22. Juni 2022

Nachdem ich gestern recht spät in meiner neuen Bleibe gelandet bin, hole ich heute morgen einen ersten Erkundungsgang über das recht weitläufige Gelände des Campingplatzes nach. Manche unter euch, die mich kennen und/oder hier schon länger mitlesen, mögen sich zu Recht gewundert haben, weshalb eine bekennende Nicht-Camperin ausgerechnet hier landen konnte. Nun, die Auswahl an Unterkünften in Helper hielt sich sehr in Grenzen. Und da kam die Hütte ins Spiel.

Wie in den USA nicht unüblich, stehen hier auch einige imposante Wohnmobile, deren Ausmaße und Komfort so manche Wohnungen deutlich übertreffen.

Bei der Gelegenheit möchte ich euch auch meine Hütte vorstellen, die meine im Vorfeld gehegten Erwartungen bei weitem übertraf.

Klein, aber mein

Nun, da mein temporäres Wohnumfeld ausreichend erkundet ist, mache ich mich ausgehfein – soweit dies meine eher rustikale Reisegarderobe zulässt 😁. Mal schauen, wo ich hier im Städtchen ein passables Frühstück zu mir nehmen kann. Im Happiness Within Coffee Shop werde ich fündig. Auf der Straße flanieren auffallend freundliche Menschen an mir vorbei. Wirklich jeder grüßt oder winkt. Oder beides. US-Kleinstadt eben! Da schmecken der üppige Breakfast Burrito, Orangensaft und Latte Macchiato gleich noch mal so gut.

Und wenn wir hier schon mal gemütlich beim Kaffee sitzen, kann ich doch gleich noch ein paar Worte zum Städtchen verlieren.

Helper, umgeben von Sandsteinfelsen und grauem Schiefergestein, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und stand von Beginn an ganz im Zeichen des Kohlebergbaus. Ihren kurios anmutenden Namen Hilfslok verdankt die Stadt dem Umstand, dass hier eine zusätzliche Lokomotive an die Züge gehängt werden musste, um die gnadenlosen Steigungen des Price Canyon zu bewältigen und den Soldier Summit zu erklimmen.

Das spätere Schicksal der Stadt ähnelt dem so vieler Kommunen, die vorrangig auf einen einzigen Wirtschaftszweig setzen. Und so trafen der Strukturwandel und der Niedergang der Kohleindustrie die Stadt volle Breitseite. Helper könnte wie so viele andere Orte im hiesigen Carbon County heute eine Geisterstadt sein. Doch dank des ungebrochenen ideellen und finanziellen Engagements, des Gestaltungswillens und der visionären Kraft von Künstlern, Bewohnern und auch Politikern blieb Helper dieses Schicksal erspart.

Heute verflechten sich Vergangenheit und Gegenwart in dem kleinen, aber feinen Ort, in dem aktuell rund 2.000 Menschen leben. Die überschaubare Innenstadt ist gespickt mit Kunstgalerien, Museen und kleinen Geschäften. Sie alle sind in liebevoll sanierten und restaurierten alten Gebäuden untergebracht. Ja, hier in Helper ist man stolz auf seine Herkunft, ohne das Hier und Jetzt aus den Augen zu verlieren.

Helper ist übrigens als die offizielle Weihnachtsstadt des Bundesstaates Utah bekannt. Auch der Veranstaltungskalender kann sich sehen lassen. Kunst- und Musikfestivals, das Butch Cassidy Film Festival, die Helper Outlaw Car Show und das Christmas Town Festival finden hier statt. Und damit niemand aus der Veranstaltungsübung kommt, gibt es jeden Monat die First Friday-Feierlichkeiten. Seit wenigen Jahren hat die Stadt auch den Status einer Dark Sky Community inne. Wer mehr über diese Organisation, die sich dem Kampf gegen die Lichtverschmutzung verschrieben hat, lesen möchte, dem sei diese Seite empfohlen.

Ihr wollt mehr über Helper, seine Geschichte und Gegenwart, das Engagement der Leute und interessante Projekte lesen? Dann schaut mal hier rein. Die Seite ist noch im Aufbau und von daher etwas provisorisch. Doch es sind ein paar sehr interessante und lesenswerte Artikel verlinkt.

Ja, und wie kam es jetzt dazu, dass dieses touristisch noch eher unbekannte Kleinstädtchen in meinen Reisefokus rückte? Nun, ich bin in ein paar Facebook-Reisegruppen aktiv. In einer davon – sie nennt sich Friends of the California Zephyr – wurde mir auf meine Nachfrage, welche Stopps sich denn auf der Zugstrecke lohnen (gerne auch abseits des Mainstreams) Helper empfohlen. Und nun bin ich hier.

Dieses kleine Örtchen strotzt vor originellen Fotomotiven! Vintage und Retro atmen hier den Geist vergangener Tage, ohne kitschig zu sein. Die meisten Motive verteilen sich entlang der Main Street. Letztendlich sind derart viele Fotos dabei herausgekommen, dass ich die Ausbeute locker auf zwei Tage verteilen kann. Das passt insofern gut, als dass die Kamera am Folgetag kaum zum Einsatz kam.

Nun aber los!

Die schönen Künste

Wiederbelebt
Ausgehebelt
Kaffeekränzchen

Und dann stehe ich plötzlich vor der Vintage Motor Company. Nun bin ich ja nicht unbedingt für ein gesteigertes Interesse an Autos und Motorrädern bekannt. Aber auf so altes Zeug werfe sogar ich gerne einmal einen neugierigen Blick. Ich hätte mich auch mit der Aussicht auf diese beiden direkt im Eingang geparkten Modelle begnügt.

Coole Schlitten

Doch da hatte ich die Rechnung ohne Bobby DeVincent gemacht, der mit seinem Bruder Gary dieses private Museum aufgebaut hat und führt. Er bittet mich gleich hinein in die gute Stube und führt mich in den nächsten 45 Minuten stolz durch sein Refugium. Ich darf sogar einen Blick hinter die Kulissen werfen: im Kellergeschoss warten noch viele weitere Schätze jenseits des Automobil-Themas (Schilder, Werkzeug und diverse Gebrauchsutensilien) darauf, endlich die Museumsbühne bespielen zu dürfen. Auch ein Hotelbetrieb spielte hier einst eine Rolle. Heute kann man hier auch eine Wohnung mieten.

Bobbys Begeisterung ist ansteckend. Er kennt jedes Detail und jede Hintergrundstory zu allem, was hier zu sehen ist. Schließlich hat er die Fahrzeuge selbst liebevoll restauriert. Und er teilt gerne sein Wissen mit der unbedarften Besucherin aus dem fernen Deutschland. Fast vergesse ich, auch ein paar Fotos zu machen. Doch ein paar Aufnahmen habe ich euch mitgebracht.

Heiße Öfen
Strenge Sitten
Eingeölt

Immer schön langsam!

Was für eine schöne Begegnung! Darauf erst mal ein kühles Getränk im Laden vor der Garage, der baulich zum Ensemble dazugehört: The Filling Station. Auch dort komme ich erst mal so schnell nicht weg. Denn die Inhaberin ist auch in Plauderlaune. Und so unterhalten wir uns über Gott und die Welt, bevor das ersehnte kühle Nass durch meine Kehle rinnen darf. Das ist dann auch bitter nötig bei den drückenden 32 Grad, die auch heute versuchen, meinen Tatendrang zu bremsen.

Abgefüllt

Dann laufe ich weiter durch die Stadt. Unter anderem komme ich auch am hiesigen Bahnhof vorbei, an der mich der California Zephyr gestern Abend als einzigen Fahrgast ausgespuckt hat. Hier werden eh hauptsächlich Güter und weniger Passagiere „umgeschlagen“😎.

Offroad
Geschient
Abgestuft
Gastfreundlich
Im Schilde

Am frühen Nachmittag trotte ich zurück zu meiner Hütte und faulenze dort eine ganze Weile auf der gemütlichen, kleinen Terrasse. Erst am frühen Abend ziehe ich wieder los. Gerade zur rechten Zeit komme ich wieder am Bahnhof vorbei, wo sich der Zugführer des heutigen California Zephyr bei der Abfahrt mit zweifachem Hupen von mir, der winkenden Passantin am Gleis, verabschiedet.

Nun bricht die Dämmerung herein. Zeit für Nachtaufnahmen! Eine davon – sie zeigt eine ebenfalls von Gary und Bobby DeVincent restaurierte alte Tankstelle – bekommt ihr heute zu sehen. Den Rest hebe ich für morgen auf. Gute Nacht!

Vorfahrt achten!

13 Gedanken zu “Helper – Viel mehr als nur Hilfslok

  1. Also gegen die Hütte gibt es doch wirklich keinen Einwand soweit ich das natürlich aus Bilder beurteilen kann. Ich finde sie echt gemütlich.
    Wie du ja geschrieben hast gibt es im Ort doch einiges an Fotomotive. Ich blieb natürlich bei der Garage stehen. Rechts eine alte Cevrolet Corvette ( der blaue Sportwagen ) . Eine Rarität sondersgleichen.
    Was mir auch gut gefallen hat sind die Aushängeschilder der Hotels oder Übernachtungsmöglichkeiten.
    Auch cool fand ich den Offroad und die alte Tankstelle !

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, die Hütte war wirklich gemütlich. Das dachte ich mir, dass die Garage ganz nach deinem Geschmack ist! Die Schilder haben mich auch total fasziniert. Un die Tankstelle ist natürlich DER Hingucker. Das kleine Örtchen hat echt eine Menge geboten.

      Gefällt 1 Person

  2. Hi Elke,
    Das Städtchen ist nur einen Katzensprung von einer Geisterstadt entfernt und könnte als Filmkulisse für so manchen Stephen King Roman dienen.
    Das wirkt alles so unwirklich und völlig aus der Zeit gerissen.
    Wahrscheinlich sind alle Bewohner Außerirdische, haben die tatsächlichen Einwohner versklavt und halten die in den Kellern der Häuser gefangen um Sie bei Vollmond mit einem nicht abwaschbarem EDDING zu bemalen.. 🙂
    Bleib gesund!
    CU
    P.

    Gefällt 1 Person

    1. Deine Theorie gefällt mir! Offenbart sie doch ein ordentliches Maß an Fantasie und Kreativität 😎. In der Tat wirkt das Örtchen wie aus der Zeit gefallen. Und falls die Außerirdischen tatsächlich mit dem Edding aktiv waren, so waren sie immerhin so schlau und stecken den Stift weg, sobald sie die Straße betreten 😇.

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