Wie konnte ich nur so leichtsinnig sein?

Denn schon wieder bin ich Stefan auf den argumentativen Leim gegangen. In einem Moment der Unbekümmertheit habe ich gestern zugestimmt, dem Mesa Arch in den Canyonlands einen Besuch abzustatten. Zum Sonnenaufgang, wenn (es) dem Morgen (und mir) graut.

Und so beginnt zum zweiten Mal während dieser Reise ein Tag mit masochistischen Anklängen. Weit vor fünf Uhr machen wir uns bereit, steigen mit leeren Mägen ins Auto, fahren 45 Minuten bis zum passenden Parkplatz und stolpern weitere 15 Minuten durch die Botanik, bis wir am Ort des Begehrens ankommen. Keine Sekunde zu früh! Denn etwa zehn Fotografen haben da bereits samt ihrer Stative Stellung bezogen.

Doch unter Fotografen geht es in der Regel zivilisiert und rücksichtsvoll zu. Alle rücken etwas zusammen, sodass auch wir beiden noch wie bei ARD und ZDF in der ersten Reihe ein Plätzchen finden. Es herrscht eine ruhige, fast ehrfurchtsvolle Stimmung. Es wird kaum gesprochen. Und wenn, dann leise. Vor uns ein schmaler, flacher Bogen, dahinter die unendlichen Weiten der Canyonlands. Und dahinter ein Licht, das nun zögerlich heller wird. Magisch!

Zumindest so lange, bis der Sonnenaufgang naht. Denn plötzlich bricht hinter uns ein Getöse los. Die Instagram-Fraktion stürmt pünktlich die Bühne! 25 bis 30 Leute preschen lärmend heran, drängen sich an der Fotografenschar vorbei, posen direkt unter und auf dem Mesa Arch und lassen alle Welt an diversen Sprachnachrichten und Telefonaten teilhaben. Muss ich erwähnen, dass sie sich einen feuchten Kehricht darum scheren, ob sie anderen im Weg bzw. im Foto sind?

Ach ja, höre ich euch seufzen. Die Elke jammert mal wieder über die Selfie-Macher. Gähn! Das möchte ich jedoch nicht unwidersprochen lassen. Denn es ist mir ja grundsätzlich egal, wenn Leute das 798ste Foto von sich machen und der Welt beweisen wollen, dass sie tatsächlich hier, da und dort waren. Sollen sie ihren Spaß damit haben! Ich komme nur nicht mit der ignoranten Rücksichtslosigkeit klar, mit der viele auftreten.

Schlussendlich stört die Bande mit ihrem Lärm und Gewusel zwar das kontemplative, stille Naturerlebnis an diesem besonderen Ort, aber nicht das Fotografieren selbst. Denn die meisten knipsen nur den Sonnenaufgang, während wir auf den Lichteffekt warten, den der Feuerball auf die Felsen zaubert. Und der kommt erst später, wenn die Sonne schon höher steht und die Massen schon längst wieder abgezogen sind. Gut so! Und dann kommt auch der Genuss des Augenblicks wieder zurück. Was für ein magischer Ort!

Nachdem wir dem Mesa Arch mehr als zwei Stunden unsere Aufwartung gemacht haben, geht’s zurück nach Moab. Nun haben wir ordentlich Hunger! Zum Frühstück bekommen wir nicht nur leckere Pancakes und einen Breakfast Burrito serviert, sondern auch Livemusik. Mit dem netten Blues-Gitarristen kommen wir nach dem Auftritt auch noch eine Weile ins Gespräch. So gut, wie der Morgen anfing (vom frühen Aufstehen einmal abgesehen 😅), geht er auch weiter. Huch, schon ist Mittag!

Der Rest des Tages ist schnell erzählt: kurze Siesta im Hotel, ein kleiner Spaziergang durch Moab und Umgebung, Kuchen im Café, pool time im Motel. Unspektakulär, und dennoch schön!

Bevor ich euch auf unseren Ausflug am nächsten Tag mitnehme, verliere ich noch ein paar Worte über den Canyonlands NP. Dieses Schutzgebiet ist mit 1.400 km² Fläche das größte in Utah. Das entspricht etwas mehr als die Hälfte der Fläche des Saarlandes. Der Colorado und der Green River haben diese beeindruckende Canyonlandschaft geschaffen, indem sie tiefe Schluchten in das Colorado Plateau geschliffen haben.

Der Park ist in drei Bereiche unterteilt, die untereinander keine Straßenverbindungen haben. Will man vom nördlich gelegenen Island in the Sky zu The Needles im Südosten, muss man den Weg über Moab nehmen. Von Parkeingang zu Parkeingang sind deshalb fast 170 Kilometer zu fahren. Deshalb teilen wir uns diese beiden Bereiche auf zwei Tage auf.

Der dritte Teil, The Maze, ist, so lesen wir im Reiseführer, offiziell mit dem Auto nicht zu erreichen. Um sich dort umzusehen, muss man eine genehmigungspflichtige Backcountrywanderung unternehmen. Wie wir jedoch im Gespräch mit zwei passionierten und erfahrenen Jeepfahrern erfahren, dürfen sich geübte Geländewagenfahrer wohl doch auch auf vier Rädern dort herumtreiben. Ebenfalls nur mit Genehmigung, versteht sich.

Schluss mit der Theorie, rein in die Praxis. Heute fahren wir die Panoramastrecke im Island in the Sky District ab. 28 Grad und ein leichtes Lüftchen auf 2.000 Metern Höhe fühlen sich recht angenehm an. Wir lassen uns Zeit, halten an allen Aussichtspunkten und unternehmen hier und da kleine Wanderungen. Die Aussichten sind großartig!

Abends biegen wir von den Canyonlands aus ab zum Dead Horse Point State Park, wo wir den Tag gebührend ausklingen lassen wollen. Tote Pferde? Hört sich nicht gut an! Zur Namensgebung dieses mit 22 km² recht kleinen State Parks kursiert diese Geschichte:

Im 19. Jahrhundert lebten hier Herden von Wildpferden. Cowboys trieben sie auf das Hochplateau, das einen natürlichen Pferch mit nur einem schmalen, mit einem Zaun versperrten Zugang bildete. So blieb kein weiterer Fluchtweg. Die besten Pferde wurden gefangen, gezähmt, selbst genutzt oder verkauft. Die übrigen, nicht weiter versorgten Tiere verblieben auf der Hochebene, wo sie in Sichtweite zum mehrere Hundert Meter tiefer gelegenen Colorado verdursteten. Warum? Entweder fanden sie schlichtweg den Weg hinaus nicht, oder der Zaun wurde nicht entfernt. So die unschöne Legende.

Deutlich besser sind da schon die Aussichten vom Lookout. Der nahende Sonnenuntergang liefert uns zwar nicht die erwartete Beleuchtung der Felsen unten am Colorado, doch was wir zu sehen bekommen, ist dennoch wunderschön. Die Atmosphäre ist heiter und entspannt, es sind nicht zu viele Leute da, es ergeben sich beim Warten auf gute Lichtverhältnisse sehr nette und kurzweilige Unterhaltungen. So kann ein Tag gut zu Ende gehen!

Die Rückfahrt wird anstrengend, zumindest für Stefan. Die Gegend hier ist offiziell ein sogenannter Dark Sky Place, also ein Lichtschutzgebiet. Es ist wirklich stockdunkel, die Sicht entsprechend begrenzt. Das sind wir als Großstadtbewohner nicht gewohnt. Ein Paradies für Sternegucker! Wenn nicht gerade Vollmond ist 😎.

Am nächsten Tag brechen wir unsere Zelte in Moab ab. Auf dem Weg zum nächsten Standort nehmen wir noch den The Needles District des Canyonlands NP mit, der halbwegs auf der Strecke liegt. So werden wir einen Teil des Tages zumindest optisch an der Nadel hängen. Die Strecke zieht sich eine Weile, bis man die Einfahrt zum Nationalpark erreicht. Doch das macht nichts, denn es gibt unterwegs genug zu sehen.

Und dann sind wir da. Die Anfahrt war lang, doch jeder Kilometer ist es wert. Belohnt wird man im The Needles District nicht nur mit grandioser Natur, sondern auch mit deutlich weniger Besuchermassen. Wir genießen die sehr abwechslungsreiche Landschaft von den zahlreichen Aussichtspunkten entlang des Scenic Drives aus.

Tiefer hier einzutauchen, würde sich sicher lohnen. Doch diesen Parkteil muss man sich erwandern. Das ist aber eher für erfahrene, fitte und klettersichere Besucher zu empfehlen. Fast alle Strecken hier gelten als anspruchsvoll. Aber wir haben The Needles auch von den Aussichtspunkten und auf den Miniwanderungen sehr genossen. Das sind doch wahrlich gute Aussichten, oder?

Unser Fazit zum Canyonlands National Park: Eine spektakuläre Schluchtenlandschaft, die Ehrfurcht einflößt. Wir fanden sie richtig klasse.

Weiter geht’s! Die Strecke bis zu unserem nächsten Standort zieht sich. Zum Glück ist die sie flankierende Landschaft nicht so spektakulär, dass wir ständig anhalten müssen 😅. So können wir zur Abwechslung auch mal Strecke machen.

Am späten Nachmittag legen wir dann aber doch noch einen Boxenstopp ein. Bluff, ein hübsches Dörfchen in malerischer, von Hügeln umgebenen Lage, kommt wie eine Filmkulisse daher. Es lockt uns mit ein paar Fotomotiven und einem Freilichtmuseum aus vergangenen Zeiten. Der 300-Seelen-Ort ist unverkennbar touristisch geprägt, aber liebevoll gestaltet. In einem schicken Resort gleich am Ortseingang kann man auch ganz klischeehaft in einem Tipi wohnen.

Am frühen Abend erreichen wir unsere Unterkunft in Mexican Hat. Das Kaff erweist sich als noch kaffiger als befürchtet. Doch die schöne Lage des Motels und der Umstand, dass diesem auch ein kleines Restaurant angegliedert ist, versöhnt uns. Hier werden wir trotz minimalem kulinarischem Angebot zwei Nächte unbeschadet überleben 😅.

Ui, nun sind wir echt kaputt von der langen Fahrt! Vor allem die Beifahrerin, die von der gnadenlosen Sonne ununterbrochen gegrillt wurde. Elke well done. Sollte auf keiner Speisekarte fehlen. Stay tuned!

31 Gedanken zu “Canyonlands NP – Tiefe Schluchten, unendliche Weiten

  1. Liebe Elke,
    tolle Aufnahmen! Den Mesa Arch hast du optimal erwischt. Da hat sich das Warten gelohnt. Was deine „Freunde“ von der Selfie-Fraktion betrifft, gebe ich dir völlig Recht. Es geht ja nicht um das Fotografieren sondern um die Rücksichtslosigkeit.
    Viele Grüße Horst

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  2. Unglaublich eure vielen tollen Naturerlebnisse und die traumhaften Fotos. Die Nationalparks im Südwesten der USA bieten in der Tat eine hohe Dichte einzigartiger Landschaften. Das sich die Selfie Knipser aber auch andere Fotografen genau vor deinem Standort aufbauen , kenne ich auch. Meistens hilft ein mehr oder minder freundlicher Hinweis, damit sie wieder auf die Seite rücken.
    Kann mir vorstellen, dass die weiten Strecken, sowohl für den Faher als auch für dich als Beifahrerin anstrengend waren. Wenn es dann auch noch so viel zu sehen gibt, wäre ich wahrscheinlich mit Eindrücken übersättigt. Gut dass ihr euch in Moab erholen konntet.

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    1. Danke, liebe Inga! Ja, wir haben in der Tat viel gesehen. Ein Highlight jagt dort das nächste. Direkte Ansprachen an die ignoranten Selfie-Knipser habe ich auch schon oft ausprobiert. Mal hilft es, mal hilft es nicht. Im konkreten Fall am Mesa Arch habe ich mir, obwohl ich mich nicht im Ton vergriffen habe, allerdings nur eine dumme Antwort eingefangen. Aber zum Glück war die Meute schon wieder weg, als es richtig schön wurde. Wir sind eigentlich nur einmal eine längere Strecke gefahren, und zwar die von Torrey/Capitol Reef NP mit Abstecher zum Goblin Valley nach Moab. Ansonsten habe ich die Fahrtstrecken zwischen den einzelnen Standorten so geplant, dass sie nie sehr lange waren. Bei der Weiterreise nach Mexican Hat wurde es nur deshalb etwas anstrengend, weil wir den zweiten Teil der Canyonlands noch eingebaut haben (die Distanzen dort hatten wir irgendwie im Vorfeld unterschätzt). Dazu kam dann danach bei der Weiterfahrt zum nächsten Motel, aber tatsächlich nur für mich, dass die Sonne die ganze Zeit auf die Beifahrerseite knallte und ich dauerbesonnt wurde. Da half auch die Klimaanlage nur bedingt.

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      1. Ich sage da meist nicht viel; wenn sich jemand vor mich drängelt, drängele ich mich dann vor ihn… meist kommt da auch wenig Gegenwehr, die wissen schon, warum. Blöd ist es nur an einem Abhang, irgendwann ist der Abhang dann zu Ende *lach*

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  3. Herrliche Landschaften! Wir hatten bei unserem Besuch auch von diesem magischen Sonnenaufgang am Mesa Arch gelesen, aber dann entschieden, dass man einen Sonnenaufgang besser im Bett erwartet.

    Aber die Fotos sind klasse! Da bekomme ich gleich wieder Sehnsucht. Obwohl ich mich noch viel zu gut an die schweißtreibende Wanderung im Needles District erinnern kann. Das war schon heavy…

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    1. Den Sonnenaufgang im Bett abwarten ist auf jeden Fall die weniger anstrengende Variante 😅. Danke für das Foto-Kompliment 😎. Das lese ich natürlich immer gerne. Ich bewundere dich ja immer noch für deinen Mut, diese Wanderung zu den Needles in Angriff genommen zu haben. Das hätte ich mir nicht zugetraut.

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  4. Danke, da bestaune ich lieber eure Photos, als die Duckface-Dinger im Internet. Hinterlassen die Selfie-Fritzen denn auch wenigstens hübsche Vorhänge-Schlösser, Aufkleber vom 1. FC Union, Köln oder dem Ländle Würtemberg??

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    1. Die von dir genannten Devotionalien konnte ich dort zum Glück nicht entdecken, aber es hätte mich auch nicht gewundert, wenn es anders gewesen wäre 🤣. Du musst heute mit Idiotien in allen Ausprägungen rechnen! Da gibt es kaum noch Schmerzgrenzen.

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      1. Wäre mal Zeit für eine neue Sorte Schilder … also nicht mehr nur „Achtung, wilde Affen“ oder „Vorsicht, Schlangen“ sondern eben auch … „Achtung Idioten in allen Ausprägungen“ … ich schreib da mal was drüber. Gefällt mir

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  5. Ja, die Insta-Meute. Es fällt mir schwer zu bekennen, dass ich da auch bin. Allerdings nerven die mich auch. Die wollen nur ihr schnelles Fotomotiv um zu beweisen, dass sie da waren und dann ziehen sie wieder ab. Wo sie eigentlich genau waren zählt für sie nicht.

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  6. Liebe Elke, die Ausblicke sind einfach traumhaft. Bei dem frühen Aufstehen weiß ich nicht, ob ich mir es hätte gefallen lassen, aber es hat sich gelohnt. Und sogar die Influencer (ich frage mich jedes Mal, ob das ein neuer Zweig der Influenza Grippe ist…) haben ihre Allerwertesten hochbekommen 😉

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    1. Ja, das frühe Aufstehen war hart, aber es hat sich gelohnt! Und was die unliebsamen Gesellen von der Selbstdarsteller-Fraktion betrifft, so können die meinetwegen gar nicht oft genug von der Influenza befallen werden 😂.

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