12. Mai 2023

Wenn du in der South Bronx morgens auswärts einen Kaffee trinken willst, wartet kein stylisches Café auf dich. Stattdessen passierst du auf dem Weg zum nächsten Starbucks (das ist das Beste, was du hier kriegen kannst) eine sich über mehrere Häuserblocks ziehende Schlange von Bedürftigen, darunter viele Familien mit Kindern.

Sie kommen mit großen Taschen und Einkaufswagen in der Hoffnung auf ein paar Lebensmittel und sonstige Dinge des täglichen Bedarfs, die hier von einer Sozialstation ausgegeben werden. Mir ist klar, dass es die Lebenssituation dieser Menschen in keiner Weise verbessert, wenn ich mir jetzt den Kaffee für sechs Dollar verkneife. Und doch schmeckt mir das braune Nass an diesem Morgen nicht ganz so gut.

Nachdem das Koffein seinen Job erledigt hat, brechen wir auf. Auf uns wartet ein heißer Tag mit 30 Grad. Das schreit nach einem Ausflug ans Meer! Der D Train bringt uns ohne Umstieg bis an den Strand, wo wir am späten Freitagvormittag landen. Auf Coney Island habe ich mich schon im Vorfeld der Reise sehr gefreut. Denn es ist nicht irgendein Ort am Strand, es ist eine Ikone!

Dieses im Stadtteil Brooklyn gelegene Fleckchen Erde wurde seit meinem letzten Besuch anno 2015 deutlich aufgehübscht, hat jedoch seinen morbiden Charme noch nicht gänzlich verloren. Die Leute! Das Design! Der Style! Die Atmosphäre! Unübertrefflich 😎. Wer von euch noch nicht hier war, hat das Setting sicher schon in einem Film gesehen. Der riesige Luna Park direkt an der Strandpromenade ist eben eine einzigartige Kulisse für Film, Fernsehen und Modeaufnahmen.

Schon als wir aus der Bahn steigen, geht es gut los mit Fotomotiven. Dabei sind wir da noch gar nicht direkt an der Promenade angelangt.

Reptilig
Raserei
Tickets!
Elke im Glück
Berühmte Frankfurter
Schwarz auf weiß

Dann nähern wir uns der Strandpromenade. Und schon schlägt mein Herz noch höher. Rückblende in den Frühherbst des Jahres 2015:

Ich schlendere gemächlich über die nur spärlich besuchte Promenade. Außer ein paar Werbeaufnahmen passiert nicht viel. Am Rande des Geschehens jedoch registriere ich aus den Augenwinkeln einen Typen mit einer im Bereich des Oberkörpers und Halses verdächtig ausgebeult aussehenden Jacke.

Ich schaue genauer hin und traue meinen Augen kaum. Hinter dieser Beule versteckt sich eine Schlange! Die meisten Menschen stehen auf Hunde und Katzen. Ich hingegen bevorzuge Reptilien. Na da aber nichts wie hin! Ich spreche den erfreuten Typ direkt auf die Schlange an, bekunde Interesse und habe sie keine drei Sekunden später schon als Schmuck um den Hals hängen. Darf ich vorstellen? Bella, damals zarte vier Jahre alt, von Berufs wegen Model für Werbeaufnahmen. Ihre kühle Haut, das geschmeidige Spiel der starken Muskeln und ihre Schönheit habe ich bis heute nicht vergessen. Boa Constrictor steht mir doch gar nicht so schlecht, oder?

Bella Boa ♥️

Zurück zum Hier und Jetzt. Soeben sehen wir zwei Typen, die gegen ein Trinkgeld ihre Schlangen für ein Foto anbieten. Das war damals mit mir und Bella noch anders! Sie tat es nicht für Geld 😅.

Bevor wir die Promenade der Halbinsel entlang flanieren, nehmen wir den Hintereingang zum Luna Park und schauen erst einmal, was da so geht. Nun, noch nicht allzu viel an diesem noch recht frühen Nachmittag. Doch für ein paar gute Fotomotive ist schon gesorgt.

Am Ball bleiben!

Splash!
Bär und Basketball
Stilvoll

Danach geht’s endgültig zurück auf die Promenade, die nicht nur für Fotografen, sondern für alle, die gerne Sozialstudien betreiben und einen Blick für teils skurrile Details haben, ein wahres Eldorado ist. Wir wissen kaum, wo wir zuerst hinschauen sollen!

Thunderbolt
Inbrünstig
Pauls Tochter

Caro(usel)

Herausragend

Ist schon ein wenig anders als an unseren heimischen Nord- und Ostseestränden, nicht wahr?

Nun zieht es uns auf den Pier. Theoretisch hat man die Strecke bis zu seinem ins Meer ragenden Ende in kurzer Zeit zurückgelegt. Praktisch hingegen kommt uns das pralle Leben in die Quere. Zum einen locken die menschlichen Fotomotive, zu deren Hintergrundstories ich auf eure Fantasie setze.

One loved Nana
An der Angel

Zum anderen spielt sich dort noch fast ein Drama ab, das wir so nicht erwartet hätten. Dazu gehören die beiden folgenden Fotos, zu denen ich euch im Anschluss die Story liefere. Lasst die Fotos einfach mal auf euch wirken und lasst wiederum eure Fantasie spielen.

Die Mutprobe
Der Dirigent

Na, habt ihr eine leise Vorahnung, was sich hier abspielt? Nun, auf dem oberen Foto ist unschwer zu erkennen, dass sich vier Jungs einen feuchten Kehricht darum scheren, was auf dem Schild am rechten Bildrand zu lesen ist. So weit, so normal. Sie sind nicht die Ersten, die an dieser Stelle übermütig in die nasse Tiefe springen.

Was die vier Jungs jedoch von den anderen Wagemutigen unterscheidet, ist der Umstand, dass einer von ihnen nicht schwimmen kann. Ob die anderen drei das zu dem Zeitpunkt wissen, bleibt Spekulation. Jedenfalls bricht oben auf dem Pier die Hölle los, als der vierte Junge, nämlich der Nichtschwimmer, unten panisch im Wasser zappelt. Währenddessen haben seine drei Kumpels schon das sichere Ufer erreicht und checken zuerst gar nicht, was sich da abspielt. Der Junge droht, zu ertrinken. Und das an einem Strand, an dem immer die rote Flagge weht, da er generell unbewacht ist.

Jetzt kommen die unbeteiligten Passanten oben auf dem Pier ins Spiel. Da hier nichts mit Bay Watch ist, müssen die Jungs selber ran, denn sie sind am nächsten am Geschehen dran. Da der Nichtschwimmer immer wieder untertaucht, können die drei Kumpels im Wasser schlecht erkennen, wo er ist. Sie müssen dirigiert werden. Und das tut der Herr mit den roten Turnschuhen gerade. Die Geschichte geht letztendlich gut aus. Die drei erreichen den Freund und bringen ihn gemeinsam sicher ins flache Gewässer, wo er wieder Boden unter den Füßen hat. Doch es bleibt die Frage, ob man für eine Mutprobe wirklich sein noch so junges Leben aufs Spiel setzen muss.

Den erfreulichsten Part, der sich auf dem Pier abspielt, habe ich für den Schluss dieser Trilogie aufgehoben. Er erzählt davon, dass man seine Worte besser mit Bedacht wählt und auch im Ausland nie darauf vertrauen sollte, dass ja eh niemand versteht, was man in seiner Muttersprache von sich gibt. Und auch davon, dass die unverhofften Begegnungen bisweilen die schönsten sind, an die man sich auch noch lange nach einer Reise gerne erinnert.

Ihr habt ja schon festgestellt, und ich erwähnte es bereits in einem der vorangegangenen Berichte: ich finde mehr und mehr Geschmack daran, Menschen zu fotografieren. Und in einer solchen Situation läuft mir Stefan ungebeten vor die Linse, was ich mit einem verärgerten „Ach Mensch, jetzt haste mir das Motiv mit dem Künstler versaut und er hat es nun auch noch mitbekommen“ kommentiere.

Wir laufen weiter bis zum Ende des Piers, ruhen uns dort eine Weile auf einer Bank aus und laufen dann wieder zurück Richtung Promenade. Stefan ist schon vorweg gegangen und außer Sichtweite, als mich der Künstler, den ich eben nicht mehr ganz so heimlich fotografiert hatte, anspricht, und zwar auf deutsch mit zartem hessischen Einschlag. Darf ich vorstellen? Janne, geboren und bis ins Grundschulalter aufgewachsen in einer hessischen Kleinstadt.

Kunst mit Einblick

Er habe uns sprechen hören, und eine solche Gelegenheit nehme er gerne wahr, um sein Deutsch wieder aufzufrischen, lässt er mich wissen. Der sympathische Künstler mit einem amerikanischem Vater und einer finnischen Mutter spricht die Muttersprachen beider Elternteile fließend, und auch sein Deutsch ist immer noch hervorragend, obwohl er nur noch selten Deutschland besucht. Dass ich ihn heimlich von hinten fotografiert habe, hat er natürlich gemerkt, – und es lächelnd hingenommen. Jeder möge sein Ding machen, so lautet seine Devise.

Nun, aus dieser Begebenheit entwickelt sich ein mehr als halbstündiges Gespräch über die Parallelen von Malerei, Zeichnen und Fotografie, über Kunst und Wahrnehmung, Hip-Hop, Deutschland, die USA, Gott und die Welt. Janne zeichnet hier am Strand Portraits von Touristen, doch sein Portfolio ist deutlich breiter aufgestellt. Nach zwei Jahren Grafikdesign-Studium ist er zum Autodidakten geworden und versucht, mit seiner Zeichenkunst weitere Einnahmequellen zu erschließen. Seine Bemühungen scheinen mittlerweile auf einem guten Weg zu sein, wie ich kürzlich seinem Instagram-Account entnahm.

Wir kommen von einem Thema zum nächsten, zeigen uns gegenseitig Skizzen und Fotos, tauschen uns darüber aus und finden irgendwie kein Ende. Letztendlich sind es auf Reisen die Zufallsbegegnungen, die den Unterschied machen. Wir sind im Hier und Jetzt und reden. Keiner schaut auf die Uhr, und die Zeit steht still. Aber nicht für Stefan, der seit gefühlten Ewigkeiten auf einer Bank an der Promenade wie bestellt und nicht abgeholt auf die Rückkehr seiner Frau wartet 😅.

Nun aber los, den verwaisten Gatten einsammeln! Der Nachmittag ist nun schon recht fortgeschritten. Jetzt wird das Licht besser, die Temperatur milder. Nun mischen sich die Sportler, Poser und Fotoshooter unters Flaniervolk. Und wir kriegen die Pfoten einfach nicht vom Auslöser weg.

Was für ein Theater!
Black is beautiful
Leuchtendes Beispiel

Bei Kneipp
Was geht ab?

Ja, Coney Island ist eines der Paradiese für Street Photographie. Hier ist es wie bei der Lachswanderung: man muss nur das Fotomaul aufreißen, und schon springen einem die Motive willig hinein. So auch Gee Moon Tom, ein New Yorker Street Photographer, den wir von Paulie B.’s YouTube-Serie Walkie Talkie kennen. Er versteckt sein Foto-Equipment in seinem unauffälligen Jutebeutel, wird aber sicher später hier fotografisch zuschlagen.

Vor der Linse statt dahinter

Ach, ich liebe Coney Island! Tolle Atmosphäre, interessante Leute, super Fotomotive, eine relaxte, heitere Atmosphäre. Was wollen wir mehr? Beschwingt treten wir am frühen Abend im D Train die Heimreise an. Zurück in der Bronx, schlängeln wir uns durch die feiernde Fanschar, die dort den Sieg der Yankees gegen die Rays begießt. Da haben wir uns gestern zumindest aus Yankee-Sicht wohl das falsche Spiel ausgesucht.

Eine überraschend gute Pizza von einer der Buden an der Fanmeile komplettiert unser abendliches Chill Out beim Baseball aus der Glotze. So ein genialer Tag! Er hat das Potenzial, einer der besten der gesamten Reise zu werden.

21 Gedanken zu “New York City – Gestrandet

  1. einfach grandios dieser Beitrag ! Erstarrt bin ich bei dem Foto mit der Schlange. Niemals würde ich sowas tun ! Ich muss aber gestehen, dass ich Schlangen überhaupt nicht mag und mega Angst vor ihnen habe. Selbst im Tierpark gehe ich schleunigst an ihnen vorbei.
    So nun aber zu deinen Fotos von Menschen die du fotografiert hast. Da hast du ein gutes Händchen und sie sind einfach sowas von gelungen ! Mein Favorit ist der Hampelmann.
    Von mir wieder beide Daumen nach oben

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  2. Bei Kneipp‘s….. schöner als weiland im O‘Salbacher Tretbecken 😉😎😅
    Und „Was geht ab?“ ist die Krönung. Was angesichts der Fülle an genialen Situativschüssen nicht einfach ist. Dennoch, der vieldeutige Blick des jungen Kollegen mit der Muschelkette ist DIE Sekunde, die solche hidden camera-Attacken belohnen. Da habt Ihr beide brav Eure Youtube-based Lernvideos beherzigt 🙃👍😁

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    1. Vielen Dank, Andreas. Das freut mich ja total, dass dir meine Schnappschüsse gefallen. Ja, bei der „Was geht ab“-Aufnahme habe ich wohl in der Tat die beste Sekunde zum Auslösen abgepasst 🤣.

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  3. New York mal ganz anders, super spannend. Meine Lieblingsfotos: Alle! 😄
    Besonders die schweren Jungs beim Kaffeekränzchen und „was geht ab“.
    Warum ein Nichtschwimmer ins tiefe Wasser springt, bleibt mir schleierhaft. Aber hatten wir hier im Freibad neulich auch. 3-Meterbrett mit Notarzteinsatz 🤷‍♂️

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  4. Die Begegnungen auf Reisen machen wirklich den größten Reiz des Reisens aus. Was wäre die Welt ohne seine Menschen, was wären wir ohne Austausch. Manchmal findet man am anderen Ende der Welt einen Seelenverwandten, mit dem man stundenlang reden kann. Oder auch einen hübschen, lebendigen Schal 😉 Gut, dass du deinen Stefan dann doch noch aus der Warteschleife geholt hast 🙂

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    1. Vielen lieben Dank, Horst. Das freut mich sehr! Nachdem ich jahrelang penibel darauf geachtet habe, meine Fotos „menschenfrei“ zu halten, finde ich nun zunehmend Gefallen und Freude daran, unsere Spezies abzulichten.

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