Beim Frühstück im Hotel geht es heute turbulent zu. Dafür sorgen eine Handvoll Südafrikaner, die gebannt auf einem auf volle Lautstärke gestellten iPad ein Cricketspiel verfolgen, während sie sich ganz nebenbei das eine oder andere Croissant einverleiben 😎.

Wenig später bin ich auf dem Weg ins Städtchen. Auf dem kurzen Weg dorthin stoppe ich kurz, um einerseits die Altstadtszenerie, …

… andererseits einen modernen Shoppingtempel zu bewundern.

Ein kurzer Abstecher in den Untergrund. Dort reiße ich mir ein 72-Stunden-Ticket für überschaubare 10,80 EUR, das für die beiden U-Bahnlinien, die drei Tramlinien und für all die unendlich vielen Buslinien gilt. Wieder oben angelangt, nähere ich mich dem Alten Hafen.

Norman Foster, die britische Ikone der Architektur, hat die Kais des ehemals verrufenen und heruntergekommenen Vieux Port ordentlich aufgeräumt, verkehrsberuhigt und flaniertauglich gemacht. So lässt es sich hier trefflich aushalten, sei es beim Pastis oder Espresso in einer der schicken Bars oder einfach nur beim entrückten Träumen mit Blick auf die träge schaukelnden Yachten oder den häufig so sagenhaft schönen Himmel.

Der berühmte Brite war derart in Schwung, dass er gleich noch einen weiteren Blickfang in die nun großzügige Weite am Hafen gesetzt hat: die Ombrière.

Es handelt sich hierbei um ein 22 Meter breites und 48 Meter langes, an der Unterseite verspiegeltes Flachdach. Je nach Situation und Interesse dient es mal als Regen-, mal als Sonnenschirm, mal als „Wartehalle“ für den gebuchten Schiffsausflug oder als Pausenplätzchen für die von den Ereignissen des Tages Erschöpften. Ein gefundenes Fressen ist es auch für alle, die dem Selfie-Wahn erlegen sind. Auch ich bin dem Teil verfallen – natürlich nicht wegen Selfies 😅. Doch dazu mehr an einem der nächsten Tage. Geduld!

Selbstverständlich wird hier am Alten Hafen auch weiter Fisch verkauft, und zwar an jedem Morgen zu sozialverträglicher Zeit ab 8 Uhr.

Warten auf den 60er Bus. Aber der fährt heute nicht die normale Tour wegen eines Unfalls auf der Strecke. Doch der 55er ist willig und befördert die Fahrgäste zumindest in die Nähe des begehrten Zieles. Mit an Bord ist eine muntere Horde lautstarker Spanier, die den Bus fast vollständig in Anspruch nimmt. Doch für mich findet sich dann auch noch ein Plätzchen.

Rauf auf den Hügel südlich des Hafens, raus aus dem Bus. Diverse Dramen lassen nicht lange auf sich warten. Eine der Spanierinnen hat ihr Handy im Bus liegen lassen. Schnell hechtet eine Horde hinter dem abfahrenden Bus her, hämmert an alle Türen und begehrt erfolgreich Einlass. Derweil macht sich der hastig am Straßenrand abgestellte Kinderwagen auf der abschüssigen Straße selbstständig. Zum Glück ist er unbemannt. Ich rette das Teil und habe damit meine gute Tat für heute vollbracht.

Bevor es die Treppen hinauf geht, werfe ich noch einen kurzen Blick auf die Umgebung.

Und dann, etliche Stufen später, taucht sie auf. Vielleicht ist der einen oder dem anderen von euch schon im gestrigen Bericht 2b ein erhaben über der Stadt thronendes Kirchlein im Hintergrund aufgefallen. Es ist das Wahrzeichen von Marseille, die Basilika Notre-Dame-de-la-Garde mit der Bonne Mère (gütige Mutter) der Stadt, die da auf dem mit 162 Metern höchsten Hügel der Stadt ihre schützende Hand über alle hält, die entsprechend bedürftig und schutzlos sind. Ich zähle mich nicht dazu, möchte sie aber trotzdem einmal besuchen 😎.

Doch bevor ich mich bemuttern lasse, genieße ich erst einmal den bombastischen Rundumblick über die Stadt, …

… den Hafen, …

… das Meer …

… und die vorgelagerten Frioul-Inseln.

Oben auf der Aussichtsplattform habe ich übrigens auch die vier dekorativen Jungs aufgenommen, deren Rücken euch auf dem heutigen Titelfoto entzücken. Hoffentlich ist euch auch der doppelte Bezug zur heutigen Überschrift aufgefallen 🧐!

Jetzt zum Religiösen …

… und Architektonischen. Rund eine Million Besucher nimmt die gütige Mutter jedes Jahr in Empfang. Gnädig schaut sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts von ihrem 60 Meter hohen Turm herab auf ihre Gäste. Die goldene Marienstatue ist 11 Meter hoch und genauso viele Tonnen schwer. Kurioses Detail: alleine das Handgelenk des Jesuskindes, das sie auf dem Arm hält, hat einen Umfang von 1,10 Metern.

Wie es sich für die Hauptattraktion der Stadt gehört, sind auch schon zu dieser recht frühen Stunde die Massen hier unterwegs. Ich Banause werfe nur einen kurzen Blick ins Innere. Fotografieren ist hier nicht nur wegen der Menschenmassen schwierig, sondern auch wegen des Polfilters. Running gag: ich habe mal wieder keinen Kabelbinder dabei, um das Teil vom Objektiv zu trennen. Und ohne dieses Hilfsmittel wäre eine solche Aktion ähnlich heikel wie eine OP am offenen Herzen 😅.

Kurz darauf ergreife ich die Flucht nach draußen und inspiziere das Äußere der Basilika. Ihre Lage oben auf dem Hügel bringt es mit sich, dass nur wenig Platz um sie herum ist. Und da man ihr deshalb zwangsläufig recht nahe kommt, ist sie trotz Weitwinkelobjektiv schlecht in ihrer vollen Größe und Schönheit zu fotografieren. Was soll ich sagen? Ich habe mich bemüht 😅.

Nach der Fotosession ein Besuch des Stillen Örtchens. Das wäre normalerweise nicht weiter erwähnenswert, wenn ich dort nicht mit einer absurden Szene konfrontiert worden wäre. Riesenschlange vor dem Damenklo. Wie immer 😎. Als ich aus der Kabine raus will, hat die nächste Wartende nicht die Geduld, abzuwarten, bis ich draußen bin, sondern quetscht sich an mir vorbei zur begehrten Keramikschüssel. Dabei reißt sie mir den Objektivdeckel von der Kamera, der daraufhin in hohem Bogen durch den Vorraum fliegt und am anderen Ende von einer hilfsbereiten anderen Dame gerettet und an mich weitergereicht wird. Höchste Zeit, diesen Ort zu verlassen …

Beim Abstieg drehe ich mich noch einmal kurz um. Dann klappt der Laden etwas besser mit der Ganzkörperaufnahme.

Hinunter bequeme ich mich zu Fuß und genieße den Blick auf die näher kommende Stadt. Auf dem Vorplatz vor der Basilika St.-Victor übe ich mich, mit Janusblick zu fotografieren. Vorne hui …

… und hinten auch 😎:

Vorbei am Fort Nicolas, dessen Baustelle ich buchstäblich links liegen lasse, und rein in den Jardin Pharo. Dort erwartet mich ein weiterer genialer Ausblick auf die Hafenpromenade …

…und auf das Palais Pharo. Einst schenkte es Kaiser Napoléon III seiner geliebten Eugénie. Gewohnt haben sie dort letztendlich nie. Denn als das schicke Teil in romantischer Wasserlage 1870 endlich fertig war, hatte Monsieur wegen des deutsch-französischen Krieges anderes zu tun. Und als er viele Jahre später starb, vermachte die gute Eugénie das Palais der Stadt Marseille. Heute wird der repräsentative Bau als Kongress- und Ausstellungszentrum genutzt.

Nachdem ich ein Weilchen in dem charmanten Park gechillt habe, laufe ich wieder zurück zum Alten Hafen. Dort schlage ich mich in das südlich davon liegende Gassen- und Platzgewirr …

… und lasse mich treiben. Na ja, nicht ganz, denn bestimmte Lokalitäten suche ich schon gezielt auf. Zum Beispiel den Justizpalast …

… und das Opernhaus. Um dessen Ecke gönne ich mir dann ein gepflegtes Mittagessen.

Nicht weit davon entfernt stolpere ich dann zufällig über die deren kreatives Pendant, die Opéra Noir. Hoch lebe die Kunst im öffentlichen Raum!

Rein in die Metro. Dort werde ich Zeugin einer dreisten, weil vor den Augen des Sicherheitspersonals abgezogenen Schwarzfahrer-Aktion. Der Typ klettert einfach über die Zugangssperre. Und der Security-Typ schaut seelenruhig zu. Freundlich spreche ich ihn an und frage, warum er den Typen damit davonkommen lässt. Ebenso freundlich erklärt er mir, dass er keine Handhabe habe. Eingreifen dürfe nur die Polizei. Und bis die dann da wäre, wenn er sie ruft, sei der Typ eh über alle Berge. Man könne nur hoffen, dass der Typ von den Fahrkartenkontrolleuren im Zug erwischt wird. Die dürfen dann wenigstens die Personalien aufnehmen und die Geldstrafe verhängen. Na dann …

Mit der U-Bahn gen Norden. An der Station Cinq Avenue Longchamp erwartet mich ein eher an Paris erinnerndes gutbürgerliches Viertel.

Hergekommen bin ich jedoch wegen eines bombastischen Gebäudes, das quasi die Inbetriebnahme eines Wasserwerkes adelte. Die ganze Story dazu würde an dieser Stelle zu weit führen. Wer es ganz genau wissen will, schaue bitte hier. Heute beherbergt das Palais Longchamp zwei hochkarätige Museen: das Naturhistorische Museum und das Museum der Schönen Künste. Hinter dem Palais gibt es noch einen schönen Park. Doch nach Ausruhen ist mir gerade weniger zumute. Nähern wir uns doch lieber gemeinsam dem imposanten Bau!

Dann schnell mal die seitlichen Treppen hoch, um die Arkaden, die Figuren, den Ausblick auf die Stadt und den dramatischen Himmel zu bewundern.

Mit der Tram hinunter zur Canébière, einer der Haupteinkaufsstraßen mit höchst unterschiedlichen Gesichtern. Ein wenig laufe ich in der quirligen, multikulturellen Ecke des Viertels Nouaille herum. Dort tummelt sich neben dem Marktgeschehen alle Welt und auch alles Elend der Welt.

Mit der Metro bis Notre-Dame-du-Mont. Was mich hier erwartet, beeindruckt mich derart, dass ich beschlossen habe, darüber einen gesonderten Bericht zu verfassen. Es würde der Gegend in keinster Weise gerecht, wenn ich sie hier in diesem ohnehin schon recht ausführlichen Bericht noch irgendwie herein quetsche. Auch habe ich dazu eine Menge Fotos zu bieten, die den Rahmen hier und jetzt sprengen würde. Mehr dazu morgen 😎.

Auf dem Rückweg zum Hotel scheitert mein Vorhaben, das Maximale aus meiner Fahrkarte herauszuholen, an externen Gründen. Heute ist Samstag. Und Samstag ist Gelbwesten-Tag.

Der gesamte oberirdische Verkehr in der Innenstadt ist lahmgelegt. Die Tram kann ich mir somit knicken. Und so laufe ich die komplette Strecke zu Fuß mit der erbaulichen Aussicht, den Tag mit meinem Buch auf meiner Terrasse ausklingen zu lassen.

Zum Ende meiner heutigen Tour werde ich wieder an die Hauptstadt erinnert. Auch hier können sie Triumphbögen! „Wer braucht schon Paris“, fragt sich sicher nicht nur im Fußball-Kontext so mancher Marseillais 😎.

Bis morgen!

12 Gedanken zu “Tag 3: Marseille – Kreuz und quer

  1. Sehr schöner Bericht und gute Fotos. Nur dieser Cliffhanger…. Hm, ich sehe aber ein, dass der Artikel sonst Spiegel-Länge bekommen hätte. Nicht gut für die Instagramm-gewöhnten. 😜 Bin schon Flitzebogen.

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