen Passatwind mit Wolken und Nebelschwaden. Hier erschließt sich mir ein auf La Gomera viel zitierter Spruch: Der Süden hat Durst, und der Norden hat Wasser.

Ich steige im oberen Teil des Ortes aus dem Bus und starte meinen Rundgang mit einem Besuch des Ethnologischen Museums. Na ja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Erst muss ein Koffeinschub her, der mir im lauschigen Garten des Museums serviert wird. Dann bin ich bereit für das Museum mit vielen gut aufbereiteten Infos zur Insel und seinen großzügigen Außenanlagen. Der Gartentisch ist reich gedeckt.

Im Museum erfahre ich auch Näheres zu El Silbo. El was? Hier die Aufklärung: das ist die einzigartige Pfeifsprache von La Gomera. Sie wurde aus rein praktischen Gründen entwickelt, um über tiefe Schluchten und weite Distanzen hinweg zu kommunizieren. Als vollständige Sprache übersetzt sie die spanische Lautsprache in Pfiffe. Geniale Idee! Damit hat sie es 2009 auch zur Aufnahme ins immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe geschafft. Hört doch mal rein!

Wieder raus aus dem Museum, laufe ich einen großen Teil der sechs Kilometer langen Strecke durchs Barranco entlang der Hauptstraße von Hermigua. Es geht langsam, aber stetig bergab. Der Verkehr hält sich sehr in Grenzen. Und die Strecke punktet mit schönen Aussichten auf die Ortschaft und die Landschaft um sie herum.

Es ist ganz still hier, so mitten in der Woche und mitten am Tag, irgendwie entrückt. Ein Traum! Und das Örtchen selbst ist auch sehr sehenswert.

Zufrieden und tiefenentspannt steige ich am Nachmittag in den Bus zurück nach San Sebastián. Dort sorgen der Strand, ein paar Kurzgeschichten von Alice Munroe, mein Balkon, ein spannender Podcast und ein Gläschen Wein dafür, dass auch der Rest des Tages gut verläuft.

Am Freitag steige ich wieder in den Bus Nummer 2. Dieses Mal bringt er mich nach Agulo. Das kleine Örtchen liegt nur wenige Kilometer von Hermigua entfernt. Locker hätte ich es am Mittwoch gleich nach Hermigua anschauen können. Doch wozu? Ich habe Zeit und Muße. Da fahre ich die gleiche Strecke gerne auch ein zweites Mal.

Agulo gelte als das schönste Dorf auf La Gomera, verrät mir mein Reiseführer. Das glaube ich gerne! Das Örtchen selbst, die Lage, die Ausblicke sprechen für sich. Was für ein Schätzchen! Von den rund 1.500 Einwohnern lassen sich nur wenige auf der Straße blicken. Mag sein, dass das abends und am Wochenende anders aussieht.

Schroffe Steilwände umgeben Agulo und die umliegenden Plantagen. Die Küste fällt ebenso steil ab. Agulo präsentiert sich ganz still an diesem späten Vormittag. Nur ein paar Vögel singen, und hier und da rauscht der Wind. Als Hintergrundkulisse macht die Nachbarinsel Teneriffa mit dem majestätisch in der Inselmitte thronenden Teide einen ziemlich guten Job.

In einer kleinen Bar lege ich eine Trinkpause ein. Beim unvermeidlichen Gang zur Toilette stelle ich fest, dass es kein Wasser gibt, weder in der Spülung noch aus dem Wasserhahn am Waschbecken. Der Kellner zuckt entspannt mit den Achseln. Kann vorkommen. Ist gerade in weiten Teilen der Insel so. Wenig später wird das kostbare Nass wieder fließen. Business as usual auf La Gomera.

Wieder zurück in San Sebastián, drehe ich eine Abschiedsrunde durch die Stadt und an der Strandpromenade entlang. Verstärkte Anzeichen von Karneval lassen sich nicht mehr übersehen und überhören. Von meinem Balkon aus lausche ich abends einem Konzert auf der zentralen Plaza zu meinen Füßen. Es war eine tolle Woche hier in der Hauptstadt! Ich komme gerne wieder. Doch morgen zieht es mich erst einmal an den zweiten Standort meiner Reise. Stay tuned!

2 Gedanken zu “La Gomera – Hermigua und Agulo

  1. Wunderschön! Man könnte glauben, auf einer unbekannten Insel irgendwo im Pazifik zu sein, aber nicht auf den Kanaren.

    Die Pfeifsprache ist ja unglaublich. Erst dachte ich, ich hätte versentlich die Wiedergabegeschwindigkeit des Videos erhöht, aber die sprechen wohl immer so schnell.

    Die Fotos mit den zwei alten Damen gefallen mir am besten.

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