Mitte September 2021 schaffte es La Palma in jede Nachrichtensendung. Der Anlass war dramatisch.

Im Aridane-Tal, dem wichtigsten landwirtschaftlich genutzten Gebiet der Insel, entstand ein neuer Vulkan: der Tajogaite. Seine Eruption dauerte 85 Tage und richtete massive Schäden in den umliegenden Gemeinden El Paso, Los Lllanos de Aridane und Tazacorte an. Die wechselnde Dynamik des Ausbruchs wurde noch dadurch verschärft, dass zeitweise fast ein Dutzend Ausbruchsschlote Lava ausstiessen.

Der etwa 1.120 m hohe, aus sechs Kratern bestehende Vulkankomplex entstand am Westhang der Cumbre Vieja. Er schuf ein gigantisch großes, schwarzes Ödland bis hinunter zum Meer. Dabei zerriss er die Insel wie eine riesige Narbe und veränderte damit die Topografie der westlichen Seite von La Palma. Ganze Dörfer, so zum Beispiel Todoque, wurden unter den Lavamassen begraben, viele Existenzen vernichtet.

Der Vulkan gilt heute als eine der Hauptattraktionen der Insel, ist aber auch ein Symbol für die Zerstörung durch die Lavaströme, die tausende Menschen zur Evakuierung zwangen. Mittlerweile kann man dem Tajogaite auf geführten Wanderungen einen Besuch abstatten. Und genau das haben wir heute vor.

Um Besucher in dieses Gelände führen zu dürfen, braucht es eine gesonderte Zertifizierung. Unser Reiseleiter Mathias hat eine solche nicht. Und so gesellt sich Simon, ein vor vielen Jahren nach La Palma ausgewanderter Kanadier, zu uns. Er wird die Tour auf englisch kommentieren.

Gleich zu Beginn der Tour lässt er uns wissen, dass es unter bestimmten Umständen jederzeit möglich sein kann, dass wir das Gebiet zügig verlassen müssen. Das kann der Fall sein, wenn der Tajogaite Gase ausströmt, deren Konzentration einen definierten Grenzwert überschreitet. Dass der Vulkan sich ausgerechnet heute plötzlich auf andere Art und Weise aktiv bemerkbar macht, will ich mir lieber nicht ausmalen.

Doch keine Sorge: die einschlägigen Entwicklungen werden ständig durch Fachleute vor Ort überwacht und an die Guides, die gerade mit Besuchern im Gelände unterwegs sind, unverzüglich weitergegeben.

Wir stapfen los und bleiben immer wieder stehen, um Simons spannenden Ausführungen zuzuhören. Als Zeitzeuge hat er eine Menge zu erzählen, weit über offizielle Infos zu dem spektakulären Ausbruch hinaus. Und als schöner Nebeneffekt ist es deshalb auf dieser Wanderung auch etwas einfacher, die mit erstaunlich viel Grün durchsetzte Landschaft auf sich wirken zu lassen und Fotos machen zu können.

Was? Das soll der spektakuläre Neue sein? Geduld! Der Hauptdarsteller kommt noch. Wir müssen ihn uns erst noch wandernd erarbeiten.

Der schwarz-grau-braune Lavasand knirscht unter unseren Schuhen, das Wetter ist perfekt, die Aussichten phänomenal, die Wanderung leicht. Allmählich kommt der Tajogaite ins Blickfeld und sieht – wenig überraschend – aus jeder Perspektive ein wenig anders, jedoch immer sensationell schön aus! Und ich genieße das Spiel der langsamen Annäherung mit unterschiedlichen Vordergründen.

Und als wirkungsvoller Kontrast dienen minimalistisch daherkommende Details von Wegen und Pflanzen.

Schon bald sehen wir vereinzelte Überbleibsel der Dörfer, die der Vulkan unter sich begraben hat. Da ragt hier ein Hausdach heraus, und dort sitzt eine offenbar noch sehr lebendige Palmenkrone direkt auf der Erdoberfläche, während Wurzeln und Stamm offenkundig begraben sind.

Und dann ist es so weit: wir kommen dem Kraterrand so nahe wie möglich. Hier gibt es nicht nur viel zu sehen, sondern auch zu riechen. Der Tajogaite, der so viel Unheil angerichtet hat, und gleichzeitig so unfassbar schön anzusehen ist, lebt und schwefelt vor sich hin.

Ewig könnte ich mich hier an dieser Stelle niederlassen und diesen Anblick genießen. Doch andere Gruppen wollen auch noch auf die Pole Position. Und so müssen wir bald das Feld räumen und den Rückweg antreten. Auf diesem begleitet mich die Erkenntnis des Tages: La Palma ist zwar eine Insel, doch in erster Linie ein Vulkan.

Am frühen Nachmittag sitzen wir wieder in unserem Bus, der uns ins nahe gelegene Städtchen Los Llanos de Aridane bringt. Dort haben wir 90 Minuten Zeit, durch das Zentrum zu bummeln, der Gastronomie zu frönen und/oder einen kleinen Park anzuschauen.

Doch ich bin total entspannt, weil ich nächste Woche für drei Nächte meine Unterkunftszelte hier aufschlagen werde. Deshalb belasse ich es heute bei einem gemächlichen, ersten Eindruck. Und dieser zeigt mir, dass das hier ein wunderschönes, kleines Städtchen ist. Ich freue mich schon darauf! Auf richtige Fototour gehe ich aus naheliegenden Gründen heute nicht. Doch so ganz ohne einen kleinen Einblick möchte ich euch nicht lassen.

Am späteren Nachmittag machen wir uns auf den Heimweg, legen aber noch einen kurzen Stopp im Besucherzentrum Caldera de Taburiente ein. Dort beeindruckt mich besonders das topografische Modell von La Palma, das sehr schön die vielfältige Struktur der Insel mit ihren unterschiedlichen Gegebenheiten von kargem Vulkanismus an der Südspitze (von euch aus gesehen am rechten Rand) über die mittig und westlich gelegene Caldera bis hin zum üppig grünen Nordosten der Insel (links oben im Bild) zeigt.

Pünktlich zur Heimfahrt bekommen wir aus dem Bus heraus noch ein weiteres inseltypisches Schauspiel präsentiert. Ich rede von dem Wolkenmeer (cascada de nubes), das in Zeitlupe und wasserfallartig in Form von Passatwolken über den Bergrücken zieht. Ihr wollt es genauer wissen? Hier wird das Phänomen ganz gut erklärt.

Wir kommen recht spät ins Hotel zurück. Doch vor dem Abendessen bleibt mir immerhin noch genügend Zeit für ein paar Runden im Pool. Morgen geht’s wieder auf Wanderschaft. Stay tuned!

2 Gedanken zu “La Palma – Der Neue

  1. Liebe Elke,

    so eine Vulkanlandschaft ist einfach etwas herrliches. Du hast die Bildausschnitte bewusst gewählt. Dadurch vermittelst du einen sehr schönen Eindruck von der reduzierten Landschaft.

    Viele Grüße

    Horst

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