Mein heutiger Tag beginnt um die Ecke im gemütlichen Café de minuit. In den letzten Tagen habe ich gelernt: Die Zeiten, in denen man in Frankreich eine riesengroße Schale mit wenig Kaffee und viel Milch bekam, wenn man einen Café au Lait bestellte, sind offenbar vorbei. Jedesmal bekomme ich stattdessen ein kleines Tässchen, gefüllt mit einer überschaubaren Pfütze Kaffee und einem Hauch Milch. Latte Macchiato wird in der Regel nicht verstanden. Und so bestelle ich hier zur Abwechslung einen Café Crème – und ordere mangels Masse Milch nach. Der Kellner ist geschockt, denn er hatte auf meine vorherige Bitte hin für seine Verhältnisse schon viel Milch hinein getan. Die zusätzliche Milch kommt dann, und zwar eiskalt. Der Kaffee ist es dann wenig später auch. Hm, muss ich hier tatsächlich zu Starbucks gehen, obwohl die französischen Kaffeehäuser so viel charmanter sind? Nun denn …

Heute erwarten mich draußen moderate 20 Grad. Im Laufe des Tages werden es 23 Grad. Sehr angenehm nach den doch recht heißen Tagen davor! Morgens stippert es immer mal wieder für kurze Zeit. Die Pflanzenwelt freut sich.

Ich laufe hinunter zur Flusspromenade, begrüße die schlanke Dame, die dort tapfer die Stellung hält, …

Vertrocknet

… und begebe mich von dort aus in das stimmungsvolle Geflecht aus kleinen Gassen. Hier, im südlichen Teil des Quartiers Chartrons, betritt man die edle Welt der Weine und Antiquitäten. Das Quartier dämmert an diesem recht frühen Morgen noch in seligem Dornröschenschlaf. Weinhändler von Rang und Namen hatten sich in dem heutigen Szeneviertel schon vor Jahrhunderten eingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der sogenannte Korkadel jedoch einen bis dato nie dagewesenen Niedergang. Das Viertel musste sich neu erfinden. Der Neustart gelang unter anderem gerade auch durch den Verkauf alter Dinge: der neue Hotspot der Antiquitätenhändler war geboren. Unabdingbar auch hier: zahllose Kneipen, Cafés und Restaurants. Insgesamt eine sehr charmante Mischung! Schade nur, dass ich mir die falsche Uhrzeit dafür ausgesucht habe. Der frühe Vogel fängt den Wurm nicht immer.

Antiquiert
Volle Pulle!
Marktgerecht
Die große Leere
„Überlasst den Hass denjenigen, die zu schwach sind, um zu lieben.“

Doch das Viertel hat laut meinem Reiseführer noch mehr zu bieten! Mein Ziel ist die Rue du Faubourg des Arts, eine Künstlergasse, die Hochkarätiges verspricht. Zentrales Herzstück ist die M.U.R. de Bordeaux, eine rund 35 m2 große Mauer, die jeden Monat von einem anderen Künstler gestaltet wird. Was ich euch jetzt hier zeige, ist also schon längst wieder Geschichte.

Stachelig
Enttarnfarben

Auch in den umliegenden Straßen hat sich die Straßenkunst auf Zeit verewigt. Neben Spaik aus dem fernen Mexico werde ich hier zum wiederholten Mal auf einen hier ansässigen Künstler namens Alberoner aufmerksam, dessen Werke ich sehr bewundere. Wer mit offenen Augen durch Bordeaux läuft, dem offenbart sich seine Kunst überall in der Stadt. Wie findet ihr seinen Stil?

Profiliert
Garagenkunst

Wenig später nähere ich mich wieder der Promenade an der Garonne. Ich biege dieses Mal in Höhe des Skate Parks Colbert …

Rollenspiele

… auf die Strecke ein, die mich heute gen Norden führt. Zwischen dem Pont de Pierre – die schöne, steinerne Brücke, ihr erinnert euch – und dem neueren Pont Jacques Chaban-Delmas fließt der breite Strom in Form einer Sichel durch die Stadt. Dieser Flussabschnitt war früher Umschlagplatz von Wein und Kolonialwaren.

Direkt hinter dem Skaterparadies werde ich Zeugin eines der größeren Umnutzungswagnisse der Stadt. Die voluminösen Hangars entlang der Garonne fungieren heute nicht mehr als Lagerhallen. Die Hallen 1 bis 13 haben das Zeitliche gesegnet und Platz gemacht für die großzügigen Gartenanlagen, den Miroir d’Eau etc. Die sanierten und umgebauten Nummern 14 bis 19 beheimaten jetzt Ausstellungen, Kongresse, Outlet Center, Boutiquen und Restaurants. Das Ergebnis kann sich sehen lassen!

Neues Leben
Graue Eminenz

Schnelle Wetterwechsel begleiten mich auf meinem weiteren Weg zum Pont Jacques Chaban-Delmas. Seit 2013 ermöglicht das ansehnliche Bauwerk dem rollenden und laufenden Verkehr die Überquerung des Flusses. Den Schiffen gewährt die Brücke Durchlass, indem sie bei Bedarf ihr mittleres Segment lüpft. Von ihrer großzügigen Laufbahn aus …

… nehme ich eine andere Perspektive auf das Leben an den Hangars ein. Zu meinen Füßen liegt nun das große Ganze. Hui, hier oben pfeift ein sehr heftiger Wind! Und so beginnt mein Kampf mit dem Rock, den ich nur dann gewinne, wenn ich einhändig fotografiere. Ansonsten werde ich zum besten Beispiel für den Marilyn-Monroe-Effekt 😅!

Haha!

Szenenwechsel. Mit der hypermodernen Tram …

Glänzende Raupe

… fahre ich in Richtung des Bahnhofs St. Jean. An meinen Erlebnissen in dessen Eingeweiden habe ich euch bereits im Bericht zu Tag 4 teilhaben lassen. Spontan steige ich jedoch schon eine Station vorher aus, denn ich habe auf der Fahrt das eine oder andere interessante Fotomotiv entdeckt.

Durchfahrt verboten!
Runde Eleganz

Vorbei am Bahnhof …

Großer Bahnhof
Eiffel lässt grüßen

… und weiter zu meinem nächsten Objekt der Begierde. Doch auf dem Weg dorthin werde ich unerwartet zu mehreren Fotostops gezwungen. Denn auch in dieser etwas heruntergekommenen Ecke der Stadt haben diverse Streetart-Künstler die in die Jahre gekommenen Fassaden in einen Farbrausch versetzt.

Knallig
Straßengang

Nicht zum ersten Mal fallen mir in Bordeaux die originellen Werke von David Selor auf. Auch er ist ein Sohn der Stadt. Seine Werke sind überall zu finden. Die Dame mit dem schwarzen Pullover weiter oben gehört übrigens auch dazu.

Die Opfer des Morgens
Gelbnasen
Solidarität!

Jenseits der Gleise lockt mich ein schon von weitem sichtbares Gebäude an: das Kunstzentrum MECA/FRAC. Doch bevor ich mich dem spektakulären Neubau widmen kann, werde ich von einem, äh, etwas ungewöhnlichen Vorfall abgelenkt. Vor dem strahlend weißen Gebäude spaziert in aller Seelenruhe ein junger, schwarzer Mann entlang. Splitterfasernackt von Kopf bis Fuß! Erst halte ich diesen Auftritt für eine Art Kunstinstallation. Zu passend ist der Farbkontrast zwischen Haut und Gebäudefassade. Und der Kontext zum Inhalt des Hauses würde ja auch passen. Doch letztendlich übernimmt eine andere Erklärung bei mir die Oberhand: mit dem jungen Mann, dessen starrer Blick nichts wahrzunehmen scheint, stimmt womöglich etwas nicht. Wer weiß …

Doch nun zurück auf den Pfad der Tugend 😎. Hier sind meine fotografischen Eindrücke des FRAC. Ich finde es großartig!

Spitze Winkel

Besuch!
Der Alte Sack und die Kunst

Die Neugier treibt mich noch ein wenig weiter in die umliegenden Straßen. Das Viertel ist an Kontrasten kaum zu überbieten. Auf der einen Seite schicke Neubauten wie das MECA/FRAC, gehobene Hotels wie das Hilton, diverse Banken und Bürogebäude …,

Verschachtelt

… und direkt gegenüber (bisher noch) dem Verfall überlassene Häuser, dauerhaft (?) geschlossene Nachtclubs, etwas Kleingewerbe inklusive Straßenstrich und sonstiges Elend. Alles in allem spannend und lohnenswert! Und die Kunst ist auch hier allgegenwärtig.

Indigen
Durch die Wand

Nun bin ich aber platt! Meine Füße bitten um Erbarmen, und so nehme ich die Tram bis zur Börse und zum unvermeidlichen Miroir d’Eau, der mich wie immer magisch anzieht. Ich setze mich in der milden Abendsonne ans Ufer, genieße die unbeschwerte Atmosphäre und läute den Feierabend ein. Das Abendprogramm bestreiten heute ein paar sportliche Jungs mit einer gelungenen Performance …

… und all die anderen Protagonisten aus Stein, Fleisch und Blut. Es hätte mich schlechter treffen können 😎.

21 Gedanken zu “Tag 5: Bordeaux – Metamorphose einer Stadt

  1. Guten Morgen! Elke,
    Bordeaux stand bis zu deinen Beiträgen so gar nicht auf meiner Liste.
    Dein Bericht und die Fotos dazu haben mich überzeugt, diese Stadt aufzunehmen. Mir gefühlt von deiner gezeigten Streetart am besten das runde Werk. Eine rein intuitive Entscheidung!
    Dass man in Frankreich keinen anständigen Kaffee mehr bekommt ist erstaunlich. Ich persönlich favorisiere so oder so Italien als das Land des Kaffees.
    Wir wünschen dir und Stefan ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch,
    Susanne und Micha

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    1. Liebe Susanne, mir ist erst jetzt aufgefallen, dass dieser Kommentar von dir im Spam-Ordner gelandet ist! Das ist mir ein völliges Rätsel, denn du hast hier ja schon so oft kommentiert. Jetzt habe ich ihn von dort „befreit“, so dass er sichtbar ist. Sicher hattest du dich schon gewundert, dass ich nicht darauf antworte. Sorry!

      Es freut mich, dass ich dich von Bordeaux überzeugen konnte! Es würde dir bestimmt sehr gut gefallen. Da bin ich mir ganz sicher. Danke auch für eure guten Wünsche zu Weihnachten und fürs neue Jahr. Das wünsche ich euch auch!

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      1. Liebe Elke, schön, dass du mich aus dem Spamordner befreit hast. Ich verstehe es auch nicht, dass ich des öfteren dort lande. Nicht nur bei dir. Aber so ist es auch in meinem Spamordner, da fische ich auch oft Kommentare heraus. Komisch! Naja, die Wege des WordPress sind halt unergründlich.

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  2. Ach einfach wieder klasse! Mein Favorit der Künstler wäre „Alberoner“, die Kunstwerke gefallen mir auch sehr! (in meinen Augen herrlich alltagstauglich) die Abendstimmung macht mich etwas wehmütig in diesen dunklen Tagen! Aber mit diesen Reiseberichten weiß, es wird auch wieder besser!

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  3. Wieder sehr schöne Fotos. Besonders gefallen mir die Bilder, die du vorm Kunstmuseum geschossen hast („Schnittwunde“ – sehr originell). Tolle Kontraste und perfekter Himmel! Aber auch der Blick von der tollen modernen Brücke auf die Hallen ist wirklich schön. Ein Bild von Elke aka Marilyn hätte mich aber schon interessiert. 🙂 Bei den Graffiti’s gefällt mir „Durch die Wand“ irgendwie am besten, wobei ich aber auch die „Straßengang“ ganz interessant finde. Das „Verschachtelt“e Bürogebäude ist auch klasse! Eine sehr abwechslungsreiche Stadt ist dieses Bordeaux. Achso…weißt du, was es mit der dünnen Dame auf sich hat? Ich bin etwas irritiert von den Handschellen(?) zu ihren Füßen.

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    1. Freut mich, Verena. Danke! Und in der Tat ist Bordeaux sehr abwechslungsreich. Ja, das hätte dir gefallen: Elke mit hochgewehtem Röckchen 😅! Aber da muss ich passen. Dafür hätte ich noch die eine oder andere Hand mehr gebrauchen können. Nähere Infos zu der schlanken Damenskulptur habe ich im Netz nicht finden können. Vor Ort war eine Infotafel, die ich seinerzeit leider ignoriert habe … Ich vermute aber auch einen eher unguten Zusammenhang zu den Hand- bzw. Fußfesseln.

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    2. Verena, ich bin gestern bei Instagram zufällig auf Modeste Testas gestoßen. Das ist der Name der Sklavin, die als Bronzestatue in Bordeaux steht und zu der ich dir bisher nichts Näheres sagen konnte. Hier ist der Wikimedia-Eintrag dazu. Die näheren Erläuterungen zu Modeste Testas sind leider nur auf französisch, weswegen ich diese hier nicht verlinke. Der link dazu ist in diesem Beitrag ebenfalls drin:

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    1. Herzlich willkommen auf meinem Blog, Annemarie. Es freut mich sehr, dass dir meine Beiträge zu Bordeaux gefallen haben. Da du die Stadt selbst kennst, ist das Gelesene und Gesehene für dich sicher noch etwas greifbarer. Ich war auch nur eine Woche dort, fand den Zeitrahmen dafür aber angemessen. Wäre ich länger geblieben, – was ich natürlich auch liebend gerne getan hätte! – hätte es mich dann wohl verstärkt ins Umland gezogen.

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  4. Angelockt von Deinem wirklich tollen Bild mit dem Graffiti, habe ich Deine Kaffee-Geschichte gelesen – und herzlich gelacht! Tatsächlich trinke ich in Frankreich hauptsächlich Café crème. Das können die alle gut und bleibt von Überraschungen verschont. Deine weiteren Graffiti-Bilder sind höchst beeindruckend. Da können sich die Münchner Sprayer vom Schlachthof echt eine Scheibe abschneiden…

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    1. Ja, in Sachen Kaffee bin ich in Bordeaux echt ein wenig auf Grund gelaufen 😁. Ich kannte halt noch den klassischen Café au lait. Dann versuche ich es beim nächsten Mal wie du mit einem Café crème. Der ist aber vermutlich auch kaum größer als ein Pfützchen in einer Cappuccino-Tasse, oder?

      Die Kunstwerke vom Schlachthof in München kenne ich noch gar nicht. Da werde ich beim nächsten Besuch in der bayerischen Hauptstadt aus Neugier glatt mal vorbeischauen, auch wenn sie deiner Einschätzung nach nicht ganz so hochwertig unterwegs sind. Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast!

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      1. Etwas mehr dürfte ein Café crème schon haben. So etwa 150 ml sind normal. Dazu gibt es natürlich Kondensmilch…. Ja, am Schlachthof in der Unterführung gibt es die meisten zu sehen. Allerdings gibt es auch Graffitis unter der Donnersberger und der Candid-Brücke.

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