Mitte Januar unternehme ich „nur“ einen Ausflug ins nahe gelegene und gut mit der S-Bahn erreichbare Potsdam. Denn ab Mittag – so meine Wetter-App – soll es Schneeregen in Kombination mit stürmischem Wind geben. Da will ich notfalls schnell wieder den Rückzug antreten können 😎.

Am Hauptbahnhof steige ich aus und laufe, immer mein heiß geliebtes, zur Zeit geschlossenes Museum Barberini im Blick, in Richtung Freundschaftsinsel. Ihre Größe ist überschaubar, die zentrale Lage in der Havel attraktiv. Und so drehe ich eine schnelle Runde an ihren Ufern entlang. Trotz der sehr überschaubaren Temperaturen tummeln sich dort schon allerlei im doppelten Sinne abgehärtete Nackedeis und präsentieren selbstbewusst ihre wohlgeformten Körper.

Lässige Poser
Innige Umarmung

Wieder auf dem „Festland“, verlasse ich schon bald das dekorative Havelufer und laufe entlang der Berliner Straße stadtauswärts. Das lässt sich nicht vermeiden, denn in diesem Bereich ist es wegen der privaten Grundstücke nicht möglich, entlang des Wassers weiterzulaufen. Jenseits der breiten Bundesstraße 1 beginnt Potsdams Kulturmeile, die Schiffbauergasse.

Das optisch und inhaltlich attraktive Quartier liegt mit seinen 12 Hektar Landfläche direkt am Ufer des Tiefen Sees. Früher wurden hier Dampfschiffe gebaut, Fische gezüchtet und Ersatzkaffee produziert. Heute übertreffen sich innovative Unternehmen und kulturelle Vielfalt gegenseitig an Kreativität. Hier ist nicht nur Platz für das renommierte Hans Otto Theater, sondern auch für die freie Kultur- und Theaterszene. Zahlreiche Bauten unter Denkmalschutz wurden sorgfältig restauriert und bieten Kunst und Kultur ein stilvolles Zuhause. Das Museum Fluxus lockt mit moderner, zeitgenössischer Kunst, das Waschhaus mit Konzerten und anderen Veranstaltungen. Der Softwarekonzern Oracle und das Volkswagen Design Center geben sich hier ebenfalls die Ehre.

Es gibt einen Uferpark mit Schiffsanleger und Marina, eine Flaniermeile entlang des Tiefen Sees und einen Radwanderweg, der die Schiffbauergasse mit dem Neuen Garten und dem Babelsberger Park verbindet. Kulinarische Angebote findet ihr hier natürlich ebenfalls – wenn auch nicht gerade jetzt im Januar 2021. Der Winter und Corona sorgen gemeinsam dafür, dass es zur Zeit hier eher ausgestorben wirkt. Insgesamt aber schreit das gesamte Terrain danach, im Sommer noch einmal hierher zurückzukehren bei dann hoffentlich mehr Leben in der Bude 😎. Hier ein paar Eindrücke von Potsdams Mekka der Kunst und Kultur:

Spiegellauf
Reithallen
Bundesstiftung Baukultur
Buntmetall
Waschhaus

Weiter geht’s. Schon bald muss ich die schöne Uferpassage mit Blick auf den Schlosspark Babelsberg wieder verlassen und meinen Weg entlang der Berliner Straße fortsetzen. Sie ist nicht sonderlich lang, zieht sich aber in ihrer Ödnis 😅. Hinter dem Konferenzzentrum Villa Bergmann gelange ich endlich wieder ans Ufer, wo mir weitere schöne Blicke auf den sich auf der gegenüberliegenden Wasserseite ausdehnenden Schlosspark Babelsberg gegönnt sind. Ich schlage einen linken Haken am Ufer entlang und gelange zur berühmten Glienicker Brücke, der historisch bedeutendsten Straßenverbindung zwischen Berlin und Potsdam. Hier wurden sowohl Gefangene als auch Agenten ausgetauscht. Wer es spionagetechnisch genauer wissen will, schaue bitte hier.

Brücke I
Brücke II
Brücke III

Jenseits der Straße beginnt der rund 100 Hektar große Neue Garten, flankiert vom Jungfernsee und dem Heiligen See. Er bietet mir nicht nur einen ausgedehnten und schönen Landschaftspark, sondern ist auch gespickt mit historisch bedeutenden Gebäuden. Dann lasst uns doch gemeinsam schauen, was hier so los ist!

Augen auf!

Genauer gesagt gehört der schmale Grünstreifen zu Beginn der folgenden Etappe noch nicht zum Neuen Garten, sondern ist gewissermaßen nur das Vorspiel dazu. Zu Beginn meines Rundgangs stehe ich vor der Matrosenstation Kongsnaes, einer Gebäudeansammlung im norwegischen Drachenstil. Da fühle ich mich doch gleich in den europäischen Norden versetzt!

Norwegen!

Beim Weiterschlendern genieße ich die immer wiederkehrenden Ausblicke auf den Jungfernsee, über dem heute ein dramatisches Wolkenspiel stattfindet.

Unendliche Weiten

Wenig später stehe ich vor einem kleinen Pavillon, der vollständig mit Eichenborke verkleidet ist. Fenster suche ich hier vergeblich. Nur durch das Oberlicht wird der Innenraum beleuchtet. Es ist die Eremitage, die sprichwörtlich einsam am Ufer des Jungfernsees steht.

Für Einsiedler

In Sichtweite davon – und doch versteckt in einem künstlich aufgeschütteten Hügel – wartet schon die Muschelgrotte auf mich. Sie sollte im Sommer einen kühlen, unauffälligen Aufenthaltsort bieten. Zur Zeit kann man sie nicht besichtigen. Doch auch von außen ist sie ein Schmuckstück!

Grottig

Direkt dahinter wartet das bekannteste Gebäude des Neuen Gartens auf mich. Der Cecilienhof ist den meisten von euch sicher ein Begriff. Der letzte Schlossbau der Hohenzollern war Schauplatz der Potsdamer Konferenz. Sie gilt als Symbol für den Endpunkt des Zweiten Weltkrieges und den Ausbruch des Kalten Krieges, der zur Spaltung Europas durch den „Eisernen Vorhang“ und zum Bau der „Mauer“ führte. Das hier verabschiedete Potsdamer Abkommen legte den Grundstein für eine Neuordnung in Deutschland, Europa und der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Landhaus, englisch
Gartensymmetrie
Tunnelblick
FKK
Fenster-Selfie

Bevor ich mich der nächsten Berühmtheit nähere, bewundere ich dieses knallgelbe, merkwürdige Gewächs auf einem abgebrochenen Ast. Was auch immer es sein mag …

Gelber Glibber

Wenig später flaniere ich am Ufer des Heiligen Sees entlang, das mir wieder sehenswerte Ausblicke gewährt. Die Vogelwelt präsentiert sich hier vor den im Hintergrund aufgereihten prächtigen Villen der Stadt. Eine davon gehört einem bekannten Modeschöpfer, der seiner Potsdamer Heimat treu geblieben ist. Von Wolfgang Joop habt ihr doch sicher schon einmal gehört. Seine bescheidene Hütte ist das klassizistische, weiße Gebäude ganz rechts im Bild. Doch auch seine Nachbarn bzw. deren Domizile können sich sehen lassen. Oder?

Vogelfrei
Villenpracht

Nun wartet das Marmorpalais auf mich. Wie im gesamten Park ist auch hier an diesem kalten und windigen Tag unter der Woche recht wenig los, was mir sehr entgegenkommt. König Friedrich Wilhelm II. liess es als Sommerresidenz errichten. Es liegt sehr dekorativ auf einer Terrassenanlage direkt am Seeufer. Hier konnte man es seinerzeit garantiert trefflich aushalten 😎.

Marmoriert

Kurz vor dem Ausgang des Parks werfe ich noch einen kurzen Blick auf das Portal der Orangerie, …

Ägypten?

… bevor ich den Park durch den Haupteingang verlasse und mit der Tram zurück zum Hauptbahnhof fahre. Von dort aus bringt mich die S-Bahn zurück nach Berlin. Zuhause angekommen, schaue ich erstaunt auf die Auswertung meiner App: 12 Kilometer bin ich heute gelaufen! Hat sich nach viel weniger angefühlt – vermutlich, weil die Tour wirklich viel Abwechslung bot.

Mein Fazit des heutigen Tages: zwar kein „klassischer“ wednesday walk mit einer Wanderung in der einsamen Natur, aber ein durch und durch gelungener Ausflug in die kulturelle Vielfalt der Landeshauptstadt von Brandenburg. Potsdam wird im Frühjahr/Sommer definitiv wiederholt und vertieft!

By the way: die von der Wetter-App angedrohte Nässe kam dann doch erst abends. Ansonsten bot mir der Tag eine klassische Win-win-Situation: ein total schöner windiger Wintertag 😎.

13 Gedanken zu “Wednesday Walks: 7 – Potsdams grüne Ecken

  1. Potsdam besuche ich auch immer sehr gerne. Ist eine sehr charmante Stadt. Einige Deiner Sehenswürdigkeiten kenne ich noch nicht wie die Muschelgrotte. Das nächste Mal 😊
    Der gelbe Glibber ist wohl der Goldgelbe Zitterling (Tremella mesenterica). LG Simone

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    1. Ja, dann hast du noch was auf der Liste, wenn es dich wieder einmal nach Potsdam verschlagen wird. Danke für die Aufklärung in Sachen gelber Glibber! Das habe ich dann gleich mal gegoogelt. Ein Pilz also! Er sieht wirklich kurios aus. Beim ersten Hinsehen dachte ich, das sei irgendwas Künstliches, das da jemand hat fallenlassen oder so.

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  2. Hi Elke,
    auch wenn das Wetter nicht so dolle war kann man sich ein ganz gutes Bild verschaffen.
    Ich liiiiiiebe diese alten Villen.. Manno, da mal im Lotto den Jackpot abräumen und in so eine Hütte ziehen – natürlich standesgemäß mit Butler. Oder vielleicht doch das englische Landhaus? Ist ja wie aus einem Agentenfilm entsprungen. Ich muss an die alte Serie mit Emma Peel deneken: Mit Schirm, Charme ud Melone.. 😉
    CU
    Peter

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, in einer dieser Edelhütten würde ich es auch durchaus den einen oder anderen Tag aushalten. Selbstverständlich nur mit ausreichend Personal! Ansonsten kommt man ja vor lauter Arbeiten nicht zum Genießen seines Besitzes, oder 😄. Stimmt, die Emma! Das ist wahrlich eine passende Assoziation zu der Villenansammlung in Potsdam.

      Gefällt 1 Person

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