Das Wetter pfeift an diesem Morgen auf die Vorhersage meiner App. Sonne und Wölkchen statt Regen! Eine kurze, unfreiwillige Dusche wird mich heute dennoch erwischen. Aber alles halb so wild. Wärmer als 22 Grad wird es auch nicht werden. Perfekt!

Heute gehe ich es gemächlich an. Ich lege öfter einen Stopp ein und lasse mich bisweilen draußen in einem der vielen schönen Cafés nieder.

Mach mal Pause!

Wie ich bereits im Bericht zu Tag 1 andeutete, wohne ich mitten im „Goldenen Dreieck“ der Stadt. Drogen werden hier unter der Hand sicherlich auch konsumiert. Doch der entscheidende Fokus liegt in dieser Gegend mit dem missverständlichen Namen auf dem gehobenen Einkauf. Mittendrin ergeben sich stets genügend Gelegenheiten, in den zahlreichen Cafés und Restaurants neue Kraft zu tanken, bevor die Kreditkarten wieder strapaziert werden.

Wer mich kennt, weiß, dass das so gar nicht meine Baustelle ist. Damit ihr mich nicht falsch versteht: Weder Drogen noch Shopping 😎. Doch ich liebe es, die Gebäude anzusehen, den Auslagen in den Geschäften einen flüchtigen Blick zuzuwerfen, die Passanten zu beobachten und die Atmosphäre in mich aufzusaugen. Dazu muss ich keinen Fuß in die Läden setzen. Zum Glück für die Ladenbesitzer tun es jedoch genügend andere. Dann lasst uns losziehen!

Ganz vorne mit dabei sind die seit langer Zeit hier ansässigen Berühmtheiten. Da wäre zum einen der Weinhändler Badie, der seit sagenhaften 140 Jahren sündhaft teure süffige Kostbarkeiten aus dem Bordelais anbietet. Ein paar Meter weiter die als Prachtstraße angelegten Allées de Tourny hinunter, vorbei an Cadiot-Badie mit seinem verlockenden Schokoladen- und Pralinenangebot, landet man bei der nicht minder berühmten Weinhandlung L’Intendant. Die sehenswerte Innenarchitektur reizt mich durchaus, einen Fuß in den Laden zu setzen. Doch das mögen sie da nicht – aus verständlichen Gründen. Und so begnüge ich mich damit, mir die originelle Treppenkonstruktion auf dem Foto anzusehen, das draußen die Fassade ziert.

Die große Weite
Verbogen
Edle Weine
Im Schneckenhaus
Jetzt geht’s rund!

Zurück durch die Gässchen, vorbei an diesem ansehnlichen Gotteshaus …

Sakrale Schönheit

… und auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel mal wieder eine Runde um die schöne Place des Grands Hommes gedreht. Dort entdecke ich den ultimativen Beweis, dass die Weine hier nicht nur verkauft, sondern auch getrunken werden 😎.

Alt und neu
Der Rest vom Fest

Kurz darauf lasse ich mich auf ein kühles Getränk in einem der unzähligen Cafés nieder. Mein mobiles Internet ist schnarchig langsam, da ich mein Datenvolumen für diesen Monat bereits aufgebraucht habe. Das wäre mir normalerweise ziemlich egal, denn für gewöhnlich reicht mir morgens und abends das Hotel-WLAN. Doch zu Covid-19-Zeiten gibt es fast nirgends Menükarten, sondern Aufkleber/Aufsteller/laminierte Zettel mit einem QR-Code, den man mit dem Mobiltelefon abfotografieren und sich dann die Speisekarte im Internet anschauen kann. Und das wird mit der reduzierten Geschwindigkeit ein etwas längeres Unterfangen.

Dazu noch eine heitere Anekdote: Wenig später lässt sich am Nachbartisch ein älteres Paar nieder. Da auf ihrem Tisch nichts liegt, leihen sie sich meine „Karte“ (Aufsteller mit einer laminierten Pappe samt QR-Code) aus. Ich sage ihnen gleich, was es damit auf sich hat und wie es funktioniert. Doch die Botschaft kommt offenbar nicht an – und nein, ich glaube, es liegt nicht an meinem Französisch … Jedenfalls versucht der ältere Herr mit aller Gewalt, die fest verklebte Karte aus dem Halter zu reissen, um endlich die Speisekarte einzusehen 😅. Zum Glück ist bald die Kellnerin zur Stelle und fragt, was sie haben möchten. Reden ersetzt die beste Speisekarte, ob in echt oder virtuell!

Weiter geht’s über schöne Plätze, durch lauschige Altstadtgassen, vorbei an einladenden Cafés.

Platziert
Reich verziert

Überall begegnet mir die Jakobsmuschel. Nein, nicht die essbare: Bordeaux liegt direkt am Jakobsweg. Das bringt mich auf ganz neue Gedanken! Bisher kenne ich nur die Strecke zwischen Pamplona und Santiago de Compostela. Und wieder wird die bucket list länger …

Ich verharre kurz vor diesem Artverwandten …

Nachdenklich

… und höre dann auf meinen grummelnden Magen. Zeit fürs Mittagessen! An der Place Fernand Lafargue werde ich fündig. Das ist hier ist endlich mal eine Ecke der Innenstadt, in der nicht nur Traditionelles serviert wird, sondern auch die Vegetarier was finden außer Salade Vegetarienne 😅. Auch die vom Platz abgehenden Straßen sind vom Publikum und von den Läden her eher jung-„alternativ“. Und so lasse ich mir mein vegetarisches Sushi schmecken.

Das erste Tröpfeln – es wird ein kurzes Gastspiel! – nutze ich, um meinen nächsten Programmpunkt anzusteuern. Die Tram bringt mich zur Cité du Vin. Dieses weltweit erste Museum zur Weinkultur hat sich bereits mehrere Male heimlich, still und leise hier und da auf Fotos in vorangegangene Blogbeiträge geschmuggelt, immer schön dezent im Hintergrund. Jetzt bekommt es endlich seinen verdienten Auftritt.

Fangen wir außen an. Die Architektur ist ein starkes Statement! Auch wenn man das eigentlich Dargestellte – ein Strudel Wein ergießt sich in ein bauchiges Glas – richtig deutlich nur auf Luftaufnahmen erkennen kann (siehe website). Die Fassade wurde mit 2.500 Aluminiumplatten verkleidet und bekam so ihre aussergewöhnliche Außenhülle. Die Lichter der Stadt und alle Wetterlagen spiegeln sich in ihr. Ich finde sie einfach großartig. Ach, ich nehme euch einfach mit auf eine Runde drumherum!

Das große Ganze
Im Detail
Verstrudelt
Verschluckt

Sieht cool aus, oder? Pünktlich zur Fußball-EM 2016 fertiggestellt, vereint die Weinstadt unter ihrem ultramodernen Dach Verkauf, Wissenschaft, Lehre und Präsentation zum einschlägigen Thema. Auf mehr als 13.000 Quadratmetern und 10 Etagen – davon sind nicht alle für Ausstellungsbesucher zugänglich, sondern teilweise für Lehrveranstaltungen reserviert – ist die Cité tatsächlich ein kleines Städtchen für sich.

Die permanente Ausstellung umfasst 20 Themenbereiche, die interaktiv aufbereitet sind und selbst an Wein nicht sonderlich interessierten Besuchern wie mir ein kurzweiliges Erlebnis bescheren. So entdecke ich berührend, riechend, sehend und hörend die facettenreiche Welt der Weine. Fehlt noch was? Ja! Der Geschmackssinn ist später an der Reihe.

Experten sitzen virtuell mit am Tisch und geben ihr Wissen preis, Winzer berichten auf Knopfdruck von ihrer Arbeit, auf einer 180-Grad-Leinwand begleitet man Weinhändler auf dem Schiff rund um die Welt. Der mitgelieferte Audioguide ist sehr gut gemacht. Es gibt sogar, so habe ich gelesen, eine eigene Version für Kinder. Hier sind ein paar fotografische Eindrücke von der Ausstellung. Wer es genauer wissen will, stöbere gerne auf der weiter oben verlinkten Website der Cité.

Geschwungen
Innere Schönheit
Aus dem Leben eines Winzers
Flaschenpost
Skulptural
Multiplex
Privataudienz
Mit allen Sinnen
Tischgespräche
Himmelwärts

Gegen 14:00 Uhr im Museum aufzuschlagen, stellt sich im Nachhinein als ein kluger Schachzug heraus. Denn am späteren Nachmittag, als ich den Heiligen Gral des Weins wieder verlasse, wird es deutlich voller. Die Leute bestimmt auch, denn eine Weinprobe ist inklusive! Ob man so viel trinken kann wie man will? Streng genommen nicht. Im Eintritt ist ein Glas Wein enthalten, nicht das Komplett-Besäufnis.

Doch mir ist das egal, denn ich bin für gewöhnlich ja eh schon nach einem halben Glas an meiner alkoholischen Belastungsgrenze angelangt 😅. Ansonsten passionierte Biertrinkerin, überlasse ich der Bedienung hinter dem Tresen dann auch wegen kompletter Ahnungslosigkeit die Entscheidung, welchen Wein ich durch meine Kehle rinnen lasse.

An der Tränke
Qual der Wahl

Und so genieße ich nach dem Besuch der Ausstellung oben im achten Stock bei einem Gläschen Wein einen erhabenen Blick von der Aussichtsterrasse aus 35 Metern Höhe auf Bordeaux.

Prost!
Rundgang
Überblick

Beschwingt, aber nicht beschwipst verlasse ich am späteren Nachmittag die schöne Welt der Weine. Bevor ich in die nächste Tram hüpfe, zieht es mich magisch zu einem nur wenige hundert Meter entfernten Ort, den ich euch schon im Bericht zu Tag 3 vorgestellt habe. Das Raumschiff hält dort wie immer die Stellung. Aber der Himmel über der Szenerie zeigt sich gerade in absoluter Bestform, sodass ich es gleich noch einmal ablichten muss.

Himmlisch!

Danach geht’s für mich auf dem direkten Weg per Tram zurück ins Hotel. Nach dem ungewohnten Weingenuss muss dringend ein kurzer Nachmittags- bzw. Frühabendschlaf her! Nach dem Aufwachen entscheide ich mich für einen Faulenzer-Abend und mache es mir mit meiner Lektüre im Bettchen gemütlich. Muss auch mal sein! Morgen steht noch genügend action an. Stay tuned!

4 Gedanken zu “Tag 6: Bordeaux – In vino veritas

  1. Tolles Gerät, dieses Museum! Sehr originell und ansehnlich! Wein ist ja leider so gar nichts für mich. So oft probiert, aber es will einfach nicht schmecken.🙈 Der Himmel über dem Ufo ist genial. Auch das alte Karussell gefällt mir wieder. Schade, dass du die Wendeltreppe nicht live ablichten konntest, die sieht schon toll aus. Aber ja, die Gründe sind natürlich nachvollziehbar.

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    1. Ja, das Museum ist wirklich ein starkes Stück. Ich gehöre ja wie gesagt auch nicht unbedingt zur Wein-Fraktion. Aber mich hat einfach interessiert, wie es architektonisch innen „fortgeführt“ wurde. Und ich fand auch das Konzept und die Umsetzung der Ausstellung mit den vielen interaktiven Elementen wirklich toll. Schön, dass dir auch die anderen Fotos gefallen haben. Bordeaux ist wirklich eine Stadt mit vielen spannenden Kontrasten!

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  2. Ich bin mal wieder etwas später dran mit dem Lesen und Gucken, liebe Elke. Mir gefällt sehr gut die Mischung aus alt und neu in diesem Beitrag. Die Cité du Vin würde ich auch ganz gern mal live sehen und besuchen. (Danach würde ich mich bei der Verkostung bestimmt gleich an den Crément ranmachen!) Danke für die – wie immer – interessanten Berichte!

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    1. Schön, dass du wieder mit an Bord bist, John. Etwas später dran sein spielt hier ja keine Rolle. Das virtuelle Schiff fährt immer erst dann ab, wenn es in deinen Fahrplan passt 😎. Ja, Bordeaux im Allgemeinen und die Cité du Vin im Speziellen würden dir ganz bestimmt gefallen. EasyJet bringt dich nonstop von Berlin aus hin! Was das köstliche Nass betrifft, so bist du offenbar deutlich zielstrebiger als ich 👍.

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