Wir sind heute zeitig am Start und kommen gut durch. Auf den Straßen ist wenig los und der Gegenverkehr bisweilen sehr sehenswert.

Uns trennen von unserem Ziel heute überschaubare 160 Kilometer. Früh dran sind wir auch. Und so beschließen wir, eine Attraktion mitzunehmen, die mehr oder weniger auf der Strecke liegt. Auf zum Upper Canada Village (hier ein paar Infos auf deutsch)!

Das eindrucksvolle historische Museumsdorf entstand ab Ende der 1950er Jahre, als der St. Lawrence River ausgebaut wurde, um ihn auch für größere Frachter schiffbar zu machen. Im Zuge dessen mussten Uferzonen und mehrere Dörfer geflutet werden. Erhaltenswerte und anderweitig bedeutsame Gebäude wurden vorher demontiert und hier im Village nach und nach aufgebaut. Weitere Gebäude wurden restauriert oder nachgebaut und komplettierten das heutige Museumsdorf in sehr idyllischer Lage am Strom.

Sowohl von der Struktur als auch von den Einrichtungen her entspricht es einer typischen ländlichen Kleinstadt Ontarios um 1860. Dorfkirche, Bäckerei, Schuhmacherei, Käsemanufaktur, ein wasserbetriebenes Sägewerk, Getreidemühle, Dorfschule, Hotel, Pferdeställe, Zeitungsdruckerei und vieles mehr – es fehlt an nichts! Im Restaurant werden Speisen nach alten Rezepten hergestellt. Sowohl die Käserei als auch die Bäckerei erwirtschaften bis heute Umsatz: sie verkaufen die live vor Publikum hergestellten Waren sowohl im Museumsgelände als auch an Kunden in der Umgebung. „Zeitgenössisch“ gekleidete „Bewohner“ informieren gerne über „ihre“ Zeit im kolonialen Canada und suchen oft auch von sich aus das Gespräch mit den Besuchern.

Unsere einhellige Meinung: Tolle Lage! Klasse gemacht! Und die Szenerie wirkt auch nicht zu museal. Hier ein paar Eindrücke:

Kurz Luft geschnappt, …

… und weiter geht’s.

Gegen Ende des Rundgangs durch das charmante Dörfchen bin ich mutig und nehme zusammen mit ein paar anderen Freiwilligen an einer verkürzten Schulstunde teil. Da jagt ein Fettnäpfchen das nächste! Beine gefälligst nicht übereinander schlagen! Mädchen nach rechts, Jungen nach links, nicht einfach wild durcheinander! Mütze auf dem Kopf? Runter damit! Damit die gestrenge Lehrerin …

… die Kinder einordnen und angemessen behandeln kann, wird ganz direkt gefragt: „Ist dein Vater reich oder arm?“ „Echte“ Kinder können im Dorf übrigens zwei Tage wohnen und authentisches Dorfleben im 19. Jahrhundert erfahren, ein Handwerk lernen etc.

Auf dem Weg zurück zum Ausgang drücken wir noch hier und da auf den Auslöser, …

… und schwingen uns dann wieder ins Auto. Sehr schön und kurzweilig war der Besuch im Upper Canada Village! Er sei euch hiermit unbedingt empfohlen.

Die verbleibenden rund 100 Kilometer sind schnell und unspektakulär abgerissen. Wir nähern uns der Hauptstadt und wundern uns über die ausbleibenden Suburbs, die normalerweise jede größere Stadt umgeben. Da es hier aber keinerlei Industrieansiedlungen gibt, gelangt der geneigte Besucher direkt in die Stadt ohne dieses meist weniger sehenswerte „Vorgeplänkel“. Sehr angenehm!

Der Check In verläuft flott, freundlich und unkompliziert. Und so deponieren wir nur schnell unser Zeug im Hotelzimmer und sind im Handumdrehen wieder auf der Piste. Dieses Mal natürlich zu Fuß. Wir wohnen hier sehr zentral in Laufweite zum Parliament Hill, der auf einer Klippe am Südufer des Ottawa River buchstäblich über der Stadt thront, wie es sich für seine politische Bedeutung gehört 😎. In Ottawa wird eben regiert, und nicht in Industrieanlagen malocht. Der beeindruckende Gebäudekomplex hat euch schon auf dem heutigen Titelbild begrüßt, das dieses Mal zur Abwechslung von Stefan stammt. Ich erkenne neidlos an, dass sein Panorama in dem Fall besser gelungen ist als meins 😘. Und da ich gerade festgestellt habe, dass mein WordPress das schöne Foto seitlich abschneidet (zu breit fürs Titelbildformat), darf es hier gleich noch mal auftreten:

Kommt euch der Anblick irgendwie bekannt vor? Ganz bestimmt! Zwei Jahre, nachdem Königin Victoria das ab vom Schuss gelegene Holzfällercamp Bytown zur neuen Hauptstadt Kanadas erkoren hatte (Montréal und Toronto waren darüber not amused!), wurde Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Bau des neugotischen Parlaments begonnen. Und nach ein paar Jahren stand es hier in voller Pracht, das Westminster in der Wildnis!

Dass die Königin diesen Standort wählte, war kein Zufall, sondern schlaues und weitsichtiges Kalkül. Ging sie damit doch auf sichere geographische Distanz zu den seinerzeit noch feindlich gesinnten Amerikanern. Und gleichzeitig platzierte sie damit die Hauptstadt genau auf die Nahtstelle zwischen Ontario und dem frankophonen Québec.

Ich könnte noch ewig so weiter machen und euch mit geschichtlicher Bildung überhäufen. Doch morgen ist auch noch ein Tag! Zurück zum täglichen Leben heute. Hier auf dem Gelände könnt ihr nicht nur herumlaufen und das tolle Regierungsviertel bewundern, sondern z.B. mittwochs um 12 Uhr auch Yoga praktizieren. Quasi als Massen-Happening vor spektakulärer Kulisse!

Wir schauen uns auch die dem Fluss zugewandte Rückseite an (leider mit Baustelle davor) …

… werfen noch einen letzten Blick für heute auf die schöne Szenerie, …

… und lassen uns dann noch ein wenig durch die nähere Umgebung (Wellington Street bis zum Justizpalast und dann zurück durch die Fußgängerzone) treiben. Unser erster Eindruck: Ottawa kann sowohl alt als auch modern!

Danach chillen wir eine Runde im Hotel, bevor wir uns abends wieder raus wagen. Die „Northern Lights“ warten auf uns! Wie sich herausstellt, ist die halbstündige Lightshow über die Geschichte Kanadas der Hammer! Wir sehen großzügig darüber hinweg, dass für unseren europäischen Geschmack stellenweise etwas zu viel Pathos mitschwingt, und erfreuen uns an der wirklich gut gemachten Präsentation.

Und weil ihr Leser so tapfer bis hierher durchgehalten habt, bekommt ihr zur Belohnung heute etwas Bonusmaterial. Voilà: die „Northern Lights“!

2 Gedanken zu “Tag 15: Von Gananoque nach Ottawa – Dorfleben und Hauptstadt

  1. Hurra, du warst in Walnut Grove!😂 Bis auf die Käserei und Bäckerei klingt das exakt nach „Unsere kleine Farm“. Echt cool!👍
    Du hattest beim Stammtisch ja schon angedeutet, dass euch Ottawa überraschend gut gefallen hat und du hast nicht zu viel versprochen. Das Gebäude-Ensemble ist spektakulär und british-chic! Bei mir auf dem iPhone ist das Titelbild übrigens in Gänze zu sehen.

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    1. @ „Unsere kleine Farm“: Das habe ich nie gesehen! Wie gut, dass ich das jetzt endlich nachgeholt habe 😂. @ Ottawa: Ja, der Parliament Hill ist wirklich spektakulär. Und auch very british … Kurios, dass du das Titelbild auf deinem iPhone ganz siehst. Aber umso besser! Auf unsere iPads fehlt links und rechts ein Stück.

      Gefällt 1 Person

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