01. Dezember 2025
Ich bin nicht unbedingt eine Freundin der gepflegten Ereignislosigkeit. Und so schwinge ich mich am späteren Vormittag …
… in den Bus der Linie 100. Er wird mich heute an der Ostküste der Insel entlang in Etappen gen Inselnorden kutschieren. Den ersten Stopp lege ich in Puntallana ein. In dem kleinen Örtchen startete unsere Wandergruppe die letzte gemeinsame Tour. Doch der Ort selbst gehörte nicht zum Schwerpunkt der Wanderung. Um ihn etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und Fotos zu machen, braucht es einfach etwas mehr Zeit. Und die nehme ich mir heute.
Von der Durchgangsstraße aus betrachtet wirkt Puntallana beliebig und unscheinbar. Interessant wird es erst unterhalb des kleinen Ortskerns mit seiner schönen Kirche, die auch im Detail sehenswert ist.



Folgt man der steil abfallenden Straße, erreicht man schon bald ein kleines Landhaus, dessen Hanglage sehr schön verdeutlicht, wie ambitioniert es hier nach unten geht.

Jahrelang befand sich hier eine deutsche Bibliothek. Einer ihrer ersten Gäste war Günter Grass. Seit drei Jahren erinnert eine eigens dafür angelegte Aussichtsterrasse an seine Aufenthalte. Zwei Stühle, ein Tischchen, darauf eine Mütze und eine Pfeife. Fast könnte man meinen, der Schriftsteller habe gerade eben noch höchstpersönlich hier gesessen und sei nur mal kurz weggegangen. Auf dem Boden befinden sich Zitate aus seinen Werken. Ein richtig schöner Aussichtspunkt, dieser Mirador Literario! Schade nur, dass die Bibliothek geschlossen ist.


Von dort aus genieße ich die tolle Aussicht, die mir schönste Ländlichkeit mit viel terrassiertem Grün bietet.

Nun lockt mich das Museo Etnologico in der Casa Luján. Dort werde ich gleich freudig von einem Mitarbeiter in Empfang genommen. Der blendend gelaunte Carlito führt mich, den einzigen Gast, mit viel Enthusiasmus durch das Anwesen. Ich geniesse sowohl seine humorvolle Art als auch den Umstand, dass ich sein Spanisch fast mühelos verstehe.
Später lässt er mich dann alleine in dem erst als Rathaus und später als Schule genutzten Gebäudekomplex. Nun tauche ich ein in das bäuerliche Leben von anno dazumal, das richtig originell dargestellt wird. Ich treffe auf lebensgroße Puppen, Mayos genannt, die in einer kuriosen Mischung aus konventionell und bizarr daherkommen. Aktuell sind leider nicht viele Exemplare davon zu sehen. Denn bei der Restaurierung der Casa Luján wurden einige Puppen beschädigt und warten noch auf Restaurierung. Hoffentlich nicht vergebens! Es wäre wirklich schade darum.




Der nächste 100er Bus bringt mich nach San Andrés. Der Name kommt euch bekannt vor? Kein Wunder, da war ich auch schon mit der Wandergruppe. Gleiches Thema wie bei Puntallana: zu wenig Zeit, keine Muße. Deshalb kehre ich auch hierher noch einmal zurück, um mich in Ruhe umzuschauen.
Der Bus fährt nicht direkt durch den Ort. Die nächstgelegene Bushaltestelle liegt an der Durchgangsstraße oberhalb von San Andrés. Von hier aus führt eine etwas mehr als einen Kilometer lange Stichstraße hinab Richtung Küste. Sie führt mich auf einem sehr steilen Weg mitten durch ein Meer von Bananenplantagen. Immer wieder bleibe ich stehen, weil auch andere Pflanzen um meine Beachtung buhlen. Dabei verdränge ich erfolgreich den Gedanken, dass ich diese Steigung nachher auch wieder hinauf laufen muss.
Spaßeshalber habe ich das Gefälle mal ausgerechnet: Von der Haltestelle bis hinunter in den Ort werden 200 Höhenmeter fällig. Auf dieser 1.200 Meter langen Strecke beträgt das Gefälle somit 16.67%. Das ist schon recht ordentlich!





Unten angekommen, muss mich niemand überzeugen, dass ich hier in einem der schönsten Orte der Insel gelandet bin. San Andrés ist auch einer der ältesten Orte der Insel und historisch eng mit dem Zuckerrohranbau und der Auswanderung nach Kuba verbunden.
Zuckerrohrplantagen legten im 16. Jahrhundert den Grundstein für den Handel, der später den Austausch mit Kuba (Tabak und Musik inklusive) förderte. Auch das farbenfrohe Antlitz des Ortes ist voller architektonischer Einflüsse aus Kuba. Denn im 19. Jahrhundert kehrten einige Bewohner recht wohlhabend aus der Karibik nach San Andrés zurück und gestalteten den Ort mit.



Das Mittagessen verläuft heiter und unterhaltsam. Abwechselnd amüsiere ich mich über die sich „unauffällig“ heranrobbenden Katzen (siehe Titelbild) und die originelle deutsche Übersetzung der Speisekarte. Ratet mal, was ich NICHT genommen habe!

Nach einem ergiebigen Mittagessen in einem der Restaurants um die Kirche herum bin ich gestärkt für den Aufstieg hinauf zur Bushaltestelle. Beschwingt verlasse ich das wunderschöne San Andrés, bewundere im Vorbeilaufen noch die Oversize-Variante des Weihnachtssterns …


… und absolviere dann den Aufstieg.
Oben an der Durchgangsstraße angekommen, nehme ich den nächsten Bus 100 bis zur Endstation in Barlovento. Hier oben ist es deutlich kühler als in den beiden Orten, die ich vorher besucht hatte. Rasch ziehe ich meine dünne Regenjacke aus der Tasche, die zumindest ein wenig den Wind abhält. Der Ort selbst entpuppt sich als recht unspektakulär.
Und so halte ich mich auch gar nicht lange im Zentrum auf, sondern laufe gleich in Richtung des Mirador La Tosca. Bis dorthin muss ich rund zwei Kilometer an einer zum Glück recht wenig befahrenen Straße ohne Fußweg entlang, deren kurvenreicher Verlauf mich immer wieder auf die jeweils andere Straßenseite zwingt. Schließlich will ich von Autofahrern gesehen werden, bevor die allzu sportlich die Kurven schneiden.
Am Aussichtspunkt angekommen, werde ich mit einer formidablen Aussicht auf die Berge, die Steilküste und das Meer belohnt. Auch habe ich den Mirador an diesem späten Nachmittag ganz exklusiv für mich alleine.


Zurück in Downtown Barlovento, bewundere ich noch kurz die themengerechte Streetart am Seniorenheim …

… und nehme dann den Bus zurück nach Santa Cruz. Dort angekommen, setzt schon die Dämmerung ein. Ein langer, schöner und abwechslungsreicher Tag liegt hinter mir, für den ich sehr dankbar bin. Morgen ist wieder Kontrastprogramm angesagt. Stay tuned!
Das hat ja alles gar nichts mit dem Massentourismus zu tun, den ich aus Gran Canaria kenne! Sieht sehr schön aus!
Ich hätte zu gerne erfahren, wie alte Oktopuskleidung schmeckt, aber vermutlich hast du etwas anderes gewählt?
Habe ich das richtig verstanden, die Puppen müssen restauriert werden, weil sie bei der Restaurierung beschädigt wurden? Das klingt doch sehr nach Arbeitsbeschaffung für unausgelastete Restauratoren…
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