In den 1970er Jahren war die Welt ordentlich in Aufruhr. Willy Brandt sorgt erst mit seinem Kniefall in Warschau und später mit seinem Rücktritt für Furore. Der Terror der Rote-Armee-Fraktion hält Deutschland lange in Atem. Der Nahost-Konflikt entwickelt sich von Jom-Kippur-Krieg bis zum Friedensschluss von Camp David. US-Präsident Nixon tritt wegen der Watergate-Affäre zurück. Die Roten Khmer verbreiten Schrecken in Kambodscha. Die arabischen Staaten drehen den Ölhahn zu. Walter Ulbricht wird entmachtet. In Spanien endet die Franco-Diktatur. Erich Honecker wird DDR-Regierungschef. Die Grünen tauchen auf dem politischen Parkett auf.

Apple und Microsoft werden gegründet. IKEA eröffnet seine erste Filiale in Deutschland. Die Olympischen Spiele in München werden zum politischen Desaster. Deutschland wird Fußball-Weltmeister. Muhammad Ali schlägt George Foreman. Die Beatles trennen sich. Die Welt trauert um Elvis Presley. Punk ist groß im Kommen. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ bringt die Drogenprobleme des Landes auf den Punkt. Banale Spülmittelaufkleber („Prilblumen“) werden zu stilistischen Ikonen und zum Synonym für die gewagte Buntheit dieses Jahrzehnts.

Die 1970er stehen für Schlaghosen, Miniröcke, Holzclogs, Parkas, Plateauschuhe, lila Latzhosen, Hotpants, Bonanzaräder, Flokatiteppiche, Lavalampen und Räucherstäbchen. Männer tragen lange Haare, Koteletten und Bart. Im Fernsehen gibt es „Am laufenden Band“, „Hitparade“, „Der Große Preis“, „Dalli Dalli“ und „Bonanza“.

Ihr seht schon: in diesem Jahrzehnt ging wirklich die Post ab! Und bei mir so? Verglichen mit den Dingen, die den Rest der Welt bewegten, würde ich meine kleine saarländische Welt als eher beschaulich bezeichnen. Doch das sah ich damals als Kind sicherlich ganz anders!

Ich ging zwei Jahre in den Kindergarten, wo ich auch meine bescheidene musikalische Karriere mit der Blockflöte startete. Ich lernte, zu schwimmen und Fahrrad zu fahren. Statt der damals üblichen Hunde, Katzen oder Kaninchen legte ich mir zwei Landschildkröten als Haustiere zu. Mein Hang zur Trachtenmode blieb offenbar erhalten, ergänzt durch wenig mädchenhafte Accessoires. Das war meine ganz eigene Interpretation von den Waffen einer Frau!

Pistolera

Glücklicherweise hat sich mein damaliger Hang, exzentrische Kleidung zu tragen und vor prestigeträchtigen Blechkarossen zu posieren, mittlerweile gelegt.

Heiße Braut vor heißem Flitzer

1972 stürzte ich mich in das Abenteuer namens Schule. Ich habe überwiegend gute Erinnerungen an meine Grundschulzeit, auch wenn mir eine empathiefreie Religionslehrerin gleich in der ersten Klasse den festen Glauben an das Christkind raubte und mich damit in meine erste handfeste seelische Krise stürzte. Doch davon ahne ich noch nichts, als ich an meinem ersten Schultag in dem von meiner Mutter selbstgenähten Kostümchen und prall gefüllter Schultüte stolz in die Kamera strahle.

Tütenweise

Die Kölner, Mainzer und Düsseldorfer unter euch mag es erstaunen, doch auch im Saarland wird Karneval respektive Fasching gefeiert. Nur nennen wir es stattdessen Faasend. Was lag näher, als zu diesem Anlass den zeitgemäßen Hippietrend elegant mit einer Schlaghose zu kombinieren? Nichts! Und mein rothaariger Begleiter trug dazu passend eine lange Mähne.

Hippiejajee!

1974 war nicht nur wegen der Fußball-WM (zu deren Anlass im übrigen der erste Farbfernseher gekauft wurde) ein aufregendes Jahr. Wir sind in unser neu gebautes Haus gezogen! Wir wohnten vorher auf recht beengtem Raum um die Ecke im Haus meiner Oma. Nun hatten wir üppig Platz. Ich freute mich über den Luxus, gleich zwei Zimmer für mich zu haben. Und die große Terrasse bot ausreichend Platz für eines meiner damaligen Hobbies, den Gummitwist.

Das Warten auf den Einzug hatte mich zwischenzeitlich jedoch etwas zermürbt. Dachte ich doch beim Beginn des Hausbaus, die Sache sei binnen ein paar Tagen über die Bühne! Ich war zwar noch klein, aber meine Fantasie war ganz groß 😎.

Kleinkariert

Im gleichen Jahr stand auch noch eine typisch katholische Zeremonie an: meine Kommunion. An die kirchliche Seite der Geschichte habe ich keine großen Erinnerungen mehr. Ach, halt, doch! Vom Geschmack des Leibes Christi war ich ziemlich enttäuscht. So eine trockene Oblate pappt doch ganz schön am Gaumen. Die anschließende Party fand ich wesentlich spannender! Auch wenn ich mit so manchem Geschenk, z.B. einer Sammeltasse in Altrosa, eher wenig anfangen konnte.

Katholische Phase

1976 folgte der nächste Karrieresprung. Ich wechselte nach Lebach aufs Gymnasium. Die 5a, in der ich landete, war von insgesamt vier fünften Klassen die einzige, in der Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet wurden. Sagenhafte 40 Kinder waren wir in diesem ersten Jahr auf der weiterführenden Schule – ich rede hier nur von meiner Klasse! Ein oder zwei Schuljahre später jedoch wurden die Karten beziehungsweise die Schüler neu gemischt. Aus vier Klassen wurden fünf wegen der krass hohen Schülerzahlen. Und bei der Gelegenheit wurden auch die reinen Mädchen- und Jungenklassen Geschichte. Von nun an waren wir der erste Jahrgang der Schule mit durchgehend gemischten Klassen.

Auch an diese Schulzeit habe ich überwiegend gute Erinnerungen. Zu manchen damaligen Mitschülern habe ich noch zumindest losen Kontakt. Mit anderen bin ich bis heute befreundet.

Es gab in der Zeit natürlich auch ein Leben nach und neben der Schule. Den Flötenunterricht hatte ich längst gegen Gitarrenunterricht eingetauscht. Die Faulheit, zu hause dafür zu üben, blieb indes unverändert. Aber irgendwie schaffte ich es immer auf den letzten Drücker, sprich kurz vor dem Unterricht, die Griffe und Lieder irgendwie halbwegs hinzuklampfen.

Etwas mehr Ehrgeiz steckte ich in den Sport. Nach eher ruhmlosen frühkindlichen Jahren in der Disziplin des Turnens ging mein Stern in der Leichtathletik auf. Ich bevorzugte zwar den Dreikampf (Sprint, Weitsprung, Ballwurf) draußen auf dem Sportplatz, nahm aber, wenn sich die Gelegenheit bot, auch an Hallenwettkämpfen teil. Das folgende Foto zeigt mich 1976, gerade zehn Jahre alt, beim stilistisch etwas eigenwilligen Sprung, der mir schlussendlich den undankbaren vierten Platz einbrachte. Der sportliche junge Mann im dunkelblauen Trainingsanzug schaut ganz genau hin, was das Töchterchen da fabriziert. Der Laufwettbewerb lief erfolgreicher. Da stand ich ganz oben auf dem Treppchen.

Elke the Eagle

Der Turnverein in meinem Heimatort Heusweiler war seinerzeit der zentrale Dreh- und Angelpunkt meines Soziallebens. Zur weiter oben schon erwähnten Faasend gab es zur Abwechslung dann auch ein weniger sportliches, dafür aber umso bunteres Event. Die Zeit meiner Krönung war da! Auch dieses Outfit schneiderte meine Mutter in mühevoller Kleinarbeit.

Die Krönung

Seit ich aufs Gymnasium ging, las ich regelmäßig einschlägige Zeitungen und Zeitschriften. Bei meinen Großeltern in Saarbrücken gab es davon eine besonders große Auswahl. Und so kam ich im zarten Alter von elf Jahren erstmals auf politisch fragwürdige Abwege. Es war die Zeit der RAF und des so genannten Deutschen Herbstes. Was da passierte, war natürlich schrecklich, aber aus der Sicht einer faszinierten Elfjährigen auch überaus spannend. Zum Entsetzen meiner Großeltern taufte ich meine Barbiepuppen um auf die Namen der Gestalten aus dem Umfeld von Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Ich meine mich zu erinnern, dass ich auch bestimmte Ereignisse mit den Puppen nachspielte. Die Details erspare ich euch. Glücklicherweise jedoch bekam ich rechtzeitig die Kurve und landete nicht in fragwürdigen politisch radikalisierten Kreisen. Ihr könnt also getrost weiter den Umgang mit mir pflegen 😎.

Zum versöhnlichen Ende der 1970er leite ich euch wieder in harmloseres Fahrwasser. Ich versuchte mich im Tennisspiel, liess als erstes Zeichen der zunehmenden Entfremdung von der katholischen Kirche entspannt die Firmung aus, verzichtete auf den damals üblichen Tanzkurs, wurde glühender Fan von Abba, den Bee Gees und den Bay City Rollers und entwickelte die ersten Anzeichen pubertärer Renitenz.

„Wo soll das alles noch hinführen?“, höre ich euch seufzen. Na, mitten hinein in die 1980er! Wohin sonst?

12 Gedanken zu “Meine Lebensreise – Teil 2

  1. Während Micha voller Freude den alten BMW betrachtet, schaue ich versonnen auf deine Kleidung. Ich denke, unsere Mütter haben die gleichen Schnittmuster verwendet 😉
    Eine tolle Serie, Elke!
    Es macht Freude zu lesen und zu schauen!

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    1. Danke, Susanne! Ja, da treten sie zutage, die Klischees, die immer auch ein Körnchen Wahrheit enthalten: die Jungs schauen auf die Autos, die Mädels auf die Kleidung 😅. Nicht ausgeschlossen, dass unsere Mütter tatsächlich die gleichen Schnittmuster benutzten. Wenn ich mich recht erinnere, gab es außer der Burda damals keine andere einschlägige Zeitschrift mit Schnittmustern.

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  2. einfach wunderbar zu lesen und da kommen so viele Erinnerungen auf. Das Auto ist mir sofort ins Auge gestochen ! Es ist ein BMW , es gab glaub einen 1602, 1802 und einen 2002 wenn mich nicht alles täuscht !
    Die 70ziger Jahren was war bei mir so los ? Klar die Schule, dann ein Mofa mit 15 Jahren, die ersten Ferienjobs, die Disko bei uns in einem Jugendheim ( immer Samstag Abends ) die ersten Konzerte besucht und natürlich wurde viel getrampt ! Da stand man nicht lange an der Strasse mit erhobenen Daumen !
    Die ersten Partys usw. ! Man könnte unendlich viel schreiben zu diesem Thema.
    Krass finde ich deine Verbindung zur RAF ( nicht falsch verstehen ) aber auf die Idee bin ich nicht gekommen ! Da gibt es übringens einen super Film ( Baader Meinhof Komplex ).
    ja genau, zu der Zeit ging es dann auch mit dem rauchen und die ersten Berührungspunkte mit dem Alkohol los !
    Ich fand die Zeit auf jedenfall damals toll !!!

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    1. Danke, Manni! Das dachte ich mir schon, dass du den BMW genau ins Visier nehmen wirst und sogar Details dazu auf Lager hast 👍. Deine 70er waren also auch nicht gerade langweilig. Und ja, ich fand die Zeit damals auch klasse. Was die RAF betrifft: da falle ich in der Tat wohl etwas aus dem Rahmen 😅! Ich hatte schon immer eine etwas überbordende Fantasie … Den Film hatte ich vor einigen Jahren gesehen. Ich sollte mal wieder reinschauen. Danke für die Erinnerung!

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  3. diese Berichte sind soo großartig! ich habe mich diesmal besonders mit der Gummitwist spielenden Elke beschäftigt. Dieses Spiel habe ich geliebt! Überrascht hat mich, liebe Elke, dass du auch weißt, was „Erstkommunion“ bedeutet, Das war mir nicht bewußt. so weit sind unsere Gespräche nie vorgedrungen!

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    1. Tja, Andrea, da lernst du mich nach so vielen Jahren noch mal ganz neu kennen! Ich komme ja aus einer Katholiken-Hochburg. Und so bin ich selbstverständlich mit der Erstkommunion vertraut, auch wenn ich dem Verein schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt und ihn verlassen habe.

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  4. Ach was war das Saarland fortschrittlich. Die Laufbahn im Gymnasium in Minden/NRW begann bei mir 1973. Da gab es noch mehr Kapazitäten in den Lee/hrräumen: 3 x 49 Schüler! Und hinter den 7 Reihen war noch Platz zum Spielen: gut bei schlechtem Wetter.
    Auf einem 2002 habe ich dann 8 Jahre später den Führerschein gemacht, als Cabrio mit Schaltung und Limousine mit Automatik. Ja, der Fahrlehrer war auch vintage! Aber dazu werden wir ja von Elke auch beim nächsten Mal hoffentlich tolle Erlebnisse lesen… großartig!

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    1. 49 Schüler in einer Klasse 😱? Da mussten die Lehrer bestimmt regelmäßig ins Sanatorium 😅. Dass du noch so genau weißt, in welcher Blechkiste du den Führerschein gemacht hast! Obwohl … wenn ich so drüber nachdenke, erinnere ich Auto-Banause mich jetzt auch halbwegs wieder. Es war irgendein Golf. Oder so.

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  5. Wunderbare Erinnerungen. Merkwürdigerweise weiß ich nicht mehr viel aus der Zeit, aber ich kann mich auch noch an die RAF Plakate erinnern. Die hingen bei uns in der Poststelle. In den 80gern war die Terrortruppe ja auch immer noch Thema und hat mich da auch noch beschäftigt. Dafür könnte ich aber ganz viele TV Sendungen aufzählen…🙈“ Ich kann es gar nicht glauben, alle so schön bunt hier….ich glotz TV“ Nina H.

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    1. Ja, stimmt! Die Plakate! Die sind mir auch noch sehr präsent. Tja, bei TV-Sendungen kann ich wiederum nicht sonderlich gut mitreden. Ich habe zwar auch hin und wieder Fernsehen geschaut. Doch das war noch nie ein besonders wichtiger Teil meines Lebens. Nina Hagens Song hingegen habe ich durchaus gerne gehört 😎.

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