2. Mai 2026
Am letzten Tag vor meiner Heimreise zieht es mich in einen Ort an der Côte d’Azur, den ich so gar nicht …
… auf dem Schirm hatte. Doch zum Glück griff meine Nachbarin Claudia aus der Ferne ein und schlug mir einen Tagesausflug nach Sanary-sur-Mer vor. Von diesem Ort hatte ich bisher noch nie gehört. Und genau das weckte meine Neugier.
Und so laufe ich, wie immer, ohne vorher auf den Fahrplan zu schauen, zum Bahnhof. Sanary-sur-Mer liegt auf der Zugstrecke nach Toulon. Aus Erfahrung weiß ich, dass alle halbe Stunde ein Zug in diese östliche Richtung fährt. Es geht am mir schon bekannten Cassis vorbei, und nach 30 Minuten bin ich am Ziel.
Nun, fast! Denn bis zur Ortsmitte ist es noch ein kleines Stückchen hin. Ich habe die Wahl zwischen einem 30-minütigen Fußweg oder dem Bus. Ich wähle letzteren. Wer weiß schon, wieviel ich im Örtchen selbst noch laufen werde?!? Die Fahrt ist kurz und auch ein wenig abenteuerlich. Und damit meine ich nicht den Umstand, dass hier tatsächlich nicht mit Kreditkarte bezahlt werden kann.
Die 1,45 EUR für eine Strecke solltet ihr tunlichst passend in der Hand haben! Zumindest wenn ihr den Hell Driver erwischt, mit dem ich das Vergnügen heute habe. Der fährt nämlich schon los, während ich noch die Münzen zusammenkratze und entsprechend keine meiner beiden Hände freihabe, um mich wo auch immer festzuhalten. Als ich meinen Part akrobatisch und unfallfrei bewältigt habe, muss der junge Mann am Steuer beweisen, wie multitaskingfähig er ist.
Fasziniert schaue ich, meine eigenen Hände mittlerweile sicher an der Haltestange fixiert, wie er mit einer Hand die Münzen einsortiert, während er mit der anderen den Bus in vollem Karacho in den Kreisverkehr bugsiert. Was seinen Augenmerk betrifft, so muss er sich von Sekunde zu Sekunde entscheiden. Schaut er in die Kasse oder auf die Straße? Nun, das klappt so leidlich, doch um ein Haar lenkt er den Bus dabei tatsächlich in die Blumenrabatten auf der Mittelinsel. „Sie sind echt mutig“ , sage ich. Der Busfahrer lacht aus voller Kehle – und brettert weiter unbeirrt durch den Ort.
Raus aus dem Bus, rein ins Zentrum. Heute ist Samstag. Und was findet da üblicherweise statt? Genau, der Wochenmarkt! Doch dieses Mal genieße ich es ebenso wie in Cassis, weil es klein, überschaubar und gemütlich zugeht. Ich flaniere kurz über den hübschen Markt, …

…lasse mich dann aber schnell von anderen Bedürfnissen einnehmen. Ein Kaffee muss her! Nur wenige Meter vom Markt entfernt entdecke ich ein Eiscafé mit schattigen Sitzmöglichkeiten. Dort mache ich es mir gemütlich, während Madame mir meinen Kaffee zubereitet.
Als sie ihn mir dann zum Tisch bringt, hat sie gleich noch eine kleine Bitte an mich. Ob ich, momentan die einzige Gästin, vielleicht auf den Laden aufpassen könne? Sie müsse kurz noch auf dem Markt einkaufen gehen. Sonst müsse sie alles weg- und abschließen. Klar, das mache ich doch gerne. Und ein Viertelstündchen später taucht sie dann auch schon wieder auf mit ihrem vollen Korb.
Nun lasse ich mich durch die Gässchen treiben. Es dauert nur wenige Minuten, bis mir dämmert, was für ein Juwel ich da dank meiner Nachbarin entdeckt habe. Ohne Übertreibung kann ich sagen: Sanary-sur-Mer ist ein Traum! Der Markt, die Gassen, die Lage, die Farben, die großzügigen Plätze, das geschlossene Stadtbild, die schöne Uferpromenade, die Aussichten auf die Umgebung, die lässige, fast untouristische Atmosphäre – ach, einfach alles. Ihr wollt ein wenig mehr erfahren? Dann schaut gerne hier.
Nur eines verstehe ich nicht: wieso ist hier im Vergleich zu anderen Küstenorten und erst recht im Vergleich zu Aix-en-Provence so wenig los? Sollte das Örtchen tatsächlich noch ein Geheimtipp sein? Wenn ja, dann pssst! Fahrt gerne hin, aber erzählt es keinem, wie schön es hier ist …









Nun zieht es mich am Wasser entlang, zum Leuchtturm und zum Hügel etwas außerhalb des Zentrums. Letzteren werde ich auch erklimmen, denn dort wartet eine meiner Bildungslücken darauf, endlich gefüllt zu werden.


Denn Sanary-sur-Mer mag zwar mir bislang kein Begriff gewesen sein, doch sooo unbekannt ist das Örtchen tatsächlich nicht. Denn mit dem Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann und seiner deutsch-jüdischen Frau Katja lässt sich im Sommer 1933 die Haute Culture nieder, bevor die Familie Mann später in die Schweiz und anschließend in die USA emigrierte. Das Ehepaar führt hier Leseabende ein, auf denen die intellektuelle Elite ihre neuesten literarischen Werke vorstellt.
Abwechselnd trifft sich alles, was gesellschaftlich seinerzeit Rang und Namen hatte, bei den Manns, den Feuchtwangers und den Schickeles, allesamt Nachbarn auf dem illustren Hügel hoch über der Stadt. Denn alle drei verfügen über die notwendigen Räumlichkeiten und auch die finanziellen Mittel für derlei Veranstaltungen.
Das Haus der Manns, die Villa Tranquille, wurde 1944 von den Nazis abgerissen, um Platz für Flugabwehrgeschütze zu schaffen. Doch nach dem Krieg wurde das Anwesen originalgetreu wieder aufgebaut. Heute ist es wieder in Privatbesitz und wegen der üppigen Begrünung der unmittelbaren Umgebung nur noch teilweise von der Straße aus zu sehen.

Von hier aus geht’s wieder sachte abwärts mit mir. In Richtung Zentrum reiht sich eine schöne Aussicht an die nächste. Mal lockt der Blick in eine kleine Kirche, dann auf ansehnliche Häuser, und immer wieder natürlich aufs Meer und die mir zu Füßen liegende Stadt.


Am späten Nachmittag verabschiede ich mich in heiterer Stimmung von diesem tollen Ort. Ich bin mir sicher, dass ich eines nicht allzu fernen Tages hierher zurückkehren werde – mit einer Bildungslücke weniger im Gepäck.
Doch erst einmal stehen andere Reiseziele in den Startlöchern. Ich lasse von mir hören. Stay tuned!