Wieso bin ich da nicht schon früher drauf gekommen? Gute Frage! Aber egal, nun schreite ich zur Tat.

Mehrmals im Jahr weile ich für mehrere Tage in meiner alten saarländischen Heimat, um meine Eltern zu besuchen und gute Freunde zu treffen. Was liegt näher, als von hier aus gleich noch ein paar Kilometer weiter nach Westen zu reisen und in meiner alten Zweitheimat Paris vorbeizuschauen? Der ICE, von Frankfurt kommend, bringt mich in knapp unter zwei Stunden ohne Umstieg von Saarbrücken in die französische Hauptstadt. Nichts wie hin!

Und so steige ich nach ein paar für April ungewöhnlich warmen und sonnigen Tagen im Saarland am späten Vormittag in den Zug nach Paris und steige, kaum habe ich Platz genommen, am Gare de l’Est wieder aus.

Mein Hotel liegt im 10. Arrondissement, rund 900 Meter vom Bahnhof entfernt. Das ist locker zu Fuß zu bewältigen, zumal ich nur mit wenig Gepäck unterwegs bin. Erfreut stelle ich fest, dass das Hotel Taylor zentral, aber total ruhig in einer Sackgasse gelegen ist. Innerhalb eines Radius’ vom 500 Metern erreiche ich gleich drei Metro-Stationen. Ich habe Glück und kann mein winziges, aber schnuckeliges Mansardenzimmer unterm Dach schon vorzeitig beziehen.

Ich halte mich nicht lange auf und mache mich gleich auf den Weg, um meine nähere Umgebung zu erkunden. Ich liebe es ja, im direkten Umfeld erst einmal in Ruhe Witterung aufzunehmen, die Atmosphäre zu spüren, die Läden und die Gastronomie unter die oberflächliche Lupe zu nehmen und das Publikum einzuschätzen.

Mein letzter Aufenthalt in Paris ist fast acht Jahre her, das 10. Arrondissement hatte ich schon deutlich länger nicht mehr besucht. Deshalb staune ich nicht schlecht, welche Entwicklungen hier stattgefunden haben. Richtig charmant ist es geworden! Dieser Eindruck verfestigt sich bei meinem anschließenden Spaziergang entlang des Canal St. Martin.

Nach etwa zwei Stunden kommt, was kommen muss und auch angekündigt war: der große Wetterwechsel. Noch halten sich die Temperaturen im milden Bereich um die 20 Grad. Doch anhaltender Regen setzt ein, garniert von stärker werdendem Wind. Höchste Zeit für einen gemütlichen Feierabend im Hotel! Nach schönen, aber auch anstrengenden Tagen im Saarland genieße ich das Alleinsein, das Schweigen und die kontemplative Wahrnehmung meiner selbst. Man mag es kaum glauben, doch ich bin wirklich nur punktuell gesellig. Der Hang zum Einzelgängertum überwiegt.

Am nächsten Morgen erfreue ich mich am für französische Verhältnisse erstaunlich guten und vielfältigen Frühstücksbuffet und starte dann zu einem ersten Rundgang. Heute wird mich so mancher Regenschauer begleiten, die morgendlich frischen vier Grad werden sich im Laufe des Tages zu maximal 12 Grad upgraden.

Das Schönste an meinen Reisen nach Paris ist der Umstand, dass ich keinerlei Besichtigungsdruck verspüre. Ich kenne die Stadt sehr gut und kann es genießen, mich einfach treiben zu lassen ohne konkrete Pläne, Ziele und Vorstellungen. Einfach loslaufen und schauen, was passiert. Mein Fußweg Richtung Marais führt mich zufällig an der großartigen Fondation Henri Cartier-Bresson vorbei. Die Fotoausstellungen interessieren mich sehr, und so verbringe ich den späteren Vormittag dort.

Wieder zurück auf der Straße, erwartet mich für den Rest des Tages ein wilder Wechsel von Sonne, Wolken und teils heftigen Regenschauern. Aprilwetter, wie es im Buche steht 😁!

Nun packe ich meine Kamera aus. Was das Fotografieren betrifft, so wird diese Reise experimentell. Ich habe entgegen meiner sonstigen Gewohnheit nur ein einziges Objektiv dabei. Es hat eine Festbrennweite von 20 mm, was bei meiner Kamera (APS-C), die kein Vollformat hat, 30 mm bedeuten. Ich habe dieses sehr flache und deshalb Pancake genannte Objektiv kurz vor der Reise erworben und bisher noch nicht ausprobiert. Es ist insbesondere für die Street Photographie gedacht, mit der ich mich künftig mehr befassen möchte. Hier und da gibt es natürlich auch Aufnahmen von der Stadtlandschaft. Insgesamt bin ich jedoch fotografisch reif für neue Wege, auch in Sachen Festbrennweite. Mal schauen, wo sie mich hinführen!

Anfangs ist es noch etwas tricky, damit zu fotografieren. Straßenszenen ergeben sich spontan, ich muss zumindest bei Personen schnell sein, den Abstand richtig einschätzen, recht nah dran sein und oft buchstäblich aus der Hüfte schießen. Das erfordert Übung, doch es ist bekanntlich selten ein Meister vom Himmel gefallen. Bei Gebäuden muss hingegen der berühmt-berüchtigte Fuß-Zoom ran. Hier sind ein paar meiner Erstlingswerke:

Was? Schon früher Abend? Dann will ich es für heute gut sein lassen. Morgen setze ich meine Stadtspaziergänge fort und werde mich in die nächste Übungsrunde stürzen. Stay tuned!

19 Gedanken zu “Paris – Wurde auch Zeit!

  1. Wie schön! Paris ist immer wieder eine Reise wert. Das habe ich vor kurzem, wie du weißt, auch erlebt.
    Ich muss allerdings gestehen, dass ich der Straßenfotografie kritisch gegenüberstehe. Davon abgesehen, dass man sich bei der Veröffentlichung in manchen Ländern
    auf rechtlich schwierigem Terrain bewegt (in Frankreich ist es großzügiger geregelt), finde ich es angemessen, die abgebildeten Personen zu fragen, ob sie mit der Aufnahme und Veröffentlichung einverstanden sind. Das kann man auch machen, nachdem man sie zunächst heimlich fotografiert hat, um das spontane Bild zu erhalten und dann evtl. löschen.
    Bin gespannt, was du noch in Paris erlebt hast.

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  2. Ein schöner Text. Die nachdenkliche Elke ist mir sympathisch. „Punktuell gesellig“, den muss ich mir merken – ich dachte immer, die Elke strotzt nur so vor Geselligkeit in allen Lebenslagen. Natürlich sind auch die Bilder sehenswert. Ich denke, erst wenn man den Sightseeing- Druck weg hat, wird ein Ort oder eine Stadt richtig interessant. Die meisten Besucher sind an diesem Punkt aber schon längst weiter gezogen…

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    1. Oh, dein Kompliment zum Text freut mich ja sehr. Danke! Ja, ich bin tatsächlich nur bedingt gesellig. Das merkt man mir erst einmal bestimmt nicht so an. Aber mein Gesprächspulver ist dann oft recht schnell verschossen 😅. Den ganzen Tag in Gesellschaft zu sein, kostet mich schon einiges an Energie – meinen ruhigen Stefan mal ausgenommen. Deshalb versuche ich, Gesellschaft, so angenehm sie auch sein mag, auf ein paar Stündchen zu beschränken. Das ist einer der Gründe, weshalb ich auch Gruppenreisen weitgehend meide.

      Ja, da stimme ich zu: wenn man die Sights erst mal „hinter sich gebracht“ hat, ist man bereit für die Essenz eines Ortes. Die meisten haben dafür keine Zeit oder nehmen sie sich nicht.

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      1. So ähnlich geht es mir auch – nur dass die Vorräte an „Pulver“ von vorne herein nicht so dolle bestückt sind. In neuer Umgebung bin ich eher der Beobachter und froh, wenn Stefan das Reden übernimmt.

        In Moldawien war das Gegenteil der Fall: dadurch, dass niemand Englisch und ich kein Wort Russisch oder Rumänisch sprach, hatte ich eine volle Woche lang mit niemandem auch nur zwei Sätze wechseln können. Ich war so ausgehungert nach Konversation, das glaubt man nicht. Aber gerade reguliert sich alles wieder ein 😉

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      2. Wenn Gruppenreisen der Maßstab sind, dann bin ich punktuell sehr ungesellig.

        Ich hab mal gelesen, dass man introvertierte Menschen daran erkennt, dass sie in gesellschaft viel Energie brauchen und sich zur Erholung lieber zurückziehen. Extrovertierte brauchen Gesellschaft, um ihre Energiespeicher wieder aufzufüllen.

        Von daher scheinen wir in der gleichen Partei zu sein. Was uns nicht daran hindert, die Welt zu erobern.

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  3. Paris als Übungsfeld, sehr clever, weil viel „Street and People“……
    Und bei so wortmächtigen Fachbegriffen wie „Fest-brenn-weite“ assoziiert der Saarländer doch gerne manch themenfremd Anderes ;-))
    À la prochaine.

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