Gut ausgeschlafen stärke ich mich morgens am üppigen Frühstücksbüffet und ziehe los. Ich werfe einen letzten Blick auf mein unbedingt empfehlenswertes Hotel, …

… und wende mich der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Thomaskirche zu.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sieht es nicht minder prächtig aus.

Das Zentrum der Altstadt ist in wenigen Fußminuten erreicht. Und so streife ich durch die berühmte Mädler-Passage mit dem noch berühmteren Auerbachs Keller.

Spontan biege ich, einer unerklärlichen Eingebung folgend, wenig später doch noch einmal Richtung Uni ab. Und siehe heutiges Titelbild (Rückseite Universitätskirche und Fakultät für Mathematik und Informatik): es lohnt sich! Von der Vorderseite aus betrachtet ebenso.

Damit stehe ich gleichzeitig auf einem der mit rund 40.000 Quadratmetern größten Stadtplätze Deutschlands, dem Augustusplatz. Er wurde im 18. Jahrhundert angelegt und galt bis zu seiner starken Zerstörung im Zweiten Weltkrieg als einer der schönsten Plätze des Landes. Zu DDR-Zeiten wurde munter abgerissen und neu gebaut. Heute präsentieren sich hier neben der Uni-Kirche unter anderem das berühmte Gewandhaus und die sehenswerte Oper.

Meine nächsten Ziele liegen etwas außerhalb. Und so erstehe ich ein Tagesticket für die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Straßenbahn bringt mich in den Süden der Stadt. Am Ziel angekommen, präsentiert sich mir als ungeplanter „Beifang“ die russische Gedächtniskirche St.-Alexi.

Doch das eigentliche Objekt meiner Begierde ist die Deutsche Nationalbibliothek, deren vierter Erweiterungsbau 2011 auf meiner Meinung nach sehr gelungene Art und Weise an den altehrwürdigen Bau von 1912 angefügt wurde. An diesem und dem zweiten Standort in Frankfurt am Main müssen alle deutschsprachigen Verlage Belegexemplare ihrer Veröffentlichungen abgeben. Bei jährlich etwa 300.000 Veröffentlichungen war bislang alle 30 Jahre eine Gebäude-Erweiterung fällig. Was soll ich sagen? Der Bau ist sowohl außen als auch innen äußerst sehenswert!

Weiter geht’s, wiederum mit der Straßenbahn. Mein nächstes Ziel liegt im Westen der Stadt: Plagwitz und Lindenau. Bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert ging es hier eher gemächlich zu. Denn durch den mehrmals jährlich überfluteten und damit unpassierbaren Auwald waren die westlichen Vororte nahezu abgetrennt.

Auftritt des Industriellen Dr. Karl Heine! Er kaufte hier große Areale, legte sie durch Flußbegradigungen, Entwässerungsschleusen und den Einbau von Wehren so gut wie möglich trocken, baute Straßen und Brücken und sorgte somit für die Erschließung dieser Quartiere. Der Ansiedlung von Industriebetrieben stand nun nichts mehr im Wege. Nach der Wiedervereinigung ging es mit dem Industrieviertel bergab. Denn vielerorts wurde die Produktion eingestellt, verloren Tausende ihre Jobs. So etwas sorgt immer für sozialen Sprengstoff, den man nicht herunterspielen sollte.

Was die Stadt, Investoren und engagierte Bürger hier jedoch seitdem auf die stadtplanerischen Beine gestellt haben, ist mehr als beeindruckend! Vor allem die hier mittlerweile angesiedelte Kunstszene (Stichworte: Neue Leipziger Schule und Neo Rauch) erregt national und international seit einigen Jahren großes Aufsehen. Und der geneigten Besucherin präsentiert sich ein sehr charmantes, schönes, im Grünen und am Wasser gelegenes Stückchen Stadt, mit dessen Bewohnern ich erfrischend leicht ins Gespräch komme.

Gerade noch rechtzeitig vor dem angekündigten Regen schaffe ich es, mit der Könneritzbrücke ein wunderbares Industriedenkmal abzulichten. Die junge Familie, die ich wenige Minuten vorher nach dem Weg gefragt hatte, gesellt sich interessiert dazu. Sie wundern sich und fragen, was ich an dieser Stahlfachwerkbrücke so toll finde. Sie sind hier in der Gegend aufgewachsen und sehen in ihr nichts Besonderes, „halt eine ganz normale Brücke“. Und ihr so?

Sie kennen allerdings die Geschichte und den Werdegang der Firma Mey & Edlich (der Bau, der hinter der Brücke hervorblitzt) sehr gut und erzählen mir davon.

Und dann erwischt mich der erste von mehreren heftigen Wolkenbrüchen, als ich gerade hinter der Brücke nach links in die Nonnenstraße einbiege. Schnell suche ich zusammen mit einer Handvoll anderer Leute Schutz in einem privaten Hausdurchgang. Nach ein paar Minuten rückt ein Hausbewohner an. Ob er uns wohl jetzt buchstäblich im Regen stehen lassen will? Weit gefehlt! Fürsorglich fragt er, ob er uns ein paar Handtücher bringen kann.

Der Regen wird schwächer, und so ziehe ich weiter. Entlang mehrerer Straßenblocks thront unübersehbar ein sehr imposanter Bau. Darf ich vorstellen? Die Buntgarnwerke, Deutschlands größtes Industriedenkmal und Europas größter Gebäudekomplex der Gründerzeit. Heute wird das weitläufige Areal bunt, wild und vielfältig genutzt. Lofts, Büros, ein Schulamt, ein Supermarkt, Restaurants, Kneipen, ein Ärztehaus etc. haben hier Platz gefunden.

Mein Spaziergang wird immer mal wieder durch kurze, aber heftige Regenfälle unterbrochen. Die Trockenphasen nutze ich, um weiter meines Weges zu gehen. Dieser führt mich wenig später idyllisch am Wasser (Karl-Heine-Kanal) entlang.

Als der nächste Guss im Anmarsch ist, flüchte ich mich ins Stelzenhaus, eine ehemalige Wellblechfabrik. Früher Nachmittag? Zeit für ein Mittagessen! Passt 😎.

Gut abgefüllt geht es weiter am Kanal entlang. An der König-Albert-Brücke verlasse ich ihn und laufe noch ein wenig die szenige Karl-Heine-Straße entlang.

Hier gäbe es noch so viel mehr zu sehen. Doch die Zeit reicht nicht mehr. Auch mein eigentliches Ziel, die Leipziger Baumwollspinnerei, verfehle ich heute. Ein Grund mehr, bald wieder herzukommen! Die Straßenbahn bringt mich zurück ins Zentrum. Dort bewundere ich noch kurz die Stirnseite der Höfe am Brühl, …

…, hole mein überschaubares Gepäck im Hotel ab und laufe zum Leipziger Hauptbahnhof, dem flächenmäßig größten Kopfbahnhof Europas.

Pünktlich bringt mich der ICE in etwas mehr als einer Stunde Fahrzeit zurück nach Berlin. Leipzig hat mich wie schon fünf Jahre zuvor mehr als begeistert. Ich komme gerne wieder!

15 Gedanken zu “Tag 2: Leipzig – Anmut, Bildung, Industrie

  1. sehr schöne architektonische Fotos unterschiedlichster Art ! Besonders hervorheben möchte ich das Bild mit dem Treppenaufgang ! Ich denke die Stadt hat auch was an Lost Places zu bieten, die Frage ist nur wo und ob man da ohne Probleme reinkommt ! Der Osten hatte generell einiges hier anzubieten !
    PS: mal schauen wie lange die Banken noch solche Prachtbauten haben Die Commerzbank leistet sich sogar ein goldenes Häubchen !!!!

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    1. Danke, freut mich! Lost Places findet man in Leipzig und Umgebung ganz sicherlich. Aber wie du schon angemerkt hast, ist es schwierig, herauszufinden wo und ob man hereinkommt. @ Commerzbank: ich weiß allerdings nicht, ob denen die Immobilie gehört oder ob sie nur gemietet ist.

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  2. Liebe Elke, ihr habt Leipzig sehr gut in Fotos festgehalten. Ich habe vor 20 Jahren in Leipzig arbeitender Weise die halbe Woche verbracht und Leipzig ist mir einfach sehr vertraut und ich habe mich über eure Fotos gefreut. Zur Zeit gebe ich zweimal im Jahr einen Workshop bei boesner in der alten Wollspinnerei, die sich auch für eine Besichtigung lohnt.
    Eine schöne Woche wünscht dir Susanne

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      1. Es lohnt sich auf jeden Fall, ihr könnt vom HBF die Tram Nr. 16 nehmen, die fährt direkt nach Plagwitz und dort ist es nur noch ein Katzensprung in die alte Spinnerei. Die S-Bahn fährt auch hin, natürlich viel schnelle, aber ich mag die Fahrt mit der Tram, bei der man viel sieht einfach lieber.
        LG

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        1. Diese Tramlinie hatte ich von Plagwitz aus zurück zum Bahnhof genommen. Eine wirklich schöne Strecke! Und jetzt wurde mir auch klar, dass die Wollspinnerei, die du zur Besichtigung empfohlen hattest, und di Baumwollspinnerei, die ja mein eigentliches Ziel an dem Tag war (zeitlich leider nicht geklappt) identisch sind 😅. Ich dachte zuerst, du meintest noch mal was anderes. Next Time!

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          1. Ja, ich habe es überlesen! Obwohl der Link so schön grün leuchtet. Da sieht man mal, kaum denkt man, sich in einer Stadt auszukennen, werden die Bildunterschriften nur noch flüchtig wahrgenommen 😉
            Einen schönen Tag dir 🙂

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  3. Wunderschön, wie du meine Heimatstadt in Wort und Bild wiedergegeben hast. Ich freu mich, wenn dich dein Weg bald mal wieder hierher führt (und ich dann auch zu Hause bin :-). Dann finden wir auch ein paar lost places 😊
    Die Commerzbank hat denkmalgerecht saniert (sanieren müssen). Auch wenn das für viel Diskussionen gesorgt hat, finde ich es schön, dass das Haus seine ursprüngliche Fassade zurückerhalten hat

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    1. Ein Kompliment von einer wahren Leipzig-Kennerin freut mich natürlich ganz besonders. Danke für dein Feedback! Es wird bestimmt nicht allzu lange dauern, bis ich wieder einmal in deine Heimatstadt komme. Ich fühle mich dort sehr wohl. Ich hoffe sehr, dass du dann vor Ort sein wirst! Ich versuche, mich rechtzeitig mit dir abzustimmen. Und für Lost Places bin ich natürlich immer zu haben 😎. Danke für die Info in Sachen Commerzbank-Gebäude. Es ist gut, dass es nun wieder in seinem ursprünglichen Zustand gebracht wurde.

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