Für diesem Mittwoch Anfang Januar ist Schneeregen – mit Betonung auf Regen – bei Temperaturen knapp über null Grad angesagt. Wahrlich kein Wetter, um eine ausgedehnte Tagestour ins Brandenburger Umland zu unternehmen. Doch mein Wander-Ego scharrt innerlich mit den Hufen und will raus! Auch wenn es den ganzen Tag durchnieseln wird. Also muss ein Kompromiss her in Form einer kürzeren Tour, deren Ausgangspunkt gut und halbwegs flott erreichbar ist.

Die Idee ist schnell geboren: auf zum Müggelsee in die südöstliche Ecke der Stadt! Dort war ich schon länger nicht mehr. Die S-Bahn bringt mich in den Treptow-Köpenicker Ortsteil Friedrichshagen. Entlang der historischen Bölschestraße …

Durchgestylt

… laufe ich hinunter zum Ufer des Müggelsees – nicht ohne einen sehnsüchtigen Blick ins zur Zeit geschlossene Café Mauna Kea zu werfen, wo mir bei meinem letzten Besuch hier ein wunderbar exotisches Frühstück kredenzt wurde. Am See angekommen, flaniere ich kurz an der überschaubaren Promenade entlang, an der im Sommer stets das pralle Leben tobt. Heute jedoch finde ich die Schiffsanlegestelle verwaist und verlassen vor. Hier und da eine Mutter, ein Vater, die/der dem Bewegungsdrang des Nachwuchses ein Ventil verschafft. Zwei ältere Herrschaften. Und ich.

Bevor ich meine Tour entlang des Südufers starten kann, steht mir zunächst ein Abstieg bevor, denn ich muss hinüber zur anderen Seite des Sees. Bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hinein transportierten kleine Kähne die Wechselwilligen hin und her. 1927 wurde dann der Spreetunnel erbaut und hier an dieser Stelle, wo sich die Spree aus dem ausladenden Bauch des Sees speist, vier Meter unter der Wasseroberfläche versenkt. Die flaschengrünen Tunnelwände sind – so will es die Tradition der Großstadt – mit farbenfrohen Graffiti verziert. An einem grauen Tag wie diesem weiß ich die Buntheit noch mehr zu schätzen.

Im Farbrausch

Ein paar warme Worte zum Müggelsee. Mit rund acht Quadratkilometern Wasserfläche ist er nicht nur der größte See der Stadt, sondern nimmt auch einen großen Teil der Gesamtfläche des Bezirks Treptow-Köpenick ein. Entstanden ist er, als die Eiszeit im Urstromtal den Rückzug antrat. Was seinen Namen betrifft, so wird vermutet, dass er auf das vorslawische Wort Mighla (auf gut deutsch Nebel oder Wolke) zurückgeht. Vor allem in der warmen Jahreszeit ist der See ein Paradies für Segler und Surfer. Für die Freunde der motorisierten Wasserfahrzeuge hingegen bleibt nur die betonnte Fahrrinne.

Nun aber los! Wenn man zu lange herumsteht, wird es schnell ungemütlich bei dem nasskalten Wetter. Schneeregen war angekündigt, doch der Schnee fällt aus. Bleibt ein zarter Nieselregen. Das tut meinem Vergnügen am Wandern jedoch keinen Abbruch. Was ich allerdings etwas schade finde: die Strecke bis Müggelheim ist in weiten Teilen (geschätzte 60 bis 70%) asphaltiert. Das hatte ich so nicht in Erinnerung. Ich laufe auf meinen Touren ja lieber auf natürlichem Untergrund. Denn Asphalt habe ich im Alltag in der Stadt schon genug unter den Füßen. Doch das bleibt der einzige Wermutstropfen heute. Lasst uns lieber einen ersten Blick auf die winterlich karge Landschaft werfen!

Graue Eminenz

Der Weg führt überwiegend in Ufernähe mit Aussicht auf den See entlang und ist sehr schön. Für Berliner Verhältnisse sind heute recht wenige Menschen unterwegs, auch wenn man das „Verkehrsaufkommen“ nicht mit der Einsamkeit Brandenburgs vergleichen kann. Und weil es so hübsch ist, lassen wir unsere Augen doch gleich noch einmal über die Weite der Landschaft schweifen!

Kreise ziehen

Schon bald rückt auf einer Strecke von ein paar Hundert Metern die Zivilisation in greifbare Nähe. Fast vor der Haustür des Ausflugslokals „Rübezahl„, zur Zeit aus den bekannten Gründen geschlossen, liegt der Schiffsanleger wie ausgestorben da. Sein Schild, das den Betreiber der Bootstouren verrät, spiegelt sich in einer Pfütze und entgeht so der Einsamkeit.

Kopfstand

Deutlich mehr action ist da am Ufer! In aller Seelenruhe schwimmen, futtern und putzen sich Enten und Schwäne durch den Tag, völlig unbeeindruckt von der aufdringlichen Besucherin mit dem Handy in den Pfoten.

Ich werfe einen kurzen Blick auf dieses hübsche Schmuckstück …,

Rapunzel?

… und setze anschließend meine Tour fort. Wenig später dann endlich Matsch unter den Füßen. Tschüss, Asphalt! Immer wieder halte ich für ein Weilchen inne und schaue mir die Umgebung genauer an.

Wald mit Bart
Ungeheuer(lich)!

Auf meinem weiteren Weg begegnen mir sowohl ein Moorgebiet als auch ein Zeltplatz mit bemerkenswerten Namen. Infos zum Thyrn und zur Kuhlen Wampe habe ich hier und da für euch parat.

Herr T.
Schilderwald

Dass sich am Müggelsee gerne Wassersportler tummeln, hatte ich weiter oben schon erwähnt. Doch auch die Freunde des Sandstrandes finden hier im Sommer Erfüllung – an sehr sonnigen Tagen vermutlich gar Überfüllung 😎.

Beach Life

Am frühen Nachmittag erreiche ich Müggelheim. Von dort aus trete ich meine Rückreise an, die sich als etwas aufwendiger und zeitintensiver gestaltet als die Hinfahrt. Eine Kombination aus zwei Buslinien, der S-Bahn und der U-Bahn muss her. Doch damit nicht genug! Kurz vor dem Umstieg in die S-Bahn fällt mir siedend heiß auf, dass sich einer meiner beiden geliebten Goretex-Handschuhe klammheimlich vom Acker gemacht hat. Flugs voreilig aus dem Bus gestürzt, zurück zur ersten Umsteigehaltestelle gefahren, dort nicht fündig geworden, auf den ersten Bus gewartet und zur Ausgangshaltestelle zurück. Auch dort Fehlanzeige.

Da ich wirklich an diesem Paar Handschuhe hänge und mich zu erinnern glaube, wann ich sie heute das letzte Mal beim An- und Ausziehen bewusst wahrgenommen habe, entschließe ich mich, das letzte Stück meiner Wanderstrecke noch einmal in umgekehrter Richtung abzulaufen in der Hoffnung, das vermisste Teil reumütig am Wegesrand zu finden. Nach eineinhalb Kilometern an besagtem Punkt angekommen, kehre ich unverrichteter Dinge wieder um Richtung Bushaltestelle. Pech gehabt! Dann war es das eben mit mir und meinen Handschuhen.

Wenige Minuten später kommt der nächste Bus. Einer plötzlichen Eingebung oder auch schlicht meiner Gewohnheit folgend, gehe ich bis ganz nach hinten durch, um mir ein Plätzchen im Eck zu suchen. Und was hängt da lässig über der Rückenlehne eines Sitzes? Mein vermisster Handschuh! Zufall und Glücksfall zugleich, denn auf der recht langen Route sind ja schon einige Busse im Einsatz. So hat sich mein zeitaufwendiger Umweg am Ende doch noch gelohnt. Genau wie die ganze heutige Tour 😎.

Wieder vereint

11 Gedanken zu “Wednesday Walks: 6 – Am Müggelsee

  1. Ach, diese sehnsüchtigen Blicke in Richtung der Cafés! Die kenne ich nur allzu gut. Manchmal habe ich Lust, da wie ein treuer, trauriger Hund an der Fensterscheibe zu kleben und zu warten, bis sie öffnen…
    (nein, das wäre etwas seltsam; mache ich natürlich nicht…)

    Graffiti ist total meins. Amateurhaft fotografiere ich alles, was mir vor die Linse kommt (und gefällt), ohne in der Regel groß zu wissen, zu wem welches Werk gefällt. Inzwischen kann ich aber den einen oder anderen Künstler unterscheiden, alleine an seinem Stil. Es gibt hier in Mannheim einen, der sprüht an verschiedenen Orten der Stadt große, grimmig schauende Pandabären-Köpfe an die Wände 😉

    Faszinierend sind – speziell im Winter – die überraschenden Farben in der Umgebung, die in den Sommermonaten durch das viele Grün nicht zum Vorschein kommen. Und dein Ungeheuer erinnert mich an die Ood aus Dr. Who 🙂

    Ein Riesenglück mit den Handschuhen. So etwas ist eigentlich unmöglich…

    Liebe Grüße und weiterhin frohes Wandern!
    Kasia

    Gefällt 1 Person

    1. @Café-Sehnsucht: ich sehe schon, du verstehst mich!

      @Graffiti: ich stehe da auch total drauf. Wenn du richtig viele gute Street Art sehen möchtest, kann ich dir Tel Aviv, Marseille, Bordeaux und Valencia wärmstens ans Herz legen – falls du dort nicht schon warst. Die haben allesamt eine hochkarätige Szene. Die grimmigen Pandas in Mannheim hören sich aber auch gut an 😀. Hier in Berlin haben wir einen, der malt überall gelbe, kahle Köpfe mit einem roten Punkt auf der Stirn hin. Zuerst dachte ich, das sei ein gut gezielter Kopfschuss 😅 (mal wieder typisch für mich). Aber wahrscheinlicher ist, dass es sich um einen indischen Bindi handelt …

      @Ungeheuer und Ood: fehlen nur noch die rot glühenden Augen!

      @Handschuh: Ja, ich konnte mein Glück kaum fassen. Krasser Zufall, dass ich wieder den gleichen Bus erwischte wie bei der ersten Fahrt!

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Susanne Haun

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