Am frühen Morgen scheitere ich bei dem Versuch, durch noch weitgehend leere Gassen zu wandeln und ein paar Straßenszenen auf den Speicherchip zu bannen.

Dabei gibt es so viel zu sehen und zu beobachten! Händler liefern an und bauen auf, hier und da wird der erste Chai kredenzt, die Tierwelt ist auf der Suche nach dem Frühstück.

Doch ein Tuk Tuk-Fahrer heftet sich dermaßen hartnäckig an meine Fersen, dass an Fotografieren nicht zu denken ist. Das permanente Angequatsche könnte ich ja noch ignorieren. Aber er rollt die ganze Zeit direkt neben mir her, blockiert mir gar teilweise den Weg.

Einmal gelingt mir die Flucht: der Eingang der Fußgängerzone ist eng verpollert. Das verschafft mir einen kleinen Vorsprung. Doch zwei Minuten später hat mich mein Verfolger eingeholt. Es hilft alles nichts. Und so kehre ich unverrichteter Dinge wieder ins Hotel zurück. Einer der Momente, die mich in diesem Land an meine Grenzen bringen. Erste Lektion des Tages: So manches, was ich bisher für selbstverständlich gehalten habe, ist es nicht.

Heute verlassen wir Delhi und den gleichnamigen Bundesstaat. Ich habe nur einen Bruchteil dessen gesehen, was die Hauptstadt zu bieten hat. Nicht mehr als ein kurzes Hereinschnuppern, das jedoch Lust auf mehr gemacht hat. Arnie würde jetzt sagen: „I‘ll be back.“

Um 9:30 Uhr ist Abfahrt. Dieses Statement hinten auf dem Bus gibt Anlass zur Hoffnung 😃. Möge es Schule machen!

Hoffentlich auch der Fahrer!

Doch bevor ich euch mit auf die Reise nehme, müssen noch ein paar Fakten über Indien auf den Tisch. Ohne Basiswissen kommt ihr mir nicht mit in den Bus 😎.

Indien

  • ist eine parlamentarische Demokratie.
  • hat mit Hindi und Englisch zwei Amtssprachen, die auf regionaler Ebene durch weitere 21 Amtssprachen ergänzt werden.
  • ist mit 3,29 Mio km2 das siebtgrößte Land der Erde. Damit ist es rund neun Mal größer als Deutschland.
  • hat aktuell rund 1,4 Milliarden Einwohner. Das ist das 17-fache derer, die in Deutschland leben.
  • hat ein eindeutiges religiöses Schwergewicht: 81% Hindus, 14% Muslime und 2% Sikhs. Die wenigen restlichen Prozentpunkte teilen Buddhisten, Jains und Christen unter sich auf.
  • ist ein junges Land. Das Durchschnittsalter beträgt zur Zeit 28 Jahre. Zum Vergleich: in Deutschland liegt es bei 44 Jahren.

So, jetzt kann es losgehen! Wir brauchen mehr als eine Stunde, um aus der Stadt zu kommen. Die Verkehrssituation ist, wie sie ist.

Wer hat Vorfahrt?

Das Schöne daran: es bleibt mehr Zeit, wunderbare Momente einzufangen. Zum Beispiel diesen hier:

Lady in red

Ortsausgangs legen wir einen Fotostopp ein und bestaunen diese riesigen Götterstatuen, die erhaben und heiter zugleich auf die Welt schauen.

Die Stopps, die im weiteren Verlauf der insgesamt 280 Kilometer langen Fahrt folgen, sind meist technisch bedingt. Denn kaum haben wir Delhi hinter uns gelassen, fängt der Bus an, zu schwächeln! Der stets einsatzbereit neben dem Fahrersitz liegende Schraubenschlüssel kommt mit schöner Regelmäßigkeit zum Einsatz.

Doch unser Busfahrer nimmt die immer kürzeren Abstände bis zum nächsten Zwangsstopp stoisch hin und verzieht keine Miene. Bis zu dem Moment, in dem uns ein Geisterfahrer auf seinem Traktor entgegenkommt. Da muss er doch herzhaft lachen! Um dann wie alle anderen auch ungerührt einfach im Bogen um den Anarchisten der Straße herumzufahren. Ausnahmsweise ohne Hupen 😎. Höchste Zeit, ihn einmal vorzustellen! Er hat auch extra für euch schnell noch den Bart glattgestrichen und den Turban zurechtgerückt.

Lässig währt am längsten

Und so kommen wir mit Unterbrechungen, aber dennoch stetig voran, vorbei an einer flachen, unspektakulären Landschaft, die Brandenburg nicht unähnlich ist. Diejenigen unter euch, die hier schon länger mitlesen, wissen, was ich damit sagen will 😎.

Im Nachhinein betrachtet war die heutige Strecke diejenige, auf der wir auf der ganzen Reise am schnellsten und komfortabelsten ans Ziel gekommen sind. Doch davon ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Die in beiden Richtungen dreispurige „Autobahn“ ist gesäumt von Passanten, Kühen, Läden, Händlern und Müll. Same procedure as everywhere. Schaut doch mal aus dem Fenster!

Über allzu viel Langeweile können wir uns jedenfalls nicht beklagen, denn draußen spielt sich unermüdlich das Theater des Lebens ab, das ich nie müde werde zu beobachten und zu bestaunen.

Ungleiches Rennen
Auf Stelzen
Schmucke Trucks
Hab mein Wagen voll geladen“

Zwischendurch fällt mir ein wiederkehrendes Phänomen an der Strecke auf. An eingeschossigen Ladenzeilen prangen „Hotel“-Schilder. Mir ist es ein Rätsel, wo dafür Raum sein sollte! Vermutlich stehen ein paar Feldbetten im Hinterzimmer.

Wenig später dann diese Szenen am Straßenrand:

Frühstück I
Frühstück II
Gebuckelt
Mit freundlichen Grüßen
Drei Frauen, eine Kuh
Affenbande

150 Kilometer vor unserem Ziel wird die Landschaft hügeliger, …

Außenwirkung

… die Technik unseres Busses schlapper. Als wir nachmittags zur besten Rush Hour Jaipur erreichen, erteilt uns der Busfahrer erneut eine zweigeteilte Lektion in stoischer Ruhe.

Teil 1: Mitten auf einer befahrenen Kreuzung im dicksten Verkehrschaos am Nadelöhr einer Baustelle streikt der Bus. Zum gefühlt zehnten Mal heute. Wildes Gehupe, wir werden umkurvt wie die Fahnenstangen. Bis es irgendwie und irgendwann doch weitergeht. Ich fotografiere derweil ein Etablissement am Straßenrand, das ich zum Glück gerade nicht selbst benötige.

Stilles Örtchen

Teil 2: Bei der Einfahrt in die Altstadt geht nichts mehr vor und nichts mehr zurück. Ein paar Verhandlungen mit diversen anderen Verkehrsteilnehmern hier, ein paar Rangieraktionen da – irgendwann rollt es wieder. Und der Busfahrer kann immer noch lachen.

Ankunft im Hotel. Wenig später gesellt sich die andere Gruppe zu uns, die bereits eine Woche Vorsprung hat. Ab jetzt ist der weitere Verlauf ihrer Tour identisch mit der Reise, die wir glorreichen Sieben gebucht haben. Sieben plus 13 macht 20. Plus Inge, die die vormals 13-köpfige Gruppe bereits durch Rajasthan begleitet hat.

Ein erster Rundgang durchs abendliche Jaipur. Gefühlt geht es hier noch wuseliger zu als in Delhi. Heftiger auch: Lärm, Gerüche und Dreck. Aber vielleicht bin ich heute auch nur etwas überfordert 😅. Morgen ist ein neuer Tag. Und dem werde ich mit mehr Gelassenheit begegnen. Lektion gelernt.

14 Gedanken zu “Tag 4: Von Delhi nach Jaipur

  1. Der Tuk Tuk Fahrer in Delhi war dann ja mehr als penetrant. Hat auch ein deutliches nein nicht geholfen? Ich wäre ja irre geworden, wenn der mir sogar den Weg versperrt hätte.
    Euer Fahrer sieht gemütlich aus. In der Ruhe liegt ja bekanntlich die Kraft.
    Gut, dass du das „edle“ Pissoir nicht gebraucht hast. Wie sahen die denn sonst so aus, auf der Strecke?

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    1. Ja, der Typ war der Gipfel an Penetranz! Ein deutliches Nein nützt in Indien selten etwas. Besser funktioniert meiner Erfahrung nach Ignorieren. Das wird laut unserem Stadtführer, den wir in Delhi hatten, auch gar nicht mal als unhöflich ausgelegt. Im Falle dieses Fahrers hatte ich aber (da war ich ja noch blutige Anfängerin) alles versucht, auch ein deutliches Nein. Bei dem half aber wirklich gar nichts. @ Busfahrer: der hatte wirklich die Ruhe weg! @ Klos auf dieser und anderen Strecken: frag lieber nicht 😂! Ich sag nur so viel: an Fahrttagen habe ich das Trinken tagsüber weitgehend vermieden …

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      1. Die Typen mit den Rikschas riechen es, wenn man zum ersten Mal da ist. Nächstes Mal wird es besser!
        Und die ‚Hotels‘ am Wegesrand sind Restaurants. In denen essen üblicherweise die Trucker. Wenn du individuell mit Fahrer unterwegs bist, kannst du auch dort essen. Ist interessant, wenn man sieht, wie die mit dem schwarz verdreckten Feinripp die Tische abwischen und wenn die Ratten zwischen den Tischen umherflitzen. Dort kommt einem aber alles normal vor, aber das ist es ja auch in manchen Gegenden!

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        1. @ Rikschafahrer: das will ich dann mal hoffen! Danke für die Aufklärung in Sachen „Hotels“. Passt ja irgendwie zu Indien, dass dort international übliche Bezeichnungen einfach mal anders definiert werden 😎. @ Ratten und schwarze Feinripps: irgendwann wundert man sich über nichts mehr 😅.

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  2. Die TukTuk Fahrer belagern immer die größeren Hotels weil dort leichte Beute wartet, da hab ich auch schon lustige Erfahrungen gemacht. Ich hab in Indien gelernt, umso weniger luxuriös man unterwegs ist, desto mehr wird man in Ruhe gelassen. Mich hat damals meine organisierte Tour so abgenervt, dass ich danach 3x alleine bzw. mit Freundinnen selbstorganisiert unterwegs war, schwupps hatten wir Ruhe. Leider ist das, was der Inder unter Luxus versteht ebenfalls anders einzuordnen, ein schäbiges Dreisternehotel ist für die meisten unerschwinglich und schon gilt man als unermesslich reich.
    Der Verkehr ist der Wahnsinn, oder? Auch das hab ich mir nur 1x im Reisebus bei besagter org. Tour angetan, danach war es immer leichter, weil ich entweder mit dem Zug, priv. Taxi oder Flieger durchs Lamd bin. Lass mich raten, der Wahnsinn rund um Agra UND rund um Varanasi haben Dich schwach gemacht😉

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    1. In meinem Fall hat mich der Tuk Tuk-Fahrer „aufgegabelt“, als ich schon weg vom Hotel war und in den Gassen herumgelaufen bin. Ich war auch nicht mit der Gruppe unterwegs, sondern alleine. Hat alles nichts genützt. Aber richtig ist natürlich: alleine mein westliches Aussehen und die Kamera (eine für unsere Verhältnisse bescheidene und auch schon ältere Sony Alpha 6000) reicht aus, um den Eindruck zu erwecken, unermesslich reich zu sein. @ Verkehr: ja, das ist der absolute Irrsinn 😅. Ich hatte allerdings weniger den Eindruck, dass das an dem Bus lag. Innerstädtische Fahrten mit Tuk Tuks oder Fahrrad-Rikschas dauerten auch immer ewig. Die Straßen sind halt einfach überall hoffnungslos überfüllt. Ja, Agra war auch heftig. In Varanasi jedoch war ich erstens schon abgehärtet und zweitens total geflasht von der Stadt, sodass mich das natürlich auch dort omnipräsente Verkehrschaos nicht mehr so geschwächt hat 😎. Die härteste Fahrt war für mich die Strecke von Varanasi bis zur nepalesischen Grenze. 13 Stunden für 280 Kilometer! Das lag allerdings weniger am Verkehr, sondern hauptsächlich an der Beschaffenheit der Straßen. Mehr dazu in dem dazugehörigen Blogbeitrag …

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  3. krass! neunmal größer als Deutschland aber das 17 fache mehr an Einwohner !
    Die Bildunterschriften wieder super passend vor allem das „hab meinen Wagen vollgeladen“ ! Solche Aufnahmen sieht man öfters und von Ladungssicherung haben die vermutlich noch nie was gehört !

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  4. wirklich sehr gute Eindrücke, als wäre ich dabei gewesen. Allerdings die Thematik „Gelassenheit“ ist für mich schwierig. Ich bin daran schon mal fast in Namibia gescheitert. Will sagen: bin noch nicht überzeugt, ob ich jemals nach Indien will…

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