Wir müssen reden. Über die Stadt. Über ihre Geschichte, ihre Entwicklung, ihr Hier und Jetzt. Und warum wir hier sind.

Detroit ist vor allem als Motor City bekannt, untrennbar verbunden mit Henry Ford und der Automobilindustrie. Vor einigen Jahrzehnten stand die Stadt am Abgrund. Wirtschaftskrise, Jobverluste, niedrige Lebensqualität, baulicher Verfall, hohe Kriminalität. Die Einwohnerzahl fiel innerhalb weniger Jahre von 1,8 Millionen auf heute rund 650.000.

Doch vor ein paar Jahren kam die Trendwende. Es wurde und wird bis heute eine Menge investiert in Stadtplanung und -entwicklung, Kunst, Kultur, Freizeit, Grünflächen – kurzum in Lebensqualität und wirtschaftliche Entwicklung. Die Stadt und ihre Bewohner geben sich nicht auf.

Und genau das ist einer der Gründe, weshalb es uns nach Detroit gezogen hat. Schon länger denke ich darüber nach, weniger in die klassischen, bei Touristen beliebten und meist überfüllten Orte zu reisen und mich stattdessen verstärkt den weniger bekannten Städten „aus der zweiten Reihe“ zu widmen.

Ohne besondere Erwartungen sind wir nach Detroit gereist und waren umso positiver überrascht, was die Stadt zu bieten hat. Dass Stefan seit Jahrzehnten treuer Fan des Baseballteams der Detroit Tigers ist (trotz eher mäßiger sportlicher Erfolge), spielte natürlich auch eine kleine Rolle.

Insgesamt erscheint uns Detroit recht leer! Die großräumige Stadtgestaltung war ja auf deutlich mehr Einwohner abgestimmt, als heute dort leben. An vielen Stellen erkennen wir jedoch die vielen Bemühungen der Stadt, diese wiederzubeleben. Es wurde schon eine Menge getan, ohne den alten Industriecharme zu vernachlässigen.

Detroit präsentiert sich dabei nicht so glattgeleckt und makellos schön wie klassische Touristenziele. Überall in der Stadt trifft man auf raue Ecken und Kanten, sieht hier und da den baulichen Verfall. Doch gerade das gibt der Stadt Authentizität, so abgenutzt der Begriff auch daherkommen mag. Insgesamt geht es hier (noch) erfrischend untouristisch zu in dieser Großstadt mit Kleinstadtcharme. Und die Menschen sind total freundlich und locker. Man kommt, wie so oft in den USA, überaus leicht ins Gespräch.

Nun aber hinein ins Getümmel! Nachdem wir uns über die aus unserer deutschen Sicht unkonventionelle Marketingstrategie der Baptistengemeinde in unserer Wohngegend amüsiert haben, …

… nehmen wir die Q-Line (eine Straßenbahn, ich erwähnte sie schon im vorherigen Bericht) bis zum Grand Circus, wo die Downtown beginnt. Ein dringendes Bedürfnis treibt mich in Gefilde, in die ich eigentlich nicht hingehöre. Da wegen der frühen Uhrzeit (der Jetlag, ihr wisst schon) noch sämtliche Etablissements geschlossen sind, nähere ich mich in meiner Not dem exklusiven Detroit Athletic Club, der sich direkt neben dem Stadion der Tigers befindet.

An Doorman Michael komme ich natürlich nicht ohne weiteres vorbei. Doch für ein nettes Gespräch bin ich ja immer zu haben, auch wenn die Geduld meiner Blase weiter strapaziert werden muss. Ich erfahre interessante Details über diesen edlen Privatclub, der für 9.000 US $ Aufnahmegebühr und mehrere Hundert US $ Monatsgebühr sportlich und gesellschaftlich so ziemlich alles bietet, was das Herz begehrt. Restaurants, Bars, Raucherlounges und einen direkten Blick über das Stadion der Tigers inklusive.

Meine Geduld wird belohnt. Michael riskiert Kopf, Kragen und seinen Job, um mich undercover hier hineinzuschleusen. Schließlich ist der Zutritt für Nichtmitglieder strengstens untersagt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass ich alleine schon wegen meiner lässigen Aufmachung ziemlich aus dem edlen Rahmen falle 😅. Jetzt bloß nicht verlaufen, sondern auf dem kürzesten Weg zur Toilette und wieder zurück zu Michael. Geschafft!

Doch während Stefan vermutlich schon das Suchkommando auf mich angesetzt hat, legt Michael weiteren Gesprächsbedarf an den Tag. Sein Neffe war wohl kürzlich in Deutschland und hat ihm eine Menge wunderlicher Geschichten aufgetischt, die er nun auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen möchte. Vor allem der ÖPNV beschäftigt ihn, denn es hat ihn sehr erstaunt, dass sein Neffe ohne Auto in Deutschland unterwegs war. Ob man denn wirklich einfach mit Bus und Bahn von A nach B und sogar vom Frankfurter Flughafen in die Innenstadt käme? Amazing! Und für einen klitzekleinen Moment schäme ich mich für meine Klagen über die Deutsche Bahn.

Gegen Ende des Gesprächs lehnt sich Michael weit aus dem Fenster. Er lädt mich und Stefan (unbekannterweise) ein, den Club zu besuchen. Streng geheim und illegal, klar, aber das würde er schon irgendwie deichseln. Er nennt mir seine heutigen und morgigen Dienstzeiten und formuliert neben der Schweigepflicht nur eine einzige weitere Bedingung: ordentliche Kleidung 🤣, sprich, nicht das Outfit, in dem ich ihm gerade gegenüber stehe. Und daran würden wir definitiv scheitern. Doch das sage ich ihm lieber nicht.

So, nun habe ich eure Geduld genug strapaziert. Ihr wollt sicher ein paar Fotos sehen, gell?

Downtown Detroit bietet neben schönen Gebäuden und einem entspannten Flair auch Street Art und sonstige Kunst im Stadtbild.

Der unbestrittene architektonische Höhepunkt ist indes das Guardian Building. Es ist sicherlich eines der beeindruckendsten Bauwerke der Art-déco-Architektur. Besonders toll sind auch die aztekischen Elemente, die bei der Gestaltung des Inneren eingesetzt wurden. Schon von außen ist es eine Schönheit, doch seine inneren Werte hauen uns echt aus den Socken. Euch auch?

Nur wenige Meter weiter kündigt sich ein Event an, das an dem nun beginnenden Wochenende die Stadt prägen wird: das Jazzfestival. Da werden wir die Tage noch vorbeischauen. Doch für den Moment begnügen wir uns mit den gut gelaunten Maskottchen der Veranstaltung.

Zwei interessante Fotomotive drängen sich uns hier am unteren Ende der Downtown noch auf, …

… und dann stehen wir schon am Ufer des beeindruckend breiten Detroit River, von wo aus wir einen Blick auf Kanada werfen, das auf der anderen Seite des Flusses beginnt. Von hier aus laufen wir eine Weile den River Walk, eine kilometerlange, sehr schön gestaltete Uferpromenade entlang. Von hier aus ist der Blick auf die Stadt noch einmal ganz anders. Die Vielfalt Detroits gefällt uns richtig gut. Und was auffällt, ist, dass man von der Innenstadt sehr schnell im Grünen ist. Das hat wirklich Charme.

Irgendwann drehen wir ab und verlassen das Ufer. Auf unserem Weg zurück in die Stadt liegt Greektown, das wir bei der Gelegenheit gleich noch mitnehmen wollen. Schade, dass sich die Monroe Street, die mit Restaurants und Kneipen gespickte Hauptgasse des kleinen Viertels, gerade komplett als Baustelle präsentiert. Doch die Läden sind alle geöffnet, und der Anblick der orthodoxen Kirche und guter Street Art hier und da erfreut uns auch.

Am Schluss unseres Rundgangs passieren wir noch den wunderschönen Capitol Park Historic District, …

… bevor wir mit der Straßenbahn nach Hause fahren. Puh, jetzt sind wir ganz schön platt! Doch der Tag war toll und abwechslungsreich. Wir sind ja nicht zur Erholung hier 😃. Bald geht’s hier weiter. Stay tuned!

9 Gedanken zu “Detroit – Stadt, Land, Fluss

  1. Interessant wäre es sicher gewesen, den schicken Club von innen zu sehen. So nett von Michael, euch da reinbringen zu wollen. Ich verstehe es so, dass es letztlich an der Kleidung gescheitert ist? 😉

    Ansonsten überrascht Detroit, denn ich hatte noch die Vorstellung der verfallenden Großstadt vor Augen. Wie es aussieht, tut sich da richtig viel. Bin gespannt, was ihr sonst noch so erleben werdet.

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    1. Die Kleidung diente als willkommener Vorwand! Denn auch wenn die Neugier groß war: Wohlgefühlt hätten wir uns als illegale Eindringlinge vermutlich nicht.

      Ja, Detroit galt lange als verfallene Stadt. Das Image schüttelt sie zum Glück nun nach und nach ab. Es passiert echt eine Menge!

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  2. Schön, dass es euch in Detroit gefallen hat. Zumindest in Downtown sieht es jetzt weit gepflegter aus, als ich das in Erinnerung habe. Ich erinnere 0an Suburbs (rund um Downtown ?) mit vielen Ruinengrundstücken. Würde mich interessieren, ob sich dort auch etwas getan hat. Ich wohnte damals in Grosse Pointe und musste über die Jefferson Ave zur Arbeit fahren. Unterwegs sah es zum Teil so heruntergekommen aus, dass ich nicht gerne mit einer Autopanne liegen geblieben wäre …

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    1. Das glaube ich dir gerne, dass du die Stadt damals noch ganz anders erlebt hast. Verfall sieht man auch heute noch, doch es hat sich zumindest in den zentraler gelegenen Vierteln und in Downtown schon eine Menge getan. @Grosse Pointe: da kann ich nichts dazu sagen. So weit draußen waren wir nicht.

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  3. Sehr schön, das kommt mir so vor, als ob die Stadt auf bestem Wege ist. Bei meinem Besuch haben noch die Dampfwolken aus den gebrochenen Heizrohren geblasen und zwei von drei Einfamilienhäuser waren am verrotten. Wann war das nochmal? Ich glaube, erst vor 10 Jahren oder so.

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    1. Kann ich mir lebhaft vorstellen, dass du noch eine völlig andere Stadt erlebt hast. Ja, innerhalb von zehn Jahren ist da offensichtlich wirklich eine Menge passiert. In Berlin würde man in diesem Zeitraum wohl gerade mal die Vorbereitungen zur Ernennung der Planungsgremien und Ausschüsse angekündigt haben 🤣.

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