Tel Aviv war ursprünglich nicht als Küstenstadt geplant. Vor rund 100 Jahren entrüstete sich der damalige Bürgermeister, als ihm dieser abenteuerliche Vorschlag eines progressiven Architekten zu Ohren kam.

Zum Glück kam es dann doch anders. In einer Zeit, in der die meisten Bewohner der Stadt aus aller Welt neu eingewandert waren, wurde der Strand zum verbindenden Element. Heute ist der Stadtstrand für Tel Aviv das, was Venice Beach für Los Angeles und Santa Monica ist: das Epizentrum des Vergnügens, der Lebensfreude und des Körperkults und gleichzeitig Flirtbörse.

Die Küstenstraße trennt die Stadt vom Strand. Doch am heutigen Shabbat scheint diese Trennung aufgehoben. Gefühlt ganz Tel Aviv scheint hier vereint. Um das zu erleben, habe ich mir bewusst diesen Tag für einen ausgiebigen Bummel hinunter bis nach Jaffa ausgesucht.

Alle Altersklassen tummeln sich hier. Aktivität wird großgeschrieben. Überall auf der Promenade sieht man Radler, Longboarder und Jogger. Am Strand und auf den Rasenabschnitten tummelt sich die Fitnessgeräte-Fraktion, pritschen, baggern und schmettern die Beachvolleyballer, kicken die Fußballer, grüßen Yogis die Sonne. Im Wasser vergnügen sich Kitesurfer, Stand-Up-Paddler und Wellenreiter. Wer hier nur faul herumliegt, schlendert oder sitzt, ist Tourist.

Fitness first

Auch Tel Avivs entspannte Haltung und Toleranz finden ihren Ausdruck am Strand. So folgen zum Beispiel auf einen Abschnitt, der als Treffpunkt der Homo-Fraktion bekannt ist, der Hundestrand und gleich dahinter der streng nach Geschlechtern getrennte Strand für die orthodoxen Juden. Letzterer ist natürlich mit Sichtschutz versehen. Und dazwischen ganz beiläufig ein kleiner Yachthafen, der sich unauffällig in die Szenerie einfügt.

Mikado

Im Laufe des Tages erwarten mich heute angenehme 23 Grad und durchgehend Sonne. Meine heutige Tour führt mich zunächst ein Stück gen Norden bis zum Atarim Square. Er liegt unmittelbar oberhalb der Strandpromenade und öffnet neben der spektakulären Aussicht auf das Strandleben zu seinen Füßen auch den Blick der geneigten Betrachterin auf eher profane Bauten.

Glaskasten

Der Platz selbst offeriert architektonisch Ansprechendes auf seiner ansonsten eher tristen Weite.

Rundungen
Im Rausch der Formen

Zurück hinunter ins Strandleben und weiter gen Süden. Einige Strandcafés und -restaurants säumen den großzügigen, weitläufigen Strand. Und natürlich tobt auch hier das pralle Leben, während es an manchen Stellen weiter unten zum Wasser hin noch relativ ruhig zugeht.

Gelbe Invasion
Selfmade-Bar
Abgeschirmt
Auslauf

Überall am Strand höre ich ein gleichmäßiges „Klack-Klack“. Hier wird der israelische Nationalsport zelebriert: Matkot. „Halt‘ mal den Ball flach“ ist hier nicht angesagt. Vielmehr geht es darum, diesen so lange wie möglich in der Luft zu halten. Der Aufprall des kleinen, harten Balls auf die Schläger aus Holz oder Carbon gibt den Takt des Strandes an. Manche mögen es, andere nicht. Dieses Spiel dient nur dem vergnüglichen Zeitvertreib. Es gibt weder Gewinner noch Verlierer. Als ein Ball in meiner Nähe im Wasser zu verschwinden droht, rette ich ihn vor den Fluten und gebe ihn an die drei aktiven Jungs zurück. Klar, dass diese die Gelegenheit gleich nutzen für einen netten Schwatz und einen charmanten Flirt mit der ausländischen Touristin 😎.

Taktgeber

Heiter und beschwingt setze ich meinen Weg fort und genieße die relaxte und heitere Beach-Atmosphäre, in der die allgegenwärtige Kunst natürlich nicht fehlen darf.

Rutschbahn
Klangkörper

Und dann erblicke ich die trutzburgartige Anlage auf dem Hügel im Süden der Stadt: Jaffa.

1950 wurde das damals 40 Jahre alte Tel Aviv mit dem seinerzeit 4.000 Jahre alten Jaffa zu einer Stadt vereint und hört bis heute offiziell auf den Namen Tel Aviv-Jaffa bzw. Tel Aviv-Yafo in der Landessprache. Der Kontrast zwischen den alten Gemäuern der antiken, arabischen Hafenstadt und den glänzenden Hochhausfassaden Tel Avivs könnte kaum größer sein. Und genau das ist einer der Gründe, weswegen ich die Stadt so faszinierend finde. Ihre Vielfältigkeit sucht ihresgleichen. Fast fühle ich mich wie auf einer Zeitreise. Beam me up, Jaffa!

Doch bevor ich den Berg erklimme, streife ich erst einmal durch die kleinen, ockerfarbenen Gässchen zu dessen Füßen. Dieses charmante, mit Cafés, Restaurants und kleinen Läden gespickte Straßengewirr um den heute verwaisten Flohmarkt herum …

Vor dem Ansturm
Zeichen der Zeit
Ecken und Kanten

… entpuppt sich als ein Mekka der Streetart. Und so bleibe ich hier ein Weilchen hängen.

Stahlblau
Waschtag
Behütet

Anschließend weiter nach oben. Doch bevor ich der Stadt aufs Dach steige, gönne ich mir ein leckeres Mittagessen im Basma Café. Dazu wird mir Musik von Buddy Holly kredenzt. Ich sag nur „Oh Boy“ 😅!

Schräg gegenüber fällt mir die Skulptur eines Tieres ins Auge, das dort in der winzigen Brunnenanlage nicht wirklich artgerecht gehalten wird. Kennt ihr die Geschichte von Jonas und dem Wal? Nein? Dann lest hier.

Auf dem Trockenen

Jaffa ist eine der ältesten Siedlungen des gesamten Nahen Ostens. Alles, was weltgeschichtlich Rang und Namen hatte, kämpfte im Laufe von 4.000 Jahren um den natürlichen Hafen der Stadt: Kanaaniter, Ägypter, Römer, hebräische Aufständische, Kreuzfahrer, Byzantiner, Griechen, Sarazenen, Mamlukken und Osmanen.

Wirtschaftlich erfolgreich wurde Jaffa durch den Export der leckeren Orangen. Spätestens jetzt dämmert euch, dass der Name irgendwie vertraut in euren Ohren klingt, oder? Moslems, arabische Christen und eine wachsende Minderheit von Juden lebte und lebt hier und in den weiter südlich angrenzenden Vierteln vergleichsweise friedlich zusammen.

Als Israel 1948 unabhängig wurde, rottete die umkämpfte Altstadt zusehends vor sich hin. Zeitweise herrschten slumähnliche Zustände. Die Drogenszene und Prostitution machten sich breit. Seit den 1960er Jahren wurde sie nach und nach zur Künstlerkolonie umgestaltet und lockt seitdem Touristenscharen an. Dass im Zuge dieser Entwicklung auch das Spelunkenhafte dieses Viertels und auch die Spuren palästinensischer Geschichte nach und nach der Gentrifizierung zum Opfer fielen, versteht sich von selbst.

Ich könnte noch einiges mehr über Jaffas Geschichte und seine Sehenswürdigkeiten erzählen, doch das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Einen guten Überblick bekommt ihr hier und da.

Mein Weg führt über kleine Treppchen durch enge Gässchen mit Galerien und Ateliers, offene Plätze und Grünanlagen.

Hoch hinaus
Altstadtcharme

Ganz oben angekommen, werde ich mit einer gigantischen Aussicht auf Tel Aviv belohnt. Stundenlang könnte ich hier oberhalb des Amphitheaters sitzen! Doch die Neugier treibt mich weiter.

Sichtachse
Alt und neu

Auf der Wunschbrücke halte ich kurz inne, berühre mein Sternzeichen Fisch mit einer Hand und wünsche mir etwas, immer den Blick aufs Meer gerichtet. Was ich mir wohl gewünscht habe? Eure Neugier müsst ihr im Zaum halten, denn ich behalte mein Geheimnis für mich.

Ich nähere mich der Petruskirche …

Postkartenidyll

… und dem sie umgebenden Platz. Die Location ist wunderschön, jedoch voll in der Hand touristischer Aktivitäten. Ich gönne mir ein Eis und beobachte eine Weile das muntere Treiben um mich herum. Als irgendwann jedoch „Guantanamera“ aus einem Lautsprecher tönt, ergreife ich die Flucht und steige den Hügel hinab Richtung Hafen.

Auf vielfachen Wunsch eines einzelnen, betagten Herrn stoppe ich auf halbem Weg noch einmal, um die phänomenale Aussicht auf den modernen Teil der Stadt zu werfen.

Der alte Mann und die Stadt

Unten im Gelände des Hafens ist ordentlich was los! All diejenigen, die heute nicht am Strand sind, tummeln sich hier. Doch genauso wollte ich es haben: pralles Leben! Die ganze Szenerie ist eine gute Mischung aus altem Gemäuer, rustikalem Hafenflair, Touristen, Locals, Gastro-Angeboten und Streetart. Dazu klatscht das Meer rhythmisch an die Kaimauern. Genau der richtige Ort, um den Shabbat-Nachmittag einzuläuten!

Doppelpack
Geheimnisvoll
Hinter den Kulissen
Kunst am Bau

Was? Mehr gibt es im von der Schreiberin so gelobten Hafen nicht zu sehen? Doch! Aber ich werde an einem der nächsten Tage noch einmal hierher zurückkehren. Und dann gibt es noch einen Nachschlag.

Zurück zur Strandpromenade. An deren unterem Beginn steht das Etzel-Haus. Es ist eines von zwei verbliebenen alten Gebäuden in dieser Nachbarschaft. Heute ist hier ein Museum untergebracht.

Glas auf Stein

Fällt euch was auf auf dem Foto? Nein, ich meine weder die Jungs noch den modern aufgepeppten Bau. Ich rede von den Vierbeinern. Was hier in Tel Aviv überall deutlich ins Auge fällt, sind die vielen Hunde. Die Stadt gilt als extrem hundefreundlich. Entsprechend ist auch die passende Infrastruktur mit den schon erwähnten eigenen Strandabschnitten und über 60 Hundeparks. Fast überall hin dürfen Hunde mitgenommen werden. In diesem interessanten Bericht erfahrt ihr Genaueres.

Schon ewig keine Pause mehr eingelegt! Im satten Gegenlicht des Spätnachmittags mache ich es mir am Strand bequem und überlasse die Bewegung anderen.

Doppelkopf

Auf dem Rückweg gen Norden nehme ich den Weg über die Strandpromenade, nachdem ich mich heute morgen bereits durch den Sand an der Wasserkante entlang bewegt habe. Dass heute eh keine Busse fahren: geschenkt! Das Flair ist auch am Nachmittag genauso gut wie morgens 😎. Das lasse ich mir doch nicht nehmen!

Zu meiner Linken wedeln ein paar Palmen um die Wette, …

Wedelnde Riesen

… zu meiner Rechten setzt sich das zweite der beiden erwähnten letzten alten Gebäude des Viertels in Szene: die Hassan-Bek-Moschee.

Solo-Künstler

Ich fotografiere noch ein paar Hochhäuser an der Promenade in schönstem Nachmittagslicht, …

Bienenwaben
Hutmode

Opernhaus

… und schlendere weiter den Strand entlang, wo mich sportliche Aktivitäten der etwas anderen Art erwarten.

Theo Waigel?
Die Welt steht Kopf

Ich nutze die einsetzende Dämmerung, um das letzte Foto des Tages im stimmungsvollen Abendlicht zu schießen, …

Abendstimmung

… bevor ich mich nach 18 gelaufenen Kilometern im „Lala Land“ am Gorden Beach zu einem frühen Abendessen niederlasse. Guten Appetit und bis morgen!

15 Gedanken zu “Tag 5: Tel Aviv – Beach Life und Old Jaffa

  1. Ah wie schön! Du hattest ja perfektes Wetter für deinen Strand-Tag! Krass, dass du die gesamte Strecke auch wieder zurückgelaufen bist.🙈

    Die Skyline-Fotos von Jaffa aus mit dem extrem blauem Himmel haben echt was, bei mir war es leider bewölkt.

    Wahnsinn, die Straßen, wo der Flohmarkt in Jaffa sonst ist, so leer zu sehen. Ich kenne sie nur völlig überfüllt.😅 Dafür war ich an diesem Tag im vollkommen leeren Kunstviertel Nachalat Binyamin, dass du dafür völlig belebt kennengelernt hast. Verrückt.😁

    Gefällt 1 Person

    1. Sehr gerne, liebe Susanne! Ich hoffe, dir fällt in deinem sonnigen Atelier noch nicht die Decke auf den Kopf. Immerhin hast du ja auch einen schönen Balkon für die hoffentlich bald wärmeren Tage. Bleibt auch ihr gesund!

      Liken

      1. So ist es, Elke, der Balkon ist jetzt ein Traum. Gestern haben wir alle Blumenkästen ins Galeriezimmer gestellt, damit meine Geranien nicht erfrieren. Ich fürchte, dieses Jahr ist es nicht ganz so einfach, neue Geranien zu bekommen.

        Gefällt 2 Personen

  2. Jeder Reisebericht von Elke löst bei mir Fernweh aus…Sie kann einfach wunderbare Berichte verfassen…und dann auch noch mit fremden Männer flirten.. In diesen Wirren zeiten habe ich Deine Berichte immer mehrmals genossen!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s