3. Juni 2022

Normalerweise kommen Anreisetage bei mir selten in den Genuss eines eigenen Blogbeitrags. Sie werden für gewöhnlich mit den Erlebnissen des zweiten Tages in einen Reisetopf geworfen. Doch bei dieser Reise ist die Gemengelage eine andere. Den Auftakt als ungewöhnlich zu beschreiben, ist sicher die Untertreibung des Jahres 😁.

Schon etliche Male bin ich die Strecke zum Berliner Flughafen gefahren. Und doch steige ich heute am U-Bahnhof Rudow zum ersten Mal in den falschen Bus, der mich nur bis zum zur Zeit inaktiven Terminal 5 des alten Schönefelder Flughafens bringt.

Die Wartezeit bis zum nächsten Bus, der zum BER fährt, überbrücke ich mit einem kurzweiligen Gespräch, das sich während der folgenden Busfahrt zum richtigen Flughafen munter fortsetzt. Das habe ich Jeff aus Baltimore zu verdanken, der ebenfalls in den falschen Bus gestiegen ist. Doch im Gegensatz zu mir ist das bei einem ortsunkundigen Touristen aus dem Ausland durchaus nachvollziehbar.

Ich erzähle ihm von meinem Vorhaben, mit dem Zug durch seine US-amerikanische Heimat zu reisen. Jeff, der zehn Jahre in Japan, dem Paradebeispiel eines guten und funktionierenden Zugverkehrs, gelebt hat, ist entsetzt. Amtrak, das amerikanische Pendant zur Deutschen Bahn, findet in seinen Augen keine Gnade. Ich sei der erste Mensch, den er treffe, der die mag und sogar mit denen reist, versichert er mir. Doch mein Glaube an das Gute und meine Vorfreude auf die vor mir liegende Reise sind unerschütterlich. Schließlich vertraue ich Amtrak meine Mobilität nicht zum ersten Mal an.

Am BER geht alles heute recht schnell und unspektakulär über die Bühne. Check In, Sicherheitskontrolle und Boarding verlaufen reibungslos. Und dann geht’s ab in die Lüfte! Da bin ich immer voll in meinem Element 😎.

Beflügelt

British Airways bringt mich pünktlich via London-Heathrow nach Chicago. Beim Umstieg in London drehe ich meine Uhr um eine Stunde zurück. In Chicago gesellen sich noch einmal sechs Stunden Zeitverschiebung dazu. Mein heutiger Tag dehnt sich somit auf 31 Stunden aus.

Ich habe mir für die Langstrecke ab London einen Sitzplatz in der Premium Economy Class – bei British Airways nennen sie sie „World Traveller plus“ – gegönnt. Was soll ich sagen? Diese Investition lohnt sich absolut! Ich komme in den Genuss eines sehr komfortablen und bequemen Platzes mit viel Beinfreiheit, der sich als wahres Platzwunder herausstellt. Es gibt ein herausklappbares Fußbänkchen, das mich spontan an einen Fernsehsessel denken lässt. Eine Decke und ein Kissen sind auch da. Die Fensterblenden sind nur noch virtuell vorhanden. Die Fenster lassen sich per Knopfdruck beliebig verdunkeln oder aufhellen. Die schicke Boeing 747 ist so krachneu, dass ich es trotz Maske förmlich riechen kann. So lassen sich die siebeneinhalb Flugstunden bis Chicago bestens aushalten.

Ausgestreckt

Bettreif
Volle Tönung

Als ich am frühen Abend in Chicago lande, bin ich deshalb recht entspannt und gut erholt. Es ist ordentlich was los an den Einreiseschaltern. Doch es geht, gemessen an den Menschenmassen, die hier unterwegs sind, flott voran. Ich gerate an einen sehr freundlichen Mitarbeiter, der mich ohne große Befragung von dannen ziehen lässt und mir eine gute Zeit in den USA wünscht. Und dann bin ich drin 😎!

An den Gepäckbändern ist derweil ein großes Chaos ausgebrochen, das nur durch das beherzte Eingreifen mehrerer Flughafenmitarbeiter in den Griff zu bekommen ist. Die Koffer sind nun mal schneller ausgeladen als es die meisten Reisenden durch das Einreiseprocedere schaffen. Und so drehen sie Runde um Runde, bekommen immer mehr Gesellschaft und bringen die Bänder schließlich zum Überlaufen.

Gekoffert

Doch mein Koffer kullert gerade erst vom Band, als ich schon eingewandert bin. Nun muss ich nur noch die Zollerklärung abgeben und dann raus aus dem Flughafen! Alles in allem hat es vom Zeitpunkt des Ausstiegs aus dem Flieger bis zum Verlassen des Flughafens kaum mehr als eine Stunde gedauert.

Draußen erwarten mich an diesem frühen Abend 23 Grad und Sonne. In rund 40 Minuten Fahrt bringt mich die Blue Line der Chicagoer U-Bahn bis zur Station „Division“. Von dort aus trennt mich nur noch ein kurzer Fußweg durch eine schöne und ruhige Wohngegend von dem schnuckeligen kleinen Backsteinhäuschen, in dessen Erdgeschoss ich für drei Nächte eine kleine Wohnung gemietet habe. Den Zugangscode hatte mir die nette Vermieterin bereits gestern zugesandt.

Puh, jetzt bin ich aber ganz schön müde! In Chicago ist es zwar erst 21 Uhr, doch mein Körper wähnt sich zeitlich noch in Europa. Für ihn ist es nun schon vier Uhr am frühen Morgen. Und so will ich schnellstens ins Bett, um ins Reich der hoffentlich wunderbaren Träume abzutauchen. Ich wundere mich beim ersten Rundgang durch die Wohnung zwar, dass das Bett nicht bezogen ist, aber das kann ich gleich auch selbst schnell erledigen.

Vorher aber gönne ich mir noch einen kleinen Ausflug in die unendlichen Weiten des Internets. Dort war ich seit meinem Abflug aus London nicht mehr. Also rasch ins WLAN meines temporären Domizils eingeloggt und kurz die Nachrichten auf den einschlägigen Kanälen gecheckt. Darunter sind auch zwei Nachrichten auf der App von Booking.com, beide versandt zu einem Zeitpunkt, zu dem ich irgendwo zwischen zwei Kontinenten über dem Atlantik schwebte.

Bisher war ich guter Dinge. Doch was ich nun zu lesen bekomme, katapultiert meinen Adrenalinspiegel abrupt in schwindelerregende Höhen. Meine Buchung der Wohnung, in der ich gerade stehe und schon begonnen habe, mich auszubreiten, wurde von der Vermieterin heute storniert. Wegen Wanzenbefalls 😱! Die zweite Nachricht ist vom Booking.com-Kundenservice. Da meine Buchung storniert wurde, bieten sie mir eine Alternative in ähnlicher Preisklasse an: ein Apartment 20 Kilometer außerhalb der Innenstadt ohne U-Bahn-Anschluss. Ich habe nur zwei volle Tage hier und bin außerdem ohne Auto unterwegs. Selbst meinem übermüdeten Hirn ist binnen Sekunden klar, dass das keine akzeptable Option für mich ist.

Jedenfalls bin ich schlagartig wieder hellwach! Hektisch raffe ich meine Sachen zusammen – zum Glück hatte ich weder das Bett noch irgendein Bettzeug angefasst – und verlasse binnen Minuten das verseuchte Terrain.

Ich bin ja durchaus erlebnishungrig und kann auch mit unvorhergesehenen Umständen umgehen. Doch diese Situation ist für mich natürlich der Supergau! Denn nun stehe ich, gerade erst nach einer langen Anreise in den USA gelandet, alleine und völlig übermüdet mit Sack und Pack auf der Straße einer US-Großstadt, über die sich bereits die Dunkelheit gelegt hat. Homeless in Chicago! Das hat mir gerade noch gefehlt in der Sammlung. Doch mir gleich bei der ersten Unterkunft eine Ladung Bettwanzen einzufangen, wäre natürlich noch deutlich unerfreulicher gewesen 😅.

Draußen auf der Straße frage ich gleich den nächsten Typen, der mir über den Weg läuft, nach dem nächstgelegenen Hotel. Und so erreiche ich nach etwa einem Kilometer das Hyatt Place Wicker Park. Eine gediegene Drei-Sterne-Unterkunft wie diese käme mir jetzt wirklich sehr entgegen. Ich brauche dringend ein Bett! Am besten sofort!

Müde, aber hoffnungsfroh trete ich an die Rezeption und schildere den drei mitfühlenden Jungs meine Situation. Doch das Hotel ist über die nächsten Tage komplett ausgebucht. Es ist Freitagabend. Die Chicago Cubs, eines der beiden Baseballteams der Stadt, haben zwei Heimspiele an diesem Wochenende. Gefühlt halb St. Louis oder genauer gesagt die Fans des Gastteams Cardinals sind in der Stadt und müssen ja auch irgendwo wohnen. Irgendein anderes großes Event findet zur Zeit auch statt. Kurzum: Chicago ist so gut wie komplett ausgebucht, zumindest alles in halbwegs zentraler Lage. Was noch zu haben ist, sind einzelne Zimmer in einer Preisklasse, die jeden Rahmen sprengt. 600 US $ für eine Nacht? Uff … Nun dämmert mir auch, weshalb Booking.com mir als Alternative eine Bleibe so weit außerhalb angeboten hat.

Und dann erlebe ich – nicht zum ersten Mal – das phänomenale Verständnis von gutem Service in den USA. Die drei Mitarbeiter schicken mich nicht einfach wieder auf die Straße, sondern versuchen über eine halbe Stunde lang alles, um ein Zimmer in irgendeinem anderen Hotel in halbwegs zentraler Lage oder mit Anschluss an den ÖPNV für mich klar zu machen. Doch wie wir alles auch drehen und wenden: es ist entweder ausgebucht oder kostet 600 $ und aufwärts pro Nacht.

Jetzt kommt der General Manager ins Spiel, der von den nun ratlosen drei Jungs gerufen wird. Was nun folgt, ist so typisch amerikanisch wie der gute Service, von dem ich schon sprach. Der nette Herr bittet einen der Mitarbeiter, doch mal nach „diesem Zimmer“ im vierten Stock zu sehen. Ich frage nach, was es damit auf sich hat. Nun, das sei ein Zimmer, das momentan eigentlich nicht vermietet wird, da da was repariert werden muss. Ich frage genauer nach und traue meinen Ohren nicht. In besagtem Zimmer funktioniert die Klimaanlage nicht. Dort, wo sonst das Steuerungselement dafür platziert ist, befände sich zur Zeit ein Loch in der Wand. Stattdessen stünde da nur ein mobiles Ersatzgerät. Der abgesandte Mitarbeiter, inzwischen zu uns zurückgekehrt, bestätigt, dass das Zimmer weiterhin in besagtem Zustand sei.

„Und sonst ist mit dem Zimmer alles in Ordnung?“, frage ich verblüfft nach. Ja, sonst sei alles ok, bekomme ich zu hören. Tja, für Amerikaner mag ein Raum ohne Klimaanlage eine Zumutung und damit unbenutzbar zu sein. Es ist hierzulande eben üblich, Innenräume zu klimatisieren. Für mich als Europäerin sieht die Sache ganz anders aus. Ich meide die Teile, wo ich nur kann. Und bei den knapp 20 Grad, die gerade in Chicago gemessen werden, ist eine Klimaanlage in meinen Augen sowieso überflüssig. „Nehme ich!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen aus meinem Munde. Wenn denn der Preis meine durchaus großzügige Schmerzgrenze nicht überschreitet.

Und nun wird alles gut. Ich bekomme die drei Nächte in dem „minderwertigen“ Zimmer für einen Preis, der zwar deutlich über dem liegt, was ich für meine ursprünglich gebuchte und nun verwanzte Wohnung zahlen sollte. Doch er liegt ebenso deutlich unter dem, was in den anderen vergleichbaren Hotels momentan verlangt wird.

Ich nehme es vorweg, um die Geschichte abzuschließen. Wollte Booking.com mir erst nur die Preisdifferenz zwischen meiner ursprünglichen Buchung und der von ihnen vorgeschlagenen Bude 20 Kilometer außerhalb zahlen, so erklären sie sich nach meiner Rückkehr nach Deutschland und nach diversen Verhandlungen letztendlich doch bereit, mir die komplette Differenz zu den Kosten, die mir im Hyatt Place entstanden sind, zu erstatten. Ende gut, alles gut.

Gegen 23 Uhr Ortszeit liege ich dann nach einer heißen Dusche endlich im Bett. Erleichtert, dankbar, erschöpft, todmüde und gleichzeitig aufgekratzt von den Aufregungen und dem Jetlag. Schließlich bricht für meinen Körper bereits der nächste Morgen an. Zum Glück hatte ich hier und da ein paar halbe Stündchen im Flieger geschlafen. Aber ein wenig Schlaf finde ich dann doch noch in dieser Nacht. Was für ein Start!

14 Gedanken zu “Von Berlin nach Chicago – Start mit Tücken

    1. Das eine oder andere Vorkommnis hat es noch gegeben. Das gehört nun mal dazu, wenn man eine Reise auf eigene Faust unternimmt und nicht „nur“ Urlaub macht. Aber so drastisch wie am Beginn der Reise wurde es dann doch nicht mehr 😎.

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  1. In der Regel erlebt man solche Dinge nur wenn man auf eigene Faust Reisen unternimmt . Flug buche ich dort, Unterkunft und Hotel dort , Mietwagen anderswo usw.
    Kann mir schon vorstellen dass es in dieser Logistikkette auftretende Schwierigkeiten geben kann. Hier ist dann Spontanität und Flexibilität gefragt.
    Bei dem Ärger hast du ja noch Glück im Unglück gehabt. Hoffe die weitere Reise geht ohne Schwierigkeiten und Stolpersteine für dich weiter !

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    1. Ja, das muss man in Kauf nehmen, wenn man individuell unterwegs ist. Das ist für mich auch ok, denn ich bin kein Typ für Pauschalreisen. Im Laufe dieser Reise hat es natürlich auch noch weitere kleine Pannen gegeben. Das ist ja normal – und sorgt später für die unterhaltsamsten Geschichten 😁. Aber zum Glück erreichte nichts mehr die Dimension wie die Sache mit der Unterkunft in Chicago.

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  2. Wie aufregend! Ja, wenn man sowieso erledigt ist und sich nach einem Bett sehnt, da kann man so einen Stress nicht gebrauchen. Nur gut, dass du deine Emails noch gecheckt hast, ich hätte vermutlich nur mit den Schultern gezuckt, das Bett brav selbst bezogen und mich zu den Wanzen dazu gelegt lach

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