Nizwa ist in den letzten Jahren umfangreich modernisiert worden. Trotzdem strahlt das rund 95.000 Einwohner zählende Städtchen viel historisches Flair aus. Wegen seiner bedeutenden Rolle in der Geschichte des Landes und der strategisch günstigen Lage an wichtigen Handelswegen gilt Nizwa vielen Omanis als die heimliche Hauptstadt.

Bis ins 12. Jahrhundert war Nizwa tatsächlich durchgehend die Hauptstadt des Oman, wurde dann jedoch mal von dieser, mal von jener Stadt abgelöst. 1970 war Nizwa wieder heißer Anwärter auf den Posten. Wirtschaftspolitische Gründe jedoch sprachen für Muscat. Seine Rolle als bedeutendes Ausbildungszentrum konnte Nizwa jedoch bis heute verteidigen. Ende des Info-Blocks.

Heute bin ich noch früher am Start als sonst. Hahn versus Muezzin: 1:0! Das passt insofern ganz gut, weil eine gute Pole Position für meine heutigen Pläne wichtig ist. Denn freitags findet immer die berühmte Viehauktion statt. Rinder, Ziegen und Schafe werden lautstark angepriesen und begutachtet. Zu diesem Spektakel reisen auch einige Tagesausflügler aus Muscat an. Und denen gilt es zuvorzukommen, ehe die Masse gegen 8:30 Uhr anschwillt. Und so mische ich mich um 7 Uhr unters Volk, um das Geschehen ausgiebig auf mich wirken zu lassen.

Auch wenn sich die Menge an Touristen um diese frühe Uhrzeit noch in Grenzen hält, lasse ich Vorsicht walten. Diesem Spektakel zuzuschauen ist schön und gut. Doch sollte man nicht vergessen, dass die Akteure des Geschehens hier ihren Geschäften nachgehen. Und dabei sollte man sie nicht stören. So nutze ich möglichst oft die Zoomfunktion meiner Kamera, um nicht unnötig im Wege zu stehen. Was aber nicht verhindert, dass ich einmal von einer größeren Ziege über den Haufen gerannt werde 😅. Genug gequatscht. Hier der fotografische Versuch, euch etwas von der durchaus beeindruckenden Atmosphäre und den Männern, die auf Ziegen starren (Filmfans verstehen die Anspielung!) zu vermitteln:

Und hier noch mal mit Ton!

Dann treibt mich der Hunger zurück ins Hotel. Ganz in Ruhe frühstücke ich auf der Dachterrasse und genieße das Ambiente. Bevor ich mich wieder ins Getümmel stürze, erkundige ich mich bei dem netten Herrn an der Rezeption nach den ortsüblichen Preisen für eine Ziege.

Wie sich herausstellt, ist das eine Wissenschaft für sich. Es gibt so viele unterschiedliche Arten von Ziegen und so viele Qualitätsmerkmale, dass sich diese Frage gar nicht so leicht beantworten lässt. Grob gesagt bewegt sich der Preis im Rahmen von 8 bis 200 Rial (20 bis 500 Euro). Das kann also unter Umständen in eine echte Investition ausarten. Ich merke zum Spaß an, dass ich eh keinen Platz für eine Ziege in meinem Rucksack habe. Worauf mein Gesprächspartner schlagfertig mit dem Angebot eines Barbecues am Abend kontert! Doch da ist er bei mir an der falschen Adresse, wa?

Zurück zum Souk, den ich schon von gestern kenne. So kann ich mich in Ruhe den diversen Sozialstudien widmen und ein paar Eindrücke auf den Speicherchip bannen.

Außerhalb der Stadtmauer findet parallel ein Markt für Haushaltswaren und Kleidung statt. Und wie ich da so ziellos hin und her schlendere, kommt ein kleines Mädchen freudestrahlend auf mich zu und möchte mir die Hand geben. Aber immer gerne! Nun strahlt sie noch mehr – vermutlich bin ich die erste Ausländerin ihres Lebens!? – und der Vater bedankt sich.

Zeit für eine Pause mit Mango-Milchshake. Frisch gestärkt erkunde ich die schicken Wohnviertel jenseits der Stadtmauer, …

… bis ein Omani auf einem Mofa neben mir stoppt und mir ein angeregtes Schwätzchen liefert. Das geht so lange gut, bis sein kleiner Sohn, der mit an Bord ist, die Geduld verliert. Macht nichts, ich bin eh reif für ein kurzes Mittagsschläfchen! Ihr erinnert euch: der Hahn und der Muezzin …

Halbwegs ausgeschlafen begebe ich mich auf die einladende Dachterrasse, wo ich den nächsten Blogbericht in Angriff nehme, ohne ihn freilich zu beenden. Mein Magen meldet sich und fordert Nachschub. In einem der Restaurants außerhalb der Stadtmauer werde ich abgefüttert und betrachte beim Essen von der Terrasse aus die schöne Aussicht auf die Altstadt.

Das Wetter hat sich im Laufe des Tages wie angekündigt verschlechtert. Und so erlebe ich den ersten und einzigen Regenschauer während dieser Reise. Abends im Hotel werde ich dann feststellen, dass mein T-Shirt von diesem zarten Guss komplett mit Sandflecken übersät ist 😅.

Als ich mich dem Nizwa Fort nähere, ist der Regen schon wieder Geschichte. Doch es bleibt für den Rest des Tages grau in grau. Rein ins Fort! Da die Tagestouristen aus Muscat in der Mehrzahl schon wieder abgereist sind, ist es erfreulich leer hier.

Mitte des 17. Jahrhunderts entstand hier der größte Festungsturm des Landes. 40 Meter hoch, fast genauso breit und bis zur Hälfte mit Erde aufgefüllt, damit bloß keine Kanonenkugel ihn aus den Latschen hauen möge. Der Treppenaufgang wird bis zu den Zinnen durch sieben Schächte belüftet, durch die im Verteidigungsfall heißer Dattelsirup (!!!) geschüttet werden konnte. Ideen muss man haben!

Das Wahrzeichen der Stadt wurde angeblich aus einem einzigen Raubzug der Omanis gegen portugiesische Besitzungen an der Küste Afrikas finanziert. Na DAS hat sich ja gelohnt 😎. Heute ist die gesamte Anlage ein interessantes kulturgeschichtliches Museum, in dem unter anderem das ausgefeilte Bewässerungssystem anschaulich vorgestellt wird.

Die Führung, an der ich teilnehme, beginnt etwa zehn Minuten später, da der Guide erst noch zu Ende beten muss. Wenn der Muezzin ruft, muss eben alles andere warten. Anschließend streune ich noch ein wenig auf eigene Faust in der sehenswerten Anlage herum, von deren oberen Etagen aus man auch eine wunderbare Sicht auf die Stadt und die sie umgebende Bergwelt hat. Heute fehlt nur der blaue Himmel.

Anschließend zurück zur geliebten Hotelterrasse, wo ich bis zum Einbruch der Dunkelheit den angefangenen Blogbeitrag zu Ende schreibe.

Auf dem Weg zurück in mein Zimmer zum verdienten „Feierabend“ nehme ich einen kurzen Umweg über das „Wohnzimmer“ des Hotels, wo ich mich mit ein paar Datteln zu stärken gedenke. Doch dieser dauert länger als geplant. Denn dort sitzt einer der Mitarbeiter von der Rezeption mit einem Nachbarn, der zu Besuch ins Hotel gekommen ist.

Und so lerne ich Abdullah kennen und schätzen, mit dem ich mich fast zwei Stunden verquatsche. Der Elektroingenieur mit eigener Firma und einer Ehefrau, die zur Zeit in England Architektur studiert, ist ein interessanter Gesprächspartner. Und so ergibt sich ein breites Themenspektrum, das sich vom omanischen Sultan über indische und pakistanische Mitbürger und Mitarbeiter in seiner Firma, problematische Länder auf der Arabischen Halbinsel, Drogen, Alkohol, Bildung und das Leben in Europa erstreckt. Was für ein kontrast- und erlebnisreicher Tag in dieser sympathischen Stadt mit ihren kontaktfreudigen Bewohnern!

4 Gedanken zu “Tag 17: Nizwa – Männer, die auf Ziegen starren

  1. George hätte nicht besser starren können.😅 Was mich freut: die Tiere sehen alle gesund und gut gepflegt aus!👍 Frauen sind bei solchen Auktionen eher nicht vertreten, wie mir auffällt. Dafür haben aber alle Typen den gleichen Hutmacher.😂

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, die Tiere wirkten auch auf mich in sehr gutem Zustand. Die Verkäufer werden sich auch hüten, die Tiere in schlechtem Zustand zum Markt zu bringen. Schließlich wollen sie gute Preise für ihre hochwertigen Tiere erzielen. Und die Käufer sind fachkundig und prüfen sehr genau, bevor sie kaufen. Besonders intensiv wird übrigens das Gebiss der Tiere begutachtet. Da scheint man eine Menge daraus ablesen zu können. Die Tiere werden letztendlich ja nur zu einem Teil unmittelbar zum Schlachten gekauft. Einige sind auch als Nutztiere (Milch und Käse) oder für die Zucht geplant.

      Und ja, die Frauen spielen insbesondere in diesem ländlichen Raum in der Öffentlichkeit eher wenig eine Rolle. Muscat als Großstadt ist da eher die Ausnahme.

      @ Hutmacher: so sieht das aus 😂!

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