Heute kann ich entspannt und ohne Blick auf die Uhr mein Frühstück genießen, denn die gebuchte Tour startet erst um 9:00 Uhr. Doch zwischendurch beschäftigt mich noch ein Haushaltsthema.

Da hierzulande die in angelsächsischen Ländern üblichen Guest Laundries (Münz-Waschmaschinen, die man als Gast selbst bedienen kann) nicht existieren, musste ich ein paar Klamotten zur Hotel-Reinigung geben. Das Ganze verbunden mit der Hoffnung, dass die das nicht im nächsten Fluss erledigen 😅. Doch das Ergebnis sieht gut aus und riecht auch nicht zu penetrant nach Chemie.

Der Norden Indiens hat mir (sozio-) kulturell und architektonisch bisher schon eine Menge geboten. Landschaftlich hat mich dieser Landstrich jedoch noch nicht überzeugt.

Deshalb habe ich zusammen mit einigen anderen aus der Gruppe einen dreistündigen Ausflug zu den Raneh Falls gebucht. Der etwas verpeilte Veranstalter vor Ort hat gestern Nachmittag dann festgestellt, dass er am nächsten Morgen aber gar keine Jeeps für uns hat – die wir schon bezahlt haben. Da nachmittags die meisten von uns schon andere Pläne haben, rattern wir stattdessen mit Tuk-Tuks dorthin.

Als wir das Gelände, eine Art Nationalpark, erreichen, steigen plötzlich noch Guides in jedes unserer Tuk-Tuks. Vom versprochenen „Freigang“ ist plötzlich keine Rede mehr. Insgesamt legen wir bei der extrem rumpeligen Fahrt drei Stopps ein. Bei zweien landen wir jeweils an einem Aussichtspunkt. Einer ermöglicht immerhin einen kurzen Spaziergang, aber immer schön im Trupp. Die Guides labern einen voll, auch wenn man sagt, dass man nichts hören sondern lieber in Ruhe die Natur genießen will.

Der Canyon und die Wasserfälle sind schön, …

Stufig
Abgestürzt
Getrennt
Bonsai Canyon

… aber die Umstände nerven. Durchgerüttelt und von oben bis unten zugestaubt, fühle nicht nur ich mich verschaukelt im wahrsten Sinne des Wortes 😅. Doch meine beiden Mitreisenden, die sich mit mir ein Tuk-Tuk teilen, sind sich mit mir einig: der ungewollte Guide bekommt keine Bezahlung. Auch wenn er noch so betroffen schaut und hin und her argumentiert. Keine einzige Rupie. Aus reinem Protest, auch wenn es uns alle finanziell nicht ruinieren würde. Eine aufgezwungene Dienstleistung, die ich ausdrücklich abgelehnt habe, bezahle ich nicht. Die Abzocker-Fraktion sollte einfach einmal begreifen, dass der Kunde König ist und nicht der Dienstleister. Die Seele Indiens würde sich vermutlich im Grabe herumdrehen, wenn sie wüßte, wie sich so manche Landsleute gegenüber Besuchern verhalten.

Weiser Mann

Doch die Tour ist kurz – und schnell vergessen. Kurzer Boxenstopp im Hotel und alleine per Bike ins Städtchen. Im Raja Café stärke ich mich mit einem leckeren Bananen-Lassi und schlendere dann hinüber zu der Hauptattraktion des Ortes. Die 600 Rupien Eintritt habe ich passend. So muss ich wenigstens nicht aufpassen, dass der junge Mann an der Kasse mir das Wechselgeld korrekt zurückgibt. Ein paar aus meiner Gruppe, die gestern schon im Tempelgelände waren, erzählten mir, dass sie erst dann ihr vollständiges Wechselgeld bekamen, wenn sie genau nachgezählt und den fehlenden Rest eingefordert hatten. Letzteren hielt der Typ hinter der Kasse dann auch „zufällig“ bereits unter dem Tisch in den Händen. Ob Gier die Karma-Punkte für das nächste Leben erhöht? Ich wage es zu bezweifeln.

Nun aber zu den schönen Dingen des Lebens! Und davon hat Khajuraho jede Menge zu bieten. Das Städtchen selbst habe ich euch gestern schon vorgestellt. Heute entführe ich euch in den sensationellen Tempelbezirk, der zu den bedeutendsten kulturhistorischen Stätten ganz Indiens zählt.

Ab dem 7. Jahrhundert war Khajuraho Hauptstadt des Chandela-Reiches. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht ließ die Chandela-Familie innerhalb von 130 Jahren (950 bis 1080 n.Chr.) über 80 Tempel errichten. Sie gelten bis heute als die bedeutendsten Beispiele indo-arischer Architektur in Indien. Ohne Übertreibung kann man sagen: Als heutige Besucher wandeln wir hier auf einem Lehrpfad quer durch die klassische indische Architekturgeschichte. So, Freunde des Details. Los geht’s!

Doppelhut

Schräglage

Tierliebe
Arbeit im Grünen
Anmutig

Um die Tempel gegenüber der profanen Welt abzuheben, stehen sie auf einer hohen Plattform. Alle sind in Ost-West-Richtung ausgerichtet, wobei der Eingang nach Osten zur aufgehenden Sonne zeigt. Architektonisch besonders eindrucksvoll ist der Wandel in der Bauweise des Tempelturmes (Shikhara). War er ursprünglich einfach und einteilig konzipiert, kamen später komplizierte geometrische Formen und ein mehrteiliger Aufbau dazu. Und dazwischen beziehungsweise mittendrin dieser unfassbare Detailreichtum an der Fassade und bei den Skulpturen.

2 und 2
Die Drei von der Gebetsstelle
A Walk in the Park
Sitzkomfort
Gestalkt
Rakete?
Farbfleck
Nicht barrierefrei
Auf dem Podest

Letztendlich ist es der unfassbare Skulpturenreichtum, auf dem der Ruhm des Tempelbezirkes von Khajuraho beruht. Er steht für eine Bauform, in der die Skulpturen nicht nur als Dekoration dienen, sondern integraler Bestandteil der Tempel sind. Ende der Lehrstunde. Erfreut euch einfach an dem Anblick!

Siesta
Ungleicher Kampf
Größenvergleich
Aufs Treppchen
Lunch time
Komplex
Der Weg ist das Ziel
Im Detail
Tempelspitzen
Solitär
Aufgereiht
Abgewandt
Prioritäten
Elefant im Schuhladen
Groß und klein
Eckansicht
Gartenblick

Was jedoch wohl die meisten Besucher anzieht, sind die offenherzigen Darstellungen erotischer Szenen, die in beispiellosem Kontrast zum prüden Indien von heute stehen. Porno in Stein gemeißelt 😎. Man darf dabei jedoch nicht übersehen, dass sie nur einen geringen Teil der reichen Skulpturenwelt Khajurahos ausmachen. So manche Verrenkungs-Akrobatik ist allerdings wahrlich olympiareif. Bisweilen muss man einen zweiten Blick riskieren, um zu überblicken, wer mit wem und wie. Egal, handwerklich meisterhaft sind die Darstellungen auf alle Fälle.

Angefasst

Gelenkig

Zurück in die reale Welt von heute. Der Hunger treibt mich zur Abwechslung mal nicht zum Inder, sondern zum Italiener. Bei „Bella Italia“ auf der Dachterrasse genieße ich mein Abendmahl, den Markt zu meinen Füßen.

Später radele ich in der Dunkelheit wieder ohne Licht zurück. Die Stirnlampe liegt derweil im Hotel. Da liegt sie gut 😂!

Als ich mein Rad abstelle, sehe ich unseren Busfahrer und seinen Helfer (zuständig für den Service im Bus und in der Fahrerkabine). Sie sitzen auf einer Decke vor dem Bus und bereiten sich ein Abendessen. Mittags hatte ich mich, als ich den Bus fotografierte, …

Wohnmobil
Bus und Wäsche

… schon gewundert, dass die Tür offen stand und mir zwei Fußsohlen, über die vordere Trennwand gelehnt, entgegenblitzten. Auch kam mir der Wäscheständer mit den Handtüchern merkwürdig vor.

Zwei Mitreisende klären mich später auf: Busfahrer wohnen und schlafen in Indien wohl immer im Bus und um den Bus herum. „Normale“ Unterkünfte bekommen sie nicht. Musste erst der zehnte Tag der Reise anbrechen, bis ich das mitbekomme 😅.

Und nun ab ins Bettchen! Morgen müssen wir früh raus.

2 Gedanken zu “Tag 10: Khajuraho – Rated R – Erst ab 18

  1. Oh wow, was für schöne Bilder von den Wasserfällen und dem
    Canyon! Auch wenn es eine Abzocke-Zour war, hat sich der Ausflug motivtechnisch ja trotzdem gelohnt. Wieviel hat der Spaß denn gekostet?
    Der Tempelbezirk ist ja atemberaubend! So schöne Tempel. Ich hasse es ja normalerweise, wenn mir Leute ins Bild laufen, aber in Indien sind die bunten Farbkleckse ja immer sehr charmant. Auch für den Größenvergleich ist das interessant.
    Was ist eigentlich aus dem Objektivdeckel geworden?
    Und warum hat hier niemand weiter kommentiert? Sauerei.

    Gefällt 1 Person

    1. Wieviel die Tour gekostet hat, weiß ich nicht mehr genau. So die Größenordnung um die 10 bis 15 EUR herum. War also keine immense Investition 😎. Und ja, motivtechnisch hat es sich durchaus gelohnt. Den Tempelbezirk fand ich allerdings wesentlich beeindruckender! @ Objektivdeckel: die Operation hatte keinen langfristigen Effekt. Beim nächsten seitlichen Drücken zum Einrasten ist das Beinchen wieder gebrochen. Ich habe in Indien keinen neuen Deckel mehr gefunden, hatte aber auch nicht mehr intensiv danach gesucht. In Varanasi habe ich zwar immer mal wieder darauf geachtet, ob ich ein passendes Fotogeschäft sehe, aber mir ist keins aufgefallen. Ich habe bis zum Ende der Reise dann weiter improvisiert und zusätzlich zum Deckel, der nicht mehr richtig hielt, ein Tuch mit einem Haargummi drumherum gewickelt. In Berlin habe ich dann einen neuen Deckel bei Foto Meyer um die Ecke gekauft. @ Kommentare: ja, das fragt man sich! Vielleicht war den scheuen Lesern das Thema zu anzüglich 😅.

      Gefällt 1 Person

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